Wilhelm Meisters Lehrjahre, Buch 2

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Author: Johann Wolfgang von Goethe

II. Buch, Fuenftes Kapitel

Des andern Tages, als die Seiltaenzer mit grossem Geraeusch abgezogen waren, fand sich Mignon sogleich wieder ein und trat hinzu, als Wilhelm und Laertes ihre Fechtuebungen auf dem Saale fortsetzten. "Wo hast du gesteckt?" fragte Wilhelm freundlich, "du hast uns viel Sorge gemacht." Das Kind antwortete nichts und sah ihn an. "Du bist nun unser", rief Laertes, "wir haben dich gekauft"—"Was hast du bezahlt?" fragte das Kind ganz trocken. "Hundert Dukaten", versetzte Laertes; "wenn du sie wiedergibst, kannst du frei sein."—"Das ist wohl viel?" fragte das Kind. "O ja, du magst dich nur gut auffuehren."—"Ich will dienen", versetzte sie.

Von dem Augenblicke an merkte sie genau, was der Kellner den beiden Freunden fuer Dienste zu leisten hatte, und litt schon des andern Tages nicht mehr, dass er ins Zimmer kam. Sie wollte alles selbst tun und machte auch ihre Geschaefte, zwar langsam und mitunter unbehuelflich, doch genau und mit grosser Sorgfalt.

Sie stellte sich oft an ein Gefaess mit Wasser und wusch ihr Gesicht mit so grosser Emsigkeit und Heftigkeit, dass sie sich fast die Backen aufrieb, bis Laertes durch Fragen und Necken erfuhr, dass sie die Schminke von ihren Wangen auf alle Weise loszuwerden suche und ueber dem Eifer, womit sie es tat, die Roete, die sie durchs Reiben hervorgebracht hatte, fuer die hartnaeckigste Schminke halte. Man bedeutete sie, und sie liess ab, und nachdem sie wieder zur Ruhe gekommen war, zeigte sich eine schoene braune, obgleich nur von wenigem Rot erhoehte Gesichtsfarbe.

Durch die frevelhaften Reize Philinens, durch die geheimnisvolle Gegenwart des Kindes mehr, als er sich selbst gestehen durfte, unterhalten, brachte Wilhelm verschiedene Tage in dieser sonderbaren Gesellschaft zu und rechtfertigte sich bei sich selbst durch eine fleissige uebung in der Fechtund Tanzkunst, wozu er so leicht nicht wieder Gelegenheit zu finden glaubte.

Nicht wenig verwundert und gewissermassen erfreut war er, als er eines Tages Herrn und Frau Melina ankommen sah, welche gleich nach dem ersten frohen Grusse sich nach der Direktrice und den uebrigen Schauspielern erkundigten und mit grossem Schrecken vernahmen, dass jene sich schon lange entfernt habe und diese bis auf wenige zerstreut seien.

Das junge Paar hatte sich nach ihrer Verbindung, zu der, wie wir wissen, Wilhelm behilflich gewesen, an einigen Orten nach Engagement umgesehen, keines gefunden und war endlich in dieses Staedtchen gewiesen worden, wo einige Personen, die ihnen unterwegs begegneten, ein gutes Theater gesehen haben wollten.

Philinen wollte Madame Melina, und Herr Melina dem lebhaften Laertes, als sie Bekanntschaft machten, keinesweges gefallen. Sie wuenschten die neuen Ankoemmlinge gleich wieder los zu sein, und Wilhelm konnte ihnen keine guenstigen Gesinnungen beibringen, ob er ihnen gleich wiederholt versicherte, dass es recht gute Leute seien.

Eigentlich war auch das bisherige lustige Leben unsrer drei Abenteurer durch die Erweiterung der Gesellschaft auf mehr als eine Weise gestoert; denn Melina fing im Wirtshause (er hatte in ebendemselben, in welchem Philine wohnte, Platz gefunden) gleich zu markten und zu quengeln an. Er wollte fuer weniges Geld besseres Quartier, reichlichere Mahlzeit und promptere Bedienung haben. In kurzer Zeit machten Wirt und Kellner verdriessliche Gesichter, und wenn die andern, um froh zu leben, sich alles gefallen liessen und nur geschwind bezahlten, um nicht laenger an das zu denken, was schon verzehrt war, so musste die Mahlzeit, die Melina regelmaessig sogleich berichtigte, jederzeit von vorn wieder durchgenommen werden, so dass Philine ihn ohne Umstaende ein wiederkaeuendes Tier nannte.

Noch verhasster war Madame Melina dem lustigen Maedchen. Diese junge Frau war nicht ohne Bildung, doch fehlte es ihr gaenzlich an Geist und Seele. Sie deklamierte nicht uebel und wollte immer deklamieren; allein man merkte bald, dass es nur eine Wortdeklamation war, die auf einzelnen Stellen lastete und die Empfindung des Ganzen nicht ausdrueckte. Bei diesem allen war sie nicht leicht jemanden, besonders Maennern, unangenehm. Vielmehr schrieben ihr diejenigen, die mit ihr umgingen, gewoehnlich einen schoenen Verstand zu: denn sie war, was ich mit einem Worte eine Anempfinderin nennen moechte; sie wusste einem Freunde, um dessen Achtung ihr zu tun war, mit einer besondern Aufmerksamkeit zu schmeicheln, in seine Ideen so lange als moeglich einzugehen, sobald sie aber ganz ueber ihren Horizont waren, mit Ekstase eine solche neue Erscheinung aufzunehmen. Sie verstand zu sprechen und zu schweigen und, ob sie gleich kein tueckisches Gemuet hatte, mit grosser Vorsicht aufzupassen, wo des andern schwache Seite sein moechte.

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