Wilhelm Meisters Lehrjahre, Buch 5

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Author: Johann Wolfgang von Goethe

V. Buch, Achtes Kapitel

Wilhelm kam zur ersten Theaterprobe sehr zeitig und fand sich auf den Brettern allein. Das Lokal ueberraschte ihn und gab ihm die wunderbarsten Erinnerungen. Die Waldund Dorfdekoration stand genau so wie auf der Buehne seiner Vaterstadt auch bei einer Probe, als ihm an jenem Morgen Mariane lebhaft ihre Liebe bekannte und ihm die erste glueckliche Nacht zusagte. Die Bauernhaeuser glichen sich auf dem Theater wie auf dem Lande; die wahre Morgensonne beschien, durch einen halb offenen Fensterladen hereinfallend, einen Teil der Bank, die neben der Tuere schlecht befestigt war; nur leider schien sie nicht wie damals auf Marianens Schoss und Busen. Er setzte sich nieder, dachte dieser wunderbaren uebereinstimmung nach und glaubte zu ahnen, dass er sie vielleicht auf diesem Platze bald wiedersehen werde. Ach, und es war weiter nichts, als dass ein Nachspiel, zu welchem diese Dekoration gehoerte, damals auf dem deutschen Theater sehr oft gegeben wurde.

In diesen Betrachtungen stoerten ihn die uebrigen ankommenden Schauspieler, mit denen zugleich zwei Theaterund Garderobenfreunde hereintreten und Wilhelmen mit Enthusiasmus begruessten. Der eine war gewissermassen an Madame Melina attachiert; der andere aber ein ganz reiner Freund der Schauspielkunst und beide von der Art, wie sich jede gute Gesellschaft Freunde wuenschen sollte. Man wusste nicht zu sagen, ob sie das Theater mehr kannten oder liebten. Sie liebten es zu sehr, um es recht zu kennen; sie kannten es genug, um das Gute zu schaetzen und das Schlechte zu verbannen. Aber bei ihrer Neigung war ihnen das Mittelmaessige nicht unertraeglich, und der herrliche Genuss, mit dem sie das Gute vor und nach kosteten, war ueber allen Ausdruck. Das Mechanische machte ihnen Freude, das Geistige entzueckte sie, und ihre Neigung war so gross, dass auch eine zerstueckelte Probe sie in eine Art von Illusion versetzte. Die Maengel schienen ihnen jederzeit in die Ferne zu treten, das Gute beruehrte sie wie ein naher Gegenstand. Kurz, sie waren Liebhaber, wie sie sich der Kuenstler in seinem Fache wuenscht. Ihre liebste Wanderung war von den Kulissen ins Parterre, vom Parterre in die Kulissen, ihr angenehmster Aufenthalt in der Garderobe, ihre emsigste Beschaeftigung, an der Stellung, Kleidung, Rezitation und Deklamation der Schauspieler etwas zuzustutzen, ihr lebhaftestes Gespraech ueber den Effekt, den man hervorgebracht hatte, und ihre bestaendigste Bemuehung, den Schauspieler aufmerksam, taetig und genau zu erhalten, ihm etwas zugute oder zuliebe zu tun und ohne Verschwendung der Gesellschaft manchen Genuss zu verschaffen. Sie hatten sich beide das ausschliessliche Recht verschafft, bei Proben und Auffuehrungen auf dem Theater zu erscheinen. Sie waren, was die Auffuehrung "Hamlets" betraf, mit Wilhelmen nicht bei allen Stellen einig; hie und da gab er nach, meistens aber behauptete er seine Meinung, und im ganzen diente diese Unterhaltung sehr zur Bildung seines Geschmacks. Er liess die beiden Freunde sehen, wie sehr er sie schaetze, und sie dagegen weissagten nichts weniger von diesen vereinten Bemuehungen als eine neue Epoche fuers deutsche Theater.

Die Gegenwart dieser beiden Maenner war bei den Proben sehr nuetzlich. Besonders ueberzeugten sie unsre Schauspieler, dass man bei der Probe Stellung und Aktion, wie man sie bei der Auffuehrung zu zeigen gedenke, immerfort mit der Rede verbinden und alles zusammen durch Gewohnheit mechanisch vereinigen muesse. Besonders mit den Haenden solle man ja bei der Probe einer Tragoedie keine gemeine Bewegung vornehmen; ein tragischer Schauspieler, der in der Probe Tabak schnupft, mache sie immer bange: denn hoechstwahrscheinlich werde er an einer solchen Stelle bei der Auffuehrung die Prise vermissen. Ja sie hielten dafuer, dass niemand in Stiefeln probieren solle, wenn die Rolle in Schuhen zu spielen sei. Nichts aber, versicherten sie, schmerze sie mehr, als wenn die Frauenzimmer in den Proben ihre Haende in die Rockfalten versteckten.

Ausserdem ward durch das Zureden dieser Maenner noch etwas sehr Gutes bewirkt, dass naemlich alle Mannspersonen exerzieren lernten. "Da so viele Militaerrollen vorkommen", sagten sie, "sieht nichts betruebter aus, als Menschen, die nicht die mindeste Dressur zeigen, in Hauptmannsund Majorsuniform auf dem Theater herumschwanken zu sehen."

Wilhelm und Laertes waren die ersten, die sich der Paedagogik eines Unteroffiziers unterwarfen, und setzten dabei ihre Fechtuebungen mit grosser Anstrengung fort.

So viel Muehe gaben sich beide Maenner mit der Ausbildung einer Gesellschaft, die sich so gluecklich zusammengefunden hatte. Sie sorgten fuer die kuenftige Zufriedenheit des Publikums, indes sich dieses ueber ihre entschiedene Liebhaberei gelegentlich aufhielt. Man wusste nicht, wieviel Ursache man hatte, ihnen dankbar zu sein, besonders da sie nicht versaeumten, den Schauspielern oft den Hauptpunkt einzuschaerfen, dass es naemlich ihre Pflicht sei, laut und vernehmlich zu sprechen. Sie fanden hierbei mehr Widerstand und Unwillen, als sie anfangs gedacht hatten. Die meisten wollten so gehoert sein, wie sie sprachen, und wenige bemuehten sich, so zu sprechen, dass man sie hoeren koennte. Einige schoben den Fehler aufs Gebaeude, andere sagten, man koenne doch nicht schreien, wenn man natuerlich, heimlich oder zaertlich zu sprechen habe.

Unsre Theaterfreunde, die eine unsaegliche Geduld hatten, suchten auf alle Weise diese Verwirrung zu loesen, diesem Eigensinne beizukommen. Sie sparten weder Gruende noch Schmeicheleien und erreichten zuletzt doch ihren Endzweck, wobei ihnen das gute Beispiel Wilhelms besonders zustatten kam. Er bat sich aus, dass sie sich bei den Proben in die entferntesten Ecken setzen und, sobald sie ihn nicht vollkommen verstanden, mit dem Schluessel auf die Bank pochen moechten. Er artikulierte gut, sprach gemaessigt aus, steigerte den Ton stufenweise und ueberschrie sich nicht in den heftigsten Stellen. Die pochenden Schluessel hoerte man bei jeder Probe weniger; nach und nach liessen sich die andern dieselbe Operation gefallen, und man konnte hoffen, dass das Stueck endlich in allen Winkeln des Hauses von jedermann wuerde verstanden werden.

Man sieht aus diesem Beispiel, wie gern die Menschen ihren Zweck nur auf ihre eigene Weise erreichen moechten, wieviel Not man hat, ihnen begreiflich zu machen, was sich eigentlich von selbst versteht, und wie schwer es ist, denjenigen, der etwas zu leisten wuenscht, zur Erkenntnis der ersten Bedingungen zu bringen, unter denen sein Vorhaben allein moeglich wird.

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