Italienische Reise— Volume 2

Contents:
Author: Johann Wolfgang von Goethe

Korrespondenz

Rom, den 1. Dezember.

So viel versichre ich dir: ich bin ueber die wichtigsten Punkte mehr als gewiss, und obgleich die Erkenntnis sich ins Unendliche erweitern koennte, so hab’ ich doch vom Endlich-Unendlichen einen sichern, ja klaren und mitteilbaren Begriff.

Ich habe noch die wunderlichsten Sachen vor und halte mein Erkenntnisvermoegen zurueck, dass nur meine taetige Kraft einigermassen fortkomme. Denn da sind herrliche Sachen und so begreiflich wie die Flachhand, wenn man sie nur gefasst hat.

Rom, den 7. Dezember 1787.

Diese Woche ist mit Zeichnen zugebracht worden, da es mit der Dichtung nicht fort wollte; man muss sehen und suchen, alle Epochen zu nutzen. Unsere Hausakademie geht immer fort, und wir sind bemueht, den alten Aganthyr aus dem Schlafe zu wecken; die Perspektiv beschaeftigt uns des Abends, und ich suche immer dabei einige Teile des menschlichen Koerpers besser und sichrer zeichnen zu lernen. Es ist nur alles Gruendliche gar zu schwer und verlangt grosse Applikation in der Ausuebung.

Angelika ist gar lieb und gut, sie macht mich auf alle Weise zu ihrem Schuldner. Den Sonntag bringen wir zusammen zu, und in der Woche sehe ich sie abends einmal. Sie arbeitet so viel und so gut, dass man gar keinen Begriff hat, wie’s moeglich ist, und glaubt doch immer, sie mache nichts.

Rom, den 8. Dezember.

Wie sehr es mich ergoetzt, dass dir mein Liedchen gefallen hat, glaubst du nicht, wie sehr es mich freut, einen Laut hervorzubringen, der in deine Stimmung trifft. Eben das wuenscht’ ich "Egmonten", von dem du so wenig sagst und eher, dass dir daran etwas weh als wohl tut. O, wir wissen genug, dass wir eine so grosse Komposition schwer ganz rein stimmen koennen, es hat doch im Grunde niemand einen rechten Begriff von der Schwierigkeit der Kunst als der Kuenstler selbst.

Es ist weit mehr Positives, das heisst Lehrbares und ueberlieferbares in der Kunst, als man gewoehnlich glaubt; und der mechanischen Vorteile, wodurch man die geistigsten Effekte (versteht sich immer mit Geist) hervorbringen kann, sind sehr viele. Wenn man diese kleinen Kunstgriffe weiss, ist vieles ein Spiel, was nach wunder was aussieht, und nirgends glaub’ ich, dass man mehr lernen kann in Hohem und Niedrem als in Rom.

Rom, den 15. Dezember.

Ich schreibe dir spaete, um nur etwas zu schreiben. Diese Woche hab’ ich sehr vergnuegt zugebracht. Es wollte die vorige Woche nicht gehen, weder mit einer noch andrer Arbeit, und da es am Montage so schoen Wetter war und meine Kenntnis des Himmels mich gute Tage hoffen liess, machte ich mich mit Kaysern und meinem zweiten Fritz auf die Beine und durchging von Dienstag bis heute abend die Plaetze, die ich schon kannte, und verschiedene Seiten, die ich noch nicht kannte.

Dienstag abend erreichten wir Frascati, Mittwoch besuchten wir die schoensten Villen und besonders den koestlichen Antinous auf Monte Dragone. Donnerstag gingen wir von Frascati auf Monte Cavo ueber Rocca di Papa, wovon du einmal Zeichnungen haben sollst, denn Worte und Beschreibungen sind nichts; dann nach Albano herunter. Freitag schied Kayser von uns, dem es nicht ganz wohl war, und ich ging mit Fritz dem zweiten auf Aricia, Genzano, am See von Nemi her wieder auf Albano zurueck. Heute sind wir auf Castel Gandolfo und Marino gegangen und von da nach Rom zurueck. Das Wetter hat uns unglaublich beguenstigt, es war fast das schoenste Wetter des ganzen Jahrs. Ausser den immergruenen Baeumen haben noch einige Eichen ihr Laub, auch junge Kastanien noch das Laub, wenngleich gelb. Es sind Toene in der Landschaft von der groessten Schoenheit, und die herrlichen grossen Formen im naechtlichen Dunkel! Ich habe grosse Freude gehabt, die ich dir in der Ferne mitteile. Ich war sehr vergnuegt und wohl.

Rom, den 21. Dezember.

Dass ich zeichne und die Kunst studiere, hilft dem Dichtungsvermoegen auf, statt es zu hindern; denn schreiben muss man nur wenig, zeichnen viel. Dir wuensche ich nur den Begriff der bildenden Kunst mitteilen zu koennen, den ich jetzt habe; so subordiniert er auch noch ist, so erfreulich, weil er wahr ist und immer weiter deutet. Der Verstand und die Konsequenz der grossen Meister ist unglaublich. Wenn ich bei meiner Ankunft in Italien wie neu geboren war, so fange ich jetzt an, wie neu erzogen zu sein.

Was ich bisher geschickt habe, sind nur leichtsinnige Versuche. Mit Thurneisen schicke ich eine Rolle, worauf das Beste fremde Sachen sind, die dich erfreuen werden.

Rom, den 25. Dezember.

Diesmal ist Christus unter Donner und Blitzen geboren worden, wir hatten gerade um Mitternacht ein starkes Wetter.

Der Glanz der groessten Kunstwerke blendet mich nicht mehr, ich wandle nun im Anschauen, in der wahren unterscheidenden Erkenntnis. Wieviel ich hierin einem stillen, einsam fleissigen Schweizer, namens Meyer, schuldig bin, kann ich nicht sagen. Er hat mir zuerst die Augen ueber das Detail, ueber die Eigenschaften der einzelnen Formen aufgeschlossen, hat mich in das eigentliche Machen initiiert. Er ist in wenigem genuegsam und bescheiden. Er geniesst die Kunstwerke eigentlich mehr als die grossen Besitzer, die sie nicht verstehen, mehr als andere Kuenstler, die zu aengstlich von der Nachahmungsbegierde des Unerreichbaren getrieben werden. Er hat eine himmlische Klarheit der Begriffe und eine englische Guete des Herzens. Er spricht niemals mit mir, ohne dass ich alles aufschreiben moechte, was er sagt, so bestimmt, richtig, die einzige wahre Linie beschreibend sind seine Worte. Sein Unterricht gibt mir, was mir kein Mensch geben konnte, und seine Entfernung wird mir unersetzlich bleiben. In seiner Naehe, in einer Reihe von Zeit hoffe ich noch auf einen Grad im Zeichnen zu kommen, den ich mir jetzt selbst kaum denken darf. Alles, was ich in Deutschland lernte, vornahm, dachte, verhaelt sich zu seiner Leitung wie Baumrinde zum Kern der Frucht. Ich habe keine Worte, die stille, wache Seligkeit auszudruecken, mit der ich nun die Kunstwerke zu betrachten anfange; mein Geist ist erweitert genug, um sie zu fassen, und bildet sich immer mehr aus, um sie eigentlich schaetzen zu koennen.

Es sind wieder Fremde hier, mit denen ich manchmal eine Galerie sehe; sie kommen mir wie Wespen in meinem Zimmer vor, die gegen die Fenster fahren und die helle Scheibe fuer Luft halten, dann wieder abprallen und an den Waenden summen.

In den schweigenden zuruecktretenden Zustand mag ich einen Feind nicht wuenschen. Und wie sonst fuer krank und borniert gehalten zu werden, geziemt mir weniger als jemals. Denke also, mein Lieber, tue, wirke das Beste fuer mich und erhalte mir mein Leben, das sonst, ohne jemanden zu nutzen, zugrunde geht. Ja, ich muss sagen, ich bin dieses Jahr moralisch sehr verwoehnt worden. Ganz abgeschnitten von aller Welt, hab’ ich eine Zeitlang allein gestanden. Nun hat sich wieder ein enger Kreis um mich gezogen, die alle gut sind, alle auf dem rechten Wege, und das ist nur das Kennzeichen, dass sie es bei mir aushalten koennen, mich moegen, Freude in meiner Gegenwart finden, je mehr sie denkend und handelnd auf dem rechten Wege sind. Denn ich bin unbarmherzig, unduldsam gegen alle, die auf ihrem Wege schlendern oder irren und doch fuer Boten und Reisende gehalten werden wollen. Mit Scherz und Spott treib’ ich’s so lang, bis sie ihr Leben aendern oder sich von mir scheiden. Hier, versteht sich, ist nur von guten, graden Menschen die Rede, Halb—und Schiefkoepfe werden gleich ohne Umstaende mit der Wanne gesondert. Zwei Menschen danken mir schon ihre Sinnes—und Lebensaenderung, ja dreie, und werden sie mir zeitlebens danken. Da, auf dem Punkte der Wirkung meines Wesens, fuehl’ ich die Gesundheit meiner Natur und ihre Ausbreitung; meine Fuesse werden nur krank in engen Schuhen, und ich sehe nichts, wenn man mich vor eine Mauer stellt.

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