Faust: Der Tragoedie Part 2

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Author: Johann Wolfgang von Goethe

2. Akt—Hochgewoelbtes Enges Gotisches Zimmer

MEPHISTOPHELES: Hier lieg, Unseliger! verfuehrt Zu schwergeloestem Liebesbande! Wen Helena paralysiert, Der kommt so leicht nicht zu Verstande. Blick’ ich hinauf, hierher, hinueber, Allunveraendert ist es, unversehrt; Die bunten Scheiben sind, so duenkt mich, trueber, Die Spinneweben haben sich vermehrt; Die Tinte starrt, vergilbt ist das Papier; Doch alles ist am Platz geblieben; Sogar die Feder liegt noch hier, Mit welcher Faust dem Teufel sich verschrieben. Ja! tiefer in dem Rohre stockt Ein Troepflein Blut, wie ich’s ihm abgelockt. Zu einem solchen einzigen Stueck Wuenscht’ ich dem groessten Sammler Glueck. Auch haengt der alte Pelz am alten Haken, Erinnert mich an jene Schnaken, Wie ich den Knaben einst belehrt, Woran er noch vielleicht als Juengling zehrt. Es kommt mir wahrlich das Geluesten, Rauchwarme Huelle, dir vereint Mich als Dozent noch einmal zu erbruesten, Wie man so voellig recht zu haben meint. Gelehrte wissen’s zu erlangen, Dem Teufel ist es laengst vergangen.

CHOR DER INSEKTEN: Willkommen! willkommen, Du alter Patron! Wir schweben und summen Und kennen dich schon. Nur einzeln im stillen Du hast uns gepflanzt; Zu Tausenden kommen wir, Vater, getanzt. Der Schalk in dem Busen Verbirgt sich so sehr, Vom Pelze die Laeuschen Enthuellen sich eh’r.

MEPHISTOPHELES: Wie ueberraschend mich die junge Schoepfung freut! Man saee nur, man erntet mit der Zeit. Ich schuettle noch einmal den alten Flaus, Noch eines flattert hier und dort hinaus.— Hinauf! umher! in hunderttausend Ecken Eilt euch, ihr Liebchen, zu verstecken. Dort, wo die alten Schachteln stehn, Hier im bebraeunten Pergamen, In staubigen Scherben alter Toepfe, Dem Hohlaug’ jener Totenkoepfe. In solchem Wust und Moderleben Muss es fuer ewig Grillen geben. Komm, decke mir die Schultern noch einmal! Heut bin ich wieder Prinzipal. Doch hilft es nichts, mich so zu nennen; Wo sind die Leute, die mich anerkennen?

FAMULUS: Welch ein Toenen! welch ein Schauer! Treppe schwankt, es bebt die Mauer; Durch der Fenster buntes Zittern Seh’ ich wetterleuchtend Wittern. Springt das Estrich, und von oben Rieselt Kalk und Schutt verschoben. Und die Tuere, fest verriegelt, Ist durch Wunderkraft entsiegelt.— Dort! Wie fuerchterlich! Ein Riese Steht in Faustens altem Vliese! Seinen Blicken, seinem Winken Moecht’ ich in die Kniee sinken. Soll ich fliehen? Soll ich stehn? Ach, wie wird es mir ergehn!

MEPHISTOPHELES: Heran, mein Freund!—Ihr heisset Nikodemus.

FAMULUS: Hochwuerdiger Herr! so ist mein Nam’—Oremus.

MEPHISTOPHELES: Das lassen wir! +

FAMULUS: Wie froh, dass Ihr mich kennt!

MEPHISTOPHELES: Ich weiss es wohl, bejahrt und noch Student, Bemooster Herr! Auch ein gelehrter Mann Studiert so fort, weil er nicht anders kann. So baut man sich ein maessig Kartenhaus, Der groesste Geist baut’s doch nicht voellig aus. Doch Euer Meister, das ist ein Beschlagner: Wer kennt ihn nicht, den edlen Doktor Wagner, Den Ersten jetzt in der gelehrten Welt! Er ist’s allein, der sie zusammenhaelt, Der Weisheit taeglicher Vermehrer. Allwissbegierige Horcher, Hoerer Versammeln sich um ihn zuhauf. Er leuchtet einzig vom Katheder; Die Schluessel uebt er wie Sankt Peter, Das Untre so das Obre schliesst er auf. Wie er vor allen glueht und funkelt, Kein Ruf, kein Ruhm haelt weiter stand; Selbst Faustus’ Name wird verdunkelt, Er ist es, der allein erfand.

FAMULUS: Verzeiht, hochwuerdiger Herr! wenn ich Euch sage, Wenn ich zu widersprechen wage: Von allem dem ist nicht die Frage; Bescheidenheit ist sein beschieden Teil. Ins unbegreifliche Verschwinden Des hohen Manns weiss er sich nicht zu finden; Von dessen Wiederkunft erfleht er Trost und Heil. Das Zimmer, wie zu Doktor Faustus’ Tagen, Noch unberuehrt seitdem er fern, Erwartet seinen alten Herrn. Kaum wag’ ich’s, mich hereinzuwagen. Was muss die Sternenstunde sein?— Gemaeuer scheint mir zu erbangen; Tuerpfosten bebten, Riegel sprangen, Sonst kamt Ihr selber nicht herein.

MEPHISTOPHELES: Wo hat der Mann sich hingetan? Fuehrt mich zu ihm, bringt ihn heran!

FAMULUS: Ach! sein Verbot ist gar zu scharf, Ich weiss nicht, ob ich’s wagen darf. Monatelang, des grossen Werkes willen, Lebt’ er im allerstillsten Stillen. Der zarteste gelehrter Maenner, Er sieht aus wie ein Kohlenbrenner, Geschwaerzt vom Ohre bis zur Nasen, Die Augen rot vom Feuerblasen, So lechzt er jedem Augenblick; Geklirr der Zange gibt Musik.

MEPHISTOPHELES: Sollt’ er den Zutritt mir verneinen? Ich bin der Mann, das Glueck ihm zu beschleunen. Kaum hab’ ich Posto hier gefasst, Regt sich dort hinten, mir bekannt, ein Gast. Doch diesmal ist er von den Neusten, Er wird sich grenzenlos erdreusten.

BACCALAUREUS: Tor und Tuere find’ ich offen! Nun, da laesst sich endlich hoffen, Dass nicht, wie bisher, im Moder Der Lebendige wie ein Toter Sich verkuemmere, sich verderbe Und am Leben selber sterbe. Diese Mauern, diese Waende Neigen, senken sich zum Ende, Und wenn wir nicht bald entweichen, Wird uns Fall und Sturz erreichen. Bin verwegen, wie nicht einer, Aber weiter bringt mich keiner. Doch was soll ich heut erfahren! War’s nicht hier, vor so viel Jahren, Wo ich, aengstlich und beklommen, War als guter Fuchs gekommen? Wo ich diesen Baertigen traute, Mich an ihrem Schnack erbaute? Aus den alten Buecherkrusten Logen sie mir, was sie wussten, Was sie wussten, selbst nicht glaubten, Sich und mir das Leben raubten. Wie?—Dort hinten in der Zelle Sitzt noch einer dunkel-helle! Nahend seh’ ich’s mit Erstaunen, Sitzt er noch im Pelz, dem braunen, Wahrlich, wie ich ihn verliess, Noch gehuellt im rauhen Vlies! Damals schien er zwar gewandt, Als ich ihn noch nicht verstand. Heute wird es nichts verfangen, Frisch an ihn herangegangen! Wenn, alter Herr, nicht Lethes truebe Fluten Das schiefgesenkte, kahle Haupt durchschwommen, Seht anerkennend hier den Schueler kommen, Entwachsen akademischen Ruten. Ich find’ Euch noch, wie ich Euch sah; Ein anderer bin ich wieder da.

MEPHISTOPHELES: Mich freut, dass ich Euch hergelaeutet. Ich schaetzt’ Euch damals nicht gering; Die Raupe schon, die Chrysalide deutet Den kuenftigen bunten Schmetterling. Am Lockenkopf und Spitzenkragen Empfandet Ihr ein kindliches Behagen.— Ihr trugt wohl niemals einen Zopf?— Heut schau’ ich Euch im Schwedenkopf. Ganz resolut und wacker seht Ihr aus; Kommt nur nicht absolut nach Haus.

BACCALAUREUS: Mein alter Herr! Wir sind am alten Orte; Bedenkt jedoch erneuter Zeiten Lauf Und sparet doppelsinnige Worte; Wir passen nun ganz anders auf. Ihr haenseltet den guten treuen Jungen; Das ist Euch ohne Kunst gelungen, Was heutzutage niemand wagt.

MEPHISTOPHELES: Wenn man der Jugend reine Wahrheit sagt, Die gelben Schnaebeln keineswegs behagt, Sie aber hinterdrein nach Jahren Das alles derb an eigner Haut erfahren, Dann duenkeln sie, es kaem’ aus eignem Schopf; Da heisst es denn: der Meister war ein Tropf.

BACCALAUREUS: Ein Schelm vielleicht!—denn welcher Lehrer spricht Die Wahrheit uns direkt ins Angesicht? Ein jeder weiss zu mehren wie zu mindern, Bald ernst, bald heiter klug zu frommen Kindern.

MEPHISTOPHELES: Zum Lernen gibt es freilich eine Zeit; Zum Lehren seid Ihr, merk’ ich, selbst bereit. Seit manchen Monden, einigen Sonnen Erfahrungsfuelle habt Ihr wohl gewonnen.

BACCALAUREUS: Erfahrungswesen! Schaum und Dust! Und mit dem Geist nicht ebenbuertig. Gesteht! was man von je gewusst, Es ist durchaus nicht wissenswuerdig.

MEPHISTOPHELES: Mich deucht es laengst. Ich war ein Tor, Nun komm’ ich mir recht schal und albern vor.

BACC: Das freut mich sehr! Da hoer’ ich doch Verstand; Der erste Greis, den ich vernuenftig fand!

MEPHISTOPHELES: Ich suchte nach verborgen-goldnem Schatze, Und schauerliche Kohlen trug ich fort.

BACCALAUREUS: Gesteht nur, Euer Schaedel, Eure Glatze Ist nicht mehr wert als jene hohlen dort?

MEPHISTOPHELES: Du weisst wohl nicht, mein Freund, wie grob du bist?

BACCALAUREUS: Im Deutschen luegt man, wenn man hoeflich ist.

MEPHISTOPHELES: Hier oben wird mir Licht und Luft benommen; Ich finde wohl bei euch ein Unterkommen?

BACCALAUREUS: Anmasslich find’ ich, dass zur schlechtsten Frist Man etwas sein will, wo man nichts mehr ist. Des Menschen Leben lebt im Blut, und wo Bewegt das Blut sich wie im Juengling so? Das ist lebendig Blut in frischer Kraft, Das neues Leben sich aus Leben schafft. Da regt sich alles, da wird was getan, Das Schwache faellt, das Tuechtige tritt heran. Indessen wir die halbe Welt gewonnen, Was habt Ihr denn getan? genickt, gesonnen, Getraeumt, erwogen, Plan und immer Plan. Gewiss! das Alter ist ein kaltes Fieber Im Frost von grillenhafter Not. Hat einer dreissig Jahr vorueber, So ist er schon so gut wie tot. Am besten waer’s, euch zeitig totzuschlagen.

MEPHISTOPHELES: Der Teufel hat hier weiter nichts zu sagen.

BACC: Wenn ich nicht will, so darf kein Teufel sein.

MEPHISTOPHELES: Der Teufel stellt dir naechstens doch ein Bein.

BACCALAUREUS: Dies ist der Jugend edelster Beruf! Die Welt, sie war nicht, eh’ ich sie erschuf; Die Sonne fuehrt’ ich aus dem Meer herauf; Mit mir begann der Mond des Wechsels Lauf; Da schmueckte sich der Tag auf meinen Wegen, Die Erde gruente, bluehte mir entgegen. Auf meinen Wink, in jener ersten Nacht, Entfaltete sich aller Sterne Pracht. Wer, ausser mir, entband euch aller Schranken Philisterhaft einklemmender Gedanken? Ich aber frei, wie mir’s im Geiste spricht, Verfolge froh mein innerliches Licht, Und wandle rasch, im eigensten Entzuecken, Das Helle vor mir, Finsternis im Ruecken.

MEPHISTOPHELES: Original, fahr hin in deiner Pracht!— Wie wuerde dich die Einsicht kraenken: Wer kann was Dummes, wer was Kluges denken, Das nicht die Vorwelt schon gedacht?— Doch sind wir auch mit diesem nicht gefaehrdet, In wenig Jahren wird es anders sein: Wenn sich der Most auch ganz absurd gebaerdet, Es gibt zuletzt doch noch e’ Wein. [Ihr bleibt bei meinem Worte kalt, [Euch guten Kindern lass ich’s gehen; Bedenkt: der Teufel, der ist alt, So werdet alt, ihn zu verstehen!

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