Italienische Reise— Volume 1

Contents:
Author: Johann Wolfgang von Goethe

Sizilien

Seefahrt, Donnerstag, den 29. Maerz.

Nicht wie bei dem letzten Abgange des Paketboots wehte diesmal ein foerderlicher frischer Nordost, sondern leider von der Gegenseite ein lauer Suedwest, der allerhinderlichste; und so erfuhren wir denn, wie der Seefahrer vom Eigensinne des Wetters und Windes abhaengt. Ungeduldig verbrachten wir den Morgen bald am Ufer, bald im Kaffeehaus; endlich bestiegen wir zu Mittag das Schiff und genossen beim schoensten Wetter des herrlichsten Anblicks. Unfern vom Molo lag die Korvette vor Anker. Bei klarer Sonne eine dunstreiche Atmosphaere, daher die beschatteten Felsenwaende von Sorrent vom schoensten Blau. Das beleuchtete, lebendige Neapel glaenzte von allen Farben. Erst mit Sonnenuntergang bewegte sich das Schiff, jedoch nur langsam, von der Stelle, der Widerwind schob uns nach dem Posilipo und dessen Spitze hinueber. Die ganze Nacht ging das Schiff ruhig fort. Es war in Amerika gebaut, schnellsegelnd, inwendig mit artigen Kaemmerchen und einzelnen Lagerstaetten eingerichtet. Die Gesellschaft anstaendig munter: Operisten und Taenzer, nach Palermo verschrieben.

Freitag, den 30. Maerz

Bei Tagesanbruch fanden wir uns zwischen Ischia und Capri, ungefaehr von letzterem eine Meile. Die Sonne ging hinter den Gebirgen von Capri und Capo Minerva herrlich auf. Kniep zeichnete fleissig die Umrisse der Kuesten und Inseln und ihre verschiedenen Ansichten; die langsame Fahrt kam seiner Bemuehung zustatten. Wir setzten mit schwachem und halbem Winde unsern Weg fort. Der Vesuv verlor sich gegen vier Uhr aus unsern Augen, als Capo Minerva und Ischia noch gesehen wurden. Auch diese verloren sich gegen Abend. Die Sonne ging unter ins Meer, begleitet von Wolken und einem langen, meilenweit reichenden Streifen, alles purpurglaenzende Lichter. Auch dieses Phaenomen zeichnete Kniep. Nun war kein Land mehr zu sehen, der Horizont ringsum ein Wasserkreis, die Nacht hell und schoener Mondschein.

Schiff vor Capri. Zeichnung von Kniep

Ich hatte doch dieser herrlichen Ansichten nur Augenblicke geniessen koennen, die Seekrankheit ueberfiel mich bald. Ich begab mich in meine Kammer, waehlte die horizontale Lage, enthielt mich ausser weissem Brot und rotem Wein aller Speisen und Getraenke und fuehlte mich ganz behaglich. Abgeschlossen von der aeussern Welt, liess ich die innere walten, und da eine langsame Fahrt vorauszusehen war, gab ich mir gleich zu bedeutender Unterhaltung ein starkes Pensum auf. Die zwei ersten Akte des "Tasso", in poetischer Prosa geschrieben, hatte ich von allen Papieren allein mit ueber See genommen. Diese beiden Akte, in Absicht auf Plan und Gang ungefaehr den gegenwaertigen gleich, aber schon vor zehn Jahren geschrieben, hatten etwas Weichliches, Nebelhaftes, welches sich bald verlor, als ich nach neueren Ansichten die Form verwalten und den Rhythmus eintreten liess.

Sonnabend, den 31. Maerz.

Die Sonne tauchte klar aus dem Meere herauf. Um sieben Uhr erreichten wir ein franzoesisches Schiff, welches zwei Tage vor uns abgegangen war; um so viel besser segelten wir, und doch sahen wir noch nicht das Ende unserer Fahrt. Einigen Trost gab uns die Insel Ustica, doch leider zur Linken, da wir sie eben, wie auch Capri, haetten rechts lassen sollen. Gegen Mittag war uns der Wind ganz zuwider, und wir kamen nicht von der Stelle. Das Meer fing an, hoeher zu gehen, und im Schiffe war fast alles krank.

Ich blieb in meiner gewohnten Lage, das ganze Stueck ward um und um, durch und durch gedacht. Die Stunden gingen vorueber, ohne dass ich ihre Einteilung bemerkt haette, wenn nicht der schelmische Kniep, auf dessen Appetit die Wellen keinen Einfluss hatten, von Zeit zu Zeit, indem er mir Wein und Brot brachte, die treffliche Mittagstafel, die Heiterkeit und Anmut des jungen tuechtigen Kapitaens, dessen Bedauern, dass ich meine Portion nicht mitgeniesse, zugleich schadenfroh geruehmt haette. Ebenso gab ihm der uebergang von Scherz und Lust zu Missbehagen und Krankheit und wie sich dieses bei einzelnen Gliedern der Gesellschaft gezeigt, reichen Stoff zu mutwilliger Schilderung.

Nachmittags vier Uhr gab der Kapitaen dem Schiff eine andere Richtung. Die grossen Segel wurden wieder aufgezogen und unsere Fahrt gerade auf die Insel Ustica gerichtet, hinter welcher wir zu grosser Freude die Berge von Sizilien erblickten. Der Wind besserte sich, wir fuhren schneller auf Sizilien los, auch kamen uns noch einige Inseln zu Gesichte. Der Sonnenuntergang war truebe, das Himmelslicht hinter Nebel versteckt. Den ganzen Abend ziemlich guenstiger Wind. Gegen Mitternacht fing das Meer an, sehr unruhig zu werden.

Sonntag, den 1. April.

Um drei Uhr morgens heftiger Sturm. Im Schlaf und Halbtraum setzte ich meine dramatischen Plane fort, indessen auf dem Verdeck grosse Bewegung war. Die Segel mussten eingenommen werden, das Schiff schwebte auf den hohen Fluten. Gegen Anbruch des Tages legte sich der Sturm, die Atmosphaere klaerte sich auf. Nun lag die Insel Ustica voellig links. Eine grosse Schildkroete zeigte man uns in der Weite schwimmend, durch unsere Fernroehre als ein lebendiger Punkt wohl zu erkennen. Gegen Mittag konnten wir die Kueste Siziliens mit ihren Vorgebirgen und Buchten ganz deutlich unterscheiden, aber wir waren sehr unter den Wind gekommen, wir lavierten an und ab. Gegen Nachmittag waren wir dem Ufer naeher. Die westliche Kueste vom Lilybaeischen Vorgebirge bis Capo Gallo sahen wir ganz deutlich, bei heiterem Wetter und hell scheinender Sonne.

Eine Gesellschaft von Delphinen begleitete das Schiff an beiden Seiten des Vorderteils und schossen immer voraus. Es war lustig anzusehen, wie sie bald, von den klaren durchscheinenden Wellen ueberdeckt, hinschwammen, bald mit ihren Rueckenstacheln und Flossfedern, gruen—und goldspielenden Seiten sich ueber dem Wasser springend bewegten.

Da wir weit unter dem Winde waren, fuhr der Kapitaen gerade auf eine Bucht zu, gleich hinter Capo Gallo. Kniep versaeumte die schoene Gelegenheit nicht, die mannigfaltigsten Ansichten ziemlich im Detail zu zeichnen. Mit Sonnenuntergang wendete der Kapitaen das Schiff wieder dem hohen Meer zu und fuhr nordostwaerts, um die Hoehe von Palermo zu erreichen. Ich wagte mich manchmal aufs Verdeck, doch liess ich meinen dichterischen Vorsatz nicht aus dem Sinne, und ich war des ganzen Stuecks so ziemlich Herr geworden. Bei trueblichem Himmel heller Mondschein, der Widerschein auf dem Meer unendlich schoen. Die Maler, um der Wirkung willen, lassen uns oft glauben, der Widerschein der Himmelslichter im Wasser habe zunaechst dem Beschauer die groesste Breite, wo er die groesste Energie hat. Hier aber sah man am Horizont den Widerschein am breitesten, der sich wie eine zugespitzte Pyramide zunaechst am Schiff in blinkenden Wellen endigte. Der Kapitaen veraenderte die Nacht noch einigemal das Manoever.

Montag, den 2. April, frueh 8 Uhr,

fanden wir uns Palermo gegenueber. Dieser Morgen erschien fuer mich hoechst erfreulich. Der Plan meines Dramas war diese Tage daher im Walfischbauch ziemlich gediehen. Ich befand mich wohl und konnte nun auf dem Verdeck die Kuesten Siziliens mit Aufmerksamkeit betrachten. Kniep zeichnete emsig fort, und durch seine gewandte Genauigkeit wurden mehrere Streifen Papier zu einem sehr schaetzbaren Andenken dieses verspaeteten Landens.

Palermo, Montag, den 2. April 1787

Endlich gelangten wir mit Not und Anstrengung nachmittags um drei Uhr in den Hafen, wo uns ein hoechst erfreulicher Anblick entgegentrat. Voellig hergestellt, wie ich war, empfand ich das groesste Vergnuegen. Die Stadt gegen Norden gekehrt, am Fuss hoher Berge liegend; ueber ihr, der Tageszeit gemaess, die Sonne herueberscheinend. Die klaren Schattenseiten aller Gebaeude sahen uns an, vom Widerschein erleuchtet. Monte Pellegrino rechts, seine zierlichen Formen im vollkommensten Lichte, links das weit hingestreckte Ufer mit Buchten, Landzungen und Vorgebirgen. Was ferner eine allerliebste Wirkung hervorbrachte, war das junge Gruen zierlicher Baeume, deren Gipfel, von hinten erleuchtet, wie grosse Massen vegetabilischer Johanniswuermer vor den dunkeln Gebaeuden hin und wider wogten. Ein klarer Duft blaute alle Schatten.

Anstatt ungeduldig ans Ufer zu eilen, blieben wir auf dem Verdeck, bis man uns wegtrieb; wo haetten wir einen gleichen Standpunkt, einen so gluecklichen Augenblick so bald wieder hoffen koennen!

Durch die wunderbare, aus zwei ungeheuern Pfeilern bestehende Pforte, die oben nicht geschlossen sein darf, damit der turmhohe Wagen der heiligen Rosalia an dem beruehmten Feste durchfahren koenne, fuehrte man uns in die Stadt und sogleich links in einen grossen Gasthof. Der Wirt, ein alter behaglicher Mann, von jeher Fremde aller Nationen zu sehen gewohnt, fuehrte uns in ein grosses Zimmer, von dessen Balkon wir das Meer und die Reede, den Rosalienberg und das Ufer ueberschauten, auch unser Schiff erblickten und unsern ersten Standpunkt beurteilen konnten. UEber die Lage unseres Zimmers hoechst vergnuegt, bemerkten wir kaum, dass im Grunde desselben ein erhoehter Alkoven hinter Vorhaengen versteckt sei, wo sich das weitlaeuftigste Bett ausbreitete, das, mit einem seidenen Thronhimmel prangend, mit den uebrigen veralteten stattlichen Mobilien voellig uebereinstimmte. Ein solches Prunkgemach setzte uns gewissermassen in Verlegenheit, wir verlangten, herkoemmlicherweise Bedingungen abzuschliessen. Der Alte sagte dagegen, es beduerfe keiner Bedingung, er wuensche, dass es uns bei ihm wohl gefalle. Wir sollten uns auch des Vorsaals bedienen, welcher, kuehl und luftig, durch mehrere Balkone lustig, gleich an unser Zimmer stiess.

Wir vergnuegten uns an der unendlich mannigfaltigen Aussicht und suchten sie im einzelnen zeichnerisch und malerisch zu entwickeln, denn hier konnte man grenzenlos eine Ernte fuer den Kuenstler ueberschauen.

Der helle Mondschein lockte uns des Abends noch auf die Reede und hielt nach der Rueckkehr uns noch eine lange Zeit auf dem Altan. Die Beleuchtung war sonderbar, Ruhe und Anmut gross.

Palermo, Dienstag, den 3. April 1787

Unser erstes war, die Stadt naeher zu betrachten, die sehr leicht zu ueberschauen und schwer zu kennen ist, leicht, weil eine meilenlange Strasse vom untern zum obern Tor, vom Meere bis gegen das Gebirg’ sie durchschneidet und diese ungefaehr in der Mitte von einer andern abermals durchschnitten wird: was auf diesen Linien liegt, ist bequem zu finden; das Innere der Stadt hingegen verwirrt den Fremden, und er entwirrt sich nur mit Huelfe eines Fuehrers in diesem Labyrinthe.

Gegen Abend schenkten wir unsere Aufmerksamkeit der Kutschenreihe der bekannten Fahrt vornehmerer Personen, welche sich zur Stadt hinaus auf die Reede begaben, um frische Luft zu schoepfen, sich zu unterhalten und allenfalls zu kourtoisieren.

Zwei Stunden vor Nacht war der Vollmond eingetreten und verherrlichte den Abend unaussprechlich. Die Lage von Palermo gegen Norden macht, dass sich Stadt und Ufer sehr wundersam gegen die grossen Himmelslichter verhaelt, deren Widerschein man niemals in den Wellen erblickt. Deswegen wir auch heute an dem heitersten Tage das Meer dunkelblau, ernsthaft und zudringlich fanden, anstatt dass es bei Neapel von der Mittagsstunde an immer heiterer, lustiger und ferner glaenzt.

Kniep hatte mich schon heute manchen Weg und manche Betrachtung allein machen lassen, um einen genauen Kontur des Monte Pellegrino zu nehmen, des schoensten aller Vorgebirge der Welt.

Palermo, den 3. April 1787.

Hier noch einiges zusammenfassend, nachtraeglich und vertraulich:

Wir fuhren Donnerstag, den 29. Maerz, mit Sonnenuntergang von Neapel und landeten erst nach vier Tagen um drei Uhr im Hafen von Palermo. Ein kleines Diarium, das ich beilege, erzaehlt ueberhaupt unsere Schicksale. Ich habe nie eine Reise so ruhig angetreten als diese, habe nie eine ruhigere Zeit gehabt als auf der durch bestaendigen Gegenwind sehr verlaengerten Fahrt, selbst auf dem Bette im engen Kaemmerchen, wo ich mich die ersten Tage halten musste, weil mich die Seekrankheit stark angriff. Nun denke ich ruhig zu euch hinueber; denn wenn irgend etwas fuer mich entscheidend war, so ist es diese Reise.

Hat man sich nicht ringsum vom Meere umgeben gesehen, so hat man keinen Begriff von Welt und von seinem Verhaeltnis zur Welt. Als Landschaftszeichner hat mir diese grosse, simple Linie ganz neue Gedanken gegeben.

Wir haben, wie das Diarium ausweist, auf dieser kurzen Fahrt mancherlei Abwechslungen und gleichsam die Schicksale der Seefahrer im kleinen gehabt. UEbrigens ist die Sicherheit und Bequemlichkeit des Paketboots nicht genug zu loben. Der Kapitaen ist ein sehr braver und recht artiger Mann. Die Gesellschaft war ein ganzes Theater, gutgesittet, leidlich und angenehm. Mein Kuenstler, den ich bei mir habe, ist ein munterer, treuer, guter Mensch, der mit der groessten Akkuratesse zeichnet; er hat alle Inseln und Kuesten, wie sie sich zeigten, umrissen; es wird euch grosse Freude machen, wenn ich alles mitbringe. UEbrigens hat er mir, die langen Stunden der ueberfahrt zu verkuerzen, das Mechanische der Wasserfarbenmalerei (Aquarell), die man in Italien jetzt sehr hoch getrieben hat, aufgeschrieben. Versteht sich den Gebrauch gewisser Farben, um gewisse Toene hervorzubringen, an denen man sich, ohne das Geheimnis zu wissen, zu Tode mischen wuerde. Ich hatte wohl in Rom manches davon erfahren, aber niemals im Zusammenhange. Die Kuenstler haben es in einem Lande ausstudiert wie Italien, wie dieses ist. Mit keinen Worten ist die dunstige Klarheit auszudruecken, die um die Kuesten schwebte, als wir am schoensten Nachmittage gegen Palermo anfuhren. Die Reinheit der Konture, die Weichheit des Ganzen, das Auseinanderweichen der Toene, die Harmonie von Himmel, Meer und Erde. Wer es gesehen hat, der hat es auf sein ganzes Leben. Nun versteh’ ich erst die Claude Lorrains und habe Hoffnung, auch dereinst in Norden aus meiner Seele Schattenbilder dieser gluecklichen Wohnung hervor—3zubringen. Waere nur alles Kleinliche so rein daraus weggewaschen als die Kleinheit der Strohdaecher aus meinen Zeichenbegriffen. Wir wollen sehen, was diese Koenigin der Inseln tun kann.

Hafen. Gemaelde von Claude Lorrain

Wie sie uns empfangen hat, habe ich keine Worte auszudruecken: mit frischgruenenden Maulbeerbaeumen, immergruenendem Oleander, Zitronenhecken etc. In einem oeffentlichen Garten stehn weite Beete von Ranunkeln und Anemonen. Die Luft ist mild, warm und wohlriechend, der Wind lau. Der Mond ging dazu voll hinter einem Vorgebirge herauf und schien ins Meer; und diesen Genuss, nachdem man vier Tage und Naechte auf den Wellen geschwebt! Verzeiht, wenn ich mit einer stumpfen Feder aus einer Tuschmuschel, aus der mein Gefaehrte die Umrisse nachzieht, dieses hinkritzle. Es kommt doch wie ein Lispeln zu euch hinueber, indes ich allen, die mich lieben, ein ander Denkmal dieser meiner gluecklichen Stunden bereite. Was es wird, sag’ ich nicht, wann ihr es erhaltet, kann ich auch nicht sagen.

Palermo, Dienstag, den 3. April 1787.

Dieses Blatt sollte nun, meine Geliebten, euch des schoensten Genusses, insofern es moeglich waere, teilhaft machen; es sollte die Schilderung der unvergleichlichen, eine grosse Wassermasse umfassenden Bucht ueberliefern. Von Osten herauf, wo ein flaecheres Vorgebirg weit in die See greift, an vielen schroffen, wohlgebildeten, waldbewachsenen Felsen hin bis an die Fischerwohnungen der Vorstaedte herauf, dann an der Stadt selbst her, deren aeussere Haeuser alle nach dem Hafen schauen, wie unsere Wohnung auch, bis zu dem Tore, durch welches wir hereinkamen.

Dann geht es westwaerts weiter fort an den gewoehnlichen Landungsplatz, wo kleinere Schiffe anlegen, bis zu dem eigentlichen Hafen an den Molo, die Station groesserer Schiffe. Da erhebt sich nun, saemtliche Fahrzeuge zu schuetzen, in Westen der Monte Pellegrino in seinen schoenen Formen, nachdem er ein liebliches, fruchtbares Tal, das sich bis zum jenseitigen Meer erstreckt, zwischen sich und dem eigentlichen festen Land gelassen.

Die Bucht von Palermo. Zeichnung von Goethe

Kniep zeichnete, ich schematisierte, beide mit grossem Genuss, und nun, da wir froehlich nach Hause kommen, fuehlen wir beide weder Kraefte noch Mut, zu wiederholen und auszufuehren. Unsere Entwuerfe muessen also fuer kuenftige Zeiten liegenbleiben, und dieses Blatt gibt euch bloss ein Zeugnis unseres Unvermoegens, diese Gegenstaende genugsam zu fassen, oder vielmehr unserer Anmassung, sie in so kurzer Zeit erobern und beherrschen zu wollen.

Palermo, Mittwoch, den 4. April 1787.

Nachmittags besuchten wir das fruchtreiche und angenehme Tal, welches die suedlichen Berge herab an Palermo vorbeizieht, durchschlaengelt von dem Fluss Oreto. Auch hier wird ein malerisches Auge und eine geschickte Hand gefordert, wenn ein Bild soll gefunden werden, und doch erhaschte Kniep einen Standpunkt, da, wo das gestemmte Wasser von einem halbzerstoerten Wehr herunterfliesst, beschattet von einer froehlichen Baumgruppe, dahinter das Tal hinaufwaerts die freie Aussicht und einige landwirtschaftliche Gebaeude.

Die schoenste Fruehlingswitterung und eine hervorquellende Fruchtbarkeit verbreitete das Gefuehl eines belebenden Friedens ueber das ganze Tal, welches mir der ungeschickte Fuehrer durch seine Gelehrsamkeit verkuemmerte, umstaendlich erzaehlend, wie Hannibal hier vormals eine Schlacht geliefert und was fuer ungeheure Kriegstaten an dieser Stelle geschehen. Unfreundlich verwies ich ihm das fatale Hervorrufen solcher abgeschiedenen Gespenster. Es sei schlimm genug, meinte ich, dass von Zeit zu Zeit die Saaten, wo nicht immer von Elefanten, doch von Pferden und Menschen zerstampft werden muessten. Man solle wenigstens die Einbildungskraft nicht mit solchem Nachgetuemmel aus ihrem friedlichen Traume aufschrecken.

Er verwunderte sich sehr, dass ich das klassische Andenken an so einer Stelle verschmaehte, und ich konnte ihm freilich nicht deutlich machen, wie mir bei einer solchen Vermischung des Vergangenen und des Gegenwaertigen zumute sei.

Noch wunderlicher erschien ich diesem Begleiter, als ich auf allen seichten Stellen, deren der Fluss gar viele trocken laesst, nach Steinchen suchte und die verschiedenen Arten derselben mit mir forttrug. Ich konnte ihm abermals nicht erklaeren, dass man sich von einer gebirgigen Gegend nicht schneller einen Begriff machen kann, als wenn man die Gesteinsarten untersucht, die in den Baechen herabgeschoben werden, und dass hier auch die Aufgabe sei, durch Truemmer sich eine Vorstellung von jenen ewig klassischen Hoehen des Erdaltertums zu verschaffen.

Auch war meine Ausbeute aus diesem Flusse reich genug, ich brachte beinahe vierzig Stuecke zusammen, welche sich freilich in wenige Rubriken unterordnen liessen. Das meiste war eine Gebirgsart, die man bald fuer Jaspis oder Hornstein, bald fuer Tonschiefer ansprechen konnte. Ich fand sie teils in abgerundeten, teils unfoermigen Geschieben, teils rhombisch gestaltet, von vielerlei Farben. Ferner kamen viele Abaenderungen des aeltern Kalkes vor, nicht weniger Breccien, deren Bindemittel Kalk, die verbundenen Steine aber bald Jaspis, bald Kalk waren. Auch fehlte es nicht an Geschieben von Muschelkalk.

Die Pferde fuettern sie mit Gerste, Haeckerling und Kleien; im Fruehjahr geben sie ihnen geschosste gruene Gerste, um sie zu erfrischen, per rinfrescar, wie sie es nennen. Da sie keine Wiesen haben, fehlt es an Heu. Auf den Bergen gibt es einige Weide, auch auf den aeckern, da ein Drittel als Brache liegenbleibt. Sie halten wenig Schafe, deren Rasse aus der Barbarei kommt, ueberhaupt auch mehr Maultiere als Pferde, weil jenen die hitzige Nahrung besser bekommt als diesen.

Die Plaine, worauf Palermo liegt, sowie ausser der Stadt die Gegend Ai Colli, auch ein Teil der Bagaria, hat im Grunde Muschelkalk woraus die Stadt gebaut ist, daher man denn auch grosse Steinbrueche in diesen Lagen findet. In der Naehe von Monte Pellegrino sind sie an einer Stelle ueber funfzig Fuss tief. Die untern Lager sind weisser von Farbe. Man findet darin viel versteinte Korallen und Schaltiere, vorzueglich grosse Pilgermuscheln. Das obere Lager ist mit rotem Ton gemischt und enthaelt wenig oder gar keine Muscheln. Ganz obenauf liegt roter Ton, dessen Lage jedoch nicht stark ist. Der Monte Pellegrino hebt sich aus allem diesem hervor; er ist ein aelterer Kalk, hat viele Loecher und Spaltungen, welche, genau betrachtet, obgleich sehr unregelmaessig, sich doch nach der Ordnung der Baenke richten. Das Gestein ist fest und klingend.

Palermo, Donnerstag, den 5. April 1787.

Wir gingen die Stadt im besondern durch. Die Bauart gleicht meistens der von Neapel, doch stehen oeffentliche Monumente, z. B. Brunnen, noch weiter entfernt vom guten Geschmack. Hier ist nicht wie in Rom ein Kunstgeist, welcher die Arbeit regelt; nur von Zufaelligkeiten erhaelt das Bauwerk Gestalt und Dasein. Ein von dem ganzen Inselvolke angestaunter Brunnen existierte schwerlich, wenn es in Sizilien nicht schoenen, bunten Marmor gaebe, und wenn nicht gerade ein Bildhauer, geuebt in Tiergestalten, damals Gunst gehabt haette. Es wird schwerhalten, diesen Brunnen zu beschreiben. Auf einem maessigen Platze steht ein rundes architektonisches Werk, nicht gar stockhoch, Sockel, Mauer und Gesims von farbigem Marmor; in die Mauer sind in einer Flucht mehrere Nischen angebracht, aus welchen, von weissem Marmor gebildet, alle Arten Tierkoepfe auf gestreckten Haelsen herausschauen: Pferd, Loewe, Kamel, Elefant wechseln miteinander ab, und man erwartete kaum hinter dem Kreise dieser Menagerie einen Brunnen, zu welchem von vier Seiten durch gelassene Luecken marmorne Stufen hinauffuehren, um das reichlich gespendete Wasser schoepfen zu lassen.

Etwas aehnliches ist es mit den Kirchen, wo die Prachtliebe der Jesuiten noch ueberboten ward, aber nicht aus Grundsatz und Absicht, sondern zufaellig, wie allenfalls ein gegenwaertiger Handwerker, Figuren—oder Laubschnitzer Vergolder, Lackierer und Marmorierer gerade das, was er vermochte, ohne Geschmack und Leitung an gewissen Stellen anbringen wollte.

Dabei findet man eine Faehigkeit, natuerliche Dinge nachzuahmen, wie denn z. B. jene Tierkoepfe gut genug gearbeitet sind. Dadurch wird freilich die Bewunderung der Menge erregt, deren ganze Kunstfreude darin besteht, dass sie das Nachgebildete mit dem Urbilde vergleichbar findet.

Gegen Abend machte ich eine heitere Bekanntschaft, indem ich auf der langen Strasse bei einem kleinen Handelsmanne eintrat, um verschiedene Kleinigkeiten einzukaufen. Als ich vor dem Laden stand, die Ware zu besehen, erhob sich ein geringer Luftstoss, welcher, laengs der Strasse herwirbelnd, einen unendlichen erregten Staub in alle Buden und Fenster sogleich verteilte. "Bei allen Heiligen! sagt mir", rief ich aus, "woher kommt die Unreinlichkeit eurer Stadt, und ist derselben denn nicht abzuhelfen? Diese Strasse wetteifert an Laenge und Schoenheit mit dem Corso zu Rom. An beiden Seiten Schrittsteine, die jeder Laden—und Werkstattbesitzer mit unablaessigem Kehren reinlich haelt, indem er alles in die Mitte hinunterschiebt, welche dadurch nur immer unreinlicher wird und euch mit jedem Windshauch den Unrat zuruecksendet, den ihr der Hauptstrasse zugewiesen habt. In Neapel tragen geschaeftige Esel jeden Tag das Kehricht nach Gaerten und Feldern, sollte denn bei euch nicht irgendeine aehnliche Einrichtung entstehen oder getroffen werden?"

"Es ist bei uns nun einmal, wie es ist", versetzte der Mann; "was wir aus dem Hause werfen, verfault gleich vor der Tuere uebereinander. Ihr seht hier Schichten von Stroh und Rohr, von Kuechenabgaengen und allerlei Unrat, das trocknet zusammen auf und kehrt als Staub zu uns zurueck. Gegen den wehren wir uns den ganzen Tag. Aber seht, unsere schoenen, geschaeftigen, niedlichen Besen vermehren, zuletzt abgestumpft, nur den Unrat vor unsern Haeusern."

Und lustig genommen, war es wirklich an dem. Sie haben niedliche Beschen von Zwergpalmen, die man mit weniger Abaenderung zum Faecherdienst eignen koennte, sie schleifen sich leicht ab, und die stumpfen liegen zu Tausenden in der Strasse. Auf meine wiederholte Frage, ob dagegen keine Anstalt zu treffen sei, erwiderte er, die Rede gehe im Volke, dass gerade die, welche fuer Reinlichkeit zu sorgen haetten, wegen ihres grossen Einflusses nicht genoetigt werden koennten, die Gelder pflichtmaessig zu verwenden, und dabei sei noch der wunderliche Umstand, dass man fuerchte, nach weggeschafftem misthaftem Gestroehde werde erst deutlich zum Vorschein kommen, wie schlecht das Pflaster darunter beschaffen sei, wodurch denn abermals die unredliche Verwaltung einer andern Kasse zutage kommen wuerde. Das alles aber sei, setzte er mit possierlichem Ausdruck hinzu, nur Auslegung von uebelgesinnten, er aber von der Meinung derjenigen, welche behaupten, der Adel erhalte seinen Karossen diese weiche Unterlage, damit sie des Abends ihre herkoemmliche Lustfahrt auf elastischem Boden bequem vollbringen koennten. Und da der Mann einmal im Zuge war, bescherzte er noch mehrere Polizeimissbraeuche, mir zu troestlichem Beweis, dass der Mensch noch immer Humor genug hat, sich ueber das Unabwendbare lustig zu machen.

Palermo, den 6. April 1787.

Die heilige Rosalie, Schutzpatronin von Palermo, ist durch die Beschreibung, welche Brydone von ihrem Feste gegeben 5 hat, so allgemein bekannt geworden, dass es den Freunden gewiss angenehm sein muss, etwas von dem Orte und der Stelle, wo sie besonders verehrt wird, zu lesen.

Der Monte Pellegrino, eine grosse Felsenmasse, breiter als hoch, liegt an dem nordwestlichen Ende des Golfs von Palermo. Seine schoene Form laesst sich mit Worten nicht beschreiben; eine unvollkommene Abbildung davon findet sich in dem "Voyage pittoresque de la Sicile". Er bestehet aus einem grauen Kalkstein der frueheren Epoche. Die Felsen sind ganz nackt, kein Baum, kein Strauch waechst auf ihnen, kaum, dass die flachliegenden Teile mit etwas Rasen und Moos bedeckt sind.

In einer Hoehle dieses Berges entdeckte man zu Anfang des vorigen Jahrhunderts die Gebeine der Heiligen und brachte sie nach Palermo. Ihre Gegenwart befreite die Stadt von der Pest, und Rosalie war seit diesem Augenblicke die Schutzheilige des Volks; man baute ihr Kapellen und stellte ihr zu Ehren glaenzende Feierlichkeiten an.

Pferderennen beim Fest der hl. Rosalia in Palermo. Kupferstich nach Desprez

Die Andaechtigen wallfahrteten fleissig auf den Berg, und man erbaute mit grossen Kosten einen Weg, der wie eine Wasserleitung auf Pfeilern und Bogen ruht und in einem Zickzack zwischen zwei Klippen hinaufsteigt.

Der Andachtsort selbst ist der Demut der Heiligen, welche sich dahin fluechtete, angemessener als die praechtigen Feste, welche man ihrer voelligen Entaeusserung von der Welt zu Ehren anstellte. Und vielleicht hat die ganze Christenheit, welche nun achtzehnhundert Jahre ihren Besitz, ihre Pracht, ihre feierlichen Lustbarkeiten auf das Elend ihrer ersten Stifter und eifrigsten Bekenner gruendet, keinen heiligen Ort aufzuweisen, der auf eine so unschuldige und gefuehlvolle Art verziert und verehrt waere.

Wenn man den Berg erstiegen hat, wendet man sich um eine Felsenecke, wo man einer steilen Felswand nah gegenueber steht, an welcher die Kirche und das Kloster gleichsam festgebaut sind.

Die Aussenseite der Kirche hat nichts Einladendes noch Versprechendes; man eroeffnet die Tuere ohne Erwartung, wird aber auf das wunderbarste ueberrascht, indem man hineintritt. Man befindet sich unter einer Halle, welche in der Breite der Kirche hinlaeuft und gegen das Schiff zu offen ist. Man sieht in derselben die gewoehnlichen Gefaesse mit Weihwasser und einige Beichtstuehle. Das Schiff der Kirche ist ein offner Hof, der an der rechten Seite von rauhen Felsen, auf der linken von einer Kontinuation der Halle zugeschlossen wird. Er ist mit Steinplatten etwas abhaengig belegt, damit das Regenwasser ablaufen kann; ein kleiner Brunnen steht ungefaehr in der Mitte.

Die Hoehle selbst ist zum Chor umgebildet, ohne dass man ihr von der natuerlichen rauhen Gestalt etwas genommen haette. Einige Stufen fuehren hinauf: gleich steht der grosse Pult mit dem Chorbuche entgegen, auf beiden Seiten die Chorstuehle. Alles wird von dem aus dem Hofe oder Schiff einfallenden Tageslicht erleuchtet. Tief hinten in dem Dunkel der Hoehle steht der Hauptaltar in der Mitte.

Man hat, wie schon gesagt, an der Hoehle nichts veraendert; allein da die Felsen immer von Wasser traeufeln, war es noetig, den Ort trocken zu halten. Man hat dieses durch bleierne Rinnen bewirkt, welche man an den Kanten der Felsen hergefuehrt und verschiedentlich miteinander verbunden hat. Da sie oben breit sind und unten spitz zulaufen, auch mit einer schmutzig gruenen Farbe angestrichen sind, so sieht es fast aus, als wenn die Hoehle inwendig mit grossen Kaktusarten bewachsen waere. Das Wasser wird teils seitwaerts, teils hinten in einen klaren Behaelter geleitet, woraus es die Glaeubigen schoepfen und gegen allerlei uebel gebrauchen.

Da ich diese Gegenstaende genau betrachtete, trat ein Geistlicher zu mir und fragte mich, ob ich etwa ein Genueser sei und einige Messen wollte lesen lassen. Ich versetzte ihm darauf, ich sei mit einem Genueser nach Palermo gekommen, welcher morgen als an einem Festtage heraufsteigen wuerde. Da immer einer von uns zu Hause bleiben muesste, waere ich heute heraufgegangen, mich umzusehen. Er versetzte darauf, ich moechte mich aller Freiheit bedienen, alles wohl betrachten und meine Devotion verrichten. Besonders wies er mich an einen Altar, der links in der Hoehle stand, als ein besonderes Heiligtum und verliess mich.

Ich sah durch die oeffnungen eines grossen, aus Messing getriebenen Laubwerks Lampen unter dem Altar hervorschimmern, kniete ganz nahe davor hin und blickte durch die oeffnungen. Es war inwendig noch ein Gitterwerk von feinem geflochtenem Messingdraht vorgezogen, so dass man nur wie durch einen Flor den Gegenstand dahinter unterscheiden konnte.

Ein schoenes Frauenzimmer erblickt’ ich bei dem Schein einiger stillen Lampen.

Sie lag wie in einer Art von Entzueckung, die Augen halb geschlossen, den Kopf nachlaessig auf die rechte Hand gelegt, die mit vielen Ringen geschmueckt war. Ich konnte das Bild nicht genug betrachten; es schien mir ganz besondere Reize zu haben. Ihr Gewand ist aus einem vergoldeten Blech getrieben, welches einen reich von Gold gewirkten Stoff gar gut nachahmt. Kopf und Haende, von weissem Marmor, sind, ich darf nicht sagen in einem hohen Stil, aber doch so natuerlich und gefaellig gearbeitet, dass man glaubt, sie muesste Atem holen und sich bewegen.

Ein kleiner Engel steht neben ihr und scheint ihr mit einem Lilienstengel Kuehlung zuzuwehen.

Unterdessen waren die Geistlichen in die Hoehle gekommen, hatten sich auf ihre Stuehle gesetzt und sangen die Vesper.

Ich setzte mich auf eine Bank gegen dem Altar ueber und hoerte ihnen eine Weile zu; alsdann begab ich mich wieder zum Altare, kniete nieder und suchte das schoene Bild der Heiligen noch deutlicher gewahr zu werden. Ich ueberliess mich ganz der reizenden Illusion der Gestalt und des Ortes.

Der Gesang der Geistlichen verklang nun in der Hoehle, das Wasser rieselte in das Behaeltnis gleich neben dem Altare zusammen, die ueberhangenden Felsen des Vorhofs, des eigentlichen Schiffs der Kirche, schlossen die Szene noch mehr ein. Es war eine grosse Stille in dieser gleichsam wieder ausgestorbenen Wueste, eine grosse Reinlichkeit in einer wilden Hoehle; der Flitterputz des katholischen, besonders sizilianischen Gottesdienstes, hier noch zunaechst seiner natuerlichen Einfalt; die Illusion, welche die Gestalt der schoenen Schlaeferin hervorbraechte, auch einem geuebten Auge noch reizend—genug, ich konnte mich nur mit Schwierigkeit von diesem Orte losreissen und kam erst in spaeter Nacht wieder in Palermo an.

Palermo, Sonnabend, den 7. April 1787.

In dem oeffentlichen Garten unmittelbar an der Reede brachte ich im stillen die vergnuegtesten Stunden zu. Es ist der wunderbarste Ort von der Welt. Regelmaessig angelegt, scheint er uns doch feenhaft; vor nicht gar langer Zeit gepflanzt, versetzt er ins Altertum. Gruene Beeteinfassungen umschliessen fremde Gewaechse, Zitronenspaliere woelben sich zum niedlichen Laubengange, hohe Waende des Oleanders, geschmueckt von tausend roten nelkenhaften Blueten, locken das Auge. Ganz fremde, mir unbekannte Baeume, noch ohne Laub, wahrscheinlich aus waermern Gegenden, verbreiten seltsame Zweige. Eine hinter dem flachen Raum erhoehte Bank laesst einen so wundersam verschlungenen Wachstum uebersehen und lenkt den Blick zuletzt auf grosse Bassins, in welchen Gold—und Silberfische sich gar lieblich bewegen, bald sich unter bemooste Roehren verbergen, bald wieder scharenweise durch einen Bissen Brot gelockt, sich versammeln. An den Pflanzen erscheint durchaus ein Gruen, das wir nicht gewohnt sind, bald gelblicher, bald blaulicher als bei uns. Was aber dem Ganzen die wundersamste Anmut verlieh, war ein starker Duft, der sich ueber alles gleichfoermig verbreitete, mit so merklicher Wirkung, dass die Gegenstaende, auch nur einige Schritte hintereinander entfernt, sich entschiedener hellblau voneinander absetzten, so dass ihre eigentuemliche Farbe zuletzt verlorenging, oder wenigstens sehr ueberblaeut sie sich dem Auge darstellten.

Welche wundersame Ansicht ein solcher Duft entfernteren Gegenstaenden, Schiffen, Vorgebirgen erteilt, ist fuer ein malerisches Auge merkwuerdig genug, indem die Distanzen genau zu unterscheiden, ja zu messen sind; deswegen auch ein Spaziergang auf die Hoehe hoechst reizend ward. Man sah keine Natur mehr, sondern nur Bilder, wie sie der kuenstlichste Maler durch Lasieren auseinander gestuft haette.

Aber der Eindruck jenes Wundergartens war mir zu tief geblieben; die schwaerzlichen Wellen am noerdlichen Horizonte, ihr Anstreben an die Buchtkruemmungen, selbst der eigene Geruch des duenstenden Meeres, das alles rief mir die Insel der seligen Phaeaken in die Sinne sowie ins Gedaechtnis. Ich eilte sogleich, einen Homer zu kaufen, jenen Gesang mit grosser Erbauung zu lesen und eine uebersetzung aus dem Stegreif Kniepen vorzutragen, der wohl verdiente, bei einem guten Glase Wein von seinen strengen heutigen Bemuehungen behaglich auszuruhen.

Palermo, den 8. April 1787. Ostersonntag.

Nun aber ging die laermige Freude ueber die glueckliche Auferstehung des Herrn mit Tagesanbruch los. Petarden, Lauffeuer, Schlaege, Schwaermer und dergleichen wurden kastenweis vor den Kirchtueren losgebrannt, indessen die Glaeubigen sich zu den eroeffneten Fluegelpforten draengten. Glocken—und Orgelschall, Chorgesang der Prozessionen und der ihnen entgegnenden geistlichen Choere konnten wirklich das Ohr derjenigen verwirren, die an eine so laermende Gottesverehrung nicht gewoehnt waren.

Die fruehe Messe war kaum geendigt, als zwei wohlgeputzte Laufer des Vizekoenigs unsern Gasthof besuchten, in der doppelten Absicht, einmal den saemtlichen Fremden zum Feste zu gratulieren und dagegen ein Trinkgeld einzunehmen, mich sodann zur Tafel zu laden, weshalb meine Gabe etwas erhoeht werden musste.

Nachdem ich den Morgen zugebracht, die verschiedenen Kirchen zu besuchen und die Volksgesichter und Gestalten zu betrachten, fuhr ich zum Palast des Vizekoenigs, welcher am obern Ende der Stadt liegt. Weil ich etwas zu frueh gekommen, fand ich die grossen Saele noch leer, nur ein kleiner, munterer Mann ging auf mich zu, den ich sogleich fuer einen Malteser erkannte.

Als er vernahm, dass ich ein Deutscher sei, fragte er, ob ich ihm Nachricht von Erfurt zu geben wisse, er habe daselbst einige Zeit sehr angenehm zugebracht. Auf seine Erkundigungen nach der von Dacheroedischen Familie, nach dem Koadjutor von Dalberg konnte ich ihm hinreichende Auskunft geben, worueber er sehr vergnuegt nach dem uebrigen Thueringen fragte. Mit bedenklichem Anteil erkundigte er sich nach Weimar. "Wie steht es denn", sagte er, "mit dem Manne, der, zu meiner Zeit jung und lebhaft, daselbst Regen und schoenes Wetter machte? Ich habe seinen Namen vergessen, genug aber, es ist der Verfasser des Werthers’."

Nach einer kleinen Pause, als wenn ich mich bedaechte, erwiderte ich: "Die Person, nach der Ihr Euch gefaellig erkundigt, bin ich selbst! "—Mit dem sichtbarsten Zeichen des Erstaunens fuhr er zurueck und rief aus: "Da muss sich viel veraendert haben!"—"O ja!" versetzte ich, "zwischen Weimar und Palermo hab’ ich manche Veraenderung gehabt."

In dem Augenblick trat mit seinem Gefolge der Vizekoenig herein und betrug sich mit anstaendiger Freimuetigkeit, wie es einem solchen Herrn geziemt. Er enthielt sich jedoch nicht des Laechelns ueber den Malteser, welcher seine Verwunderung, mich hier zu sehen, auszudruecken fortfuhr. Bei Tafel sprach der Vizekoenig, neben dem ich sass, ueber die Absicht meiner Reise und versicherte, dass er Befehl geben wolle, mich in Palermo alles sehen zu lassen und mich auf meinem Wege durch Sizilien auf alle Weise zu foerdern.

Palermo, Montag, den 9. April 1787.

Heute den ganzen Tag beschaeftigte uns der Unsinn des Prinzen Pallagonia, und auch diese Torheiten waren ganz etwas anders, als wir uns lesend und hoerend vorgestellt. Denn bei der groessten Wahrheitsliebe kommt derjenige, der vom Absurden Rechenschaft geben soll, immer ins Gedraenge: er will einen Begriff davon ueberliefern, und so macht er es schon zu etwas, da es eigentlich ein Nichts ist, welches fuer etwas gehalten sein will. Und so muss ich noch eine andere allgemeine Reflexion vorausschicken, dass weder das Abgeschmackteste noch das Vortrefflichste ganz unmittelbar aus einem Menschen, aus einer Zeit hervorspringe, dass man vielmehr beiden mit einiger Aufmerksamkeit eine Stammtafel der Herkunft nachweisen koenne.

Jener Brunnen in Palermo gehoert unter die Vorfahren der Pallagonischen Raserei, nur dass diese hier, auf eignem Grund und Boden, in der groessten Freiheit und Breite sich hervortut. Ich will den Verlauf des Entstehens zu entwickeln suchen.

Wenn ein Lustschloss in diesen Gegenden mehr oder weniger in der Mitte des ganzen Besitztums liegt und man also, um zu der herrschaftlichen Wohnung zu gelangen, durch gebaute Felder, Kuechengaerten und dergleichen landwirtschaftliche Nuetzlichkeiten zu fahren hat, erweisen sie sich haushaelterischer als die Nordlaender, die oft eine grosse Strecke guten Bodens zu einer Parkanlage verwenden, um mit unfruchtbarem Gestraeuche dem Auge zu schmeicheln. Diese Suedlaender hingegen fuehren zwei Mauern auf, zwischen welchen man zum Schloss gelangt, ohne dass man gewahr werde, was rechts oder links vorgeht. Dieser Weg beginnt gewoehnlich mit einem grossen Portal, wohl auch mit einer gewoelbten Halle und endigt im Schlosshofe. Damit nun aber das Auge zwischen diesen Mauern nicht ganz unbefriedigt sei, so sind sie oben ausgebogen, mit Schnoerkeln und Postamenten verziert, worauf allenfalls hie und da eine Vase steht. Die Flaechen sind abgetuencht, in Felder geteilt und angestrichen. Der Schlosshof macht ein Rund von einstoeckigen Haeusern, wo Gesinde und Arbeitsleute wohnen; das viereckte Schloss steigt ueber alles empor.

Dies ist die Art der Anlage, wie sie herkoemmlich gegeben ist, wie sie auch schon frueher mag bestanden haben, bis der Vater des Prinzen das Schloss baute, zwar auch nicht in dem besten, aber doch ertraeglichem Geschmack. Der jetzige Besitzer aber, ohne jene allgemeinen Grundzuege zu verlassen, erlaubt seiner Lust und Leidenschaft zu missgestaltetem, abgeschmacktem Gebilde den freisten Lauf, und man erzeigt ihm viel zuviel Ehre, wenn man ihm nur einen Funken Einbildungskraft zuschreibt.

Wir treten also in die grosse Halle, welche mit der Grenze des Besitztums selbst anfaengt, und finden ein Achteck, sehr hoch zur Breite. Vier ungeheure Riesen mit modernen, zugeknoepften Gamaschen tragen das Gesims, auf welchem dem Eingang gerade gegenueber die heilige Dreieinigkeit schwebt.

Die Villa Palagonia in Bagheria. Aquatinta von Houel

Der Weg nach dem Schlosse zu ist breiter als gewoehnlich, die Mauer in einen fortlaufenden hohen Sockel verwandelt, auf welchem ausgezeichnete Basamente seltsame Gruppen in die Hoehe tragen, indessen in dem Raum von einer zur andern mehrere Vasen aufgestellt sind. Das Widerliche dieser von den gemeinsten Steinhauern gepfuschten Missbildungen wird noch dadurch vermehrt, dass sie aus dem losesten Muscheltuff gearbeitet sind; doch wuerde ein besseres Material den Unwert der Form nur desto mehr in die Augen setzen. Ich sagte vorhin Gruppen und bediente mich eines falschen, an dieser Stelle uneigentlichen Ausdrucks; denn diese Zusammenstellungen sind durch keine Art von Reflexion oder auch nur Willkuer entstanden, sie sind vielmehr zusammengewuerfelt. Jedesmal drei bilden den Schmuck eines solchen viereckten Postaments, indem ihre Basen so eingerichtet sind, dass sie zusammen in verschiedenen Stellungen den viereckigen Raum ausfuellen. Die vorzueglichste besteht gewoehnlich aus zwei Figuren, und ihre Base nimmt den groessten vordern Teil des Piedestals ein; diese sind meistenteils Ungeheuer von tierischer und menschlicher Gestalt. Um nun den hintern Raum der Piedestalflaeche auszufuellen, bedarf es noch zweier Stuecke; das von mittlerer Groesse stellt gewoehnlich einen Schaefer oder eine Schaeferin, einen Kavalier oder eine Dame, einen tanzenden Affen oder Hund vor. Nun bleibt auf dem Piedestal noch eine Luecke: diese wird meistens durch einen Zwerg ausgefuellt, wie denn ueberall dieses Geschlecht bei geistlosen Scherzen eine grosse Rolle spielt.

Dass wir aber die Elemente der Tollheit des Prinzen Pallagonia vollstaendig ueberliefern, geben wir nachstehendes Verzeichnis. Menschen: Bettler, Bettlerinnen, Spanier, Spanierinnen, Mohren, Tuerken, Buckelige, alle Arten Verwachsene, Zwerge, Musikanten, Pulcinelle, antik kostuemierte Soldaten, Goetter, Goettinnen, altfranzoesisch Gekleidete, Soldaten mit Patrontaschen und Gamaschen, Mythologie mit fratzenhaften Zutaten: Achill und Chiron mit Pulcinell. Tiere: nur Teile derselben, Pferd mit Menschenhaenden, Pferdekopf auf Menschenkoerper, entstellte Affen, viele Drachen und Schlangen, alle Arten von Pfoten an Figuren aller Art, Verdoppelungen, Verwechslungen der Koepfe. Vasen: alle Arten von Monstern und Schnoerkeln, die unterwaerts zu Vasenbaeuchen und Untersaetzen endigen.

Denke man sich nun dergleichen Figuren schockweise verfertigt und ganz ohne Sinn und Verstand entsprungen, auch ohne Wahl und Absicht zusammengestellt, denke man sich diesen Sockel, diese Piedestale und Unformen in einer unabsehbaren Reihe, so wird man das unangenehme Gefuehl mit empfinden, das einen jeden ueberfallen muss, wenn er durch diese Spitzruten des Wahnsinns durchgejagt wird.

Wir naehern uns dem Schlosse und werden durch die Arme eines halbrunden Vorhofs empfangen; die entgegenstehende Hauptmauer, wodurch das Tor geht, ist burgartig angelegt. Hier finden wir eine aegyptische Figur eingemauert, einen Springbrunnen ohne Wasser, ein Monument, zerstreut umherliegende Vasen, Statuen, vorsaetzlich auf die Nase gelegt. Wir treten in den Schlosshof und finden das herkoemmliche, mit kleinen Gebaeuden umgebene Rund in kleineren Halbzirkeln ausgebogt, damit es ja an Mannigfaltigkeit nicht fehle.

Der Boden ist groesstenteils mit Gras bewachsen. Hier stehen wie auf einem verfallenen Kirchhofe seltsam geschnoerkelte Marmorvasen vom Vater her, Zwerge und sonstige Ungestalten aus der neuern Epoche zufaellig durcheinander, ohne dass sie bis jetzt einen Platz finden koennen; sogar tritt man vor eine Laube, vollgepfropft von alten Vasen und anderem geschnoerkeltem Gestein.

Das Widersinnige einer solchen geschmacklosen Denkart zeigt sich aber im hoechsten Grade darin, dass die Gesimse der kleinen Haeuser durchaus schief nach einer oder der andern Seite hinhaengen, so dass das Gefuehl der Wasserwaage und des Perpendikels, das uns eigentlich zu Menschen macht und der Grund aller Eurhythmie ist, in uns zerrissen und gequaelt wird. Und so sind denn auch diese Dachreihen mit Hydern und kleinen Buesten, mit musizierenden Affenchoeren und aehnlichem Wahnsinn verbraemt. Drachen, mit Goettern abwechselnd, ein Atlas, der statt der Himmelskugel ein Weinfass traegt.

Gedenkt man sich aber aus allem diesem in das Schloss zu retten, welches, vom Vater erbaut, ein relativ vernuenftiges aeusseres Ansehen hat, so findet man nicht weit vor der Pforte den lorbeerbekraenzten Kopf eines roemischen Kaisers auf einer Zwerggestalt, die auf einem Delphin sitzt.

Im Schlosse selbst nun, dessen aeusseres ein leidliches Innere erwarten laesst, faengt das Fieber des Prinzen schon wieder zu rasen an. Die Stuhlfuesse sind ungleich abgesaegt, so dass niemand Platz nehmen kann, und vor den sitzbaren Stuehlen warnt der Kastellan, weil sie unter ihren Sammetpolstern Stacheln verbergen. Kandelaber von chinesischem Porzellan stehen in den Ecken, welche, naeher betrachtet, aus einzelnen Schalen, Ober—und Untertassen und dergleichen zusammengekittet sind. Kein Winkel, wo nicht irgendeine Willkuer hervorblickte. Sogar der unschaetzbare Blick ueber die Vorgebirge ins Meer wird durch farbige Scheiben verkuemmert, welche durch einen unwahren Ton die Gegend entweder verkaelten oder entzuenden. Eines Kabinetts muss ich noch erwaehnen, welches aus alten vergoldeten, zusammengeschnittenen Rahmen aneinander getaefelt ist. Alle die hundertfaeltigen Schnitzmuster, alle die verschiedenen Abstufungen einer aeltern oder juengern, mehr oder weniger bestaubten und beschaedigten Vergoldung bedecken hier, hart aneinander gedraengt, die saemtlichen Waende und geben den Begriff von einem zerstueckelten Troedel.

Die Kapelle zu beschreiben, waere allein ein Heftchen noetig. Hier findet man den Aufschluss ueber den ganzen Wahnsinn, der nur in einem bigotten Geiste bis auf diesen Grad wuchern konnte. Wie manches Fratzenbild einer irregeleiteten Devotion sich hier befinden mag, geb’ ich zu vermuten, das Beste jedoch will ich nicht vorenthalten. Flach an der Decke naemlich ist ein geschnitztes Kruzifix von ziemlicher Groesse befestigt, nach der Natur angemalt, lackiert mit untermischter Vergoldung. Dem Gekreuzigten in den Nabel ist ein Haken eingeschraubt, eine Kette aber, die davon herabhaengt, befestigt sich in den Kopf eines knieend betenden, in der Luft schwebenden Mannes, der, angemalt und lackiert wie alle uebrigen Bilder der Kirche, wohl ein Sinnbild der ununterbrochenen Andacht des Besitzers darstellen soll.

uebrigens ist der Palast nicht ausgebaut: ein grosser, von dem Vater bunt und reich angelegter, aber doch nicht widerlich verzierter Saal war unvollendet geblieben; wie denn der grenzenlose Wahnsinn des Besitzers mit seinen Narrheiten nicht zu Rande kommen kann.

Kniepen, dessen Kuenstlersinn innerhalb dieses Tollhauses zur Verzweiflung getrieben wurde, sah ich zum erstenmal ungeduldig; er trieb mich fort, da ich mir die Elemente dieser Unschoepfung einzeln zu vergegenwaertigen und zu schematisieren suchte. Gutmuetig genug zeichnete er zuletzt noch eine von den Zusammenstellungen, die einzige, die noch wenigstens eine Art von Bild gab. Sie stellt ein Pferdweib auf einem Sessel sitzend, gegen einem unterwaerts altmodisch gekleideten, mit Greifenkopf, Krone und grosser Peruecke gezierten Kavalier Karte spielend vor und erinnert an das nach aller Tollheit noch immer hoechst merkwuerdige Wappen des Hauses Pallagonia: ein Satyr haelt einem Weibe, das einen Pferdekopf hat, einen Spiegel vor.

Palermo, Dienstag, den 10. April 1787

Heute fuhren wir bergauf nach Monreale. Ein herrlicher Weg, welchen der Abt jenes Klosters zur Zeit eines ueberschwenglichen Reichtums angelegt hat; breit, bequemen Anstiegs, Baeume hie und da, besonders aber weitlaeufige Spring—und Roehrenbrunnen, beinah pallagonisch verschnoerkelt und verziert, desungeachtet aber Tiere und Menschen erquickend.

Das Kloster San Martin, auf der Hoehe liegend, ist eine respektable Anlage. Ein Hagestolz allein, wie man am Prinzen Pallagonia sieht, hat selten etwas Vernuenftiges hervorgebracht, mehrere zusammen hingegen die allergroessten Werke, wie Kirchen und Kloester zeigen. Doch wirkten die geistlichen Gesellschaften wohl nur deswegen so viel, weil sie noch mehr als irgendein Familienvater einer unbegrenzten Nachkommenschaft gewiss waren.

Die Moenche liessen uns ihre Sammlungen sehen. Von Altertuemern und natuerlichen Sachen verwahren sie manches Schoene. Besonders fiel uns auf eine Medaille mit dem Bilde einer jungen Goettin, das Entzuecken erregen musste. Gern haetten uns die guten Maenner einen Abdruck mitgegeben, es war aber nichts bei Handen, was zu irgend einer Art von Form tauglich gewesen waere.

Nachdem sie uns alles vorgezeigt, nicht ohne traurige Vergleichung der vorigen und gegenwaertigen Zustaende, brachten sie uns in einen angenehmen kleinen Saal, von dessen Balkon man eine liebliche Aussicht genoss; hier war fuer uns beide gedeckt, und es fehlte nicht an einem sehr guten Mittagessen. Nach dem aufgetragenen Dessert trat der Abt herein, begleitet von seinen aeltesten Moenchen, setzte sich zu uns und blieb wohl eine halbe Stunde, in welcher Zeit wir manche Frage zu beantworten hatten. Wir schieden aufs freundlichste. Die juengern begleiteten uns nochmals in die Zimmer der Sammlung und zuletzt nach dem Wagen.

Wir fuhren mit ganz andern Gesinnungen nach Hause als gestern. Heute hatten wir eine grosse Anstalt zu bedauern, die eben zu der Zeit versinkt, indessen an der andern Seite ein abgeschmacktes Unternehmen mit frischem Wachstum hervorsteigt.

Der Weg nach San Martin geht das aeltere Kalkgebirg’ hinauf. Man zertruemmert die Felsen und brennt Kalk daraus, der sehr weiss wird. Zum Brennen brauchen sie eine starke, lange Grasart, in Buendeln getrocknet. Hier entsteht nun die Calcara. Bis an die steilsten Hoehen liegt roter Ton angeschwemmt, der hier die Dammerde vorstellt, je hoeher, je roeter, wenig durch Vegetation geschwaerzt. Ich sah in der Entfernung eine Grube fast wie Zinnober.

Das Kloster steht mitten im Kalkgebirg’, das sehr quellenreich ist. Die Gebirge umher sind wohlbebaut.

Palermo, Mittwoch, den 11. April 1787.

Nachdem wir nun zwei Hauptpunkte ausserhalb der Stadt betrachtet, begaben wir uns in den Palast, wo der geschaeftige Laufer die Zimmer und ihren Inhalt vorzeigte. Zu unserm grossen Schrecken war der Saal, worin die Antiken sonst aufgestellt sind, eben in der groessten Unordnung, weil man eine neue architektonische Dekoration im Werke hatte. Die Statuen waren von ihren Stellen weggenommen, mit Tuechern verhaengt, mit Geruesten verstellt, so dass wir trotz allem guten Willen unseres Fuehrers und einiger Bemuehung der Handwerksleute doch nur einen sehr unvollstaendigen Begriff davon erwerben konnten. Am meisten war mir um die zwei Widder von Erz zu tun, welche, auch unter diesen Umstaenden gesehen, den Kunstsinn hoechlich erbauten. Sie sind liegend vorgestellt, die eine Pfote vorwaerts, als Gegenbilder die Koepfe nach verschiedenen Seiten gekehrt; maechtige Gestalten aus der mythologischen Familie, Phrixus und Helle zu tragen wuerdig. Die Wolle nicht kurz und kraus, sondern lang und wellenartig herabfallend, mit grosser Wahrheit und Eleganz gebildet, aus der besten griechischen Zeit. Sie sollen in dem Hafen von Syrakus gestanden haben.

Nun fuehrte uns der Laufer ausserhalb der Stadt in Katakomben, welche, mit architektonischem Sinn angelegt, keineswegs zu Grabplaetzen benutzte Steinbrueche sind. In einem ziemlich verhaerteten Tuff und dessen senkrecht gearbeiteter Wand sind gewoelbte oeffnungen und innerhalb dieser Saerge ausgegraben, mehrere uebereinander, alles aus der Masse, ohne irgendeine Nachhuelfe von Mauerwerk. Die oberen Saerge sind kleiner, und in den Raeumen ueber den Pfeilern sind Grabstaetten fuer Kinder angebracht.

Palermo, Donnerstag, den 12. April 1787.

Man zeigte uns heute das Medaillenkabinett des Prinzen Torremuzza. Gewissermassen ging ich ungern hin. Ich verstehe von diesem Fach zu wenig, und ein bloss neugieriger Reisender ist wahren Kennern und Liebhabern verhasst. Da man aber doch einmal anfangen muss, so bequemte ich mich und hatte davon viel Vergnuegen und Vorteil. Welch ein Gewinn, wenn man auch nur vorlaeufig uebersieht, wie die alte Welt mit Staedten uebersaeet war, deren kleinste, wo nicht eine ganze Reihe der Kunstgeschichte, wenigstens doch einige Epochen derselben uns in koestlichen Muenzen hinterliess. Aus diesen Schubkasten lacht uns ein unendlicher Fruehling von Blueten und Fruechten der Kunst, eines in hoeherem Sinne gefuehrten Lebensgewerbes und was nicht alles noch mehr hervor. Der Glanz der sizilischen Staedte, jetzt verdunkelt, glaenzt aus diesen geformten Metallen wieder frisch entgegen.

Leider haben wir andern in unserer Jugend nur die Familienmuenzen besessen, die nichts sagen, und die Kaisermuenzen, welche dasselbe Profil bis zum ueberdruss wiederholen: Bilder von Herrschern, die eben nicht als Musterbilder der Menschheit zu betrachten sind. Wie traurig hat man nicht unsere Jugend auf das gestaltlose Palaestina und auf das gestaltverwirrende Rom beschraenkt! Sizilien und Neugriechenland laesst mich nun wieder ein frisches Leben hoffen.

Dass ich ueber diese Gegenstaende mich in allgemeine Betrachtungen ergehe, ist ein Beweis, dass ich noch nicht viel davon verstehen gelernt habe; doch das wird sich mit dem uebrigen nach und nach schon geben.

Palermo, Donnerstag, den 12. April 1787

Heute am Abend ward mir noch ein Wunsch erfuellt, und zwar auf eigene Weise. Ich stand in der grossen Strasse auf den Schrittsteinen, an jenem Laden mit dem Kaufherrn scherzend; auf einmal tritt ein Laufer, gross, wohlgekleidet, an mich heran, einen silbernen Teller rasch vorhaltend, worauf mehrere Kupferpfennige, wenige Silberstuecke lagen. Da ich nicht wusste, was es heissen solle, so zuckte ich, den Kopf duckend, die Achseln, das gewoehnliche Zeichen, wodurch man sich lossagt, man mag nun Antrag oder Frage nicht verstehen, oder nicht wollen. Ebenso schnell, als er gekommen, war er fort, und nun bemerkte ich auf der entgegengesetzten Seite der Strasse seinen Kameraden in gleicher Beschaeftigung.

Was das bedeute, fragte ich den Handelsmann, der mit bedenklicher Gebaerde, gleichsam verstohlen, auf einen langen, hagern Herrn deutete, welcher in der Strassenmitte, hofmaessig gekleidet, anstaendig und gelassen ueber den Mist einherschritt. Frisiert und gepudert, den Hut unter dem Arm, in seidenem Gewande, den Degen an der Seite, ein nettes Fusswerk mit Steinschnallen geziert: so trat der Bejahrte ernst und ruhig einher; aller Augen waren auf ihn gerichtet.

"Dies ist der Prinz Pallagonia", sagte der Haendler, "welcher von Zeit zu Zeit durch die Stadt geht und fuer die in der Barbarei gefangenen Sklaven ein Loesegeld zusammenheischt. Zwar betraegt dieses Einsammeln niemals viel, aber der Gegenstand bleibt doch im Andenken, und oft vermachen diejenigen, welche bei Lebzeiten zurueckhielten, schoene Summen zu solchem Zweck. Schon viele Jahre ist der Prinz Vorsteher dieser Anstalt und hat unendlich viel Gutes gestiftete"

"Statt auf die Torheiten seines Landsitzes", rief ich aus, "haette er hierher jene grossen Summen verwenden sollen. Kein Fuerst in der Welt haette mehr geleistet."

Dagegen sagte der Kaufmann: "Sind wir doch alle so! Unsere Narrheiten bezahlen wir gar gerne selbst, zu unsern Tugenden sollen andere das Geld hergeben."

Palermo, Freitag, den 13. April 1787

Vorgearbeitet in dem Steinreiche Siziliens hat uns Graf Borch sehr emsig, und wer nach ihm gleichen Sinnes die Insel besucht, wird ihm recht gern Dank zollen. Ich finde es angenehm sowie pflichtmaessig, das Andenken eines Vorgaengers zu feiern. Bin ich doch nur ein Vorfahr von kuenftigen andern, im Leben wie auf der Reise!

Die Taetigkeit des Grafen scheint mir uebrigens groesser als seine Kenntnisse; er verfaehrt mit einem gewissen Selbstbehagen, welches dem bescheidenen Ernst zuwider ist, mit welchem man wichtige Gegenstaende behandeln sollte. Indessen ist sein Heft in Quart, ganz dem sizilianischen Steinreich gewidmet, mir von grossem Vorteil, und ich konnte, dadurch vorbereitet, die Steinschleifer mit Nutzen besuchen, welche, frueher mehr beschaeftigt, zur Zeit als Kirchen und Altaere noch mit Marmor und Achaten ueberlegt werden mussten, das Handwerk doch noch immer forttreiben. Bei ihnen bestellte ich Muster von weichen und harten Steinen; denn so unterscheiden sie Marmor und Achate hauptsaechlich deswegen, weil die Verschiedenheit des Preises sich nach diesem Unterschiede richtet. Doch wissen sie ausser diesen beiden sich noch viel mit einem Material, einem Feuererzeugnis ihrer Kalkoefen. In diesen findet sich nach dem Brande eine Art Glasfluss, welcher von der hellsten blauen Farbe zur dunkelsten, ja zur schwaerzesten uebergeht. Diese Klumpen werden wie anderes Gestein in duenne Tafeln geschnitten, nach der Hoehe ihrer Farbe und Reinheit geschaetzt und anstatt Lapislazuli beim Furnieren von Altaeren, Grabmaelern und andern kirchlichen Verzierungen mit Glueck angewendet.

Eine vollstaendige Sammlung, wie ich sie wuensche, ist nicht fertig, man wird sie mir erst nach Neapel schicken. Die Achate sind von der groessten Schoenheit, besonders diejenigen, in welchen unregelmaessige Flecken von gelbem oder rotem Jaspis mit weissem, gleichsam gefrornem Quarze abwechseln und dadurch die schoenste Wirkung hervorbringen.

Eine genaue Nachahmung solcher Achate, auf der Rueckseite duenner Glasscheiben durch Lackfarben bewirkt, ist das einzige Vernuenftige, was ich aus dem pallagonischen Unsinn jenes Tages herausfand. Solche Tafeln nehmen sich zur Dekoration schoener aus als der echte Achat, indem dieser aus vielen kleinen Stuecken zusammengesetzt werden muss, bei jenen hingegen die Groesse der Tafeln vom Architekten abhaengt. Dieses Kunststueck verdiente wohl, nachgeahmt zu werden.

Palermo, den 13. April 1787

Italien ohne Sizilien macht gar kein Bild in der Seele: hier ist erst der Schluessel zu allem.

Vom Klima kann man nicht Gutes genug sagen; jetzt ist’s Regenzeit, aber immer unterbrochen; heute donnert und blitzt es, und alles wird mit Macht gruen. Der Lein hat schon zum Teil Knoten gewonnen, der andere Teil blueht. Man glaubt in den Gruenden kleine Teiche zu sehen, so schoen blaugruen liegen die Leinfelder unten. Der reizenden Gegenstaende sind unzaehlige! Und mein Geselle ist ein exzellenter Mensch, der wahre Hoffegut, so wie ich redlich den Treufreund fortspiele. Er hat schon recht schoene Konture gemacht und wird noch das Beste mitnehmen. Welche Aussicht, mit meinen Schaetzen dereinst gluecklich nach Hause zu kommen!

Vom Essen und Trinken hierzuland hab’ ich noch nichts gesagt, und doch ist es kein kleiner Artikel. Die Gartenfruechte sind herrlich, besonders der Salat von Zartheit und Geschmack wie eine Milch; man begreift, warum ihn die Alten Lactuca genannt haben. Das oel, der Wein alles sehr gut, und sie koennten noch besser sein, wenn man auf ihre Bereitung mehr Sorgfalt verwendete. Fische die besten, zartesten. Auch haben wir diese Zeit her sehr gut Rindfleisch gehabt, ob man es gleich sonst nicht loben will.

Nun vom Mittagsessen ans Fenster! auf die Strasse! Es ward ein Missetaeter begnadigt, welches immer zu Ehren der heilbringenden Osterwoche geschieht. Eine Bruederschaft fuehrt ihn bis unter einen zum Schein aufgebauten Galgen, dort muss er vor der Leiter eine Andacht verrichten, die Leiter kuessen und wird dann wieder weggefuehrt. Es war ein huebscher Mensch vom Mittelstande, frisiert, einen weissen Frack, weissen Hut, alles weiss. Er trug den Hut in der Hand, und man haette ihm hie und da nur bunte Baender anheften duerfen, so konnte er als Schaefer auf jede Redoute gehen.

Palermo, den 13. und 14. April 1787.

Und so sollte mir denn kurz vor dem Schlusse ein sonderbares Abenteuer beschert sein, wovon ich sogleich umstaendliche Nachricht erteile.

Schon die ganze Zeit meines Aufenthalts hoerte ich an unserm oeffentlichen Tische manches ueber Cagliostro, dessen Herkunft und Schicksale reden. Die Palermitaner waren darin einig, dass ein gewisser Joseph Balsamo, in ihrer Stadt geboren, wegen mancherlei schlechter Streiche beruechtigt und verbannt sei. Ob aber dieser mit dem Grafen Cagliostro nur eine Person sei, darueber waren die Meinungen geteilt. Einige, die ihn ehemals gesehen hatten, wollten seine Gestalt in jenem Kupferstiche wiederfinden, der bei uns bekannt genug ist und auch nach Palermo gekommen war.

Unter solchen Gespraechen berief sich einer der Gaeste auf die Bemuehungen, welche ein palermitanischer Rechtsgelehrter uebernommen, diese Sache ins klare zu bringen. Er war durch das franzoesische Ministerium veranlasst worden, dem Herkommen eines Mannes nachzuspueren, welcher die Frechheit gehabt hatte, vor dem Angesichte Frankreichs, ja man darf wohl sagen der Welt, bei einem wichtigen und gefaehrlichen Prozesse die albernsten Maerchen vorzubringen.

Es habe dieser Rechtsgelehrte, erzaehlte man, den Stammbaum des Joseph Balsamo aufgestellt und ein erlaeuterndes Memoire mit beglaubigten Beilagen nach Frankreich abgeschickt, wo man wahrscheinlich davon oeffentlichen Gebrauch machen werde.

Ich aeusserte den Wunsch, diesen Rechtsgelehrten, von welchem ausserdem viel Gutes gesprochen wurde, kennen zu lernen, und der Erzaehler erbot sich, mich bei ihm anzumelden und zu ihm zu fuehren.

Nach einigen Tagen gingen wir hin und fanden ihn mit seinen Klienten beschaeftigt. Als er diese abgefertigt und wir das Fruehstueck genommen hatten, brachte er ein Manuskript hervor, welches den Stammbaum Cagliostros, die zu dessen Begruendung noetigen Dokumente in Abschrift und das Konzept eines Memoire enthielt, das nach Frankreich abgegangen war.

Er legte mir den Stammbaum vor und gab mir die noetigen Erklaerungen darueber, wovon ich hier so viel anfuehre, als zu leichterer Einsicht noetig ist.

Joseph Balsamos Urgrossvater muetterlicher Seite war Matthaeus Martello. Der Geburtsname seiner Urgrossmutter ist unbekannt. Aus dieser Ehe entsprangen zwei Toechter, eine namens Maria, die an Joseph Bracconeri verheiratet und Grossmutter Joseph Balsamos ward. Die andere, namens Vincenza, verheiratete sich an Joseph Cagliostro, der von einem kleinen Orte La Noara, acht Meilen von Messina, gebuertig war. Ich bemerke hier, dass zu Messina noch zwei Glockengiesser dieses Namens leben. Diese Grosstante war in der Folge Pate bei Joseph Balsamo; er erhielt den Taufnamen ihres Mannes und nahm endlich auswaerts auch den Zunamen Cagliostro von seinem Grossonkel an.

Die Eheleute Bracconeri hatten drei Kinder: Felicitas, Matthaeus und Antonin.

Felicitas ward an Peter Balsamo verheiratet, den Sohn eines Bandhaendlers in Palermo, Antonin Balsamo, der vermutlich von juedischem Geschlecht abstammte. Peter Balsamo, der Vater des beruechtigten Josephs, machte Bankerott und starb in seinem fuenfundvierzigsten Jahre. Seine Witwe, welche noch gegenwaertig lebt, gab ihm ausser dem benannten Joseph noch eine Tochter, Johanna Joseph-Maria, welche an Johann Baptista Capitummino verheiratet wurde, der mit ihr drei Kinder zeugte und starb.

Das Memoire, welches uns der gefaellige Verfasser vorlas und mir auf mein Ersuchen einige Tage anvertraute, war auf Taufscheine, Ehekontrakte und andere Instrumente gegruendet, die mit Sorgfalt gesammelt waren. Es enthielt ungefaehr die Umstaende (wie ich aus einem Auszug, den ich damals gemacht, ersehe), die uns nunmehr aus den roemischen Prozessakten bekannt geworden sind, dass Joseph Balsamo anfangs Juni 1743 zu Palermo geboren, von Vincenza Martello, verheirateter Cagliostro, aus der Taufe gehoben sei, dass er in seiner Jugend das Kleid der Barmherzigen Brueder genommen, eines Ordens, der besonders Kranke verpflegt, dass er bald viel Geist und Geschick fuer die Medizin gezeigt, doch aber wegen seiner uebeln Auffuehrung fortgeschickt worden, dass er in Palermo nachher den Zauberer und Schatzgraeber gemacht.

Seine grosse Gabe, alle Haende nachzuahmen, liess er nicht unbenutzt (so faehrt das Memoire fort). Er verfaelschte oder verfertigte vielmehr ein altes Dokument, wodurch das Eigentum einiger Gueter in Streit geriet. Er kam in Untersuchung, ins Gefaengnis, entfloh und ward ediktaliter zitiert. Er reiste durch Kalabrien nach Rom, wo er die Tochter eines Guertlers heiratete. Von Rom kehrte er nach Neapel unter dem Namen Marchese Pellegrini zurueck. Er wagte sich wieder nach Palermo, ward erkannt, gefaenglich eingezogen und kam nur auf eine Weise los, die wert ist, dass ich sie umstaendlich erzaehle.

Der Sohn eines der ersten sizilianischen Prinzen und grossen Gueterbesitzers, eines Mannes, der an dem neapolitanischen Hofe ansehnliche Stellen bekleidete, verband mit einem starken Koerper und einer unbaendigen Gemuetsart allen uebermut, zu dem sich der Reiche und Grosse ohne Bildung berechtigt glaubt.

Donna Lorenza wusste ihn zu gewinnen, und auf ihn baute der verstellte Marchese Pellegrini seine Sicherheit. Der Prinz zeigte oeffentlich, dass er dies angekommene Paar beschuetze; aber in welche Wut geriet er, als Joseph Balsamo auf Anrufen der Partei, welche durch seinen Betrug Schaden gelitten, abermals ins Gefaengnis gebracht wurde! Er versuchte verschiedene Mittel, ihn zu befreien, und da sie ihm nicht gelingen wollten, drohte er im Vorzimmer des Praesidenten, den Advokaten der Gegenpartei aufs grimmigste zu misshandeln, wenn er nicht sogleich die Verhaftung des Balsamo wieder aufhoebe. Als der gegenseitige Sachwalter sich weigerte, ergriff er ihn, schlug ihn, warf ihn auf die Erde, trat ihn mit Fuessen und war kaum von mehreren Misshandlungen abzuhalten, als der Praesident selbst auf den Laerm herauseilte und Frieden gebot.

Dieser, ein schwacher, abhaengiger Mann, wagte nicht, den Beleidiger zu bestrafen; die Gegenpartei und ihr Sachwalter wurden kleinmuetig, und Balsamo ward in Freiheit gesetzt, ohne dass bei den Akten sich eine Registratur ueber seine Loslassung befindet, weder wer sie verfuegt, noch wie sie geschehen.

Bald darauf entfernte er sich von Palermo und tat verschiedene Reisen, von welchen der Verfasser nur unvollstaendige Nachrichten geben konnte.

Das Memoire endigte sich mit einem scharfsinnigen Beweise, dass Cagliostro und Balsamo ebendieselbe Person sei, eine These, die damals schwerer zu behaupten war, als sie es jetzt ist, da wir von dem Zusammenhang der Geschichte vollkommen unterrichtet sind.

Haette ich nicht damals vermuten muessen, dass man in Frankreich einen oeffentlichen Gebrauch von jenem Aufsatz machen wuerde, dass ich ihn vielleicht bei meiner Zurueckkunft schon gedruckt antraefe, so waere es mir erlaubt gewesen, eine Abschrift zu nehmen und meine Freunde und das Publikum frueher von manchen interessanten Umstaenden zu unterrichten.

Indessen haben wir das meiste und mehr, als jenes Memoire enthalten konnte, von einer Seite her erfahren, von der sonst nur Irrtuemer auszustroemen pflegten. Wer haette geglaubt, dass Rom einmal zur Aufklaerung der Welt, zur voelligen Entlarvung eines Betruegers so viel beitragen sollte, als es durch die Herausgabe jenes Auszugs aus den Prozessakten geschehen ist! Denn obgleich diese Schrift weit interessanter sein koennte und sollte, so bleibt sie doch immer ein schoenes Dokument in den Haenden eines jeden Vernuenftigen, der es mit Verdruss ansehen musste, dass Betrogene, Halbbetrogene und Betrueger diesen Menschen und seine Possenspiele jahrelang verehrten, sich durch die Gemeinschaft mit ihm ueber andere erhoben fuehlten und von der Hoehe ihres glaeubigen Duenkels den gesunden Menschenverstand bedauerten, wo nicht geringschaetzten.

Wer schwieg nicht gern waehrend dieser Zeit? Und auch nur jetzt, nachdem die ganze Sache geendigt und ausser Streit gesetzt ist, kann ich es ueber mich gewinnen, zu Komplettierung der Akten dasjenige, was mir bekannt ist, mitzuteilen.

Als ich in dem Stammbaume so manche Personen, besonders Mutter und Schwester, noch als lebend angegeben fand, bezeigte ich dem Verfasser des Memoire meinen Wunsch, sie zu sehen und die Verwandten eines so sonderbaren Menschen kennen zu lernen. Er versetzte, dass es schwer sein werde, dazu zu gelangen, indem diese Menschen, arm, aber ehrbar, sehr eingezogen lebten, keine Fremden zu sehen gewohnt seien, und der argwoehnische Charakter der Nation sich aus einer solchen Erscheinung allerlei deuten werde; doch er wolle mir seinen Schreiber schicken, der bei der Familie Zutritt habe und durch den er die Nachrichten und Dokumente, woraus der Stammbaum zusammengesetzt worden, erhalten.

Den folgenden Tag erschien der Schreiber und aeusserte wegen des Unternehmens einige Bedenklichkeiten. "Ich habe", sagte er, "bisher immer vermieden, diesen Leuten wieder unter die Augen zu treten; denn um ihre Ehekontrakte, Taufscheine und andere Papiere in die Haende zu bekommen und von selbigen legale Kopien machen zu koennen, musste ich mich einer eigenen List bedienen. Ich nahm Gelegenheit, von einem Familienstipendio zu reden, das irgendwo vakant war, machte ihnen wahrscheinlich, dass der junge Capitummino sich dazu qualifiziere, dass man vor allen Dingen einen Stammbaum aufsetzen muesse, um zu sehen, inwiefern der Knabe Ansprueche darauf machen koenne; es werde freilich nachher alles auf Negoziation ankommen, die ich uebernehmen wolle, wenn man mir einen billigen Teil der zu erhaltenden Summe fuer meine Bemuehungen verspreche. Mit Freuden willigten die guten Leute in alles; ich erhielt die noetigen Papiere, die Kopien wurden genommen, der Stammbaum ausgearbeitet, und seit der Zeit huete ich mich, vor ihnen zu erscheinen. Noch vor einigen Wochen wurde mich die alte Capitummino gewahr, und ich wusste mich nur mit der Langsamkeit, womit hier dergleichen Sachen vorwaerts gehen, zu entschuldigen."

So sagte der Schreiber. Da ich aber von meinem Vorsatz nicht abging, wurden wir nach einiger ueberlegung dahin einig, dass ich mich fuer einen Englaender ausgeben und der Familie Nachrichten von Cagliostro bringen sollte, der eben aus der Gefangenschaft der Bastille nach London gegangen war.

Zur gesetzten Stunde, es mochte etwa drei Uhr nach Mittag sein, machten wir uns auf den Weg. Das Haus lag in dem Winkel eines Gaesschens, nicht weit von der Hauptstrasse, il Cassaro genannt. Wir stiegen eine elende Treppe hinauf und kamen sogleich in die Kueche. Eine Frau von mittlerer Groesse, stark und breit, ohne fett zu sein, war beschaeftigt, das Kuechengeschirr aufzuwaschen. Sie war reinlich gekleidet und schlug, als wir hineintraten, das eine Ende der Schuerze hinauf, um vor uns die schmutzige Seite zu verstecken. Sie sah meinen Fuehrer freudig an und sagte:" Signor Giovanni, bringen Sie uns gute Nachrichten? Haben Sie etwas ausgerichtet?"

Er versetzte: "In unserer Sache hat mir’s noch nicht gelingen wollen; hier ist aber ein Fremder, der einen Gruss von Ihrem Bruder bringt und Ihnen erzaehlen kann, wie er sich gegenwaertig befindet."

Der Gruss, den ich bringen sollte, war nicht ganz in unserer Abrede; indessen war die Einleitung einmal gemacht.—"Sie kennen meinen Bruder?" fragte sie.—"Es kennt ihn ganz Europa", versetzte ich; "und ich glaube, es wird Ihnen angenehm sein, zu hoeren, dass er sich in Sicherheit und wohl befindet, da Sie bisher wegen seines Schicksals gewiss in Sorgen gewesen sind."—"Treten Sie hinein", sagte sie, "ich folge Ihnen gleich"; und ich trat mit dem Schreiber in das Zimmer.

Es war so gross und hoch, dass es bei uns fuer einen Saal gelten wuerde; es schien aber auch beinah die ganze Wohnung der Familie zu sein. Ein einziges Fenster erleuchtete die grossen Waende, die einmal Farbe gehabt hatten und auf denen schwarze Heiligenbilder in goldenen Rahmen herumhingen. Zwei grosse Betten ohne Vorhaenge standen an der einen Wand, ein braunes Schraenkchen, das die Gestalt eines Schreibtisches hatte, an der andern. Alte, mit Rohr durchflochtene Stuehle, deren Lehnen ehmals vergoldet gewesen, standen daneben, und die Backsteine des Fussbodens waren an vielen Stellen tief ausgetreten. UEbrigens war alles reinlich, und wir naeherten uns der Familie, die am andern Ende des Zimmers an dem einzigen Fenster versammelt war.

Indes mein Fuehrer der alten Balsamo, die in der Ecke sass, die Ursache unsers Besuchs erklaerte und seine Worte wegen der Taubheit der guten Alten mehrmals laut wiederholte, hatte ich Zeit, das Zimmer und die uebrigen Personen zu betrachten. Ein Maedchen von ungefaehr sechzehn Jahren, wohlgewachsen, deren Gesichtszuege durch die Blattern undeutlich geworden waren, stand am Fenster; neben ihr ein junger Mensch, dessen unangenehme, durch die Blattern entstellte Bildung mir auch auffiel. In einem Lehnstuhl sass oder lag vielmehr gegen dem Fenster ueber eine kranke, sehr ungestaltete Person, die mit einer Art Schlafsucht behaftet schien.

Als mein Fuehrer sich deutlich gemacht hatte, noetigte man uns zum Sitzen. Die Alte tat einige Fragen an mich, die ich mir aber musste dolmetschen lassen, eh’ ich sie beantworten konnte, da mir der sizilianische Dialekt nicht gelaeufig war.

Ich betrachtete indessen die alte Frau mit Vergnuegen. Sie war von mittlerer Groesse, aber wohlgebildet; ueber ihre regelmaessigen Gesichtszuege, die das Alter nicht entstellt hatte, war der Friede verbreitet, dessen gewoehnlich die Menschen geniessen, die des Gehoers beraubt sind; der Ton ihrer Stimme war sanft und angenehm.

Ich beantwortete ihre Fragen, und meine Antworten mussten ihr auch wieder verdolmetscht werden.

Die Langsamkeit unserer Unterredung gab mir Gelegenheit, meine Worte abzumessen. Ich erzaehlte ihr, dass ihr Sohn in Frankreich losgesprochen worden und sich gegenwaertig in England befinde, wo er wohl aufgenommen sei. Ihre Freude, die sie ueber diese Nachrichten aeusserte, war mit Ausdruecken einer herzlichen Froemmigkeit begleitet, und da sie nun etwas lauter und langsamer sprach, konnt’ ich sie eher verstehen.

Indessen war ihre Tochter hereingekommen und hatte sich zu meinem Fuehrer gesetzt, der ihr das, was ich erzaehlt hatte, getreulich wiederholte. Sie hatte eine reinliche Schuerze vorgebunden und ihre Haare in Ordnung unter das Netz gebracht. Je mehr ich sie ansah und mit ihrer Mutter verglich, desto auffallender war mir der Unterschied beider Gestalten. Eine lebhafte, gesunde Sinnlichkeit blickte aus der ganzen Bildung der Tochter hervor; sie mochte eine Frau von vierzig Jahren sein. Mit muntern blauen Augen sah sie klug umher, ohne dass ich in ihrem Blick irgendeinen Argwohn spueren konnte. Indem sie sass, versprach ihre Figur mehr Laenge, als sie zeigte, wenn sie aufstand; ihre Stellung war determiniert, sie sass mit vorwaerts gebogenem Koerper und die Haende auf die Kniee gelegt. UEbrigens erinnerte mich ihre mehr stumpfe als scharfe Gesichtsbildung an das Bildnis ihres Bruders, das wir in Kupfer kennen. Sie fragte mich verschiedenes ueber meine Reise, ueber meine Absicht, Sizilien zu sehen, und war ueberzeugt, dass ich gewiss zurueckkommen und das Fest der heiligen Rosalie mit ihnen feiern wuerde.

Da indessen die Grossmutter wieder einige Fragen an mich getan hatte und ich ihr zu antworten beschaeftigt war, sprach die Tochter halblaut mit meinem Gefaehrten, doch so, dass ich Anlass nehmen konnte, zu fragen, wovon die Rede sei. Er sagte darauf, Frau Capitummino erzaehle ihm, dass ihr Bruder ihr noch vierzehn Unzen schuldig sei; sie habe bei seiner schnellen Abreise von Palermo versetzte Sachen fuer ihn eingeloeset; seit der Zeit aber weder etwas von ihm gehoert, noch Geld, noch irgendeine Unterstuetzung von ihm erhalten, ob er gleich, wie sie hoere, grosse Reichtuemer besitze und einen fuerstlichen Aufwand mache. Ob ich nicht ueber mich nehmen wolle, nach meiner Zurueckkunft ihn auf eine gute Weise an die Schuld zu erinnern und eine Unterstuetzung fuer sie auszuwirken, ja, ob ich nicht einen Brief mitnehmen oder allenfalls bestellen wolle. Ich erbot mich dazu. Sie fragte, wo ich wohne, wohin sie den Brief zu schicken habe. Ich lehnte ab, meine Wohnung zu sagen, und erbot mich, den andern Tag gegen Abend den Brief selbst abzuholen.

Sie erzaehlte mir darauf ihre missliche Lage; sie sei eine Witwe mit drei Kindern, von denen das eine Maedchen im Kloster erzogen werde; die andere sei hier gegenwaertig und ihr Sohn eben in die Lehrstunde gegangen. Ausser diesen drei Kindern habe sie ihre Mutter bei sich, fuer deren Unter halt sie sorgen muesse, und ueberdies habe sie aus christlicher Liebe die unglueckliche kranke Person zu sich genommen, die ihre Last noch vergroessere; alle ihre Arbeitsamkeit reiche kaum hin, sich und den Ihrigen das Notduerftige zu verschaffen. Sie wisse zwar, dass Gott diese guten Werke nicht unbelohnt lasse, seufze aber doch sehr unter der Last, die sie schon so lange getragen habe.

Die jungen Leute mischten sich auch ins Gespraech, und die Unterhaltung wurde lebhafter. Indem ich mit den andern sprach, hoert’ ich, dass die Alte ihre Tochter fragte, ob ich denn auch wohl ihrer heiligen Religion zugetan sei. Ich konnte bemerken, dass die Tochter auf eine kluge Weise der Antwort auszuweichen suchte, indem sie, soviel ich verstand, der Mutter bedeutete, dass der Fremde gut fuer sie gesinnt zu sein schiene, und dass es sich wohl nicht schicke, jemanden sogleich ueber diesen Punkt zu befragen.

Da sie hoerten, dass ich bald von Palermo abreisen wollte, wurden sie dringender und ersuchten mich, dass ich doch ja wiederkommen moechte; besonders ruehmten sie die paradiesischen Tage des Rosalienfestes, dergleichen in der ganzen Welt nicht muesse gesehen und genossen werden.

Mein Begleiter, der schon lange Lust gehabt hatte, sich zu entfernen, machte endlich der Unterredung durch seine Gebaerden ein Ende, und ich versprach, den andern Tag gegen Abend wiederzukommen und den Brief abzuholen. Mein Begleiter freute sich, dass alles so gluecklich gelungen sei, und wir schieden zufrieden voneinander.

Man kann sich den Eindruck denken, den diese arme, fromme, wohlgesinnte Familie auf mich gemacht hatte. Meine Neugierde war befriedigt, aber ihr natuerliches und gutes Betragen hatte einen Anteil in mir erregt, der sich durch Nachdenken noch vermehrte.

Sogleich aber entstand in mir die Sorge wegen des folgenden Tags. Es war natuerlich, dass diese Erscheinung, die sie im ersten Augenblick ueberrascht hatte, nach meinem Abschiede manches Nachdenken bei ihnen erregen musste. Durch den Stammbaum war mir bekannt, dass noch mehrere von der Familie lebten; es war natuerlich, dass sie ihre Freunde zusammenberiefen, um sich in ihrer Gegenwart dasjenige wiederholen zu lassen, was sie tags vorher mit Verwunderung von mir gehoert hatten. Meine Absicht hatte ich erreicht, und es blieb mir nur noch uebrig, dieses Abenteuer auf eine schickliche Weise zu endigen. Ich begab mich daher des andern Tags gleich nach Tische allein in ihre Wohnung. Sie verwunderten sich, da ich hineintrat. Der Brief sei noch nicht fertig, sagten sie, und einige ihrer Verwandten wuenschten mich auch kennen zu lernen, welche sich gegen Abend einfinden wuerden.

Ich versetzte, dass ich morgen frueh schon abreisen muesse, dass ich noch Visiten zu machen, auch einzupacken habe und also lieber frueher als gar nicht haette kommen wollen.

Indessen trat der Sohn herein, den ich des Tags vorher nicht gesehen hatte. Er glich seiner Schwester an Wuchs und Bildung. Er brachte den Brief, den man mir mitgeben wollte, den er, wie es in jenen Gegenden gewoehnlich ist, ausser dem Hause bei einem der oeffentlich sitzenden Notarien hatte schreiben lassen. Der junge Mensch hatte ein stilles, trauriges und bescheidenes Wesen, erkundigte sich nach seinem Oheim, fragte nach dessen Reichtum und Ausgaben und setzte traurig hinzu, warum er seine Familie doch so ganz vergessen haben moechte. "Es waere unser groesstes Glueck", fuhr er fort, "wenn er einmal hieher kaeme und sich unserer annehmen wollte; aber", fuhr er fort, "wie hat er Ihnen entdeckt, dass er noch Anverwandte in Palermo habe? Man sagt, dass er uns ueberall verleugne und sich fuer einen Mann von grosser Geburt ausgebe." Ich beantwortete diese Frage, welche durch die Unvorsichtigkeit meines Fuehrers bei unserm ersten Eintritt veranlasst worden war, auf eine Weise, die es wahrscheinlich machte, dass der Oheim, wenn er gleich gegen das Publikum Ursache habe, seine Abkunft zu verbergen, doch gegen seine Freunde und Bekannten kein Geheimnis daraus mache.

Die Schwester, welche waehrend dieser Unterredung herbeigetreten war und durch die Gegenwart des Bruders, wahrscheinlich auch durch die Abwesenheit des gestrigen Freundes mehr Mut bekam, fing gleichfalls an, sehr artig und lebhaft zu sprechen. Sie baten sehr, sie ihrem Onkel, wenn ich ihm schriebe, zu empfehlen; ebensosehr aber, wenn ich diese Reise durchs Koenigreich gemacht, wiederzukommen und das Rosalienfest mit ihnen zu begehen.

Die Mutter stimmte mit den Kindern ein. "Mein Herr", sagte sie, "ob es sich zwar eigentlich nicht schickt, da ich eine erwachsene Tochter habe, fremde Maenner in meinem Hause zu sehen, und man Ursache hat, sich sowohl vor der Gefahr als der Nachrede zu hueten, so sollen Sie uns doch immer willkommen sein, wenn Sie in diese Stadt zurueckkehren."

"O ja", versetzten die Kinder, "wir wollen den Herrn beim Feste herumfuehren, wir wollen ihm alles zeigen, wir wollen uns auf die Gerueste setzen, wo wir die Feierlichkeit am besten sehen koennen. Wie wird er sich ueber den grossen Wagen und besonders ueber die praechtige Illumination freuen!"

Indessen hatte die Grossmutter den Brief gelesen und wieder gelesen. Da sie hoerte, dass ich Abschied nehmen wollte, stand sie auf und uebergab mir das zusammengefaltete Papier. "Sagen Sie meinem Sohn", fing sie mit einer edlen Lebhaftigkeit, ja einer Art von Begeisterung an, "sagen Sie meinem Sohn, wie gluecklich mich die Nachricht gemacht hat, die Sie mir von ihm gebracht haben! Sagen Sie ihm, dass ich ihn so an mein Herz schliesse"—hier streckte sie die Arme auseinander und drueckte sie wieder auf ihre Brust zusammen—, "dass ich taeglich Gott und unsere heilige Jungfrau fuer ihn im Gebet anflehe, dass ich ihm und seiner Frau meinen Segen gebe, und dass ich nur wuensche, ihn vor meinem Ende noch einmal mit diesen Augen zu sehen, die so viele Traenen ueber ihn vergossen haben."

Die eigne Zierlichkeit der italienischen Sprache beguenstigte die Wahl und die edle Stellung dieser Worte, welche noch ueberdies von lebhaften Gebaerden begleitet wurden, womit jene Nation ueber ihre aeusserungen einen unglaublichen Reiz zu verbreiten gewohnt ist.

Ich nahm nicht ohne Ruehrung von ihnen Abschied. Sie reichten mir alle die Haende, die Kinder geleiteten mich hinaus, und indes ich die Treppe hinunterging, sprangen sie auf den Balkon des Fensters, das aus der Kueche auf die Strasse ging, riefen mir nach, winkten mir Gruesse zu und wiederholten, dass ich ja nicht vergessen moechte, wiederzukommen. Ich sah sie noch auf dem Balkon stehen, als ich um die Ecke herumging.

Ich brauche nicht zu sagen, dass der Anteil, den ich an dieser Familie nahm, den lebhaften Wunsch in mir erregte, ihr nuetzlich zu sein und ihrem Beduerfnis zu Huelfe zu kommen. Sie war nun durch mich abermals hintergangen, und ihre Hoffnungen auf eine unerwartete Huelfe waren durch die Neugierde des noerdlichen Europas auf dem Wege, zum zweitenmal getaeuscht zu werden.

Mein erster Vorsatz war, ihnen vor meiner Abreise jene vierzehn Unzen zuzustellen, die ihnen der Fluechtling schuldig geblieben, und durch die Vermutung, dass ich diese Summe von ihm wiederzuerhalten hoffte, mein Geschenk zu bedecken; allein als ich zu Hause meine Rechnung machte, meine Kasse und Papiere ueberschlug, sah ich wohl, dass in einem Lande, wo durch den Mangel von Kommunikation die Entfernung gleichsam ins Unendliche waechst, ich mich selbst in Verlegenheit setzen wuerde, wenn ich mir anmasste, die Ungerechtigkeit eines frechen Menschen durch eine herzliche Gutmuetigkeit zu verbessern.

Gegen Abend trat ich noch zu meinem Handelsmanne und fragte ihn, wie denn das Fest morgen ablaufen werde, da eine grosse Prozession durch die Stadt ziehen und der Vizekoenig selbst das Heiligste zu Fuss begleiten solle. Der geringste Windstoss muesse ja Gott und Menschen in die dickste Staubwolke verhuellen.

Der muntere Mann versetzte, dass man in Palermo sich gern auf ein Wunder verlasse. Schon mehrmals in aehnlichen Faellen sei ein gewaltsamer Platzregen gefallen und habe die meist abhaengige Strasse wenigstens zum Teil rein abgeschwemmt und der Prozession reinen Weg gebahnt. Auch diesmal hege man die gleiche Hoffnung nicht ohne Grund, denn der Himmel ueberziehe sich und verspreche Regen auf die Nacht.

Palermo, Sonntag, den 15. April 1787.

Und so geschah es denn auch! der gewaltsamste Regenguss fiel vergangene Nacht vom Himmel. Sogleich morgens eilte ich auf die Strasse, um Zeuge des Wunders zu sein. Und es war wirklich seltsam genug. Der zwischen den beiderseitigen Schrittsteinen eingeschraenkte Regenstrom hatte das leichteste Kehricht die abhaengige Strasse herunter, teils nach dem Meere, teils in die Abzuege, insofern sie nicht verstopft waren, fortgetrieben, das groebere Gestroehde wenigstens von einem Orte zum andern geschoben und dadurch wundersame, reine Maeander auf das Pflaster gezeichnet. Nun waren hundert und aber hundert Menschen mit Schaufeln, Besen und Gabeln dahinterher, diese reinen Stellen zu erweitern und in Zusammenhang zu bringen, indem sie die noch uebriggebliebenen Unreinigkeiten bald auf diese, bald auf jene Seite haeuften. Daraus erfolgte denn, dass die Prozession, als sie begann, wirklich einen reinlichen Schlangenweg durch den Morast gebahnt sah und sowohl die saemtliche langbekleidete Geistlichkeit als der nettfuessige Adel, den Vizekoenig an der Spitze, ungehindert und unbesudelt durchschreiten konnte. Ich glaubte die Kinder Israel zu sehen, denen durch Moor und Moder von Engelshand ein trockner Pfad bereitet wurde, und veredelte mir in diesem Gleichnisse den unertraeglichen Anblick, so viel andaechtige und anstaendige Menschen durch eine Allee von feuchten Kothaufen durchbeten und durchprunken zu sehen.

Auf den Schrittsteinen hatte man nach wie vor reinlichen Wandel, im Innern der Stadt hingegen, wohin uns die Absicht, verschiedenes bis jetzt Vernachlaessigtes zu sehen, gerade heute gehen hiess, war es fast unmoeglich, durchzukommen, obgleich auch hier das Kehren und Aufhaeufen nicht versaeumt war.

Diese Feierlichkeit gab uns Anlass, die Hauptkirche zu besuchen und ihre Merkwuerdigkeiten zu betrachten, auch, weil wir einmal auf den Beinen waren, uns nach andern Gebaeuden umzusehen; da uns denn ein maurisches, bis jetzt wohlerhaltenes Haus gar sehr ergoetzte—nicht gross, aber mit schoenen, weiten und wohlproportionierten, harmonischen Raeumen; in einem noerdlichen Klima nicht eben bewohnbar, im suedlichen ein hoechst willkommener Aufenthalt. Die Baukundigen moegen uns davon Grund—und Aufriss ueberliefern.

Auch sahen wir in einem unfreundlichen Lokal verschiedene Reste antiker marmorner Statuen, die wir aber zu entziffern keine Geduld hatten.

Palermo, Montag, den 16. April 1787.

Da wir uns nun selbst mit einer nahen Abreise aus diesem Paradies bedrohen muessen, so hoffte ich, heute noch im oeffentlichen Garten ein vollkommenes Labsal zu finden, mein Pensum in der "Odyssee" zu lesen und auf einem Spaziergang nach dem Tale am Fusse des Rosalienbergs den Plan der "Nausikaa" weiter durchzudenken und zu versuchen, ob diesem Gegenstande eine dramatische Seite abzugewinnen sei. Dies alles ist, wo nicht mit grossem Glueck, doch mit vielem Behagen geschehen. Ich verzeichnete den Plan und konnte nicht unterlassen, einige Stellen, die mich besonders anzogen, zu entwerfen und auszufuehren.

Palermo, Dienstag, den 17. April 1787.

Es ist ein wahres Unglueck, wenn man von vielerlei Geistern verfolgt und versucht wird! Heute frueh ging ich mit dem festen, ruhigen Vorsatz, meine dichterischen Traeume fortzusetzen, nach dem oeffentlichen Garten, allein eh’ ich mich’s versah, erhaschte mich ein anderes Gespenst, das mir schon diese Tage nachgeschlichen. Die vielen Pflanzen, die ich sonst nur in Kuebeln und Toepfen, ja die groesste Zeit des Jahres nur hinter Glasfenstern zu sehen gewohnt war, stehen hier froh und frisch unter freiem Himmel, und indem sie ihre Bestimmung vollkommen erfuellen, werden sie uns deutlicher. Im Angesicht so vielerlei neuen und erneuten Gebildes fiel mir die alte Grille wieder ein, ob ich nicht unter dieser Schar die Urpflanze entdecken koennte. Eine solche muss es denn doch geben! Woran wuerde ich sonst erkennen, dass dieses oder jenes Gebilde eine Pflanze sei, wenn sie nicht alle nach einem Muster gebildet waeren?

Ich bemuehte mich zu untersuchen, worin denn die vielen abweichenden Gestalten voneinander unterschieden seien. Und ich fand sie immer mehr aehnlich als verschieden, und wollte ich meine botanische Terminologie anbringen, so ging das wohl, aber es fruchtete nicht, es machte mich unruhig, ohne dass es mir weiterhalf. Gestoert war mein guter poetischer Vorsatz, der Garten des Alcinous war verschwunden, ein Weltgarten hatte sich aufgetan. Warum sind wir Neueren doch so zerstreut, warum gereizt zu Forderungen, die wir nicht erreichen noch erfuellen koennen!

Alcamo, Mittwoch, den 18. April 1787.

Beizeiten ritten wir aus Palermo. Kniep und der Vetturin hatten sich beim Ein—und Aufpacken vortrefflich erwiesen. Wir zogen langsam die herrliche Strasse hinauf, die uns schon beim Besuch auf San Martino bekannt geworden, und bewunderten abermals eine der Prachtfontaenen am Wege, als wir auf die maessige Sitte dieses Landes vorbereitet wurden. Unser Reitknecht naemlich hatte ein kleines Weinfaesschen am Riemen umgehaengt, wie unsere Marketenderinnen pflegen, und es schien fuer einige Tage genugsam Wein zu enthalten. Wir verwunderten uns daher, als er auf eine der vielen Springroehren losritt, den Pfropf eroeffnete und Wasser einlaufen liess. Wir fragten mit wahrhaft deutschem Erstaunen, was er da vorhabe, ob das Faesschen nicht voll Wein sei, worauf er mit grosser Gelassenheit erwiderte, er habe ein Drittel davon leer gelassen, und weil niemand ungemischten Wein trinke, so sei es besser, man mische ihn gleich im ganzen, da vereinigten sich die Fluessigkeiten besser und man sei ja nicht sicher, ueberall Wasser zu finden. Indessen war das Faesschen gefuellt, und wir mussten uns diesen altorientalischen Hochzeitsgebrauch gefallen lassen.

Als wir nun hinter Monreale auf die Hoehen gelangten, sahen wir wunderschoene Gegenden, mehr im historischen als oekonomischen Stil. Wir blickten rechter Hand bis ans Meer, das zwischen den wundersamsten Vorgebirgen ueber baumreiche und baumlose Gestade seine schnurgerade Horizontallinie hinzog und so, entschieden ruhig, mit den wilden Kalkfelsen herrlich kontrastierte. Kniep enthielt sich nicht, deren in kleinem Format mehrere zu umreissen.

Nun sind wir in Alcamo, einem stillen, reinlichen Staedtchen, dessen wohleingerichteter Gasthof als eine schoene Anstalt zu ruehmen ist, da man von hier aus den abseits und einsam belegenen Tempel von Segesta bequem besuchen kann.

Alcamo, Donnerstag, den 19. April 1787.

Die gefaellige Wohnung in einem ruhigen Bergstaedtchen zieht uns an, und wir fassen den Entschluss, den ganzen Tag hier zuzubringen. Da mag denn vor allen Dingen von gestrigen Ereignissen die Rede sein. Schon frueher leugnete ich des Prinzen Pallagonia Originalitaet; er hat Vorgaenger gehabt und Muster gefunden. Auf dem Wege nach Monreale stehen zwei Ungeheuer an einer Fontaene und auf dem Gelaender einige Vasen, voellig, als wenn sie der Fuerst bestellt haette.

Hinter Monreale, wenn man den schoenen Weg verlaesst und ins steinichte Gebirge kommt, liegen oben auf dem Ruecken Steine im Weg, die ich ihrer Schwere und Anwitterung nach fuer Eisenstein hielt. Alle Landesflaechen sind bebaut und tragen besser oder schlechter. Der Kalkstein zeigte sich rot, die verwitterte Erde an solchen Stellen desgleichen. Diese rote, tonig-kalkige Erde ist weit verbreitet, der Boden schwer, kein Sand darunter, traegt aber trefflichen Weizen. Wir fanden alte, sehr starke, aber verstuemmelte oelbaeume.

Unter dem Obdach einer luftigen, an der schlechten Herberge vorgebauten Halle erquickten wir uns an einem maessigen Imbiss. Hunde verzehrten begierig die weggeworfenen Schalen unserer Wuerste, ein Betteljunge vertrieb sie und speiste mit Appetit die Schalen der aepfel, die wir verzehrten, dieser aber ward gleichfalls von einem alten Bettler verjagt. Handwerksneid ist ueberall zu Hause. In einer zerlumpten Toga lief der alte Bettler hin und wider als Hausknecht oder Kellner. So hatte ich auch schon frueher gesehen, dass, wenn man etwas von einem Wirte verlangt, was er gerade nicht im Hause hat, so laesst er es durch einen Bettler beim Kraemer holen.

Doch sind wir gewoehnlich vor einer so unerfreulichen Bedienung bewahrt, da unser Vetturin vortrefflich ist—Stallknecht, Cicerone, Garde, Einkaeufer, Koch und alles.

Auf den hoeheren Bergen findet sich noch immer der oelbaum, Caruba, Fraxinus. Ihr Feldbau ist auch in drei Jahre geteilt. Bohnen, Getreide und Ruhe, wobei sie sagen: "Mist tut mehr Wunder als die Heiligen." Der Weinstock wird sehr niedrig gehalten.

Die Lage von Alcamo ist herrlich auf der Hoehe in einiger Entfernung vom Meerbusen, die Grossheit der Gegend zog uns an. Hohe Felsen, tiefe Taeler dabei, aber Weite und Mannigfaltigkeit. Hinter Monreale rueckt man in ein schoenes doppeltes Tal, in dessen Mitte sich noch ein Felsruecken herzieht. Die fruchtbaren Felder stehen gruen und still, indes auf dem breiten Wege wildes Gebuesch und Staudenmassen wie unsinnig von Blueten glaenzt: der Linsenbusch, ganz gelb von Schmetterlingsblumen ueberdeckt, kein gruenes Blatt zu sehen, der Weissdorn, Strauss an Strauss, die Aloen ruecken in die Hoehe und deuten auf Blueten, reiche Teppiche von amarantrotem Klee, die Insektenophrys, Alpenroeslein, Hyazinthen mit geschlossenen Glocken, Borrass, Allien, Asphodelen.

Das Wasser, das von Segesta herunterkommt, bringt ausser Kalksteinen viele Hornsteingeschiebe, sie sind sehr fest, dunkelblau, rot, gelb, braun, von den verschiedensten Schattierungen. Auch anstehend als Gaenge fand ich Horn—oder Feuersteine in Kalkfelsen, mit Sahlband von Kalk. Von solchem Geschiebe findet man ganze Huegel, ehe man nach Alcamo kommt.

Segesta, den 20. April 1787.

Der Tempel von Segesta ist nie fertig geworden, und man hat den Platz um denselben nie verglichen, man ebnete nur den Umkreis, worauf die Saeulen gegruendet werden sollten; denn noch jetzt stehen die Stufen an manchen Orten neun bis zehn Fuss in der Erde, und es ist kein Huegel in der Naehe, von dem Steine und Erdreich haetten herunterkommen koennen. Auch liegen die Steine in ihrer meist natuerlichen Lage, und man findet keine Truemmer darunter.

Segesta. Kupferstich von Chatelet

Die Saeulen stehen alle; zwei, die umgefallen waren, sind neuerdings wieder hergestellt. Inwiefern die Saeulen Sockel haben sollten, ist schwer zu bestimmen und ohne Zeichnung nicht deutlich zu machen. Bald sieht es aus, als wenn die Saeule auf der vierten Stufe staende, da muss man aber wieder eine Stufe zum Innern des Tempels hinab, bald ist die oberste Stufe durchschnitten, dann sieht es aus, als wenn die Saeulen Basen haetten, bald sind diese Zwischenraeume wieder ausgefuellt, und da haben wir wieder den ersten Fall. Der Architekt mag dies genauer bestimmen.

Die Nebenseiten haben zwoelf Saeulen ohne die Ecksaeulen, die vordere und hintere Seite sechs mit den Ecksaeulen. Die Zapfen, an denen man die Steine transportiert, sind an den Stufen des Tempels ringsum nicht weggehauen, zum Beweis, dass der Tempel nicht fertig geworden. Am meisten zeugt davon aber der Fussboden: derselbe ist von den Seiten herein an einigen Orten durch Platten angegeben, in der Mitte aber steht noch der rohe Kalkfels hoeher als das Niveau des angelegten Bodens; er kann also nie geplattet gewesen sein. Auch ist keine Spur von innerer Halle. Noch weniger ist der Tempel mit Stuck ueberzogen gewesen, dass es aber die Absicht war, laesst sich vermuten: an den Platten der Kapitaele sind Vorspruenge, wo sich vielleicht der Stuck anschliessen sollte. Das Ganze ist aus einem travertinaehnlichen Kalkstein gebaut, jetzt sehr verfressen. Die Restauration von 1781 hat dem Gebaeude sehr wohl getan. Der Steinschnitt, der die Teile zusammenfuegt, ist einfach, aber schoen. Die grossen besonderen Steine, deren Riedesel erwaehnt, konnt’ ich nicht finden, sie sind vielleicht zu Restauration der Saeulen verbraucht worden.

Die Lage des Tempels ist sonderbar: am hoechsten Ende eines weiten, langen Tales, auf einem isolierten Huegel, aber doch noch von Klippen umgeben, sieht er ueber viel Land in eine weite Ferne, aber nur ein Eckchen Meer. Die Gegend ruht in trauriger Fruchtbarkeit, alles bebaut und fast nirgends eine Wohnung. Auf bluehenden Disteln schwaermten unzaehlige Schmetterlinge. Wilder Fenchel stand acht bis neun Fuss hoch verdorret von vorigem Jahr her so reichlich und in scheinbarer Ordnung, dass man es fuer die Anlage einer Baumschule haette halten koennen. Der Wind sauste in den Saeulen wie in einem Walde, und Raubvoegel schwebten schreiend ueber dem Gebaelke.

Die Muehseligkeit, in den unscheinbaren Truemmern eines Theaters herumzusteigen, benahm uns die Lust, die Truemmer der Stadt zu besuchen. Am Fusse des Tempels finden sich grosse Stuecke jenes Hornsteins, und der Weg nach Alcamo ist mit unendlichen Geschieben desselben gemischt. Hiedurch kommt ein Anteil Kieselerde in den Boden, wodurch er lockerer wird. An frischem Fenchel bemerkte ich den Unterschied der unteren und oberen Blaetter, und es ist doch nur immer dasselbe Organ, das sich aus der Einfachheit zur Mannigfaltigkeit entwickelt. Man gaetet hier sehr fleissig, die Maenner gehen wie bei einem Treibjagen das ganze Feld durch. Insekten lassen sich auch sehen. In Palermo hatte ich nur Gewuerm bemerkt, Eidechsen, Blutegel, Schnecken, nicht schoener gefaerbt als unsere, ja nur grau.

Castel Vetrano, Sonnabend, den 21. April 1787

Von Alcamo auf Castel Vetrano kommt man am Kalkgebirge her ueber Kieshuegel. Zwischen den steilen, unfruchtbaren Kalkbergen weite, hueglige Taeler, alles bebaut, aber fast kein Baum. Die Kieshuegel voll grosser Geschiebe, auf alte Meeresstroemungen hindeutend; der Boden schoen gemischt, leichter als bisher, wegen des Anteils von Sand. Salemi blieb uns eine Stunde rechts, hier kamen wir ueber Gipsfelsen, dem Kalke vorliegend, das Erdreich immer trefflicher gemischt. In der Ferne sieht man das westliche Meer. Im Vordergrund das Erdreich durchaus hueglig. Wir fanden ausgeschlagne Feigenbaeume, was aber Lust und Bewunderung erregte, waren unuebersehbare Blumenmassen, die sich auf dem ueberbreiten Wege angesiedelt hatten und in grossen, bunten, aneinander stossenden Flaechen sich absonderten und wiederholten. Die schoensten Winden, Hibiscus und Malven, vielerlei Arten Klee herrschten wechselsweise, dazwischen das Allium, Galegagestraeuche. Und durch diesen bunten Teppich wand man sich reitend hindurch, denen sich kreuzenden unzaehligen schmalen Pfaden nachfolgend. Dazwischen weidet schoenes rotbraunes Vieh, nicht gross, sehr nett gebaut, besonders zierliche Gestalt der kleinen Hoerner.

Die Gebirge in Nordost stehen alle reihenweis, ein einziger Gipfel, Cuniglione, ragt aus der Mitte hervor. Die Kieshuegel zeigen wenig Wasser, auch muessen wenig Regenguesse hier niedergehen, man findet keine Wasserrisse, noch sonst Verschwemmtes.

In der Nacht begegnete mir ein eignes Abenteuer. Wir hatten uns in einem freilich nicht sehr zierlichen Lokal sehr muede auf die Betten geworfen, zu Mitternacht wach’ ich auf und erblicke ueber mir die angenehmste Erscheinung—einen Stern, so schoen, als ich ihn nie glaubte gesehen zu haben. Ich erquicke mich an dem lieblichen, alles Gute weissagenden Anblick, bald aber verschwindet mein holdes Licht und laesst mich in der Finsternis allein. Bei Tagesanbruch bemerkte ich erst die Veranlassung dieses Wunders; es war eine Luecke im Dach, und einer der schoensten Sterne des Himmels war in jenem Augenblick durch meinen Meridian gegangen. Dieses natuerliche Ereignis jedoch legten die Reisenden mit Sicherheit zu ihren Gunsten aus.

Sciacca, den 22. April 1787.

Der Weg hieher, mineralogisch uninteressant, geht immerfort ueber Kieshuegel. Man gelangt ans Ufer des Meers, dort ragen mitunter Kalkfelsen hervor. Alles flache Erdreich unendlich fruchtbar, Gerste und Hafer von dem schoensten Stande; Salsola Kali gepflanzt; die Aloen haben schon hoehere Fruchtstaemme getrieben als gestern und ehegestern. Die vielerlei Kleearten verliessen uns nicht. Endlich kamen wir an ein Waeldchen, buschig, die hoeheren Baeume nur einzeln; endlich auch Pantoffelholz!

Girgenti, den 23. April. Abends.

Von Sciacca hieher starke Tagereise. Gleich vor genanntem Orte betrachteten wir die Baeder; ein heisser Quell dringt aus dem Felsen mit sehr starkem Schwefelgeruch, das Wasser schmeckt sehr salzig, aber nicht faul. Sollte der Schwefeldunst nicht im Augenblick des Hervorbrechens sich erzeugen? Etwas hoeher ist ein Brunnen, kuehl, ohne Geruch. Ganz oben liegt das Kloster, wo die Schwitzbaeder sind, ein starker Dampf steigt davon in die reine Luft.

Das Meer rollt hier nur Kalkgeschiebe, Quarz und Hornstein sind abgeschnitten. Ich beobachtete die kleinen Fluesse; Calata Bellotta und Macasoli bringen auch nur Kalkgeschiebe, Platani gelben Marmor und Feuersteine, die ewigen Begleiter dieses edlern Kalkgesteins. Wenige Stueckchen Lava machten mich aufmerksam, allein ich vermute hier in der Gegend nichts Vulkanisches, ich denke vielmehr, es sind Truemmer von Muehlsteinen, oder zu welchem Gebrauch man solche Stuecke aus der Ferne geholt hat. Bei Monte allegro ist alles Gips: dichter Gips und Fraueneis, ganze Felsen vor und zwischen dem Kalk. Die wunderliche Felsenlage von Calata Bellotta!

Girgenti, Dienstag, den 24. April 1787

So ein herrlicher Fruehlingsblick wie der heutige bei aufgehender Sonne ward uns freilich nie durchs ganze Leben. Auf dem hohen, uralten Burgraume liegt das neue Girgenti, in einem Umfang, gross genug, um Einwohner zu fassen. Aus unsern Fenstern erblicken wir den weiten und breiten sanften Abhang der ehemaligen Stadt, ganz von Gaerten und Weinbergen bedeckt, unter deren Gruen man kaum eine Spur ehemaliger grosser bevoelkerten Stadtquartiere vermuten duerfte. Nur gegen das mittaegige Ende dieser gruenenden und bluehenden Flaeche sieht man den Tempel der Konkordia hervorragen, in Osten die wenigen Truemmer des Junotempels; die uebrigen, mit den genannten in grader Linie gelegenen Truemmer anderer heiliger Gebaeude bemerkt das Auge nicht von oben, sondern eilt weiter suedwaerts nach der Strandflaeche, die sich noch eine halbe Stunde bis gegen das Meer erstreckt. Versagt ward heute, uns in jene so herrlich gruenenden, bluehenden, fruchtversprechenden Raeume zwischen Zweige und Ranken hinabzubegeben, denn unser Fuehrer, ein kleiner guter Weltgeistlicher, ersuchte uns, vor allen Dingen diesen Tag der Stadt zu widmen.

Erst liess er uns die ganz wohlgebauten Strassen beschauen, dann fuehrte er uns auf hoehere Punkte, wo sich der Anblick durch groessere Weite und Breite noch mehr verherrlichte, sodann zum Kunstgenuss in die Hauptkirche. Diese enthaelt einen wohlerhaltenen Sarkophag, zum Altar gerettet: Hippolyt mit seinen Jagdgesellen und Pferden wird von der Amme Phaedras aufgehalten, die ihm ein Taefelchen zustellen will. Hier war die Hauptabsicht, schoene Juenglinge darzustellen, deswegen auch die Alte, ganz klein und zwergenhaft, als ein Nebenwerk, das nicht stoeren soll, dazwischen gebildet ist. Mich duenkt, von halberhabener Arbeit nichts Herrlichers gesehen zu haben, zugleich vollkommen erhalten. Es soll mir einstweilen als ein Beispiel der anmutigsten Zeit griechischer Kunst gelten.

Der Phaedrasarkophag von Agrigent. Aquatinta von Houel

In fruehere Epochen wurden wir zurueckgefuehrt durch Betrachtung einer koestlichen Vase von bedeutender Groesse und vollkommener Erhaltung. Ferner schienen sich manche Reste der Baukunst in der neuen Kirche hie und da untergesteckt zu haben.

Da es hier keine Gasthoefe gibt, so hatte uns eine freundliche Familie Platz gemacht und einen erhoehten Alkoven an einem grossen Zimmer eingeraeumt. Ein gruener Vorhang trennte uns und unser Gepaeck von den Hausgliedern, welche in dem grossen Zimmer Nudeln fabrizierten, und zwar von der feinsten, weitesten und kleinsten Sorte, davon diejenigen am teuersten bezahlt werden, die, nachdem sie erst in die Gestalt von gliedslangen Stiften gebracht sind, noch von spitzen Maedchenfingern einmal in sich selbst gedreht, eine schneckenhafte Gestalt annehmen. Wir setzten uns zu den huebschen Kindern, liessen uns die Behandlung erklaeren und vernahmen, dass sie aus dem besten und schwersten Weizen, Grano forte genannt, fabriziert wuerden. Dabei kommt viel mehr Handarbeit als Maschinen—und Formwesen vor. Und so hatten sie uns denn auch das trefflichste Nudelgericht bereitet, bedauerten jedoch, dass grade von der allervollkommensten Sorte, die ausser Girgent, ja, ausser ihrem Hause nicht gefertigt werden koennte, nicht einmal ein Gericht vorraetig sei. An Weisse und Zartheit schienen diese ihresgleichen nicht zu haben.

Auch den ganzen Abend wusste unser Fuehrer die Ungeduld zu besaenftigen, die uns hinabwaerts trieb, indem er uns abermals auf die Hoehe zu herrlichen Aussichtspunkten fuehrte und uns dabei die uebersicht der Lage gab alle der Merkwuerdigkeiten, die wir morgen in der Naehe sehen sollten.

Girgenti, Mittwoch, den 25. April 1787

Mit Sonnenaufgang wandelten wir nun hinunter, wo sich bei jedem Schritt die Umgebung malerischer anliess. Mt dem Bewusstsein, dass es zu unserm Besten gereiche, fuehrte uns der kleine Mann unaufhaltsam quer durch die reiche Vegetation an tausend Einzelheiten vorueber, wovon jede das Lokal zu idyllischen Szenen darbot. Hierzu traegt die Ungleichheit des Bodens gar vieles bei, der sich wellenfoermig ueber verborgene Ruinen hinbewegt, die um so eher mit fruchtbarer Erde ueberdeckt werden konnten, als die vormaligen Gebaeude aus einem leichten Muscheltuff bestanden. Und so gelangten wir an das oestliche Ende der Stadt, wo die Truemmer des Junotempels jaehrlich mehr verfallen, weil eben der lockre Stein von Luft und Witterung aufgezehrt wird. Heute sollte nur eine kursorische Beschauung angestellt werden, aber schon waehlte sich Kniep die Punkte, von welchen aus er morgen zeichnen wollte.

Der Tempel steht gegenwaertig auf einem verwitterten Felsen; von hier aus erstreckten sich die Stadtmauern gerade ostwaerts auf einem Kalklager hin, welches senkrecht ueber dem flachen Strande, den das Meer frueher und spaeter, nachdem es diese Felsen gebildet und ihren Fuss bespuelt, verlassen hatte. Teils aus den Felsen gehauen, teils aus denselben erbaut waren die Mauern, hinter welchen die Reihe der Tempel hervorragte. Kein Wunder also, dass der untere, der aufsteigende und der hoechste Teil von Girgenti zusammen von dem Meere her einen bedeutenden Anblick gewaehrte.

Der Tempel der Konkordia hat so vielen Jahrhunderten widerstanden; seine schlanke Baukunst naehert ihn schon unserm Massstabe des Schoenen und Gefaelligen, er verhaelt sich zu denen von Paestum wie Goettergestalt zum Riesenbilde. Ich will mich nicht beklagen, dass der neuere loebliche Vorsatz, diese Monumente zu erhalten, geschmacklos ausgefuehrt worden, indem man die Luecken mit blendend weissem Gips ausbesserte; dadurch steht dieses Monument auch auf gewisse Weise zertruemmert vor dem Auge; wie leicht waere es gewesen, dem Gips die Farbe des verwitterten Steins zu geben! Sieht man freilich den so leicht sich broeckelnden Muschelkalk der Saeulen und Mauern, so wundert man sich dass er noch so lange gehalten. Aber die Erbauer, hoffend auf eine aehnliche Nachkommenschaft, hatten deshalb Vorkehrung getroffen: man findet noch ueberreste eines feinen Tuenchs an den Saeulen, der zugleich dem Auge schmeicheln und die Dauer verbergen sollte.

Gebaelkfragment vom Zeustempel in Agrigent (Girgenti). Gouache von Houel

Die naechste Station ward Godann bei den Ruinen des Jupitertempels gehalten. Dieser liegt weit gestreckt, wie die Knochenmasse eines Riesengerippes inner—und unterhalb mehrerer kleinen Besitzungen, von Zaeunen durchschnitten, von hoehern und niedern Pflanzen durchwachsen. Alles Gebildete ist aus diesen Schutthaufen verschwunden ausser einem ungeheueren Triglyph und einem Stueck einer demselben proportionierten Halbsaeule. Jenen mass ich mit ausgespannten Armen und konnte ihn nicht erklaftern, von der Kannelierung der Saeule hingegen kann dies einen Begriff geben, dass ich, darin stehend, dieselbe als eine kleine Nische ausfuellte, mit beiden Schultern anstossend. Zweiundzwanzig Maenner, im Kreise nebeneinander gestellt, wuerden ungefaehr die Peripherie einer solchen Saeule bilden. Wir schieden mit dem unangenehmen Gefuehle, dass hier fuer den Zeichner gar nichts zu tun sei.

Der Tempel des Herkules hingegen liess noch Spuren vormaliger Symmetrie entdecken. Die zwei Saeulenreihen, die den Tempel hueben und drueben begleiteten, lagen in gleicher Richtung wie auf einmal zusammen hingelegt, von Norden nach Sueden; jene einen Huegel hinaufwaerts, diese hinabwaerts. Der Huegel mochte aus der zerfallenen Zelle entstanden sein. Die Saeulen, wahrscheinlich durch das Gebaelk zusammengehalten, stuerzten auf einmal, vielleicht durch Sturmwut niedergestreckt, und sie liegen noch regelmaessig, in die Stuecke, aus denen sie zusammengesetzt waren, zerfallen. Dieses merkwuerdige Vorkommen genau zu zeichnen, spitzte Kniep schon in Gedanken seine Stifte.

Der Tempel des aeskulap, von dem schoensten Johannisbrotbaum beschattet und in ein kleines feldwirtschaftliches Haus beinahe eingemauert, bietet ein freundliches Bild.

Nun stiegen wir zum Grabmal Therons hinab und erfreuten uns der Gegenwart dieses so oft nachgebildet gesehenen Monuments, besonders da es uns zum Vordergrunde diente einer wundersamen Ansicht; denn man schaute von Westen nach Osten an dem Felslager hin, auf welchem die lueckenhaften Stadtmauern sowie durch sie und ueber ihnen die Reste der Tempel zu sehen waren. Unter Hackerts kunstreicher Hand ist diese Ansicht zum erfreulichen Bilde geworden; Kniep wird einen Umriss auch hier nicht fehlen lassen.

Girgenti, Donnerstag, den 26. April 1787.

Als ich erwachte, war Kniep schon bereit, mit einem Knaben, der ihm den Weg zeigen und die Pappen tragen sollte, seine zeichnerische Reise anzutreten. Ich genoss des herrlichsten Morgens am Fenster, meinen geheimen, stillen, aber nicht stummen Freund an der Seite. Aus frommer Scheu habe ich bisher den Namen nicht genannt des Mentors, auf den ich von Zeit zu Zeit hinblicke und hinhorche; es ist der treffliche von Riedesel, dessen Buechlein ich wie ein Brevier oder Talisman am Busen trage. Sehr gern habe ich mich immer in solchen Wesen bespiegelt, die das besitzen, was mir abgeht, und so ist es grade hier: ruhiger Vorsatz, Sicherheit des Zwecks, reinliche, schickliche Mittel, Vorbereitung und Kenntnis, inniges Verhaeltnis zu einem meisterhaft Belehrenden, zu Winckelmann; dies alles geht mir ab und alles uebrige, was daraus entspringt. Und doch kann ich mir nicht feind sein, dass ich das zu erschleichen, zu erstuermen, zu erlisten suche, was mir waehrend meines Lebens auf dem gewoehnlichen Wege versagt war. Moege jener treffliche Mann in diesem Augenblick mitten in dem Weltgetuemmel empfinden, wie ein dankbarer Nachfahr seine Verdienste feiert, einsam in dem einsamen Orte, der auch fuer ihn so viel Reize hatte, dass er sogar hier, vergessen von den Seinigen und ihrer vergessend, seine Tage zuzubringen wuenschte.

Nun durchzog ich die gestrigen Wege mit meinem kleinen geistlichen Fuehrer, die Gegenstaende von mehrern Seiten betrachtend und meinen fleissigen Freund hie und da besuchend.

Auf eine schoene Anstalt der alten maechtigen Stadt machte mich mein Fuehrer aufmerksam. In den Felsen und Gemaeuermassen, welche Girgenti zum Bollwerk dienten, finden sich Graeber, wahrscheinlich den Tapfern und Guten zur Ruhestaette bestimmt. Wo konnten diese schoener, zu eigener Glorie und zu ewig lebendiger Nacheiferung, beigesetzt werden!

In dem weiten Raume zwischen den Mauern und dem Meere finden sich noch die Reste eines kleinen Tempels, als christliche Kapelle erhalten. Auch hier sind Halbsaeulen mit den Quaderstuecken der Mauer aufs schoenste verbunden, und beides, ineinander gearbeitet, hoechst erfreulich dem Auge. Man glaubt genau den Punkt zu fuehlen, wo die dorische Ordnung ihr vollendetes Mass erhalten hat.

Manches unscheinbare Denkmal des Altertums ward obenhin angesehen, sodann mit mehr Aufmerksamkeit die jetzige Art, den Weizen unter der Erde in grossen ausgemauerten Gewoelben zu verwahren. UEber den buergerlichen und kirchlichen Zustand erzaehlte mir der gute Alte gar manches. Ich hoerte von nichts, was nur einigermassen in Aufnahme waere. Das Gespraech schickte sich recht gut zu den unaufhaltsam verwitternden Truemmern.

Die Schichten des Muschelkalks fallen alle gegen das Meer. Wundersam von unten und hinten ausgefressene Felsbaenke, deren Oberes und Vorderes sich teilweise erhalten, so dass sie wie herunterhaengende Fransen aussehen. Hass auf die Franzosen, weil sie mit den Barbaresken Frieden haben und man ihnen schuld gibt, sie verrieten die Christen an die Unglaeubigen.

Vom Meere her war ein antikes Tor in Felsen gehauen. Die noch bestehenden Mauern stufenweis auf den Felsen gegruendet. Unser Cicerone hiess Don Michael Vella, Antiquar, wohnhaft bei Meister Gerio in der Naehe von St. Maria.

Die Puffbohnen zu pflanzen, verfahren sie folgendermassen: Sie machen in gehoeriger Weite voneinander Loecher in die Erde, darein tun sie eine Handvoll Mist, sie erwarten Regen, und dann stecken sie die Bohnen. Das Bohnenstroh verbrennen sie, mit der daraus entstehenden Asche waschen sie die Leinwand. Sie bedienen sich keiner Seife. Auch die aeussern Mandelschalen verbrennen sie und bedienen sich derselben statt Soda. Erst waschen sie die Waesche mit Wasser und dann mit solcher Lauge.

Die Folge ihres Fruchtbaus ist Bohnen, Weizen, Tumenia, das vierte Jahr lassen sie es zur Wiese liegen. Unter Bohnen werden hier die Puffbohnen verstanden. Ihr Weizen ist unendlich schoen. Tumenia, deren Namen sich von "bimenia" oder "trimenia" herschreiben soll, ist eine herrliche Gabe der Ceres: es ist eine Art von Sommerkorn, das in drei Monaten reif wird. Sie saeen es vom ersten Januar bis zum Juni, wo es denn immer zur bestimmten Zeit reif ist. Sie braucht nicht viel Regen, aber starke Waerme; anfangs hat sie ein sehr zartes Blatt, aber sie waechst dem Weizen nach und macht sich zuletzt sehr stark. Das Korn saeen sie im Oktober und November, es reift im Juni. Die im November gesaete Gerste ist den ersten Juni reif, an der Kueste schneller, in Gebirgen langsamer.

Der Lein ist schon reif. Der Akanth hat seine praechtigen Blaetter entfaltet. Salsola fruticosa waechst ueppig.

Auf unbebauten Huegeln waechst reichlicher Esparsett. Er wird teilweis verpachtet und buendelweis in die Stadt gebracht. Ebenso verkaufen sie buendelweis den Hafer, den sie aus dem Weizen ausgaeten.

Sie machen artige Einteilungen mit Raendchen in dem Erdreich, wo sie Kohl pflanzen wollen, zum Behuf der Waesserung.

An den Feigen waren alle Blaetter heraus, und die Fruechte hatten angesetzt. Sie werden zu Johanni reif, dann setzt der Baum noch einmal an. Die Mandeln hingen sehr voll; ein gestutzter Karubenbaum trug unendliche Schoten. Die Trauben zum Essen werden an Lauben gezogen, durch hohe Pfeiler unterstuetzt. Melonen legen sie im Maerz, die im Juni reifen. In den Ruinen des Jupitertempels wachsen sie munter ohne eine Spur von Feuchtigkeit.

Der Vetturin ass mit groesstem Appetit rohe Artischocken und Kohlrabi; freilich muss man gestehen, dass sie viel zaerter und saftiger sind als wie bei uns. Wenn man durch aecker kommt, so lassen die Bauern z. B. junge Puffbohnen essen, soviel man will.

Als ich auf schwarze, feste Steine aufmerksam ward, die einer Lava glichen, sagte mir der Antiquar, sie seien vom aetna, auch am Hafen oder vielmehr Landungsplatz stuenden solche.

Der Voegel gibt’s hierzulande nicht viel: Wachteln. Die Zugvoegel sind: Nachtigallen, Lerchen und Schwalben. Rinnine, kleine schwarze Voegel, die aus der Levante kommen, in Sizilien hecken und weiter gehen oder zurueck. Ridene, kommen im Dezember und Januar aus Afrika, fallen auf dem Akragas nieder, und dann ziehen sie sich in die Berge.

Von der Vase des Doms noch ein Wort. Auf derselben steht ein Held in voelliger Ruestung gleichsam als Ankoemmling vor einem sitzenden Alten, der durch Kranz und Szepter als Koenig bezeichnet ist. Hinter diesem steht ein Weib, das Haupt gesenkt, die linke Hand unter dem Kinn; aufmerksam nachdenkende Stellung. Gegenueber hinter dem Helden ein Alter, gleichfalls bekraenzt, er spricht mit einem spiesstragenden Manne, der von der Leibwache sein mag. Der Alte scheint den Helden eingefuehrt zu haben und zu der Wache zu sagen: "Lasst ihn nur mit dem Koenig reden, es ist ein braver Mann."

Das Rote scheint der Grund dieser Vase, das Schwarze darauf gesetzt. Nur an dem Frauengewande scheint Rot auf Schwarz zu sitzen.

Girgenti, Freitag, den 27. April 1787.

Wenn Kniep alle Vorsaetze ausfuehren will, muss er unablaessig zeichnen, indes ich mit meinem alten kleinen Fuehrer umherziehe. Wir spazierten gegen das Meer, von woher sich Girgenti, wie uns die Alten versichern, sehr gut ausgenommen habe. Der Blick ward in die Wellenweite gezogen, und mein Fuehrer machte mich aufmerksam auf einen langen Wolkenstreif, der suedwaerts, einem Bergruecken gleich, auf der Horizontallinie aufzuliegen schien: dies sei die Andeutung der Kueste von Afrika, sagte er. Mir fiel indes ein anderes Phaenomen als seltsam auf; es war aus leichtem Gewoelk ein schmaler Bogen, welcher, mit dem einen Fuss auf Sizilien aufstehend, sich hoch am blauen, uebrigens ganz reinen Himmel hinwoelbte und mit dem andern Ende in Sueden auf dem Meer zu ruhen schien. Von der niedergehenden Sonne gar schoen gefaerbt und wenig Bewegung zeigend, war er dem Auge eine so seltsame als erfreuliche Erscheinung. Es stehe dieser Bogen, versicherte man mir, gerade in der Richtung nach Malta und moege wohl auf dieser Insel seinen andern Fuss niedergelassen haben, das Phaenomen komme manchmal vor. Sonderbar genug waere es, wenn die Anziehungskraft der beiden Inseln gegeneinander sich in der Atmosphaere auf diese Art kundtaete.

Durch dieses Gespraech ward bei mir die Frage wieder rege, ob ich den Vorsatz, Malta zu besuchen, aufgeben sollte. Allein die schon frueher ueberdachten Schwierigkeiten und Gefahren blieben noch immer dieselben, und wir nahmen uns vor, unsern Vetturin bis Messina zu dingen.

Dabei aber sollte wieder nach einer gewissen eigensinnigen Grille gehandelt werden. Ich hatte naemlich auf dem bisherigen Wege in Sizilien wenig kornreiche Gegenden gesehen, sodann war der Horizont ueberall von nahen und fernen Bergen beschraenkt, so dass es der Insel ganz an Flaechen zu fehlen schien und man nicht begriff, wie Ceres dieses Land so vorzueglich beguenstigt haben sollte. Als ich mich darnach erkundigte, erwiderte man mir, dass ich, um dieses einzusehen, statt ueber Syrakus, quer durchs Land gehen muesse, wo ich denn der Weizenstriche genug antreffen wuerde. Wir folgten dieser Lockung, Syrakus aufzugeben, indem uns nicht unbekannt war, dass von dieser herrlichen Stadt wenig mehr als der praechtige Name geblieben sei. Allenfalls war sie von Catania aus leicht zu besuchen.

Caltanisetta, Sonnabend, den 28. April 1787

Heute koennen wir denn endlich sagen, dass uns ein anschaulicher Begriff geworden, wie Sizilien den Ehrennamen einer Kornkammer Italiens erlangen koennen. Eine Strecke, nachdem wir Girgent verlassen, fing der fruchtbare Boden an. Es sind keine grossen Flaechen, aber sanft gegeneinander laufende Berg—und Huegelruecken, durchgaengig mit Weizen und Gerste bestellt, die eine ununterbrochene Masse von Fruchtbarkeit dem Auge darbieten. Der diesen Pflanzen geeignete Boden wird so genutzt und so geschont, dass man nirgends einen Baum sieht, ja, alle die kleinen Ortschaften und Wohnungen liegen auf Ruecken der Huegel, wo eine hinstreichende Reihe Kalkfelsen den Boden ohnehin unbrauchbar macht. Dort wohnen die Weiber das ganze Jahr, mit Spinnen und Weben beschaeftigt, die Maenner hingegen bringen zur eigentlichen Epoche der Feldarbeit nur Sonnabend und Sonntag bei ihnen zu, die uebrigen Tage bleiben sie unten und ziehen sich nachts in Rohrhuetten zurueck. Und so war denn unser Wunsch bis zum ueberdruss erfuellt, wir haetten uns Triptolems Fluegelwagen gewuenscht, um dieser Einfoermigkeit zu entfliehen.

Nun ritten wir bei heissem Sonnenschein durch diese wueste Fruchtbarkeit und freuten uns, in dem wohlgelegenen und wohlgebauten Caltanisetta zuletzt anzukommen, wo wir jedoch abermals vergeblich um eine leidliche Herberge bemueht waren. Die Maultiere stehen in praechtig gewoelbten Staellen, die Knechte schlafen auf dem Klee, der den Tieren bestimmt ist, der Fremde aber muss seine Haushaltung von vorn anfangen. Ein allenfalls zu beziehendes Zimmer muss erst gereinigt werden. Stuehle und Baenke gibt es nicht, man sitzt auf niedrigen Boecken von starkem Holz, Tische sind auch nicht zu finden.

Will man jene Boecke in Bettfuesse verwandeln, so geht man zum Tischler und borgt so viel Bretter, als noetig sind, gegen eine gewisse Miete. Der grosse Juchtensack, den uns Hackert geliehen, kam diesmal sehr zugute und ward vorlaeufig mit Haeckerling angefuellt.

Vor allem aber musste wegen des Essens Anstalt getroffen werden. Wir hatten unterwegs eine Henne gekauft, der Vetturin war gegangen, Reis, Salz und Spezereien anzuschaffen, weil er aber nie hier gewesen, so blieb lange uneroertert, wo denn eigentlich gekocht werden sollte, wozu in der Herberge selbst keine Gelegenheit war. Endlich bequemte sich ein aeltlicher Buerger, Herd und Holz, Kuechen—und Tischgeraete gegen ein billiges herzugeben und uns, indessen gekocht wuerde, in der Stadt herumzufuehren, endlich auf den Markt, wo die angesehensten Einwohner nach antiker Weise umhersassen, sich unterhielten und von uns unterhalten sein wollten.

Wir mussten von Friederich dem Zweiten erzaehlen, und ihre Teilnahme an diesem grossen Koenige war so lebhaft, dass wir seinen Tod verhehlten, um nicht durch eine so unselige Nachricht unsern Wirten verhasst zu werden.

Caltanisetta, Sonnabend, den 28. April 1787.

Geologisches, nachtraeglich. Von Girgent die Muschelkalkfelsen hinab zeigt sich ein weissliches Erdreich, das sich nachher erklaert: man findet den aelteren Kalk wieder und Gips unmittelbar daran. Weite flache Taeler, Fruchtbau bis an die Gipfel, oft darueberweg; aelterer Kalk mit verwittertem Gips gemischt. Nun zeigt sich ein loseres, gelbliches, leicht verwitterndes neues Kalkgestein: in den geackerten Feldern kann man dessen Farbe deutlich erkennen, die oft ins Dunklere, ja ins Violette zieht. Etwas ueber halben Weg tritt der Gips wieder hervor. Auf demselben waechst haeufig ein schoen violettes, fast rosenrotes Sedum und an den Kalkfelsen ein schoenes gelbes Moos.

Jenes verwitterliche Kalkgestein zeigt sich oefters wieder, am staerksten gegen Caltanisetta, wo es in Lagern liegt, die einzelne Muscheln enthalten; dann zeigt sich’s roetlich, beinahe wie Mennige, mit wenigem Violett, wie oben bei San Martino bemerkt worden.

Quarzgeschiebe habe ich nur etwa auf halbem Wege in einem Taelchen gefunden, das, an drei Seiten geschlossen, gegen Morgen und also gegen das Meer zu offenstand.

Links in der Ferne war der hohe Berg bei Camerata merkwuerdig und ein anderer wie ein gestutzter Kegel. Die grosse Haelfte des Wegs kein Baum zu sehen. Die Frucht stand herrlich, obgleich nicht so hoch wie zu Girgent und am Meeresufer, jedoch so rein als moeglich; in den unabsehbaren Weizenaeckern kein Unkraut. Erst sahen wir nichts als gruenende Felder, dann gepfluegte, an feuchtlichen oertern ein Stueckchen Wiese. Hier kommen auch Pappeln vor. Gleich hinter Girgent fanden wir aepfel und Birnen, uebrigens an den Hoehen und in der Naehe der wenigen Ortschaften etwas Feigen.

Diese dreissig Miglien, nebst allem, was ich rechts und links erkennen konnte, ist aelterer und neuerer Kalk, dazwischen Gips. Der Verwitterung und Verarbeitung dieser drei untereinander hat das Erdreich seine Fruchtbarkeit zu verdanken. Wenig Sand mag es enthalten, es knirscht unter den Zaehnen. Eine Vermutung wegen des Flusses Achates wird sich morgen bestaetigen.

Die Taeler haben eine schoene Form, und ob sie gleich nicht ganz flach sind, so bemerkt man doch keine Spur von Regenguessen, nur kleine Baeche, kaum merklich, rieseln hin, denn alles fliesst gleich unmittelbar nach dem Meere. Wenig roter Klee ist zu sehen, die niedrige Palme verschwindet auch sowie alle Blumen und Straeuche der suedwestlichen Seite. Den Disteln ist nur erlaubt, sich der Wege zu bemaechtigen, alles andere gehoert der Ceres an. UEbrigens hat die Gegend viel aehnliches mit deutschen huegeligen und fruchtbaren Gegenden, z. B. mit der zwischen Erfurt und Gotha, besonders wenn man nach den Gleichen hinsieht. Sehr vieles musste zusammenkommen, um Sizilien zu einem der fruchtbarsten Laender der Welt zu machen.

Man sieht wenig Pferde auf der ganzen Tour, sie pfluegen mit Ochsen, und es besteht ein Verbot, keine Kuehe und Kaelber zu schlachten. Ziegen, Esel und Maultiere begegneten uns viele. Die Pferde sind meist Apfelschimmel mit schwarzen Fuessen und Maehnen, man findet die praechtigsten Stallraeume mit gemauerten Bettstellen. Das Land wird zu Bohnen und Linsen geduengt, die uebrigen Feldfruechte wachsen nach dieser Soemmerung. In aehren geschosste, noch gruene Gerste in Buendeln, roter Klee desgleichen werden dem Vorbeireitenden zu Kauf angeboten.

Auf dem Berg ueber Caltanisetta fand sich fester Kalkstein mit Versteinerungen: die grossen Muscheln lagen unten, die kleinen obenauf. Im Pflaster des Staedtchens fanden wir Kalkstein mit Pektiniten.

Zum 28. April 1787.

Hinter Caltanisetta senken sich die Huegel jaeh herunter in mancherlei Taeler, die ihre Wasser in den Fluss Salso ergiessen. Das Erdreich ist roetlich, sehr tonig, vieles lag unbestellt, auf dem bestellten die Fruechte ziemlich gut, doch, mit den vorigen Gegenden verglichen, noch zurueck.

Castro Giovanni, Sonntag, den 29. April 1787.

Noch groessere Fruchtbarkeit und Menschenoede hatten wir heute zu bemerken. Regenwetter war eingefallen und machte den Reisezustand sehr unangenehm, da wir durch mehrere stark angeschwollene Gewaesser hindurch mussten. Am Fiume Salso, wo man sich nach einer Bruecke vergeblich umsieht, ueberraschte uns eine wunderliche Anstalt. Kraeftige Maenner waren bereit, wovon immer zwei und zwei das Maultier mit Reiter und Gepaeck in die Mitte fassten und so durch einen tiefen Stromteil hindurch bis auf eine grosse Kiesflaeche fuehrten; war nun die saemtliche Gesellschaft hier beisammen, so ging es auf eben diese Weise durch den zweiten Arm des Flusses, wo die Maenner denn abermals durch Stemmen und Draengen das Tier auf dem rechten Pfade und im Stromzug aufrecht erhielten. An dem Wasser her ist etwas Buschwerk, das sich aber landeinwaerts gleich wieder verliert. Der Fiume Salso bringt Granit, einen uebergang in Gneis, breccierten und einfarbigen Marmor.

Nun sahen wir den einzeln stehenden Bergruecken vor uns, worauf Castro Giovanni liegt und welcher der Gegend einen ernsten, sonderbaren Charakter erteilt. Als wir den langen, an der Seite sich hinanziehenden Weg ritten, fanden wir den Berg aus Muschelkalk bestehend; grosse, nur kalzinierte Schalen wurden aufgepackt. Man sieht Castro Giovanni nicht eher, als bis man ganz oben auf den Bergruecken gelangt; denn es liegt am Felsabhang gegen Norden. Das wunderliche Staedtchen selbst, der Turm, links in einiger Entfernung das oertchen Caltascibetta stehen gar ernsthaft gegeneinander. In der Plaine sah man die Bohnen in voller Bluete, wer haette sich aber dieses Anblicks erfreuen koennen! Die Wege waren entsetzlich, noch schrecklicher, weil sie ehemals gepflastert gewesen, und es regnete immer fort. Das alte Enna empfing uns sehr unfreundlich: ein Estrichzimmer mit Laeden ohne Fenster, so dass wir entweder im Dunkeln sitzen, oder den Spruehregen, dem wir soeben entgangen waren, wieder erdulden mussten. Einige ueberreste unseres Reisevorrats wurden verzehrt, die Nacht klaeglich zugebracht. Wir taten ein feierliches Geluebde, nie wieder nach einem mythologischen Namen unser Wegeziel zu richten.

Montag, den 30. April 1787.

Von Castro Giovanni herab fuehrt ein rauher, unbequemer Stieg, wir mussten die Pferde fuehren. Die Atmosphaere vor uns tief herab mit Wolken bedeckt, wobei sich ein wunderbar Phaenomen in der groessten Hoehe sehen liess. Es war weiss und grau gestreift und schien etwas Koerperliches zu sein; aber wie kaeme das Koerperliche in den Himmel! Unser Fuehrer belehrte uns, diese unsere Verwunderung gelte einer Seite des aetna, welche durch die zerrissenen Wolken durchsehe: Schnee und Bergruecken abwechselnd bildeten die Streifen, es sei nicht einmal der hoechste Gipfel.

Des alten Enna steiler Felsen lag nun hinter uns, wir zogen durch lange, lange, einsame Taeler; unbebaut und unbewohnt lagen sie da, dem weidenden Vieh ueberlassen, das wir schoen braun fanden, nicht gross, mit kleinen Hoernern, gar nett, schlank und munter wie die Hirschchen. Diese guten Geschoepfe hatten zwar Weide genug, sie war ihnen aber doch durch ungeheure Distelmassen beengt und nach und nach verkuemmert. Diese Pflanzen finden hier die schoenste Gelegenheit, sich zu besamen und ihr Geschlecht auszubreiten, sie nehmen einen unglaublichen Raum ein, der zur Weide von ein paar grossen Landguetern hinreichte. Da sie nicht perennieren, so waeren sie jetzt, vor der Bluete niedergemaeht, gar wohl zu vertilgen.

Indessen wir nun diese landwirtlichen Kriegsplane gegen die Disteln ernstlich durchdachten, mussten wir zu unserer Beschaemung bemerken, dass sie doch nicht ganz unnuetz seien. Auf einem einsam stehenden Gasthofe, wo wir fuetterten, waren zugleich ein Paar sizilianische Edelleute angekommen, welche quer durch das Land eines Prozesses wegen nach Palermo zogen. Mit Verwundrung sahen wir diese beiden ernsthaften Maenner mit scharfen Taschenmessern vor einer solchen Distelgruppe stehen und die obersten Teile dieser emporstrebenden Gewaechse niederhauen; sie fassten alsdann diesen stachligen Gewinn mit spitzen Fingern, schaelten den Stengel und verzehrten das Innere desselben mit Wohlgefallen. Damit beschaeftigten sie sich eine lange Zeit, indessen wir uns an Wein, diesmal ungemischt, und gutem Brot erquickten. Der Vetturin bereitete uns dergleichen Stengelmark und versicherte, es sei eine gesunde, kuehlende Speise, sie wollte uns aber so wenig schmecken als der rohe Kohlrabi zu Segeste.

Unterwegs, den 30. April.

In das Tal gelangt, wodurch der Fluss St. Paolo sich schlaengelt, fanden wir das Erdreich roetlich schwarz und verwitterlichen Kalk; viel Brache, sehr weite Felder, schoenes Tal, durch das Fluesschen sehr angenehm. Der gemischte gute Lehmboden ist mitunter zwanzig Fuss tief und meistens gleich. Die Aloen hatten stark getrieben. Die Frucht stand schoen, doch mitunter unrein und, gegen die Mittagseite berechnet, weit zurueck. Hie und da kleine Wohnungen; kein Baum als unmittelbar unter Castro Giovanni. Am Ufer des Flusses viel Weide, durch ungeheure Distelmassen eingeschraenkt. Im Flussgeschiebe das Quarzgestein wieder, teils einfach, teils breccienartig.

Molimenti, ein neues oertchen, sehr klug in der Mitte schoener Felder angelegt, am Fluesschen St. Paolo. Der Weizen stand in der Naehe ganz unvergleichlich, schon den zwanzigsten Mai zu schneiden. Die ganze Gegend zeigt noch keine Spur von vulkanischem Wesen, auch selbst der Fluss fuehrt keine dergleichen Geschiebe. Der Boden, gut gemischt, eher schwer als leicht, ist im ganzen kaffeebraun-violettlich anzusehen. Alle Gebirge links, die den Fluss einschliessen, sind Kalk—und Sandstein, deren Abwechselung ich nicht beobachten konnte, welche jedoch, verwitternd, die grosse, durchaus gleiche Fruchtbarkeit des untern Tals bereitet haben.

Dienstag, den 1. Mai 1787

Durch ein so ungleich angebautes, obwohl von der Natur zu durchgaengiger Fruchtbarkeit bestimmtes Tal ritten wir einigermassen verdriesslich herunter, weil nach so viel ausgestandenen Unbilden unsern malerischen Zwecken gar nichts entgegenkam. Kniep hatte eine recht bedeutende Ferne umrissen, weil aber der Mittel—und Vordergrund gar zu abscheulich war, setzte er, geschmackvoll scherzend, ein Poussinsches Vorderteil daran, welches ihm nichts kostete und das Blatt zu einem ganz huebschen Bildchen machte. Wieviel malerische Reisen moegen dergleichen Halbwahrheiten enthalten.

Unser Reitmann versprach, um unser muerrisches Wesen zu beguetigen, fuer den Abend eine gute Herberge, brachte uns auch wirklich in einen vor wenig Jahren gebauten Gasthof, der auf diesem Wege, gerade in gehoeriger Entfernung von Catania gelegen, dem Reisenden willkommen sein musste, und wir liessen es uns bei einer leidlichen Einrichtung seit zwoelf Tagen wieder einigermassen bequem werden. Merkwuerdig aber war uns eine Inschrift, an die Wand bleistiftlich mit schoenen englischen Schriftzuegen geschrieben; sie enthielt folgendes: "Reisende, wer ihr auch seid, huetet euch in Catania vor dem Wirtshause zum goldenen Loewen; es ist schlimmer, als wenn ihr Kyklopen, Sirenen und Skyllen zugleich in die Klauen fielet." Ob wir nun schon dachten, der wohlmeinende Warner moechte die Gefahr etwas mythologisch vergroessert haben, so setzten wir uns doch fest vor, den Goldenen Loewen zu vermeiden, der uns als ein so grimmiges Tier angekuendigt war. Als uns daher der Maultiertreibende befragte, wo wir in Catania einkehren wollten, so versetzten wir: "ueberall, nur nicht im Loewen!", worauf er den Vorschlag tat, da vorliebzunehmen, wo er seine Tiere unterstelle, nur muessten wir uns daselbst auch verkoestigen, wie wir es schon bisher getan. Wir waren alle zufrieden: dem Rachen des Loewen zu entgehen, war unser einziger Wunsch.

Gegen Ibla Major melden sich Lavageschiebe, welche das Wasser von Norden herunterbringt. UEber der Faehre findet man Kalkstein, welcher allerlei Arten Geschiebe, Hornstein, Lava und Kalk verbunden hat, dann verhaertete vulkanische Asche, mit Kalktuff ueberzogen. Die gemischten Kieshuegel dauern immer fort bis gegen Catania, bis an dieselben und ueber dieselben finden sich Lavastroeme des aetna. Einen wahrscheinlichen Krater laesst man links. (Gleich unter Molimenti rauften die Bauern den Flachs.) Wie die Natur das Bunte liebt, laesst sie hier sehen, wo sie sich an der schwarzblaugrauen Lava erlustigt; hochgelbes Moos ueberzieht sie, ein schoen rotes Sedum waechst ueppig darauf, andere schoene violette Blumen. Eine sorgsame Kultur beweist sich an den Kaktuspflanzungen und Weinranken. Nun draengen sich ungeheure Lavafluesse heran. Motta ist ein schoener, bedeutender Fels. Hier stehen die Bohnen als sehr hohe Stauden. Die aecker sind veraenderlich, bald sehr kiesig, bald besser gemischt.

Der Vetturin, der diese Fruehlingsvegetation der Suedostseite lange nicht gesehen haben mochte, verfiel in grosses Ausrufen ueber die Schoenheit der Frucht und fragte uns mit selbstgefaelligem Patriotismus, ob es in unsern Landen auch wohl solche gaebe. Ihr ist hier alles aufgeopfert, man sieht wenig, ja gar keine Baeume. Allerliebst war ein Maedchen von praechtiger, schlanker Gestalt, eine aeltere Bekanntschaft unseres Vetturins, die seinem Maultiere gleich lief, schwatzte und dabei mit solcher Zierlichkeit als moeglich ihren Faden spann. Nun fingen gelbe Blumen zu herrschen an. Gegen Misterbianco standen die Kaktus schon wieder in Zaeunen; Zaeune aber, ganz von diesen wundersam gebildeten Gewaechsen, werden in der Naehe von Catania immer regelmaessiger und schoener.

Catania, Mittwoch, den 2. Mai 1787.

In unserer Herberge befanden wir uns freilich sehr uebel. Die Kost, wie sie der Maultierknecht bereiten konnte, war nicht die beste. Eine Henne, in Reis gekocht, waere dennoch nicht zu verachten gewesen, haette sie nicht ein unmaessiger Safran so gelb als ungeniessbar gemacht. Das unbequemste Nachtlager haette uns beinahe genoetigt, Hackerts Juchtensack wieder hervorzuholen, deshalb sprachen wir morgens zeitig mit dem freundlichen Wirte. Er bedauerte, dass er uns nicht besser versorgen koenne: "Da drueben aber ist ein Haus, wo Fremde gut aufgehoben sind und alle Ursache haben zufrieden zu sein."—Er zeigte uns ein grosses Eckhaus, von welchem die uns zugekehrte Seite viel Gutes versprach. Wir eilten sogleich hinueber, fanden einen ruehrigen Mann, der sich als Lohnbedienter angab und in Abwesenheit des Wirts uns ein schoenes Zimmer neben einem Saal anwies, auch zugleich versicherte, dass wir aufs billigste bedient werden sollten. Wir erkundigten uns ungesaeumt hergebrachterweise, was fuer Quartier, Tisch, Wein, Fruehstueck und sonstiges Bestimmbare zu bezahlen sei. Das war alles billig, und wir schafften eilig unsere Wenigkeiten herueber, sie in die weitlaeufigen vergoldeten Kommoden einzuordnen. Kniep fand zum ersten Male Gelegenheit, seine Pappe auszubreiten; er ordnete seine Zeichnungen, ich mein Bemerktes. Sodann, vergnuegt ueber die schoenen Raeume, traten wir auf den Balkon des Saals, der Aussicht zu geniessen. Nachdem wir diese genugsam betrachtet und gelobt, kehrten wir um nach unsern Geschaeften, und siehe! Da droben ueber unserm Haupte ein grosser goldener Loewe. Wir sahen einander bedenklich an, laechelten und lachten. Von nun an aber blickten wir umher, ob nicht irgendwo eins der Homerischen Schreckbilder hervorschauen moechte.

Nichts dergleichen war zu sehen, dagegen fanden wir im Saal eine huebsche junge Frau, die mit einem Kinde von etwa zwei Jahren herumtaendelte, aber sogleich von dem beweglichen Halbwirt derb ausgescholten dastand: sie solle sich hinweg verfuegen! hiess es, sie habe hier nichts zu tun.—"Es ist doch hart, dass du mich fortjagst", sagte sie, "das Kind ist zu Hause nicht zu beguetigen, wenn du weg bist, und die Herren erlauben mir gewiss, in deiner Gegenwart das Kleine zu beruhigen." Der Gemahl liess es dabei nicht bewenden, sondern suchte sie fortzuschaffen, das Kind schrie in der Tuere ganz erbaermlich, und wir mussten zuletzt ernstlich verlangen, dass das huebsche Madamchen dabliebe.

Durch den Englaender gewarnt, war es keine Kunst, die Komoedie zu durchschauen, wir spielten die Neulinge, die Unschuldigen, er aber machte seine liebreiche Vaterschaft auf das beste gelten. Das Kind wirklich war am freundlichsten mit ihm, wahrscheinlich hatte es die angebliche Mutter unter der Tuere gekneipt.

Und so war sie auch in der groessten Unschuld dageblieben, als der Mann wegging, ein Empfehlungsschreiben an den Hausgeistlichen des Prinzen Biscaris zu ueberbringen. Sie dahlte fort, bis er zurueckkam und anzeigte, der Abbe wuerde selbst erscheinen, uns von dem Naeheren zu unterrichten.

Catania, Donnerstag, den 3. Mai 1787

Der Abbe, der uns gestern abend schon begruesst hatte, erschien heute zeitig und fuehrte uns in den Palast, welcher auf einem hohen Sockel einstoeckig gebaut ist, und zwar sahen wir zuerst das Museum, wo marmorne und eherne Bilder, Vasen und alle Arten solcher Altertuemer beisammenstehen. Wir hatten abermals Gelegenheit, unsere Kenntnisse zu erweitern, besonders aber fesselte uns der Sturz eines Jupiters, dessen Abguss ich schon aus Tischbeins Werkstatt kannte und welcher groessere Vorzuege besitzt, als wir zu beurteilen vermochten. Ein Hausgenosse gab die noetigste historische Auskunft, und nun gelangten wir in einen grossen, hohen Saal. Die vielen Stuehle an den Waenden umher zeugten, dass grosse Gesellschaft sich manchmal hier versammle. Wir setzten uns in Erwartung einer guenstigen Aufnahme. Da kamen ein Paar Frauenzimmer herein und gingen der Laenge nach auf und ab. Sie sprachen angelegentlich miteinander. Als sie uns gewahrten, stand der Abbe auf, ich desgleichen, wir neigten uns. Ich fragte, wer sie seien, und erfuhr, die juengere sei die Prinzessin, die aeltere eine edle Catanierin. Wir hatten uns wieder gesetzt, sie gingen auf und ab, wie man auf einem Marktplatze tun wuerde.

Wir wurden zum Prinzen gefuehrt, der, wie man mir schon bemerkt hatte, uns seine Muenzsammlung aus besonderem Vertrauen vorwies, da wohl frueher seinem Herrn Vater und auch ihm nachher bei solchem Vorzeigen manches abhanden gekommen und seine gewoehnliche Bereitwilligkeit dadurch einigermassen vermindert worden. Hier konnte ich nun schon etwas kenntnisreicher scheinen, indem ich mich bei Betrachtung der Sammlung des Prinzen Torremuzza belehrt hatte. Ich lernte wieder und half mir an jenem dauerhaften Winckelmannischen Faden, der uns durch die verschiedenen Kunstepochen durchleitet, so ziemlich hin. Der Prinz, von diesen Dingen voellig unterrichtet, da er keine Kenner, aber aufmerksame Liebhaber vor sich sah, mochte uns gern in allem, wornach wir forschten, belehren.

Nach dem wir diesen Betrachtungen geraume Zeit, aber doch noch immer zu wenig gewidmet, standen wir im Begriff, uns zu beurlauben, als er uns zu seiner Frau Mutter fuehrte, woselbst die uebrigen kleineren Kunstwerke zu sehen waren.

Wir fanden eine ansehnliche, natuerlich edle Frau, die uns mit den Worten empfing:" Sehen Sie sich bei mir um, meine Herren, Sie finden hier alles noch, wie es mein seliger Gemahl gesammelt und geordnet hat. Dies danke ich der Froemmigkeit meines Sohnes, der mich in seinen besten Zimmern nicht nur wohnen, sondern auch hier nicht das geringste entfernen oder verruecken laesst, was sein seliger Herr Vater anschaffte und aufstellte; wodurch ich den doppelten Vorteil habe, sowohl auf die so lange Jahre her gewohnte Weise zu leben, als auch wie von jeher die trefflichen Fremden zu sehen und naeher zu kennen, die, unsere Schaetze zu betrachten, von so weiten Orten herkommen."

Sie schloss uns darauf selbst den Glasschrank auf, worin die Arbeiten in Bernstein aufbewahrt standen. Der sizilianische unterscheidet sich von dem nordischen darin, dass er von der durchsichtigen und undurchsichtigen Wachs—und Honigfarbe durch alle Abschattungen eines gesaettigten Gelbs bis zum schoensten Hyazinthrot hinansteigt. Urnen, Becher und andere Dinge waren daraus geschnitten, wozu man grosse, bewundernswuerdige Stuecke des Materials mitunter voraussetzen musste. An diesen Gegenstaenden sowie an geschnittenen Muscheln, wie sie in Trapani gefertigt werden, ferner an ausgesuchten Elfenbeinarbeiten hatte die Dame ihre besondere Freude und wusste dabei manche heitere Geschichte zu erzaehlen. Der Fuerst machte uns auf die ernsteren Gegenstaende aufmerksam, und so flossen einige Stunden vergnuegt und belehrend vorueber.

Indessen hatte die Fuerstin vernommen, dass wir Deutsche seien, sie fragte daher nach Herrn von Riedesel, Bartels, Muenter, welche sie saemtlich gekannt und, ihren Charakter und Betragen gar wohl unterscheidend, zu wuerdigen wusste. Wir trennten uns ungern von ihr, und sie schien uns ungern wegzulassen. Dieser Inselzustand hat doch immer etwas Einsames, nur durch voruebergehende Teilnahme aufgefrischt und erhalten.

Uns fuehrte der Geistliche alsdann in das Benediktinerkloster, in die Zelle eines Bruders, dessen bei maessigem Alter trauriges und in sich zurueckgezogenes Ansehn wenig frohe Unterhaltung versprach. Er war jedoch der kunstreiche Mann, der die ungeheure Orgel dieser Kirche allein zu baendigen wusste. Als er unsere Wuensche mehr erraten als vernommen, erfuellte er sie schweigend; wir begaben uns in die sehr geraeumige Kirche, die er, das herrliche Instrument bearbeitend, bis in den letzten Winkel mit leisestem Hauch sowohl als gewaltsamsten Toenen durchsaeuselte und durchschmetterte.

Wer den Mann nicht vorher gesehen, haette glauben muessen, es sei ein Riese, der solche Gewalt ausuebe; da wir aber seine Persoenlichkeit schon kannten, bewunderten wir nur, dass er in diesem Kampf nicht schon laengst aufgerieben sei.

Catania, Freitag, den 4. Mai 1787.

Bald nach Tische kam der Abbe mit einem Wagen, da er uns den entferntern Teil der Stadt zeigen sollte. Beim Einsteigen ereignete sich ein wundersamer Rangstreit. Ich war zuerst eingestiegen und haette ihm zur linken Hand gesessen, er, einsteigend, verlangte ausdruecklich, dass ich herumruecken und ihn zu meiner Linken nehmen sollte; ich bat ihn, dergleichen Zeremonien zu unterlassen. "Verzeiht", sagte er, "dass wir also sitzen, denn wenn ich meinen Platz zu Eurer Rechten nehme, so glaubt jedermann, dass ich mit Euch fahre, sitze ich aber zur Linken, so ist es ausgesprochen, dass Ihr mit mir fahrt, mit mir naemlich, der ich Euch im Namen des Fuersten die Stadt zeige." Dagegen war freilich nichts einzuwenden, und also geschah es.

Wir fuhren die Strassen hinaufwaerts, wo die Lava, welche 1669 einen grossen Teil dieser Stadt zerstoerte, noch bis auf unsere Tage sichtbar blieb. Der starre Feuerstrom ward bearbeitet wie ein anderer Fels, selbst auf ihm waren Strassen vorgezeichnet und teilweise gebaut. Ich schlug ein unbezweifeltes Stueck des Geschmolzenen herunter, bedenkend, dass vor meiner Abreise aus Deutschland schon der Streit ueber die Vulkanitaet der Basalte sich entzuendet hatte. Und so tat ich’s an mehrern Stellen, um zu mancherlei Abaenderungen zu gelangen.

Waeren jedoch Einheimische nicht selbst Freunde ihrer Gegend, nicht selbst bemueht, entweder eines Vorteils oder der Wissenschaft willen, das, was in ihrem Revier merkwuerdig ist, zusammenzustellen, so muesste der Reisende sich lang vergebens quaelen. Schon in Neapel hatte mich der Lavenhaendler sehr gefoerdert, hier in einem weit hoeheren Sinne der Ritter Gioeni. Ich fand in seiner reichen, sehr galant aufgestellten Sammlung die Laven des aetna, die Basalte am Fuss desselben, veraendertes Gestein, mehr oder weniger zu erkennen; alles wurde freundlichst vorgezeigt. Am meisten hatte ich Zeolithe zu bewundern aus den schroffen, im Meere stehenden Felsen unter Jaci.

Als wir den Ritter um die Mittel befragten, wie man sich benehmen muesse, um den aetna zu besteigen, wollte er von einer Wagnis nach dem Gipfel, besonders in der gegenwaertigen Jahreszeit, gar nichts hoeren. "UEberhaupt", sagte er, nachdem er uns um Verzeihung gebeten, "die hier ankommenden Fremden sehen die Sache fuer allzu leicht an; wir andern Nachbarn des Berges sind schon zufrieden, wenn wir ein paarmal in unserm Leben die beste Gelegenheit abgepasst und den Gipfel erreicht haben. Brydone, der zuerst durch seine Beschreibung die Lust nach diesem Feuergipfel entzuendet, ist gar nicht hinaufgekommen; Graf Borch laesst den Leser in Ungewissheit, aber auch er ist nur bis auf eine gewisse Hoehe gelangt, und so koennte ich von mehrern sagen. Fuer jetzt erstreckt sich der Schnee noch allzuweit herunter und breitet unueberwindliche Hindernisse entgegen. Wenn Sie meinem Rate folgen moegen, so reiten Sie morgen bei guter Zeit bis an den Fuss des Monte Rosso, besteigen Sie diese Hoehe; Sie werden von da des herrlichsten Anblicks geniessen und zugleich die alte Lava bemerken, welche dort, 1669 entsprungen, ungluecklicherweise sich nach der Stadt hereinwaelzte. Die Aussicht ist herrlich und deutlich; man tut besser, sich das uebrige erzaehlen zu lassen."

Catania, Sonnabend, den 5. Mai 1787.

Folgsam dem guten Rate, machten wir ans zeitig auf den Weg und erreichten, auf unsern Maultieren immer rueckwaerts schauend, die Region der durch die Zeit noch ungebaendigten Laven. Zackige Klumpen und Tafeln starrten uns entgegen, durch welche nur ein zufaelliger Pfad von den Tieren gefunden wurde. Auf der ersten bedeutenden Hoehe hielten wir still. Kniep zeichnete mit grosser Praezision, was hinaufwaerts vor uns lag: die Lavenmassen im Vordergrunde, den Doppelgipfel des Monte Rosso links, gerade ueber uns die Waelder von Nicolosi, aus denen der beschneite, wenig rauchende Gipfel hervorstieg. Wir rueckten dem roten Berge naeher, ich stieg hinauf: er ist ganz aus rotem vulkanischem Grus, Asche und Steinen zusammengehaeuft. Um die Muendung haette sich bequem herumgehen lassen, haette nicht ein gewaltsam stuermender Morgenwind jeden Schritt unsicher gemacht; wollte ich nur einigermassen fortkommen, so musste ich den Mantel ablegen, nun aber war der Hut jeden Augenblick in Gefahr, in den Krater getrieben zu werden und ich hintendrein. Deshalb setzte ich mich nieder, um mich zu fassen und die Gegend zu ueberschauen; aber auch diese Lage half mir nichts: der Sturm kam gerade von Osten her ueber das herrliche Land, das nah und fern bis ans Meer unter mir lag. Den ausgedehnten Strand von Messina bis Syrakus mit seinen Kruemmungen und Buchten sah ich vor Augen, entweder ganz frei oder durch Felsen des Ufers nur wenig bedeckt. Als ich ganz betaeubt wieder herunterkam, hatte Kniep im Schauer seine Zeit gut angewendet und mit zarten Linien auf dem Papier gesichert, was der wilde Sturm mich kaum sehen, viel weniger festhalten liess.

Die Monti Rossi am Aetna. Aquatinta von Houel

In dem Rachen des Goldenen Loewen wieder angelangt, fanden wir den Lohnbedienten, den wir nur mit Muehe uns zu begleiten abgehalten hatten. Er lobte, dass wir den Gipfel aufgegeben, schlug aber fuer morgen eine Spazierfahrt auf dem Meere zu den Felsen von Jaci andringlich vor: das sei die schoenste Lustpartie, die man von Catania aus machen koenne! Man nehme Trank und Speise mit, auch wohl Geraetschaften, um etwas zu waermen. Seine Frau erbiete sich, dieses Geschaeft zu uebernehmen. Ferner erinnerte er sich des Jubels, wie Englaender wohl gar einen Kahn mit Musik zur Begleitung genommen haetten, welche Lust ueber alle Vorstellung sei.

Die Felsen von Jaci zogen mich heftig an, ich hatte grosses Verlangen, mir so schoene Zeolithe herauszuschlagen, als ich bei Gioeni gesehen. Man konnte ja die Sache kurz fassen, die Begleitung der Frau ablehnen. Aber der warnende Geist des Englaenders behielt die Oberhand, wir taten auf die Zeolithe Verzicht und duenkten uns nicht wenig wegen dieser Enthaltsamkeit.

Catania, Sonntag, den 6. Mai 1787

Unser geistlicher Begleiter blieb nicht aus. Er fuehrte uns, die Reste alter Baukunst zu sehen, zu welchen der Beschauer freilich ein starkes Restaurationstalent mitbringen muss. Man zeigte die Reste von Wasserbehaeltern, einer Naumachie und andere dergleichen Ruinen, die aber bei der vielfachen Zerstoerung der Stadt durch Laven, Erdbeben und Krieg dergestalt verschuettet und versenkt sind, dass Freude und Belehrung nur dem genauesten Kenner altertuemlicher Baukunst daraus entspringen kann.

Eine nochmalige Aufwartung beim Prinzen lehnte der Pater ab, und wir schieden beiderseits mit lebhaften Ausdruecken der Dankbarkeit und des Wohlwollens.

Taormina, Montag, den 7. Mai 1787

Gott sei Dank, dass alles, was wir heute gesehen, schon genugsam beschrieben ist, mehr aber noch, dass Kniep sich vorgenommen hat, morgen den ganzen Tag oben zu zeichnen. Wenn man die Hoehe der Felsenwaende erstiegen hat, welche unfern des Meeresstrandes in die Hoehe steilen, findet man zwei Gipfel durch ein Halbrund verbunden. Was dies auch von Natur fuer eine Gestalt gehabt haben mag, die Kunst hat nachgeholfen und daraus den amphitheatralischen Halbzirkel fuer Zuschauer gebildet; Mauern und andere Angebaeude von Ziegelsteinen, sich anschliessend, supplierten die noetigen Gaenge und Hallen. Am Fusse des stufenartigen Halbzirkels erbaute man die Szene quer vor, verband dadurch die beiden Felsen und vollendete das ungeheuerste Natur—und Kunstwerk.

Setzt man sich nun dahin, wo ehmals die obersten Zuschauer sassen, so muss man gestehen, dass wohl nie ein Publikum im Theater solche Gegenstaende vor sich gehabt. Rechts zur Seite auf hoeheren Felsen erheben sich Kastelle, weiter unten liegt die Stadt, und obschon diese Baulichkeiten aus neueren Zeiten sind, so standen doch vor alters wohl eben dergleichen auf derselben Stelle. Nun sieht man an dem ganzen langen Gebirgsruecken des aetna hin, links das Meerufer bis nach Catania, ja Syrakus; dann schliesst der ungeheure, dampfende Feuerberg das weite, breite Bild, aber nicht schrecklich, denn die mildernde Atmosphaere zeigt ihn entfernter und sanfter, als er ist.

Wendet man sich von diesem Anblick in die an der Rueckseite der Zuschauer angebrachten Gaenge, so hat man die saemtlichen Felswaende links, zwischen denen und dem Meere sich der Weg nach Messina hinschlingt. Felsgruppen und Felsruecken im Meere selbst, die Kueste von Kalabrien in der weitesten Ferne, nur mit Aufmerksamkeit von gelind sich erhebenden Wolken zu unterscheiden.

Wir stiegen gegen das Theater hinab, verweilten in dessen Ruinen, an welchen ein geschickter Architekt seine Restaurationsgabe wenigstens auf dem Papier versuchen sollte, unternahmen sodann, uns durch die Gaerten eine Bahn nach der Stadt zu brechen. Allein hier erfuhren wir, was ein Zaun von nebeneinander gepflanzten Agaven fuer ein undurchdringliches Bollwerk sei: durch die verschraenkten Blaetter sieht man durch und glaubt auch hindurchdringen zu koennen, allein die kraeftigen Stacheln der Blattraender sind empfindliche Hindernisse; tritt man auf ein solches kolossales Blatt, in Hoffnung, es werde uns tragen, so bricht es zusammen, und anstatt hinueber ins Freie zu kommen, fallen wir einer Nachbarpflanze in die Arme. Zuletzt entwickelten wir uns doch diesem Labyrinthe, genossen weniges in der Stadt, konnten aber vor Sonnenuntergang von der Gegend nicht scheiden. Unendlich schoen war es zu beobachten, wie diese in allen Punkten bedeutende Gegend nach und nach in Finsternis versank.

Unter Taormina, am Meer, Dienstag, den 8. Mai 1787

Kniepen, mir vom Glueck zugefuehrt, kann ich nicht genug preisen, da er mich einer Buerde entledigt, die mir unertraeglich waere, und mich meiner eigenen Natur wiedergibt. Er ist hinausgegangen, im einzelnen zu zeichnen, was wir obenhin betrachtet. Er wird seine Bleistifte manchmal spitzen, und ich sehe nicht, wie er fertig werden will. Das haette ich nun auch alles wiedersehen koennen! Erst wollte ich mit hinaufgehen, dann aber reizte mich’s, hier zu bleiben, die Enge sucht’ ich wie der Vogel, der sein Nest bauen moechte. In einem schlechten, verwahrlosten Bauergarten habe ich mich auf Orangenaeste gesetzt und mich in Grillen vertieft. Orangenaeste, worauf der Reisende sitzt, klingt etwas wunderbar, wird aber ganz natuerlich, wenn man weiss, dass der Orangenbaum, seiner Natur ueberlassen, sich bald ueber der Wurzel in Zweige trennt, die mit der Zeit zu entschiedenen aesten werden.

Und so sass ich, den Plan zu "Nausikaa" weiter denkend, eine dramatische Konzentration der "Odyssee". Ich halte sie nicht fuer unmoeglich, nur muesste man den Grundunterschied des Drama und der Epopoee recht ins Auge fassen.

Kniep ist herabgekommen und hat zwei ungeheure Blaetter, reinlichst gezeichnet, zufrieden und vergnuegt zurueckgebracht. Beide wird er zum ewigen Gedaechtnis an diesen herrlichen Tag fuer mich ausfuehren.

Zu vergessen ist nicht, dass wir auf dieses schoene Ufer unter dem reinsten Himmel von einem kleinen Altan herabschauten, Rosen erblickten und Nachtigallen hoerten. Diese singen hier, wie man uns versichert, sechs Monate hindurch.

Aus der Erinnerung

War ich nun durch die Gegenwart und Taetigkeit eines geschickten Kuenstlers und durch eigne, obgleich nur einzelne und schwaechere Bemuehungen gewiss, dass mir von den interessantesten Gegenden und ihren Teilen feste, wohlgewaehlte Bilder, im Umriss und nach Belieben auch ausgefuehrt, bleiben wuerden, so gab ich um so mehr einem nach und nach auflebenden Drange nach: die gegenwaertige herrliche Umgebung, das Meer, die Inseln, die Haefen, durch poetische wuerdige Gestalten zu beleben und mir auf und aus diesem Lokal eine Komposition zu bilden, in einem Sinne und in einem Ton, wie ich sie noch nicht hervorgebracht. Die Klarheit des Himmels, der Hauch des Meeres, die Duefte, wodurch die Gebirge mit Himmel und Meer gleichsam in ein Element aufgeloest wurden, alles dies gab Nahrung meinen Vorsaetzen; und indem ich in jenem schoenen oeffentlichen Garten zwischen bluehenden Hecken von Oleander, durch Lauben von fruchttragenden Orangen—und Zitronenbaeumen wandelte und zwischen andern Baeumen und Straeuchen, die mir unbekannt waren, verweilte, fuehlte ich den fremden Einfluss auf das allerangenehmste.

Ich hatte mir, ueberzeugt, dass es fuer mich keinen bessern Kommentar zur "Odyssee" geben koenne als eben gerade diese lebendige Umgebung, ein Exemplar verschafft und las es nach meiner Art mit unglaublichem Anteil. Doch wurde ich gar bald zu eigner Produktion angeregt, die, so seltsam sie auch im ersten Augenblicke schien, mir doch immer lieber ward und mich endlich ganz beschaeftigte. Ich ergriff naemlich den Gedanken, den Gegenstand der Nausikaa als Tragoedie zu behandeln.

Es ist mir selbst nicht moeglich, abzusehen, was ich daraus wuerde gemacht haben, aber ich war ueber den Plan bald mit mir einig. Der Hauptsinn war der: in der Nausikaa eine treffliche, von vielen umworbene Jungfrau darzustellen, die, sich keiner Neigung bewusst, alle Freier bisher ablehnend behandelt, durch einen seltsamen Fremdling aber geruehrt, aus ihrem Zustand heraustritt und durch eine voreilige aeusserung ihrer Neigung sich kompromittiert, was die Situation vollkommen tragisch macht. Diese einfache Fabel sollte durch den Reichtum der subordinierten Motive und besonders durch das Meer—und Inselhafte der eigentlichen Ausfuehrung und des besondern Tons erfreulich werden.

Der erste Akt begann mit dem Ballspiel. Die unerwartete Bekanntschaft wird gemacht, und die Bedenklichkeit, den Fremden nicht selbst in die Stadt zu fuehren, wird schon ein Vorbote der Neigung.

Der zweite Akt exponierte das Haus des Alcinous, die Charaktere der Freier, und endigte mit Eintritt des Ulysses.

Der dritte war ganz der Bedeutsamkeit des Abenteurers gewidmet, und ich hoffte, in der dialogierten Erzaehlung seiner Abenteuer, die von den verschiedenen Zuhoerern sehr verschieden aufgenommen werden, etwas Kuenstliches und Erfreuliches zu leisten. Waehrend der Erzaehlung erhoehen sich die Leidenschaften, und der lebhafte Anteil Nausikaas an dem Fremdling wird durch Wirkung und Gegenwirkung endlich hervorgeschlagen.

Im vierten Akte betaetigt Ulysses ausser der Szene seine Tapferkeit, indessen die Frauen zurueckbleiben und der Neigung, der Hoffnung und allen zarten Gefuehlen Raum lassen. Bei den grossen Vorteilen, welche der Fremdling davontraegt, haelt sich Nausikaa noch weniger zusammen und kompromittiert sich unwiderruflich mit ihren Landsleuten. Ulyss, der, halb schuldig, halb unschuldig, dieses alles veranlasst, muss sich zuletzt als einen Scheidenden erklaeren, und es bleibt dem guten Maedchen nichts uebrig, als im fuenften Akte den Tod zu suchen.

Es war in dieser Komposition nichts, was ich nicht aus eignen Erfahrungen nach der Natur haette ausmalen koennen. Selbst auf der Reise, selbst in Gefahr, Neigungen zu erregen, die, wenn sie auch kein tragisches Ende nehmen, doch schmerzlich genug, gefaehrlich und schaedlich werden koennen; selbst in dem Falle, in einer so grossen Entfernung von der Heimat abgelegne Gegenstaende, Reiseabenteuer, Lebensvorfaelle zu Unterhaltung der Gesellschaft mit lebhaften Farben auszumalen, von der Jugend fuer einen Halbgott, von gesetztern Personen fuer einen Aufschneider gehalten zu werden, manche unverdiente Gunst, manches unerwartete Hindernis zu erfahren; das alles gab mir ein solches Attachement an diesen Plan, an diesen Vorsatz, dass ich darueber meinen Aufenthalt zu Palermo, ja den groessten Teil meiner uebrigen sizilianischen Reise vertraeumte. Weshalb ich denn auch von allen Unbequemlichkeiten wenig empfand, da ich mich auf dem ueberklassischen Boden in einer poetischen Stimmung fuehlte, in der ich das, was ich erfuhr, was ich sah, was ich bemerkte, was mir entgegenkam, alles auffassen und in einem erfreulichen Gefaess bewahren konnte.

Nach meiner loeblichen oder unloeblichen Gewohnheit schrieb ich wenig oder nichts davon auf, arbeitete aber den groessten Teil bis aufs letzte Detail im Geiste durch, wo es denn, durch nachfolgende Zerstreuungen zurueckgedraengt, liegengeblieben, bis ich gegenwaertig nur eine fluechtige Erinnerung davon zurueckrufe.

Den 8. Mai. Auf dem Wege nach Messina.

Man hat hohe Kalkfelsen links. Sie werden farbiger und machen schoene Meerbusen; dann folgt eine Art Gestein, das man Tonschiefer oder Grauwacke nennen moechte. In den Baechen finden sich schon Granitgeschiebe. Die gelben aepfel des Solanum, die roten Blueten des Oleanders machen die Landschaft lustig. Der Fiume Nisi bringt Glimmerschiefer sowie auch die folgenden Baeche.

Mittwoch, den 9. Mai 1787.

Vom Ostwinde bestuermt, ritten wir zwischen dem rechter Hand wogenden Meere und den Felswaenden hin, an denen wir vorgestern oben herab gesehen hatten, diesen Tag bestaendig mit dem Wasser im Kampfe; wir kamen ueber unzaehlige Baeche, unter welchen ein groesserer, Nisi, den Ehrentitel eines Flusses fuehrt; doch diese Gewaesser sowie das Geroelle, das sie mitbringen, waren leichter zu ueberwinden als das Meer, das heftig stuermte und an vielen Stellen ueber den Weg hinweg bis an die Felsen schlug und zurueck auf die Wanderer spritzte. Herrlich war das anzusehen, und die seltsame Begebenheit liess uns das Unbequeme uebertragen.

Zugleich sollte es nicht an mineralogischer Betrachtung fehlen. Die ungeheuren Kalkfelsen, verwitternd, stuerzen herunter, deren weiche Teile, durch die Bewegung der Wellen aufgerieben, die zugemischten, festeren uebriglassen, und so ist der ganze Strand mit bunten, hornsteinartigen Feuersteinen ueberdeckt, wovon mehrere Muster aufgepackt worden.

Messina, Donnerstag, den 10. Mai 1787.

Und so gelangten wir nach Messina, bequemten uns, weil wir keine Gelegenheit kannten, die erste Nacht in dem Quartier des Vetturins zuzubringen, um uns den andern Morgen nach einem bessern Wohnort umzusehen. Dieser Entschluss gab gleich beim Eintritt den fuerchterlichsten Begriff einer zerstoerten Stadt; denn wir ritten eine Viertelstunde lang an Truemmern nach Truemmern vorbei, ehe wir zur Herberge kamen, die, in diesem ganzen Revier allein wieder aufgebaut, aus den Fenstern des obern Stocks nur eine zackige Ruinenwueste uebersehen liess. Ausser dem Bezirk dieses Gehoeftes spuerte man weder Mensch noch Tier, es war nachts eine furchtbare Stille. Die Tueren liessen sich weder verschliessen noch verriegeln, auf menschliche Gaeste war man hier so wenig eingerichtet als in aehnlichen Pferdewohnungen, und doch schliefen wir ruhig auf einer Matratze, welche der dienstfertige Vetturin dem Wirte unter dem Leibe weggeschwatzt hatte.

Freitag, den 11. Mai 1787.

Heute trennten wir uns von dem wackern Fuehrer, ein gutes Trinkgeld belohnte seine sorgfaeltigen Dienste. Wir schieden freundlich, nachdem er uns vorher noch einen Lohnbedienten verschafft, der uns gleich in die beste Herberge bringen und alles Merkwuerdige von Messina vorzeigen sollte. Der Wirt, um seinen Wunsch, uns loszuwerden, schleunigst erfuellt zu sehen, half Koffer und saemtliches Gepaeck auf das schnellste in eine angenehme Wohnung schaffen, naeher dem belebten Teile der Stadt, das heisst, ausserhalb der Stadt selbst. Damit aber verhaelt es sich folgendermassen. Nach dem ungeheuren Unglueck, das Messina betraf, blieb nach zwoelftausend umgekommenen Einwohnern fuer die uebrigen dreissigtausend keine Wohnung: die meisten Gebaeude waren niedergestuerzt, die zerrissenen Mauern der uebrigen gaben einen unsichern Aufenthalt; man errichtete daher eiligst im Norden von Messina auf einer grossen Wiese eine Bretterstadt, von der sich am schnellsten derjenige einen Begriff macht, der zu Messzeiten den Roemerberg zu Frankfurt, den Markt zu Leipzig durchwanderte, denn alle Kramlaeden und Werkstaette sind gegen die Strasse geoeffnet, vieles ereignet sich ausserhalb. Daher sind nur wenig groessere Gebaeude, auch nicht sonderlich gegen das oeffentliche verschlossen, indem die Bewohner manche Zeit unter freiem Himmel zubringen. So wohnen sie nun schon drei Jahre, und diese Buden-, Huetten-, ja Zeltwirtschaft hat auf den Charakter der Einwohner entschiedenen Einfluss. Das Entsetzen ueber jenes ungeheure Ereignis, die Furcht vor einem aehnlichen treibt sie, der Freuden des Augenblicks mit gutmuetigem Frohsinn zu geniessen. Die Sorge vor neuem Unheil ward am einundzwanzigsten April, also ungefaehr vor zwanzig Tagen, erneuert, ein merklicher Erdstoss erschuetterte den Boden abermals. Man zeigte uns eine kleine Kirche, wo eine Masse Menschen, gerade in dem Augenblick zusammengedraengt, diese Erschuetterung empfanden. Einige Personen, die darin gewesen, schienen sich von ihrem Schrecken noch nicht erholt zu haben.

Beim Aufsuchen und Betrachten dieser Gegenstaende leitete uns ein freundlicher Konsul, der, unaufgefordert, vielfache Sorge fuer uns trug—in dieser Truemmerwueste mehr als irgendwo dankbar anzuerkennen. Zugleich auch, da er vernahm, dass wir bald abzureisen wuenschten, machte er uns einem franzoesischen Kauffahrer bekannt, der im Begriff stehe, nach Neapel zu segeln. Doppelt erwuenscht, da die weisse Flagge vor den Seeraeubern sichert.

Eben hatten wir unserm guetigen Fuehrer den Wunsch zu erkennen gegeben, eine der groessern, obgleich auch nur einstoeckigen Huetten inwendig, ihre Einrichtung und extemporierte Haushaltung zu sehen, als ein freundlicher Mann sich an uns anschloss, der sich bald als franzoesischer Sprachmeister bezeichnete, welchem der Konsul nach vollbrachtem Spaziergange unsern Wunsch, solch ein Gebaeude zu sehen, eroeffnete, mit dem Ersuchen, uns bei sich einzufuehren und mit den Seinigen bekannt zu machen.

Wir traten in die mit Brettern beschlagene und gedeckte Huette. Der Eindruck war voellig wie der jener Messbuden, wo man wilde Tiere oder sonstige Abenteuer fuer Geld sehen laesst: das Zimmerwerk an den Waenden wie am Dache sichtbar, ein gruener Vorhang sonderte den vordern Raum, der, nicht gedielt, tennenartig geschlagen schien. Stuehle und Tische befanden sich da, nichts weiter von Hausgeraete. Erleuchtet war der Platz von oben durch zufaellige oeffnungen der Bretter. Wir diskutierten eine Zeitlang, und ich betrachtete mir die gruene Huelle und das darueber sichtbare innere Dachgebaelke, als auf einmal hueben und drueben des Vorhangs ein paar allerliebste Maedchenkoepfchen neugierig herausguckten, schwarzaeugig, schwarzlockig, die aber, sobald sie sich bemerkt sahen, wie der Blitz verschwanden, auf Ansuchen des Konsuls jedoch nach so viel verflossener Zeit, als noetig war, sich anzuziehen, auf wohlgeputzten und niedlichen Koerperchen wieder hervortraten und sich mit ihren bunten Kleidern gar zierlich vor dem gruenen Teppich ausnahmen. Aus ihren Fragen konnten wir wohl merken, dass sie uns fuer fabelhafte Wesen aus einer andern Welt hielten, in welchem liebenswuerdigen Irrtum sie unsere Antworten nur mehr bestaerken mussten. Auf eine heitere Weise malte der Konsul unsere maerchenhafte Erscheinung aus; die Unterhaltung war sehr angenehm, schwer, sich zu trennen. Vor der Tuer erst fiel uns auf, dass wir die innern Raeume nicht gesehen und die Hauskonstruktion ueber die Bewohnerinnen vergessen hatten.

Messina, Sonnabend, den 12. Mai 1787.

Der Konsul unter andern sagte, dass es, wo nicht unumgaenglich noetig, doch wohlgetan sei, dem Gouverneur aufzuwarten, der, ein wunderlicher alter Mann, nach Laune und Vorurteil ebensogut schaden als nutzen koenne; dem Konsul werde es zu Gunsten gerechnet, wenn er bedeutende Fremde vorstelle, auch wisse der Ankoemmling nie, ob er dieses Mannes auf eine oder andere Weise beduerfe. Dem Freunde zu Gefallen ging ich mit.

Ins Vorzimmer tretend, hoerten wir drinne ganz entsetzlichen Laerm, ein Laufer mit Pulcinellgebaerden raunte dem Konsul ins Ohr: "Boeser Tag! gefaehrliche Stunde!" Doch traten wir hinein und fanden den uralten Gouverneur, uns den Ruecken zugewandt, zunaechst des Fensters an einem Tische sitzen. Grosse Haufen vergelbter alter Briefschaften lagen vor ihm, von denen er die unbeschriebenen Blaetter mit groesster Gelassenheit abschnitt und seinen haushaeltischen Charakter dadurch zu erkennen gab. Waehrend dieser friedlichen Beschaeftigung schalt und fluchte er fuerchterlich auf einen anstaendigen Mann los, der seiner Kleidung nach mit Malta verwandt sein konnte und sich mit vieler Gemuetsruhe und Praezision verteidigte, wozu ihm jedoch wenig Raum blieb. Der Gescholtene und Angeschriene suchte mit Fassung einen Verdacht abzulehnen, den der Gouverneur, so schien es, auf ihn als einen ohne Befugnis mehrmals An—und Abreisenden mochte geworfen haben, der Mann berief sich auf seine Paesse und bekannten Verhaeltnisse in Neapel. Dies aber half alles nichts, der Gouverneur zerschnitt seine alten Briefschaften, sonderte das weisse Papier sorgfaeltig und tobte fortwaehrend.

Ausser uns beiden standen noch etwa zwoelf Personen in einem weiten Kreise, dieses Tiergefechtes Zeugen, uns wahrscheinlich den Platz an der Tuere beneidend, als gute Gelegenheit, wenn der Erzuernte allenfalls den Krueckenstock erheben und dreinschlagen sollte. Die Gesichtszuege des Konsuls hatten sich bei dieser Szene merklich verlaengert; mich troestete des Laufers possenhafte Naehe, der draussen vor der Schwelle hinter mir allerlei Faxen schnitt, mich, wenn ich manchmal umblickte, zu beruhigen, als habe das so viel nicht zu bedeuten.

Auch entwirrte sich der graessliche Handel noch ganz gelinde, der Gouverneur schloss damit, es halte ihn zwar nichts ab, den Betretenen einzustecken und in Verwahrung zappeln zu lassen, allein es moege diesmal hingehen, er solle die paar bestimmten Tage in Messina bleiben, alsdann aber sich fortpacken und niemals wiederkehren. Ganz ruhig, ohne die Miene zu veraendern, beurlaubte sich der Mann, gruesste anstaendig die Versammlung und uns besonders, die er durchschneiden musste, um zur Tuere zu gelangen. Als der Gouverneur, ihm noch etwas nachzuschelten, sich ingrimmig umkehrte, erblickte er uns, fasste sich sogleich, winkte dem Konsul, und wir traten an ihn heran.

Ein Mann von sehr hohem Alter, gebueckten Hauptes, unter grauen, struppigen Augenbrauen schwarze, tiefliegende Blicke hervorsendend; nun ein ganz anderer als kurz zuvor. Er hiess mich zu sich sitzen, fragte, in seinem Geschaeft ununterbrochen fortfahrend, nach mancherlei, worueber ich ihm Bescheid gab, zuletzt fuegte er hinzu, ich sei, so lange ich hier bliebe, zu seiner Tafel geladen. Der Konsul, zufrieden wie ich, ja noch zufriedener, weil er die Gefahr, der wir entronnen, besser kannte, flog die Treppe hinunter, und mir war alle Lust vergangen, dieser Loewenhoehle je wieder nah zu treten.

Messina, Sonntag, den 13. Mai 1787

Zwar bei hellstem Sonnenschein in einer angenehmem Wohnung erwachend, fanden wir uns doch immer in dem unseligen Messina. Einzig unangenehm ist der Anblick der sogenannten Palazzata, einer sichelfoermigen Reihe von wahrhaften Palaesten, die wohl in der Laenge einer Viertelstunde die Reede einschliessen und bezeichnen. Alles waren steinerne, vierstockige Gebaeude, von welchen mehrere Vorderseiten bis aufs Hauptgesims noch voellig stehen, andere bis auf den dritten, zweiten, ersten Stock heruntergebrochen sind, so dass diese ehemalige Prachtreihe nun aufs widerlichste zahnlueckig erscheint und auch durchloechert; denn der blaue Himmel schaut beinahe durch alle Fenster. Die inneren eigentlichen Wohnungen sind saemtlich zusammengestuerzt.

An diesem seltsamen Phaenomen ist Ursache, dass nach der von Reichen begonnenen architektonischen Prachtanlage weniger begueterte Nachbarn, mit dem Scheine wetteifernd, ihre alten, aus groessern und kleinern Flussgeschieben und vielem Kalk zusammengekneteten Haeuser hinter neuen, aus Quaderstuecken aufgefuehrten Vorderseiten versteckten. Jenes an sich schon unsichere Gefuege musste, von der ungeheuern Erschuetterung aufgeloest und zerbroeckelt, zusammenstuerzen; wie man denn unter manchen bei so grossem Unglueck vorgekommenen wunderbaren Rettungen auch folgendes erzaehlt: der Bewohner eines solchen Gebaeudes sei im furchtbaren Augenblick gerade in die Mauervertiefung eines Fensters getreten, das Haus aber hinter ihm voellig zusammengestuerzt; und so habe er, in der Hoehe gerettet, den Augenblick seiner Befreiung aus diesem luftigen Kerker beruhigt abgewartet. Dass jene aus Mangel naher Bruchsteine so schlechte Bauart hauptsaechlich schuld an dem voelligen Ruin der Stadt gewesen, zeigt die Beharrlichkeit solider Gebaeude. Der Jesuiten Kollegium und Kirche, von tuechtigen Quadern aufgefuehrt, stehen noch unverletzt in ihrer anfaenglichen Tuechtigkeit. Dem sei aber, wie ihm wolle, Messinas Anblick ist aeusserst verdriesslich und erinnert an die Urzeiten, wo Sikaner und Sikuler diesen unruhigen Erdboden verliessen und die westliche Kueste Siziliens bebauten.

Und so brachten wir unsern Morgen zu, gingen dann, im Gasthof ein frugales Mahl zu verzehren. Wir sassen noch ganz vergnuegt beisammen, als der Bediente des Konsuls atemlos hereinsprang und mir verkuendigte, der Gouverneur lasse mich in der ganzen Stadt suchen; er habe mich zur Tafel geladen, und nun bleibe ich aus. Der Konsul lasse mich aufs anstaendigste bitten, auf der Stelle hinzugeben, ich moechte gespeist haben oder nicht, moechte aus Vergessenheit oder aus Vorsatz die Stunde versaeumt haben. Nun fuehlte ich erst den unglaublichen Leichtsinn, womit ich die Einladung des Zyklopen aus dem Sinne geschlagen, froh, dass ich das erste Mal entwischt. Der Bediente liess mich nicht zaudern, seine Vorstellungen waren die dringendsten und triftigsten: der Konsul riskiere, hiess es, dass jener wuetende Despot ihn und die ganze Nation auf den Kopf stelle.

Indessen ich nun Haare und Kleider zurechte putzte, fasste ich mir ein Herz und folgte mit heiterm Sinne meinem Fuehrer, Odysseus, den Patron, anrufend und mir seine Vorsprache bei Pallas Athene erbittend.

In der Hoehle des Loewen angelangt, ward ich vom lustigen Laufer in einen grossen Speisesaal gefuehrt, wo etwa vierzig Personen, ohne dass man einen Laut vernommen haette, an einer laenglichrunden Tafel sassen. Der Platz zur Rechten des Gouverneurs war offen, wohin mich der Laufer geleitete.

Nachdem ich den Hausherrn und die Gaeste mit einer Verbeugung gegruesst, setzte ich mich neben ihn, entschuldigte mein Aussenbleiben mit der Weitlaeuftigkeit der Stadt und dem Irrtum, in welchen mich die ungewoehnliche Stundenzahl schon mehrmals gefuehrt. Er versetzte mit gluehendem Blick, man habe sich in fremden Landen nach den jedesmaligen Gewohnheiten zu erkundigen und zu richten. Ich erwiderte, dies sei jederzeit mein Bestreben, nur haette ich gefunden, dass bei den besten Vorsaetzen man gewoehnlich die ersten Tage, wo uns ein Ort noch neu und die Verhaeltnisse unbekannt seien, in gewisse Fehler verfalle, welche unverzeihlich scheinen muessten, wenn man nicht die Ermuedung der Reise, die Zerstreuung durch Gegenstaende, die Sorge fuer ein leidliches Unterkommen, ja sogar fuer eine weitere Reise als Gruende der Entschuldigung moechte gelten lassen.

Er fragte darauf, wie lange ich hier zu bleiben gedaechte. Ich versetzte, dass ich mir einen recht langen Aufenthalt wuensche, damit ich ihm die Dankbarkeit fuer die mir erwiesene Gunst durch die genaueste Befolgung seiner Befehle und Anordnungen betaetigen koennte. Nach einer Pause fragte er sodann, was ich in Messina gesehen habe. Ich erzaehlte kuerzlich meinen Morgen mit einigen Bemerkungen und fuegte hinzu, dass ich am meisten bewundert die Reinlichkeit und Ordnung in den Strassen dieser zerstoerten Stadt. Und wirklich war bewunderungswuerdig, wie man die saemtlichen Strassen von Truemmern gereinigt, indem man den Schutt in die zerfallenen Mauerstaetten selbst geworfen, die Steine dagegen an die Haeuser angereiht und dadurch die Mitte der Strassen frei, dem Handel und Wandel offen wieder uebergeben. Hiebei konnte ich dem Ehrenmanne mit der Wahrheit schmeicheln, indem ich ihm versicherte, dass alle Messineser dankbar erkannten, diese Wohltat seiner Vorsorge schuldig zu sein.—"Erkennen sie es", brummte er, "haben sie doch frueher genug ueber die Haerte geschrien, mit der man sie zu ihrem Vorteile noetigen musste." Ich sprach von weisen Absichten der Regierung, von hoehern Zwecken, die erst spaeter eingesehen und geschaetzt werden koennten, und dergleichen. Er fragte, ob ich die Jesuitenkirche gesehen habe, welches ich verneinte; worauf er mir denn zusagte, dass er mir sie wolle zeigen lassen, und zwar mit allem Zubehoer.

Waehrend diesem durch wenige Pausen unterbrochenen Gespraeche sah ich die uebrige Gesellschaft in dem tiefsten Stillschweigen, nicht mehr sich bewegen als noetig, die Bissen zum Munde zu bringen. Und so standen sie, als die Tafel aufgehoben und der Kaffee gereicht war, wie Wachspuppen rings an den Waenden. Ich ging auf den Hausgeistlichen los, der mir die Kirche zeigen sollte, ihm zum voraus fuer seine Bemuehungen zu danken; er wich zur Seite, indem er demuetig versicherte, die Befehle Ihro Exzellenz habe er ganz allein vor Augen. Ich redete darauf einen jungen, nebenstehenden Fremden an, dem es auch, ob er gleich ein Franzose war, nicht ganz wohl in seiner Haut zu sein schien; denn auch er war verstummt und erstarrt wie die ganze Gesellschaft, worunter ich mehrere Gesichter sah, die der gestrigen Szene mit dem Malteserritter bedenklich beigewohnt hatten.

Der Gouverneur entfernte sich, und nach einiger Zeit sagte mir der Geistliche, es sei nun an der Stunde, zu gehen. Ich folgte ihm, die uebrige Gesellschaft hatte sich stille, stille verloren. Er fuehrte mich an das Portal der Jesuitenkirche, das nach der bekannten Architektur dieser Vaeter prunkhaft und wirklich imposant in die Luft steht. Ein Schliesser kam uns schon entgegen und lud zum Eintritt, der Geistliche hingegen hielt mich zurueck mit der Weisung, dass wir zuvor auf den Gouverneur zu warten haetten. Dieser fuhr auch bald heran, hielt auf dem Platze unfern der Kirche und winkte, worauf wir drei ganz nah an seinem Kutschenschlag uns vereinigten. Er gebot dem Schliesser, dass er mir nicht allein die Kirche in allen ihren Teilen zeigen, sondern auch die Geschichte der Altaere und anderer Stiftungen umstaendlich erzaehlen solle; ferner habe er auch die Sakristeien aufzuschliessen und mich auf alles das darin enthaltene Merkwuerdige aufmerksam zu machen. Ich sei ein Mann, den er ehren wolle, der alle Ursache haben solle, in seinem Vaterlande ruehmlich von Messina zu sprechen. "Versaeumen Sie nicht", sagte er darauf, zu mir gewandt, mit einem Laecheln, insofern seine Zuege dessen faehig waren, "versaeumen Sie nicht, so lange Sie hier sind, zur rechten Stunde an Tafel zu kommen, Sie sollen immer wohl empfangen sein." Ich hatte kaum Zeit, ihm hierauf verehrlich zu erwidern. Der Wagen bewegte sich fort.

Von diesem Augenblick an ward auch der Geistliche heiterer, wir traten in die Kirche. Der Kastellan, wie man ihn wohl in diesem entgottesdiensteten Zauberpalaste nennen duerfte, schickte sich an, die ihm scharf empfohlene Pflicht zu erfuellen, als der Konsul und Kniep in das leere Heiligtum hereinstuerzten, mich umarmten und eine leidenschaftliche Freude ausdrueckten, mich, den sie schon in Gewahrsam geglaubt, wiederzusehen. Sie hatten in Hoellenangst gesessen, bis der gewandte Laufer, wahrscheinlich vom Konsul gut pensioniert, einen gluecklichen Ausgang des Abenteuers unter hundert Possen erzaehlte, worauf denn ein erheiternder Frohsinn sich ueber die beiden ergoss, die mich sogleich aufsuchten, als die Aufmerksamkeit des Gouverneurs wegen der Kirche ihnen bekannt geworden.

Indessen standen wir vor dem Hochaltare, die Auslegung alter Kostbarkeiten vernehmend. Saeulen von Lapislazuli, durch bronzene, vergoldete Staebe gleichsam kanneliert, nach florentinischer Art eingelegte Pilaster und Fuellungen; die praechtigen sizilianischen Achate in ueberfluss, Erz und Vergoldung sich wiederholend und alles verbindend.

Nun war es aber eine wunderbare kontrapunktische Fuge, wenn Kniep und der Konsul die Verlegenheit des Abenteuers, der Vorzeiger dagegen die Kostbarkeiten der noch wohl erhaltenen Pracht verschraenkt vortrugen, beide von ihrem Gegenstand durchdrungen; wobei ich denn das doppelte Vergnuegen hatte, den Wert meines gluecklichen Entkommens zu fuehlen und zugleich die sizilianischen Gebirgsprodukte, um die ich mir schon manche Muehe gegeben, architektonisch angewendet zu sehen.

Die genaue Kenntnis der einzelnen Teile, woraus dieser Prunk zusammengesetzt war, verhalf mir zur Entdeckung, dass der sogenannte Lapislazuli jener Saeulen eigentlich nur Calcara sei, aber freilich von so schoener Farbe, als ich sie noch nicht gesehn, und herrlich zusammengefuegt. Aber auch so blieben diese Saeulen noch immer ehrwuerdig; denn es setzt eine ungeheure Menge jenes Materials voraus, um Stuecke von so schoener und gleicher Farbe aussuchen zu koennen, und dann ist die Bemuehung des Schneidens, Schleifens und Polierens hoechst bedeutend. Doch was war jenen Vaetern unueberwindlich?

Der Konsul hatte indessen nicht aufgehoert, mich ueber mein bedrohliches Schicksal aufzuklaeren. Der Gouverneur naemlich, mit sich selbst unzufrieden, dass ich von seinem gewaltsamen Betragen gegen den Quasi-Malteser gleich beim ersten Eintritt Zeuge gewesen, habe sich vorgenommen, mich besonders zu ehren, und sich darueber einen Plan festgesetzt, dieser habe durch mein Aussenbleiben gleich zu Anfang der Ausfuehrung einen Strich erlitten. Nach langem Warten sich endlich zur Tafel setzend, habe der Despot sein ungeduldiges Missvergnuegen nicht verbergen koennen, und die Gesellschaft sei in Furcht gestanden, entweder bei meinem Kommen oder nach aufgehobener Tafel eine Szene zu erleben.

Indessen suchte der Kuester immer wieder das Wort zu erhaschen, oeffnete die geheimen Raeume, nach schoenen Verhaeltnissen gebaut, anstaendig, ja praechtig verziert, auch war darin noch manches bewegliche Kirchengeraete uebriggeblieben, dem Ganzen gemaess geformt und geputzt. Von edeln Metallen sah ich nichts, so wenig als von aeltern und neuern echten Kunstwerken.

Unsere italienisch-deutsche Fuge, denn Pater und Kuester psalmodierten in der ersten, Kniep und Konsul in der zweiten Sprache, neigte sich zu Ende, als ein Offizier sich zu uns gesellte, den ich bei Tafel gesehen. Er gehoerte zum Gefolge des Gouverneurs. Dies konnte wieder einige Besorgnis erregen, besonders da er sich erbot, mich an den Hafen zu fuehren, wo er mich an Punkte bringen wolle, die Fremden sonst unzugaenglich seien. Meine Freunde sahen sich an, ich liess mich jedoch nicht abhalten, allein mit ihm zu gehen. Nach einigen gleichgueltigen Gespraechen begann ich, ihn zutraulich anzureden, und gestand, bei Tafel gar wohl bemerkt zu haben, dass mehrere stille Beisitzer mir durch ein freundliches Zeichen zu verstehen gegeben, dass ich nicht unter weltfremden Menschen allein, sondern unter Freunden, ja Bruedern mich befinde und deshalb nichts zu besorgen habe. Ich halte fuer Pflicht, ihm zu danken und um Erstattung gleichen Danks an die uebrigen Freunde zu ersuchen. Hierauf erwiderte derselbe, dass sie mich um so mehr zu beruhigen gesucht, als sie bei Kenntnis der Gemuetsart ihres Vorgesetzten fuer mich eigentlich nichts befuerchtet haetten; denn eine Explosion wie die gegen den Malteser sei nur selten, und gerade wegen einer solchen mache sich der wuerdige Greis selbst Vorwuerfe, huete sich lange, lebe dann eine Weile in einer sorglosen Sicherheit seiner Pflicht, bis er denn endlich, durch einen unerwarteten Vorfall ueberrascht, wieder zu neuen Heftigkeiten hingerissen werde. Der wackere Freund setzte hinzu, dass ihm und seinen Genossen nichts wuenschenswerter waere, als mit mir sich genauer zu verbinden, weshalb ich die Gefaelligkeit haben moechte, mich naeher zu bezeichnen, wozu sich heute nacht die beste Gelegenheit finden werde. Ich wich diesem Verlangen hoeflich aus, indem ich ihn bat, mir eine Grille zu verzeihen: ich wuensche naemlich, auf Reisen bloss als Mensch angesehen zu werden, koenne ich als ein solcher Vertrauen erregen und Teilnahme erlangen, so sei es mir angenehm und erwuenscht; in andere Verhaeltnisse einzugehen, verboeten mir mancherlei Gruende.

ueberzeugen wollt’ ich ihn nicht, denn ich durfte ja nicht sagen, was eigentlich mein Grund war. Merkwuerdig genug aber schien mir’s, wie schoen und unschuldig die wohldenkenden Maenner unter einem despotischen Regiment sich zu eignem und zu der Fremdlinge Schutz verbuendet hatten. Ich verhehlte ihm nicht, dass ich ihre Verhaeltnisse zu andern deutschen Reisenden recht wohl kenne, verbreitete mich ueber die loeblichen Zwecke, die erreicht werden sollten, und setzte ihn immer mehr in Erstaunen ueber meine vertrauliche Hartnaeckigkeit. Er versuchte alles moegliche, mich aus meinem Inkognito hervorzuziehen, welches ihm nicht gelang, teils weil ich, einer Gefahr entronnen, mich nicht zwecklos in eine andere begeben konnte, teils weil ich gar wohl bemerkte, die Ansichten dieser wackern Insulaner seien von den meinigen so sehr verschieden, dass ihnen mein naeherer Umgang weder Freude noch Trost bringen koenne.

Dagegen wurden abends mit dem teilnehmenden und taetigen Konsul noch einige Stunden verbracht, der denn auch die Szene mit dem Malteser aufklaerte. Es sei dieser zwar kein eigentlicher Abenteurer, aber ein unruhiger Ortswechsler. Der Gouverneur, aus einer grossen Familie, wegen Ernst und Tuechtigkeit verehrt, wegen bedeutender Dienste geschaetzt, stehe doch im Rufe unbegrenzten Eigenwillens, zaumloser Heftigkeit und ehernen Starrsinns. Argwoehnisch als Greis und Despot, mehr besorgt als ueberzeugt, dass er Feinde bei Hofe habe, hasse er solche hin und wider ziehende Figuren, die er durchaus fuer Spione halte. Diesmal sei ihm der Rotrock in die Quer gekommen, da er nach einer ziemlichen Pause sich wieder einmal im Zorn habe ergehen muessen, um die Leber zu befreien.

Messina und auf der See, Montag, den 13. Mai 1787.

Beide erwachten wir mit gleicher Empfindung, verdriesslich, dass wir, durch den ersten wuesten Anblick von Messina zur Ungeduld gereizt, uns entschlossen hatten, mit dem franzoesischen Kauffahrer die Rueckfahrt abzuschliessen. Nach dem gluecklich beendigten Abenteuer mit dem Gouverneur, bei dem Verhaeltnis zu wackern Maennern, denen ich mich nur naeher zu bezeichnen brauchte, aus dem Besuch bei meinem Bankier, der auf dem Lande in der angenehmsten Gegend wohnte, liess sich fuer einen laengern Aufenthalt in Messina das Angenehmste hoffen. Kniep, von ein paar huebschen Kindern wohl unterhalten, wuenschte nichts mehr als die laengere Dauer des sonst verhassten Gegenwindes. Indessen war die Lage unangenehm, alles musste gepackt bleiben und wir jeden Augenblick bereit sein, zu scheiden.

So geschah denn auch dieser Aufruf gegen Mittag, wir eilten an Bord und fanden unter der am Ufer versammelten Menge auch unsern guten Konsul, von dem wir dankbar Abschied nahmen. Der gelbe Laufer draengte sich auch herbei, seine Ergoetzlichkeiten abzuholen. Dieser ward nun belohnt und beauftragt, seinem Herrn unsere Abreise zu melden und mein Aussenbleiben von Tafel zu entschuldigen.—"Wer absegelt, ist entschuldigt!" rief er aus; sodann mit einem seltsamen Sprung sich umkehrend, war er verschwunden.

Im Schiffe selbst sah es nun anders aus als auf der neapolitanischen Korvette; doch beschaeftigte uns bei allmaehlicher Entfernung vom Ufer die herrliche Ansicht des Palastzirkels, der Zitadelle, der hinter der Stadt aufsteigenden Berge. Kalabrien an der andern Seite. Nun der freie Blick in die Meerenge nord—und suedwaerts, bei einer ausgedehnten, an beiden Seiten schoen beuferten Breite. Als wir dieses nach und nach anstaunten, liess man uns links in ziemlicher Ferne einige Bewegung im Wasser, rechts aber etwas naeher einen vom Ufer sich auszeichnenden Felsen bemerken, jene als Charybdis, diesen als Scylla. Man hat sich bei Gelegenheit beider in der Natur so weit auseinander stehenden, von dem Dichter so nah zusammengerueckten Merkwuerdigkeiten ueber die Fabelei der Poeten beschwert und nicht bedacht, dass die Einbildungskraft aller Menschen durchaus Gegenstaende, wenn sie sich solche bedeutend vorstellen will, hoeher als breit imaginiert und dadurch dem Bilde mehr Charakter, Ernst und Wuerde verschafft. Tausendmal habe ich klagen hoeren, dass ein durch Erzaehlung gekannter Gegenstand in der Gegenwart nicht mehr befriedige; die Ursache hievon ist immer dieselbe: Einbildung und Gegenwart verhalten sich wie Poesie und Prosa, jene wird die Gegenstaende maechtig und steil denken, diese sich immer in die Flaeche verbreiten. Landschaftsmaler des sechzehnten Jahrhunderts, gegen die unsrigen gehalten, geben das auffallendste Beispiel. Eine Zeichnung von Jodocus Momper neben einem Kniepschen Kontur wuerde den ganzen Kontrast sichtbar machen.

Mit solchen und aehnlichen Gespraechen unterhielten wir uns, indem selbst fuer Kniep die Kuesten, welche zu zeichnen er schon Anstalt getroffen hatte, nicht reizend genug waren.

Mich aber befiel abermals die unangenehme Empfindung der Seekrankheit, und hier war dieser Zustand nicht wie bei der ueberfahrt durch bequeme Absonderung gemildert; doch fand sich die Kajuete gross genug, um mehrere Personen einzunehmen, auch an guten Matratzen war kein Mangel. Ich nahm die horizontale Stellung wieder an, in welcher mich Kniep gar vorsorglich mit rotem Wein und gutem Brot ernaehrte. In dieser Lage wollte mir unsere ganze sizilianische Reise in keinem angenehmen Lichte erscheinen. Wir hatten doch eigentlich nichts gesehen, als durchaus eitle Bemuehungen des Menschengeschlechts, sich gegen die Gewaltsamkeit der Natur, gegen die haemische Tuecke der Zeit und gegen den Groll ihrer eigenen feindseligen Spaltungen zu erhalten. Die Karthager, Griechen und Roemer und so viele nachfolgende Voelkerschaften haben gebaut und zerstoert. Selinunt liegt methodisch umgeworfen; die Tempel von Girgenti niederzulegen, waren zwei Jahrtausende nicht hinreichend, Catania und Messina zu verderben, wenige Stunden, wo nicht gar Augenblicke. Diese wahrhaft seekranken Betrachtungen eines auf der Woge des Lebens hin und wider Geschaukelten liess ich nicht Herrschaft gewinnen.

Auf der See, Dienstag, den 13. Mai 1787.

Meine Hoffnung, diesmal schneller nach Neapel zu gelangen, oder von der Seekrankheit eher befreit zu sein, war nicht eingetroffen. Verschiedenemal versuchte ich, durch Kniep angeregt, auf das Verdeck zu treten, allein der Genuss eines so mannigfaltigen Schoenen war mit versagt, nur einige Vorfaelle liessen mich meinen Schwindel vergessen. Der ganze Himmel war mit einem weisslichen Wolkendunst umzogen, durch welchen die Sonne, ohne dass man ihr Bild haette unterscheiden koennen, das Meer ueberleuchtete, welches die schoenste Himmelsblaeue zeigte, die man nur sehen kann. Eine Schar Delphine begleitete das Schiff, schwimmend und springend blieben sie ihm immer gleich. Mich deucht, sie hatten das aus der Tiefe und Ferne ihnen als ein schwarzer Punkt erscheinende Schwimmgebaeude fuer irgendeinen Raub und willkommene Zehrung gehalten. Vom Schiff aus wenigstens behandelte man sie nicht als Geleitsmaenner, sondern wie Feinde: einer ward mit dem Harpun getroffen, aber nicht herangebracht.

Der Wind blieb unguenstig, den unser Schiff, in verschiedenen Richtungen fortstreichend, nur ueberlisten konnte. Die Ungeduld hierueber ward vermehrt, als einige erfahrne Reisende versicherten, weder Hauptmann noch Steurer verstuenden ihr Handwerk, jener moege wohl als Kaufmann, dieser als Matrose gelten, fuer den Wert so vieler Menschen und Gueter seien sie nicht geeignet einzustehen.

Ich ersuchte diese uebrigens braven Personen, ihre Besorgnisse geheimzuhalten. Die Anzahl der Passagiere war gross, darunter Weiber und Kinder von verschiedenem Alter, denn alles hatte sich auf das franzoesische Fahrzeug gedraengt, die Sicherheit der weissen Flagge vor Seeraeubern, sonst nichts weiter bedenkend. Ich stellte vor, dass Misstrauen und Sorge jeden in die peinlichste Lage versetzen wuerde, da bis jetzt alle in der farb—und wappenlosen Leinwand ihr Heil gesehen.

Und wirklich ist zwischen Himmel und Meer dieser weisse Zipfel als entscheidender Talisman merkwuerdig genug. Wie sich Abfahrende und Zurueckbleibende noch mit geschwungenen weissen Taschentuechern begruessen und dadurch wechselseitig ein sonst nie zu empfindendes Gefuehl der scheidenden Freundschaft und Neigung erregen, so ist hier in dieser einfachen Fahne der Ursprung geheiligt; eben als wenn einer sein Taschentuch an eine Stange befestigte, um der ganzen Welt anzukuendigen, es komme ein Freund ueber Meer.

Mit Wein und Brot von Zeit zu Zeit erquickt zum Verdruss des Hauptmanns, welcher verlangte, dass ich essen sollte, was ich bezahlt hatte, konnte ich doch auf dem Verdeck sitzen und an mancher Unterhaltung teilnehmen. Kniep wusste mich zu erheitern, indem er nicht wie auf der Korvette, ueber die vortreffliche Kost triumphierend, meinen Neid zu erregen suchte, mich vielmehr diesmal gluecklich pries, dass ich keinen Appetit habe.

Montag, den 14. Mai 1787.

Und so war der Nachmittag vorbeigegangen, ohne dass wir unsern Wuenschen gemaess in den Golf von Neapel eingefahren waeren. Wir wurden vielmehr immer westwaerts getrieben, und das Schiff, indem es sich der Insel Capri naeherte, entfernte sich immer mehr von dem Kap Minerva. Jedermann war verdriesslich und ungeduldig, wir beiden aber, die wir die Welt mit malerischen Augen betrachteten, konnten damit sehr zufrieden sein; denn bei Sonnenuntergang genossen wir des herrlichsten Anblicks, den uns die ganze Reise gewaehrt hatte. In dem glaenzendsten Farbenschmuck lag Kap Minerva mit den daranstossenden Gebirgen vor unsern Augen, indes die Felsen, die sich suedwaerts hinabziehen, schon einen blaulichen Ton angenommen hatten. Vom Kap an zog sich die ganze erleuchtete Kueste bis Sorrent hin. Der Vesuv war uns sichtbar, eine ungeheure Dampfwolke ueber ihm aufgetuermt, von der sich ostwaerts ein langer Streif weit hinzog, so dass wir den staerksten Ausbruch vermuten konnten. Links lag Capri, steil in die Hoehe strebend; die Formen seiner Felswaende konnten wir durch den durchsichtigen blaeulichen Dunst vollkommen unterscheiden. Unter einem ganz reinen, wolkenlosen Himmel glaenzte das ruhige, kaum bewegte Meer, das bei einer voelligen Windstille endlich wie ein klarer Teich vor uns lag. Wir entzueckten uns an dem Anblick, Kniep trauerte, dass alle Farbenkunst nicht hinreiche, diese Harmonie wiederzugeben, so wie der feinste englische Bleistift die geuebteste Hand nicht in den Stand setze, diese Linien nachzuziehen. Ich dagegen, ueberzeugt, dass ein weit geringeres Andenken, als dieser geschickte Kuenstler zu erhalten vermochte, in der Zukunft hoechst wuenschenswert sein wuerde, ich ermunterte ihn, Hand und Auge zum letztenmal anzustrengen; er liess sich bereden und lieferte eine der genausten Zeichnungen, die er nachher kolorierte und ein Beispiel zurueckliess, dass bildlicher Darstellung das Unmoegliche moeglich wird. Den uebergang vorn Abend zur Nacht verfolgten wir mit ebenso begierigen Augen. Capri lag nun ganz finster vor uns, und zu unserm Erstaunen entzuendete sich die vesuvische Wolke sowie auch der Wolkenstreif, je laenger, je mehr, und wir sahen zuletzt einen ansehnlichen Strich der Atmosphaere im Grunde unseres Bildes erleuchtet, ja, wetterleuchten.

ueber diese uns so willkommenen Szenen hatten wir unbemerkt gelassen, dass uns ein grosses Unheil bedrohe; doch liess uns die Bewegung unter den Passagieren nicht lange in Ungewissheit. Sie, der Meeresereignisse kundiger als wir, machten dem Schiffsherrn und seinem Steuermanne bittre Vorwuerfe; dass ueber ihre Ungeschicklichkeit nicht allein die Meerenge verfehlt sei, sondern auch die ihnen anvertraute Personenzahl, Gueter und alles umzukommen in Gefahr schwebe. Wir erkundigten uns nach der Ursache dieser Unruhe, indem wir nicht begriffen, dass bei voelliger Windstille irgendein Unheil zu befuerchten sei. Aber eben diese Windstille machte jene Maenner trostlos. "Wir befinden uns", sagten sie, "schon in der Stroemung, die sich um die Insel bewegt und durch einen sonderbaren Wellenschlag so langsam als unwiderstehlich nach dem schroffen Felsen hinzieht, wo uns auch nicht ein Fussbreit Vorsprung oder Bucht zur Rettung gegeben ist."

Aufmerksam durch diese Reden, betrachteten wir nun unser Schicksal mit Grauen; denn obgleich die Nacht die zunehmende Gefahr nicht unterscheiden liess, so bemerkten wir doch, dass das Schiff, schwankend und schwippend, sich den Felsen naeherte, die immer finsterer vor uns standen, waehrend ueber das Meer hin noch ein leichter Abendschimmer verbreitet lag. Nicht die geringste Bewegung war in der Luft zu bemerken: Schnupftuecher und leichte Baender wurden von jedem in die Hoehe und ins Freie gehalten, aber keine Andeutung eines erwuenschten Hauches zeigte sich. Die Menge ward immer lauter und wilder. Nicht etwa betend knieten die Weiber mit ihren Kindern auf dem Verdeck, sondern weil der Raum zu eng war, sich darauf zu bewegen, lagen sie gedraengt aneinander. Sie noch mehr als die Maenner, welche besonnen auf Huelfe und Rettung dachten, schalten und tobten gegen den Kapitaen. Nun ward ihm alles vorgeworfen, was man auf der ganzen Reise schweigend zu erinnern gehabt: fuer teures Geld einen schlechten Schiffsraum, geringe Kost, ein zwar nicht unfreundliches, aber doch stummes Betragen. Er hatte niemand von seinen Handlungen Rechenschaft gegeben, ja, selbst noch den letzten Abend ein hartnaeckiges Stillschweigen ueber seine Manoeuvres beobachtet. Nun hiess er und der Steuermann hergelaufene Kraemer, die ohne Kenntnis der Schiffskunst sich aus blossem Eigennutz den Besitz eines Fahrzeuges zu verschaffen gewusst und nun durch Unfaehigkeit und Ungeschicklichkeit alle, die ihnen anvertraut, zugrunde richteten. Der Hauptmann schwieg und schien immer noch auf Rettung zu sinnen; mir aber, dem von Jugend auf Anarchie verdriesslicher gewesen als der Tod selbst, war es unmoeglich, laenger zu schweigen. Ich trat vor sie hin und redete ihnen zu, mit ungefaehr ebensoviel Gemuetsruhe als den Voegeln von Malcesine. Ich stellte ihnen vor, dass gerade in diesem Augenblick ihr Laermen und Schreien denen, von welchen noch allein Rettung zu hoffen sei, Ohr und Kopf verwirrten, so dass sie weder denken noch sich untereinander verstaendigen koennten. "Was euch betrifft", rief ich aus, "kehrt in euch selbst zurueck und dann wendet euer bruenstiges Gebet zur Mutter Gottes, auf die es ganz allein ankommt, ob sie sich bei ihrem Sohne verwenden mag, dass er fuer euch tue, was er damals fuer seine Apostel getan, als auf dem stuermenden See Tiberias die Wellen schon in das Schiff schlugen, der Herr aber schlief, der jedoch, als ihn die Trost—und Huelflosen aufweckten, sogleich dem Winde zu ruhen gebot, wie er jetzt der Luft gebieten kann, sich zu regen, wenn es anders sein heiliger Wille ist."

Diese Worte taten die beste Wirkung. Eine unter den Frauen, mit der ich mich schon frueher ueber sittliche und geistliche Gegenstaende unterhalten hatte, rief aus: "Ah! il Barlame! benedetto il Barlame!" und wirklich fingen sie, da sie ohnehin schon auf den Knieen lagen, ihre Litaneien mit mehr als herkoemmlicher Inbrunst leidenschaftlich zu beten an. Sie konnten dies mit desto groesserer Beruhigung tun, als die Schiffsleute noch ein Rettungsmittel versuchten, das wenigstens in die Augen fallend war: sie liessen das Boot hinunter, das freilich nur sechs bis acht Maenner fassen konnte, befestigten es durch ein langes Seil an das Schiff, welches die Matrosen durch Ruderschlaege nach sich zu ziehen kraeftig bemueht waren. Auch glaubte man einen Augenblick, dass sie es innerhalb der Stroemung bewegten, und hoffte es bald aus derselben herausgerettet zu sehen. Ob aber gerade diese Bemuehungen die Gegengewalt der Stroemung vermehrt, oder wie es damit beschaffen sein mochte, so ward mit einmal an dem langen Seile das Boot und seine Mannschaft im Bogen rueckwaerts nach dem Schiffe geschleudert, wie die Schmitze einer Peitsche, wenn der Fuhrmann einen Zug tut. Auch diese Hoffnung ward aufgegeben!—Gebet und Klagen wechselten ab, und der Zustand wuchs um so schauerlicher, da nun oben auf den Felsen die Ziegenhirten, deren Feuer man schon laengst gesehen hatte, hohl aufschrien, da unten strande das Schiff! Sie riefen einander noch viel unverstaendliche Toene zu, in welchen einige, mit der Sprache bekannt, zu vernehmen glaubten, als freuten sie sich auf manche Beute, die sie am andern Morgen aufzufischen gedaechten. Sogar der troestliche Zweifel, ob denn auch wirklich das Schiff dem Felsen sich so drohend naehere, war leider nur zu bald gehoben, indem die Mannschaft zu grossen Stangen griff, um das Fahrzeug, wenn es zum aeussersten kaeme, damit von den Felsen abzuhalten, bis denn endlich auch diese braechen und alles verloren sei. Immer staerker schwankte das Schiff, die Brandung schien sich zu vermehren, und meine durch alles dieses wiederkehrende Seekrankheit draengte mir den Entschluss auf, hinunter in die Kajuete zu steigen. Ich legte mich halb betaeubt auf meine Matratze, doch aber mit einer gewissen angenehmen Empfindung, die sich vom See Tiberias herzuschreiben schien; denn ganz deutlich schwebte mir das Bild aus Merians Kupferbibel vor Augen. Und so bewaehrt sich die Kraft aller sinnlich-sittlichen Eindruecke jedesmal am staerksten, wenn der Mensch ganz auf sich selbst zurueckgewiesen ist. Wie lange ich so in halbem Schlafe gelegen, wuesste ich nicht zu sagen, aufgeweckt aber ward ich durch ein gewaltsames Getoese ueber mir; ich konnte deutlich vernehmen, dass es die grossen Seile waren, die man auf dem Verdeck hin und wider schleppte, dies gab mir Hoffnung, dass man von den Segeln Gebrauch mache. Nach einer kleinen Weile sprang Kniep herunter und kuendigte mir an, dass man gerettet sei, der gelindeste Windshauch habe sich erhoben; in dem Augenblick sei man bemueht gewesen, die Segel aufzuziehen, er selbst habe nicht versaeumt, Hand anzulegen. Man entferne sich schon sichtbar vom Felsen, und obgleich noch nicht voellig ausser der Stroemung, hoffe man nun doch, sie zu ueberwinden. Oben war alles stille; sodann kamen mehrere der Passagiere, verkuendigten den gluecklichen Ausgang und legten sich nieder.

Als ich frueh am vierten Tage unserer Fahrt erwachte, befand ich mich frisch und gesund, so wie ich auch bei der ueberfahrt zu eben dieser Epoche gewesen war; so dass ich also auf einer laengern Seereise wahrscheinlich mit einer dreitaegigen Unpaesslichkeit meinen Tribut wuerde bezahlt haben.

Vom Verdeck sah ich mit Vergnuegen die Insel Capri in ziemlicher Entfernung zur Seite liegen und unser Schiff in solcher Richtung, dass wir hoffen konnten, in den Golf hineinzufahren, welches denn auch bald geschah. Nun hatten wir die Freude, nach einer ausgestandenen harten Nacht dieselben Gegenstaende, die uns abends vorher entzueckt hatten, in entgegengesetztem Lichte zu bewundern. Bald liessen wir jene gefaehrliche Felseninsel hinter uns. Hatten wir gestern die rechte Seite des Golfs von weitem bewundert, so erschienen nun auch die Kastelle und die Stadt gerade vor uns, sodann links der Posilipo und die Erdzungen, die sich bis gegen Procida und Ischia erstreckten. Alles war auf dem Verdeck, voran ein fuer seinen Orient sehr eingenommener griechischer Priester, der den Landesbewohnern, die ihr herrliches Vaterland mit Entzuecken begruessten, auf ihre Frage, wie sich denn Neapel zu Konstantinopel verhalte, sehr pathetisch antwortete: "Anche questa e una citta!"—"Auch dieses ist eine Stadt!"—Wir langten zur rechten Zeit im Hafen an, umsummt von Menschen; es war der lebhafteste Augenblick des Tages. Kaum waren unsere Koffer und sonstigen Geraetschaften ausgeladen und standen am Ufer, als gleich zwei Lasttraeger sich derselben bemaechtigten, und kaum hatten wir ausgesprochen, dass wir bei Moriconi logieren wuerden, so liefen sie mit dieser Last wie mit einer Beute davon, so dass wir ihnen durch die menschenreichen Strassen und ueber den bewegten Platz nicht mit den Augen folgen konnten. Kniep hatte das Portefeuille unter dem Arm, und wir haetten wenigstens die Zeichnungen gerettet, wenn jene Traeger, weniger ehrlich als die neapolitanischen armen Teufel, uns um dasjenige gebracht haetten, was die Brandung verschont hatte.

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