Geschichte Des Agathon Teil 1

Contents:
Author: Christoph Martin Wieland

Erstes Kapitel

Ein Besuch des Hippias

Zufaellige Ursachen hatten es so gefueget, dass Hippias sich auf einiche Wochen von Smirna hatte entfernen muessen, und dass die Zeit seiner Abwesenheit gerade in diejenige Zeit fiel, worin die Liebe unsers Helden und der schoenen Danae den aeussersten Punkt ihrer Hoehe erreichte. Dieser Umstand hatte sie gaenzlich Meister von einer Zeit gelassen, welche sie zum Vorteil der Liebe und des Vergnuegens so wohl anzuwenden wussten. Keiner von Danaes ehemaligen Verehrern hatte sich erkuehnt, ihre Einsamkeit zu stoeren; und die Freundinnen, mit denen sie ehmals in Gesellschaft gestanden war, hatten zu gutem Glueck alle mit ihren eignen Angelegenheiten so viel zu tun, dass sie keine Zeit behielten, sich um Fremde zu bekuemmern. Zudem war ihr Aufenthalt auf dem Lande nichts ungewoehnliches, und der allgemeine Genius der Stadt Smirna war der Freiheit in der Wahl der Vergnuegungen allzuguenstig, als dass eine Danae (von der man ohnehin keine vestalische Tugend foderte) ueber die ihrigen, wenn sie auch bekannt gewesen waeren, sehr strenge Urteile zu besorgen gehabt haette.

Allein Hippias war kaum von seiner Reise zurueckgekommen, so liess er eine seiner ersten Sorgen sein, sich in eigner Person nach dem Fortgang des Entwurfs zu erkundigen, den er mit ihr zu Bekehrung des allzuplatonischen Callias gemeinschaftlich angelegt hatte. Die besondere Vertraulichkeit, worin er seit mehr als zehn Jahren mit ihr gelebt hatte, gab ihm das vorzuegliche Recht, sie auch alsdann zu ueberraschen, wenn sie sonst fuer niemand sichtbar war. Er eilte also, so bald er nur konnte, nach ihrem Landgute; und hier brauchte er nur einen Blick auf unsre Liebende zu werfen, um zu sehen, wie viel in seiner Abwesenheit mit ihnen vorgegangen war. Ein gewisser Zwang, eine gewisse Zurueckhaltung, eine Art von schamhafter Schuechternheit, welche ihm besonders an der Pflegtochter Aspasiens fast laecherlich vorkam, war das erste, was ihm an beiden in die Augen fiel. Wahre Liebe (wie man laengst beobachtet hat) ist eben so sorgfaeltig ihre Glueckseligkeit zu verbergen, als jene frostige Liebe, welche Coquetterie oder Langeweile zur Mutter hat, begierig ist, ihre Siege auszuposaunen. Allein dieses war weder die einzige noch die vornehmste Ursache einer Zurueckhaltung, welche unsre Liebenden, aller angewandten Muehe ungeachtet, einem so scharfsichtigen Beobachter nicht entziehen konnten. Das Bewusstsein der Verwandlung, welche sie erlitten hatten; die Furcht vor dem komischen Ansehen, welches sie ihnen in den Augen des Sophisten geben moechte; die Furcht von einem Spott, vor dem sie die mutwilligen Ergiessungen bei jedem Blicke, bei jedem Laecheln erwarteten; dieses war es, was sie in Verlegenheit setzte, und was den artigsten Gesichtern in ganz Jonien etwas Verdriessliches gab, welches von einem jeden andern als Hippias fuer ein Zeichen, dass seine Gegenwart unangenehm sei, haette aufgenommen werden muessen. Allein dieser nahm es fuer das auf, was es in der Tat war; und da niemand besser zu leben wusste, so schien er so wenig zu bemerken, was in ihnen vorging, machte den Unachtsamen und Sorglosen so natuerlich, hatte so viel von seiner Reise und tausend gleichgueltigen Dingen zu schwatzen, und wusste dem Gespraech einen so freien Schwung von Munterkeit zu geben, dass sie alle erforderliche Zeit gewannen, sich wieder zu erholen, und sich in eine ungezwungene Verfassung zu setzen. Wenn Agathon hiedurch so sehr beruhigst wurde, dass er wuerklich hoffte, sich in seinen ersten Besorgnissen betrogen zu haben, so war die feinere Danae weit davon entfernt, sich durch die Kunstgriffe des Sophisten ein Blendwerk vormachen zu lassen. Sie kannte ihn zu gut, um nicht in seiner Seele zu lesen; sie sah wohl, dass es zu einer Eroerterung mit ihm kommen muesse, und war nur darueber unruhig, wie sie sich entschuldigen wollte, dass sie, ueber der Bemuehung den Charakter des Agathons umzubilden, ihren eignen oder doch einen guten Teil davon verloren hatte. Mit diesen Gedanken hatte sie sich in den Stunden der gewoehnlichen Mittagsruhe beschaeftiget, und war noch nicht recht mit sich selbst einig, wie weit sie sich dem Sophisten vertrauen wolle; als er in ihr Zimmer trat, und mit der vertraulichen Freimuetigkeit eines alten Freundes ihr entdeckte, dass es die Neugier ueber den Fortgang ihres geheimen Anschlags sei, was ihn so bald nach seiner Wiederkunft zu ihr gezogen habe. "Die Glueckseligkeit des Callias" (setzte er hinzu) "schimmert zu lebhaft aus seinen Augen und aus seinem ganzen Betragen hervor, schoene Danae, als dass ich durch ueberfluessige Fragstuecke das reizende Inkarnat dieser liebenswuerdigen Wangen zu erhoehen suchen sollte. Und findest du ihn also der Muehe wuerdig, die du auf seine Bekehrung ohne Zweifel verwenden musstest?" "Der Muehe?" sagte Danae laechelnd; "ich schwoere dir, dass mir in meinem Leben keine Muehe so leicht geworden ist, als mich von dem liebenswuerdigsten Sterblichen, den ich jemals gekannt habe, lieben zu lassen. Denn das war doch alle Muehe -" "Nicht ganz und gar", (unterbrach sie Hippias) "wenn du so aufrichtig sein willt, als es unsrer Freundschaft gemaess ist. Ich bin gewiss, dass er an keine Verstellung dachte, da er noch in meinem Hause war; und die Veraenderung, die ich an ihm wahrnehme ist so gross, verbreitet sich so sehr ueber seine ganze Person, hat ihn so unkenntlich gemacht, dass Danae selbst, auf deren Lippen die ueberredung wohnt, mich nicht ueberreden soll, dass eine solche Seelenwandlung im Schlafe vorgehen koenne. Keine Zurueckhaltungen, schoene Danae, die Wuerkungen zeugen von ihren Ursachen; ein grosses Werk setzt grosse Anstalten voraus; wenn ein Callias dahin gebracht wird, dass er wie ein Liebling der Venus herausgeputzt ist, dass er mit einer Sybaritischen Zunge von der Niedlichkeit der Speisen und dem Geschmack der Weine urteilt; dass er die wolluestigsten Laeufe eines in Liebe schmelzenden Liedes mit entzuecktem Haendeklatschen wiederholen heisst, und sich die Trinkschale von einer jungen Circasserin mit unverhuelltem Busen eben so gleichgueltig reichen laesst, als er sich in die weichen Polster eines Persischen Ruhebettes hineinsenkt—wahrhaftig, schoene Danae, das nenn ich eine Verwandlung, welche in so kurzer Zeit zu bewerkstelligen, ich keiner von allen unsterblichen Goettinnen zugetraut haette." "Ich weiss nicht, was du damit sagen willst", erwiderte Danae mit einer angenommenen Zerstreuung; "mich deucht nichts natuerlichers, als alles, worueber du dich so verwundert stellst; und gesetzt, dass du dich in deinem Urteil von Callias betrogen haettest, ist es seine Schuld? Wenn ich dir die Wahrheit sagen soll, so kann nichts unaehnlichers sein, als wie du ihn mir abgeschildert und wie ich ihn gefunden habe. Du machtest mich einen Pedantischen Toren, den Gegenstand einer Komoedie erwarten, und ich wiederhole es, du magst ueber mich lachen so lange du willt, Alcibiades selbst im Fruehling seiner Jahre und Reizungen war nicht liebenswuerdiger als derjenige, den du mir fuer ein komisches Mittelding von einem Phantasten und von einer Bildsaeule gegeben hast. Wenn eine Verschiedenheit zwischen Agathon und den Besten ist, fuer welche ich ehmals aus Dankbarkeit, Geschmack oder Laune, Gefaelligkeiten gehabt habe, so ist sie gaenzlich zu seinem Vorteil; so ist es, dass er edler, aufrichtiger, zaertlicher ist, dass er mich liebet, da jene nur sich selbst in mir liebten; dass ihn mein Vergnuegen gluecklicher macht als sein eignes; dass er das grossmuetigste und erkenntlichste Herz mit den glaenzendesten Vorzuegen des Geistes, mit allem was den Umgang reizend macht, vereinigt besitzt. "—"Welch ein Strom von Beredsamkeit", rief Hippias mit dem Laecheln eines Fauns aus; "du sprichst nicht anders als ob du seine Apologie gegen mich machen muesstest; und wenn habe ich denn was anders gesagt? Beschrieb ich ihn nicht als liebenswuerdig? Sagt’ ich dir nicht, dass er dir die Hyacinthe, und alle diese artigen gaukelnden Sommervoegel unertraeglich machen wuerde? Aber wir wollen uns nicht zanken, schoene Danae. Ich sehe, dass Amor hier mehr Arbeit gemacht als ihm aufgetragen war; er sollte dir nur helfen, den Agathon zu unterwerfen; aber der uebermuetige kleine Bube hat es fuer eine groessere Ehre gehalten, dich selbst zu besiegen; diese Danae, welche bisher mit seinen Pfeilen nur gescherzt hatte. Bekenne, Danae -" "Ja", (fiel sie ihm lebhaft ein) "ich bekenne, dass ich liebe wie ich nie geliebt habe; dass alles was ich sonst Glueckseligkeit nannte, kaum den Namen des Daseins verdient hat; ich bekenne es, Hippias, und bin stolz darauf, dass ich faehig waere, alles was ich besitze, alle Ergoetzlichkeiten von Smirna, alle Ansprueche an Beifall, alle Befriedigungen der Eitelkeit, und eine ganze Welt voll Liebhaber wie eine Nussschale hinzuwerfen, um mit Callias in einer mit Stroh bedeckten Huette zu leben, und mit diesen Haenden, welche nicht zu weiss und zaertlich dazu sein sollten, die Milch zuzubereiten, die ihm, vom Felde wiederkommend, weil ich sie ihm reichte, lieblicher schmecken wuerde, als Nektar aus den Haenden der Liebesgoettin."

"O, das ist was anders", rief Hippias, der sich nun nicht laenger halten konnte, in ein lautes Gelaechter auszubrechen; "wenn Danae aus diesem Tone spricht, so hat Hippias nichts mehr zu sagen. Aber", fuhr er fort, nachdem er sich die Augen gewischt und den Mund in Falten gelegt hatte; "in der Tat, schoene Freundin, ich lache zur Unzeit; die Sache ist ernsthafter als ich beim ersten Anblick dachte, und ich besorge nun in ganzem Ernste, dass Callias, so sehr er dich anzubeten scheint, nicht Liebe genug haben moechte, die deinige zu erwidern." "Ich erlasse dem Hippias diese Sorge", sagte Danae mit einem spoettischen Laecheln, welches ihr sehr reizend liess; "das soll meine Sorge sein; und mich deucht, Hippias, welcher ein so grosser Meister ist, von den Wuerkungen auf die Ursachen zu schliessen, sollte ganz ruhig darueber sein koennen, dass sich Danae nicht wie ein vierzehnjaehriges Maedchen fangen laesst." "Die Goetter der Liebe und Freude verhueten, dass meine Worte einen uebelweissagenden Sinn in sich fassen", erwiderte Hippias! "Du liebest, schoene Danae; du wirst geliebt; kein wuerdigers Paar gluecklich zu sein, kein geschickteres sich gluecklich zu machen, hat Amor nie vereiniget. Erschoepfet alles, was die Liebe reizendes hat! Trinket immer neue Entzueckungen aus ihrem nektarischen Becher; und moege die neidenswerte Bezauberung so lang als euer Leben dauern!"

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Harvard: Wieland, CM, 'Erstes Kapitel' in Geschichte Des Agathon Teil 1. cited in , Geschichte Des Agathon Teil 1. Original Sources, retrieved 22 November 2019, from http://www.originalsources.com/Document.aspx?DocID=IZQLXSBYDPQC5YE.