Gyges Und Sein Ring, Friedrich Hebbel Werke, Bd. 2

Contents:
Author: Friedrich Hebbel

Vierter Akt

Gemach der Königin.

Rhodope.
Oh, einen Augenblick Vergessenheit!
Wozu das Rätsel ewig wiederholen?
Es wird ja bald gelöst.—Ich sollt’ es machen,
Wie meine Mädchen, die zum Zeitvertreib
Auf alle Töne horchen und sich streiten,
Von welchem Vogel jeder kommt, und ob
Der rot ist oder grün.—Welch ein Geräusch!
Ist Karna da mit ihm? Still, alles still.
Es war wohl nichts.—Wie hab ich mich verändert!
Wann fragt’ ich sonst den Schall nach dem Woher,
Mich schreckte nichts, mich schreckte nicht einmal
Des Feuers Glut, und wenn sie noch so rot
Am Himmel aufstieg und sich noch so drohend
Verbreitete: ich wußte, daß ein Kreis
Von treuen Wächtern, unsichtbar um mich
Herum gereiht, des Königs Lieblingstochter
Mit Blut und Leben schirmte. Jetzt—ein Schritt!
Sie sind’s! Ja, Karna ist so klug, als tapfer;
Das hört’ ich stets, und heute soll ich’s sehn.
Noch nicht! Vielleicht auch gar nicht! Nein, Ihr Götter,
So grausam werdet Ihr nicht sein. Ich will
Ja nicht, daß Ihr die Hand mir reichen sollt,
Um mich am Rand des Abgrunds festzuhalten,
Ich will nur sehn, wer mich hinunterstößt.
Je mehr ich sinne, um so weniger
Begreif ich meinen Gatten. Hört’ ich’s doch
In frühster Jugend schon, daß die Befleckte
Nicht leben darf, und wenn mich das als Kind
Durchschauert hat, jetzt habe ich den Grund
Für dies Gesetz in meiner Brust gefunden:
Sie kann nicht leben, und sie will’s auch nicht!
Gilt das für ihn allein nicht? Oder will er
Den Frevler heimlich opfern, weil er hofft,
Mir seine Missetat noch zu verbergen?
Habt Dank, Ihr Ewigen, auch das kann sein!
Und findet Karna den Entflohnen tot,
Den kalten Dolch in seiner heißen Brust,
So weiß ich, wessen Hand ihn niederstreckte,
Und frage niemals mehr, wo Gyges blieb!

Lesbia (tritt ein).
Oh, Königin, er kommt!

Rhodope.
Ich harre schon!

Lesbia.
Und hinter ihm schiebt, wie ein Eisen-Riegel,
Sich eine Schar Bewaffneter zusammen.

Rhodope.
Ich glaub’s, daß Karna sein Geschäft versteht.

Lesbia.
Muß es denn sein?

Rhodope. Er oder
ich! Vielleicht
Wir alle beide!

Lesbia. Oh, du machst
mich stumm!

Rhodope.
Sag Karna, daß er jetzt zum König sende,
Ich laß ihn bitten auf ein einzig Wort.

Lesbia (ab).

Rhodope.
Nun, Ihr dort unten, die Ihr keinen Frevel
Verhindert, aber einen jeden rächt,
Herauf, herauf, und hütet diese Schwelle,
Ein blutig Opfer ist Euch hier gewiß.

Gyges (der währenddem eingetreten ist).
Du hast mich rufen lassen, Königin!

Rhodope.
Du weißt warum!—Du weißt es, denn du zitterst,
Kannst du es leugnen? Deine Farbe wechselt,
Und hörbar klopft das Herz in deiner Brust.

Gyges.
Hat nicht dein Gatte auch vor dir gezittert,
Hat er die Farbe nicht, wie ich, gewechselt,
Und hat sein Herz nicht ganz, wie meins, geklopft?
Erinnre dich der Stunde, wo er dir
Zum ersten Mal ins Antlitz schauen durfte,
Und frag dich, ob er mir nicht völlig glich.

Rhodope.
Dir?!

Gyges. Königin, gewiß. Ihm schwindelte,
Er stand geblendet da, und als ihm die
Besinnung wiederkehrte, riß er stumm
Die Krone sich vom Haupt, wie einen Kranz,
Der plötzlich welk geworden ist im Haar,
Und warf sie mit Verachtung hinter sich.

Rhodope.
Er! ha!

Gyges. Du lächeltest ihn freundlich an,
Als du es sahst, da kam ihm so viel Mut,
Sich dir um einen halben Schritt zu nähern.
Doch seine Kniee wankten unter ihm,
Sie wollten einen edlern Dienst verrichten,
Und eh’ du’s ahntest, lag er so vor dir!

(Er kniet währenddem nieder.),

Rhodope.
Du wagst?

Gyges. Was denn? Es war ja so. Du
strecktest
Ihm unwillkürlich, halb um ihm zu wehren,
Halb auch vielleicht, um ihn emporzuziehn,
Die Hand entgegen, die er scheu und schüchtern
Ergriff, und die sich doch zur Fingerspitze
Verkürzte, ehe er sie noch berührt.
Tatst du das nicht? Oh, sprich!

Rhodope.
Auf! Auf mit dir!

Gyges (sich wieder erhebend).
Ihn aber traf es, wie ein Wetterschlag.
Ihm war zumut, als hätt’ er sich bisher,
Wie ein ereb’scher Schatten, kalt und nüchtern,
Nur unter die Lebendigen verirrt
Und jetzt erst Blut bekommen, wie sie selbst;
Als hätte er ihr Lachen und ihr Weinen,
Ihr Jubeln, Seufzen, ja ihr Atemholen,
Nur nachgeäfft und nie geahnt, warum
Die Menschenbrust sich ewig hebt und senkt.
Da brannt’ er vor, Verlangen, auch zu leben,
Und sog dein süßes Bild mit Augen ein,
Die, sonst gleichgültig alle Dinge spiegelnd
Und wieder wechselnd, wie ein stilles Wasser,
Der Wimper jetzt ihr Zucken kaum verziehn.
So glomm er, deine Schönheit in sich trinkend,
Allmählich vor dir auf in düstrem Feuer,
Wie deine weiße Hand, wenn du sie abends
Vor eine Flamme hältst, du aber fuhrst
Vor deinem roten Widerschein zurück.

Rhodope.
Nicht weiter!

Gyges. Oh, nicht weiter!
Weiß ich mehr?
Was er empfand, das kann ich nachempfinden
Und ganz so voll und glühend, wie er selbst.
Doch, wie er warb, und wie er dich gewann,
Ist sein Geheimnis; einer nur kann’s haben,
Und dieser Einzige ist er, nicht ich.
Nun weißt du denn, warum ich zitterte:
Ein Wonneschauer war’s, der mich ergriff,
Ein heil’ges Grausen, das mich schüttelte,
Als ich so plötzlich vor dir stand und sah,
Daß Aphrodite eine Schwester hat;
So sag mir jetzt, wozu beriefst du mich!

Rhodope.
Zum Tode!—

Gyges. Wie?

Rhodope.
Hast du ihn nicht verdient?

Gyges.
Wenn du ihn mir verhängst, so muß es sein!

Rhodope.
In dieser Stunde noch!

Gyges.
Ich bin bereit!

Rhodope.
Dich packt kein Schauder, wie er jeden Menschen,
Wie er den Jüngling doppelt packen muß?
Glaubst du vielleicht, es sei nicht bittrer Ernst,
Weil dir ein Weib den blut’gen Spruch verkündigt,
Und du das Weib nur noch als Mutter kennst?
O hoffe nicht, daß auch die Mildeste
Ihn ändern wird. Sie kann den Mord vergeben,
Sie kann sogar für ihren Mörder bitten,
Wenn er ihr so viel Odem übrigließ.
Doch eine Schande, die sie vor sich selbst
Vom Wirbel bis zum Zeh mit Abscheu füllte,
Solch eine Schande wäscht das Blut nur ab:
Je mehr sonst ganz nur Weib, nur scheues Weib,
Je mehr vom Manne wird sie da verletzt!

Gyges.
Entsetzlich!

Rhodope. Kommt der Schauder? Hör mich aus!
Wenn du nicht jetzt gerichtet vor mir ständest,
Von blanken Schwertern vor der Tür bewacht,
Und, willig oder nicht, das sichre Opfer
Der Unterird’schen, die ich schon beschwor:
Ich öffnete, wenn auch mit zager Hand,
Noch eh’ die Sonne sinkt, mir selbst die Adern
Und wüsche mich in meinem eignen Blut!
Denn alle Götter stehn schon abgewandt,
Wenn auch voll Mitleid da, die goldnen Fäden
Zerreißen, die mich an die Sterne knüpfen
Und aufrecht halten, mächtig zieht der Staub,
Und zögre ich, so hüpft die neue Schwester,
Die Kröte, mir vertraulich ins Gemach!

Gyges.
O Königin, ich könnte manches sagen,
Und vielen Sand mir aus den Locken schütteln,
Der mir nur angeflogen ist im Sturm!
Ich will es nicht. Nur eines glaube mir:
Erst jetzt erkenn’ ich, was ich tat, und doch
War’s kaum geschehn, so hat’s mich schon gedrängt,
Es abzubüßen. Wenn dein Gatte mir
Den Weg zum Orkus nicht vertreten hätte,
Ich wäre längst ein Schatten unter Schatten,
Und du gesühnt, wenn auch noch nicht versöhnt.

Rhodope.
Mein Gatte wehrte dir’s und wußte doch—

Gyges.
Gleichviel! Die seltne Regung, die ihn faßte,
Hat mich um das Verdienst des freien Todes,
Dich aber um dein Opfer nicht gebracht.
Leb wohl!—Und deine Schwerter bleiben rein!

Rhodope.
Halt! Nicht durch eigne Hand und nicht durch Mord,
Durch deinen höchsten Richter sollst du fallen,
Gleich kommt der König und bestimmt dein Los.

Gyges.
Der Sterbende, er sei auch, wer er sei,
Hat eine letzte Bitte frei. Du wirst
Mir nicht mein armes Totenrecht verkürzen,
Ich weiß, du kannst es nicht! So laß mich gehn!

Rhodope (macht eine abwehrende Bewegung).

Gyges.
Ich tat, was ich vermochte. Komme nun,
Was kommen soll, ich trage keine Schuld.

Kandaules (tritt ein).

Rhodope (ihm entgegen).
Ich irrte nicht! Es war im Schlafgemach
Ein Mensch versteckt!

Gyges.
Ja, König, was ich dich
Nur ahnen ließ, weil mir der Mut gebrach,
Es zu bekennen: es ist aufgedeckt,
Und todeswürdig steh ich vor dir da!

Kandaules.
Gyges!

Gyges. Mit diesen meinen beiden Augen
Verübt’ ich einen Frevel, den die Hände
Nicht überbieten, nicht erreichen würden,
Und zückt’ ich auch auf dich und sie den Dolch.

Rhodope.
So ist’s!

Gyges. Zwar wußt’ ich’s nicht, das kann ich
schwören,
Mir sind die Frauen fremd, doch wie der Knabe
Nach einem wunderbaren Vogel hascht
Und ihn erdrückt, weil er sein zartes Wesen
Nicht kennt, indes er ihn nur streicheln will,
So hab ich auch das Kleinod dieser Welt
Zerstört und ahnte nicht, daß ich es tat.

Rhodope.
Sein Wort ist edel. Wehe ihm und mir,
Daß es nicht frommt!

Gyges.
Wenn den kastal’schen Quell
Aus dem die Lieblinge der Götter trinken,
Und der in einem Farbenspiel erglänzt,
Als wär’ er mit zerpflückten Regenbogen
Von Iris’ eignen Händen überstreut;
Wenn diesen Quell, der dem Parnaß entspringt,
Ein Steinwurf trübt, so fängt er an, zu tosen
Und steigt in wilden Wirbeln himmelan.
Dann singt auf Erden keine Nachtigall
Und keine Lerche mehr, und in der Höhe
Verstummt sogar der Musen heil’ger Chor,
Und eher kehrt die Harmonie nicht wieder,
Bis ein ergrimmter Strom den frechen Schleudrer
Hinunter knirscht in seinen dunklen Schoß:
So ist’s mit einer Frauenseele auch!

Kandaules.
Gyges, ich bin kein Schurke.

Gyges.
Herr, du bist
Rhodopens Gatte, bist ihr Schutz und Schirm
Und mußt ihr Rächer sein.

Kandaules.
Ich bin vor allem
Ein Mann, der für den Frevel, den er selbst
Beging, nicht einen andern sterben läßt.

Gyges.
König, was rettest du?

Kandaules.
Mich selbst!

Gyges.
Er
rast,
Hör nicht auf ihn!

Rhodope.
Mein Herr und mein Gemahl,
Was sprachst du da? Ich kann’s dir selbst nicht glauben
Wenn du’s nicht wiederholst!

Kandaules.
Sprich du für mich!
Du sollst mich nicht entschuldigen, du sollst
Nur sagen, wie es kam.

Rhodope.
So ist’s? Ihr Götter,
Lacht über mich!—Ich habe schon geklagt!

Kandaules.
Sprich, Gyges! (Ab.)

Gyges. Königin, oh,
wenn du wüßtest,
Wie er dich immer pries, und wie ich stumpf
Auf alle seine Flammenworte hörte,
Weil jeder Vogel, der dem Busch entrauschte
Und meinem Pfeil entging, indem er sprach,
Mein Auge auf sich zog—wenn du dir sagtest,
Wie sehr dies unaufmerksam-kind’sche Wesen,
Das er für einen Ausdruck stillen Mißtrauns
Und halben Zweifels nahm, obgleich es nur
Aus’ flücht’gem Sinn entsprang, ihn reizen mußte—
Wenn du uns beide nur ein einzig Mal
Auf einer unsrer Streiferein im Walde
Gesehen hättest, ihn in seiner Glut
Und mich in meiner Blödheit, unverständig
Nach bunten Steinen an der Erde spähend,
Indes er mir den Sonnen-Aufgang zeigte:
Ich bin gewiß, du blicktest wieder mild!
Er glich dem Priester, der dieselbe Flamme,
Die ihn durchlodert, zu des Gottes Ehre
Auch in der fremden Brust entzünden möchte;
Wenn dieser, leidenschaftlich-unvorsichtig,
Die heiligen Mysterien enthüllt,
Um dumpfe Sinne rascher zu erwecken
Und falsche Götzen sichrer zu entthronen:
Fehlt er so schwer, daß man ihm nicht verzeiht?

Rhodope (macht mit der Hand eine abwehrende Bewegung).
Er hat sein Gattenrecht dir abgetreten?

Gyges.
Nenn es nicht so.

Rhodope. Du brauchtest nicht
beim Wein
Nach seiner Hand zu greifen und dabei
Den Ring ihm abzuziehn, wie ich’s mir dachte,
Er gab ihn dir von selbst zurück, du kamst
Vielleicht sogar mit ihm zugleich?

Gyges.
Wie
kannst
Du’s glauben, Königin?

Rhodope.
Du bist ein Jüngling—
Du denkst so edel—

Gyges.
War ich denn sein Knecht?
Und hat er je verlangt, daß ich es sei?
Nein, Königin, entschuldige mich nicht,
Es bleibt bei deinem Spruch! Und halt ihn nicht
Für grausam, er ist mild. Ich ging den Weg,
Den ich wohl nimmer hätte gehen sollen,
Doch nahm ich gleich auch meinen Fluch dahin.
Ich wurde reif zum Tode, denn ich sah,
Daß alles, was das Leben bieten kann,
Vergeben war, und wenn ich in der Nacht
Ihn nicht schon fand und die entweihte Schwelle
Mit meinem rasch vergoßnen Blut dir wusch,
So ist die Schuld nicht mein: ich warb um ihn.
Oh, hätt’ ich ihn ertrotzt, wie ich’s versuchte,
Dann zitterte in deiner Seele jetzt
Nur noch ein Schauder vor dem Mörder nach,
Der dir das Atmen um so süßer machte,
Dein Gatte aber würde, als dein Retter,
Noch feuriger, wie je, von dir geküßt.

Rhodope.
Und Dinge kämen, die’s uns fürchterlich
Enthüllen würden, daß die Götter nicht
Des Menschenarms bedürfen, sich zu rächen,
Wenn eine Schuld, die keine Sühne findet,
Weil sie im Dunkeln blieb, die Welt befleckt.
Doch, sie sind gnädig, dieser Frevel hat
Umsonst in Finsternis sich eingewickelt,
Er leuchtet doch hindurch. Das Wasser wird
Sich nicht in Feuer wandeln, wenn der Mund
Des Durst’gen es berührt, das Feuer nicht
Erlöschen, wenn der Hauch des Hungrigen
Es auf dem Herde anbläst, nein, o nein,
Die Elemente brauchen’s nicht zu künden,
Daß die Natur vor Zorn im Tiefsten fiebert,
Weil sie verletzt in einem Weibe ist:
Wir wissen, was geschah!

Gyges.
Wir wissen auch,
Was noch geschehen muß! Vergib mir nur!

(Er will gehen.)

Rhodope.
Halt! Das nicht mehr!

Gyges.
Was kann ich andres tun?

Rhodope.
Du mußt ihn töten!

Gyges.
Ha!

Rhodope.
Du mußt! Und ich—
Ich muß mich dir vermählen.

Gyges.
Königin!

Rhodope.
So geh.

Gyges. Ihn töten!

Rhodope. Wenn
du zu mir sagst:
Jetzt bist du Witwe! so erwidre ich:
Jetzt bist du mein Gemahl!

Gyges.
Du hast gesehn,
Wie er von hinnen ging. Er sprach für sich
Kein einzig Wort, er überließ es mir,
Und ich, ich sollte—Nein!

Rhodope.
Du mußt es tun,
Wie ich es fordern muß. Wir dürfen beide
Nicht fragen, ob’s uns schwer wird oder leicht.

Gyges.
Wenn er kein Gatte war: er ist ein Freund,
Wie’s keinen zweiten gibt! Kann ich ihn töten,
Weil er zu sehr mein Freund gewesen ist?

Rhodope.
Du wehrst dich, doch es ist umsonst.

Gyges.

Was soll
Mich zwingen, wenn dein Reiz mich nicht bezwang?
Ich liebe dich, mir ist, als wäre ich
Mit einem Starrkrampf auf die Welt gekommen,
Und dieser löste sich vor deinem Blick!
Die Sinne, welche, wie verschlafne Wächter,
Bisher nicht sahn, noch hörten, wecken sich
In sel’gem Staunen gegenseitig auf
Und klammern sich an dich, rund um dich her
Zerschmelzen alle Formen, sonst so scharf
Und trotzig, daß sie fast das Auge ritzten,
Wie Wolkenbilder vor dem Sonnenstrahl;
Und wie ein Schwindelnder, der in den Abgrund
Zu stürzen fürchtet, könnt’ ich nach der Hand
Dir greifen, ja, an deinen Hals mich hängen,
Eh’ mich das bodenlose Nichts verschlingt!
Doch nicht mit einem Tropfen seines Blutes
Möcht’ ich mir diesen höchsten Platz erkaufen,
Denn selbst im Rausch vergäße ich ihn nicht!

Rhodope.
Du kannst es mir versagen, das ist wahr!
Verlaß mich denn!

Gyges.
Was sinnst du, Königin?

Rhodope.
Ein Werk, das still beschlossen und noch stiller
Vollbracht wird.—Geh!

Gyges.
Versteh ich dich?

Rhodope.

Vielleicht.

Gyges.
Du könntest?

Rhodope. Zweifle nicht! Ich kann und will.

Gyges.
Nun, bei den Göttern, welche droben thronen,
Und den Erinnyen, die drunten horchen,
Das darf nicht sein, und nimmer wird’s geschehn!

Rhodope.
So sagst du ja?

Gyges. Du weckst mich
aus dem Schlummer,
Nicht wahr, wenn er in Träumen mir erscheint,
Und trotz der Todeswunde immer lächelt,
Bis mir das Haar sich sträubt.

Rhodope.
Nicht mehr! Nicht mehr!

Gyges.
Auch drückst du einen Kuß mir auf die Lippen,
Damit ich in der Angst mich gleich besinne,
Warum ich es getan—Du wendest dich,
Als ob’s dich schauderte bei dem Gedanken?
Das schwör’ mir erst!

Rhodope.
Ich werde dein Gemahl.

Gyges.
Was frag ich auch! Ich siegte ja noch nicht.

Rhodope.
Gilt’s hier denn einen Kampf?

Gyges.
Ja, Königin,
Du denkst doch nicht von mir, daß ich ihn morde?
Ich fordre ihn auf Leben oder Tod.

Rhodope.
Und wenn du fällst?

Gyges.
So fluche mir nicht nach,
Ich kann nicht anders.

Rhodope.
Fall ich nicht mit dir?

Gyges.
Doch wenn ich wiederkehre?

Rhodope.
Am Altar
Wirst du mich finden, ebenso bereit,
In deine Hand die meinige zu legen,
Als nach dem Dolch zu greifen und das Band
Zu lösen, das mich an den Sieger knüpft,
Wenn er es ist!

Gyges. Noch eh’ die
Sonne sinkt,
Entscheidet sich’s! So leb denn wohl.

Rhodope.
Leb wohl!
-
Und wenn’s dich freuen kann, vernimm noch eins:
Du hättest mich der Heimat nicht entführt,
Um so an mir zu tun!

Gyges.
Meinst du, Rhodope?
Das heißt: ich wäre eifersüchtiger
Und neidischer gewesen, hätte mehr
Gefürchtet, weil ich wen’ger bin, als er,
Und doch beglückt es mich, daß du dies meinst,
Und ist genug für mich, mehr als genug! (Ab.)

Rhodope.
Nun Brautgewand und Totenhemd herbei!

Lesbia (stürzt herein und wirft sich Rhodopen zu Füßen).
Du Gnädige!—Vergib!—Ich danke dir!

Rhodope (sie aufhebend).
Du wirst mir wohl nicht danken, armes Kind!
Und doch! Zuletzt! Ja, Lesbia, zuletzt!

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Title: Gyges Und Sein Ring, Friedrich Hebbel Werke, Bd. 2

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Chicago: Friedrich Hebbel, "Vierter Akt," Gyges Und Sein Ring, Friedrich Hebbel Werke, Bd. 2 in Gyges Und Sein Ring, Friedrich Hebbel Werke, Bd. 2 (München: Carl Hanser, 1964), Original Sources, accessed April 20, 2018, http://www.originalsources.com/Document.aspx?DocID=DKP74PXB4M7LCLG.

MLA: Hebbel, Friedrich. "Vierter Akt." Gyges Und Sein Ring, Friedrich Hebbel Werke, Bd. 2, in Gyges Und Sein Ring, Friedrich Hebbel Werke, Bd. 2, München, Carl Hanser, 1964, Original Sources. 20 Apr. 2018. www.originalsources.com/Document.aspx?DocID=DKP74PXB4M7LCLG.

Harvard: Hebbel, F, 'Vierter Akt' in Gyges Und Sein Ring, Friedrich Hebbel Werke, Bd. 2. cited in 1964, Gyges Und Sein Ring, Friedrich Hebbel Werke, Bd. 2, Carl Hanser, München. Original Sources, retrieved 20 April 2018, from http://www.originalsources.com/Document.aspx?DocID=DKP74PXB4M7LCLG.