Hermann Und Dorothea

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Author: Johann Wolfgang von Goethe

Achter Gesang: Melpomene. Hermann Und Dorothea

Also gingen die zwei entgegen der sinkenden Sonne, Die in Wolken sich tief, gewitterdrohend, verhuellte, Aus dem Schleier, bald hier bald dort, mit gluehenden Blicken Strahlend ueber das Feld die ahnungsvolle Beleuchtung. "Moege das drohende Wetter", so sagte Hermann, "nicht etwa Schlossen uns bringen und heftigen Guss; denn schoen ist die Ernte." Und sie freuten sich beide des hohen, wankenden Kornes, Das die Durchschreitenden fast, die hohen Gestalten, erreichte. Und es sagte darauf das Maedchen zum leitenden Freunde: "Guter, dem ich zunaechst ein freundlich Schicksal verdanke, Dach und Fach, wenn im Freien so manchem Vertriebnen der Sturm draeut! Saget mir jetzt vor allem und lehret die Eltern mich kennen, Denen ich kuenftig zu dienen von ganzer Seele geneigt bin; Denn kennt jemand den Herrn, so kann er ihm leichter genug tun, Wenn er die Dinge bedenkt, die jenem die wichtigsten scheinen, Und auf die er den Sinn, den fest bestimmten, gesetzt hat. Darum saget mir doch: wie gewinn ich Vater und Mutter?"

Und es versetzte dagegen der gute, verstaendige Juengling: "Oh, wie geb ich dir recht, du kluges, treffliches Maedchen, Dass du zuvoerderst dich nach dem Sinne der Eltern befragest! Denn so strebt’ ich bisher vergebens, dem Vater zu dienen, Wenn ich der Wirtschaft mich als wie der meinigen annahm, Frueh den Acker und spaet und so besorgend den Weinberg. Meine Mutter befriedigt’ ich wohl, sie wusst’ es zu schaetzen; Und so wirst du ihr auch das trefflichste Maedchen erscheinen, Wenn du das Haus besorgst, als wenn du das deine bedaechtest. Aber dem Vater nicht so; denn dieser liebet den Schein auch. Gutes Maedchen, halte mich nicht fuer kalt und gefuehllos, Wenn ich den Vater dir sogleich, der Fremden, enthuelle. Ja, ich schwoer es, das erstemal ist’s, dass frei mir ein solches Wort die Zunge verlaesst, die nicht zu schwatzen gewohnt ist; Aber du lockst mir hervor aus der Brust ein jedes Vertrauen. Einige Zierde verlangt der gute Vater im Leben, Wuenschet aeussere Zeichen der Liebe, so wie der Verehrung, Und er wuerde vielleicht vom schlechteren Diener befriedigt, Der dies wuesste zu nutzen, und wuerde dem besseren gram sein."

Freudig sagte sie drauf, zugleich die schnelleren Schritte Durch den dunkelnden Pfad verdoppelnd mit leichter Bewegung: "Beide zusammen hoff ich fuerwahr zufriedenzustellen; Denn der Mutter Sinn ist wie mein eigenes Wesen, Und der aeusseren Zierde bin ich von Jugend nicht fremde. Unsere Nachbarn, die Franken, in ihren frueheren Zeiten Hielten auf Hoeflichkeit viel; sie war dem Edlen und Buerger Wie den Bauern gemein, und jeder empfahl sie den Seinen. Und so brachten bei uns auf deutscher Seite gewoehnlich Auch die Kinder des Morgens mit Haendekuessen und Knickschen Segenswuensche den Eltern und hielten sittlich den Tag aus. Alles, was ich gelernt und was ich von jung auf gewohnt bin, Was von Herzen mir geht—ich will es dem Alten erzeigen. Aber wer sagt mir nunmehr: wie soll ich dir selber begegnen, Dir, dem einzigen Sohn und kuenftig meinem Gebieter?"

Also sprach sie, und eben gelangten sie unter den Birnbaum. Herrlich glaenzte der Mond, der volle, vom Himmel herunter; Nacht war’s, voellig bedeckt das letzte Schimmern der Sonne. Und so lagen vor ihnen in Massen gegeneinander Lichter, hell wie der Tag, und Schatten dunkeler Naechte. Und es hoerte die Frage, die freundliche, gern in dem Schatten Hermann, des herrlichen Baums, am Orte, der ihm so lieb war, Der noch heute die Traenen um seine Vertriebne gesehen. Und indem sie sich nieder ein wenig zu ruhen gesetzet, Sagte der liebende Juengling, die Hand des Maedchens ergreifend: "Lass dein Herz dir es sagen, und folg ihm frei nur in allem!" Aber er wagte kein weiteres Wort, so sehr auch die Stunde Guenstig war; er fuerchtete, nur ein Nein zu ereilen, Ach, und er fuehlte den Ring am Finger, das schmerzliche Zeichen. Also sassen sie still und schweigend nebeneinander. Aber das Maedchen begann und sagte: "Wie find ich des Mondes Herrlichen Schein so suess! er ist der Klarheit des Tags gleich. Seh ich doch dort in der Stadt die Haeuser deutlich und Hoefe, An dem Giebel ein Fenster; mich deucht, ich zaehle die Scheiben."

"Was du siehst", versetzte darauf der gehaltene Juengling, "Das ist unsere Wohnung, in die ich nieder dich fuehre, Und dies Fenster dort ist meines Zimmers im Dache, Das vielleicht das deine nun wird; wir veraendern im Hause. Diese Felder sind unser, sie reifen zur morgenden Ernte. Hier im Schatten wollen wir ruhn und des Mahles geniessen. Aber lass uns nunmehr hinab durch Weinberg und Garten Steigen; denn sieh, es rueckt das schwere Gewitter herueber, Wetterleuchtend und bald verschlingend den lieblichen Vollmond." Und so standen sie auf und wandelten nieder, das Feld hin, Durch das maechtige Korn, der naechtlichen Klarheit sich freuend; Und sie waren zum Weinberg gelangt und traten ins Dunkel.

Und so leitet’ er sie die vielen Platten hinunter, Die, unbehauen gelegt, als Stufen dienten im Laubgang. Langsam schritt sie hinab, auf seinen Schultern die Haende; Und mit schwankenden Lichtern, durchs Laub, ueberblickte der Mond sie, Eh’ er, von Wetterwolken umhuellt, im Dunkeln das Paar liess. Sorglich stuetzte der Starke das Maedchen, das ueber ihn herhing; Aber sie, unkundig des Steigs und der roheren Stufen, Fehlte tretend, es knackte der Fuss, sie drohte zu fallen. Eilig streckte gewandt der sinnige Juengling den Arm aus, Hielt empor die Geliebte; sie sank ihm leis auf die Schulter, Brust war gesenkt an Brust und Wang’ an Wange. So stand er, Starr wie ein Marmorbild, vom ernsten Willen gebaendigt, Drueckte nicht fester sie an, er stemmte sich gegen die Schwere. Und so fuehlt’ er die herrliche Last, die Waerme des Herzens Und den Balsam des Atems, an seinen Lippen verhauchet, Trug mit Mannesgefuehl die Heldengroesse des Weibes.

Doch sie verhehlte den Schmerz und sagte die scherzenden Worte: "Das bedeutet Verdruss, so sagen bedenkliche Leute Wenn beim Eintritt ins Haus, nicht fern von der Schwelle, der Fuss knackt. Haett’ ich mir doch fuerwahr ein besseres Zeichen gewuenschet! Lass uns ein wenig verweilen, damit dich die Eltern nicht tadeln Wegen der hinkenden Magd, und ein schlechter Wirt du erscheinest."

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Harvard: Goethe, JW, 'Achter Gesang: Melpomene. Hermann Und Dorothea' in Hermann Und Dorothea. cited in , Hermann Und Dorothea. Original Sources, retrieved 16 January 2019, from http://www.originalsources.com/Document.aspx?DocID=PWHJIT9ALRU2NCD.