Die Wahlverwandtschaften

Author: Johann Wolfgang von Goethe

Die Wahlverwandtschaften

Goethe, Johann Wolfgang von, 1749-1832

Die Wahlverwandtschaften Johann Wolfgang von Goethe

Die Wahlverwandtschaften Hamburger Ausgabe, Band 6

Eduard—so nennen wir einen reichen Baron im besten Mannesalter—Eduard hatte in seiner Baumschule die schoenste Stunde eines Aprilnachmittags zugebracht, um frisch erhaltene Pfropfreiser auf junge Staemme zu bringen.

Sein Geschaeft war eben vollendet; er legte die Geraetschaften in das Futteral zusammen und betrachtete seine Arbeit mit Vergnuegen, als der Gaertner hinzutrat und sich an dem teilnehmenden Fleisse des Herrn ergetzte.

"Hast du meine Frau nicht gesehen?" fragte Eduard, indem er sich weiterzugehen anschickte.

"Drueben in den neuen Anlagen",versetzte der Gaertner.

"Die Mooshuette wird heute fertig, die sie an der Felswand, dem Schlosse gegenueber, gebaut hat.

Alles ist recht schoen geworden und muss Euer Gnaden gefallen.

Man hat einen vortrefflichen Anblick: unten das Dorf, ein wenig rechter Hand die Kirche, ueber deren Turmspitze man fast hinwegsieht, gegenueber das Schloss und die Gaerten".

"Ganz recht", versetzte Eduard; "einige Schritte von hier konnte ich die Leute arbeiten sehen".

"Dann", fuhr der Gaertner fort,"oeffnet sich rechts das Tal, und man sieht ueber die reichen Baumwiesen in eine heitere Ferne.

Der Stieg die Felsen hinauf ist gar huebsch angelegt.

Die gnaedige Frau versteht es; man arbeitet unter ihr mit Vergnuegen".

"Geh zu ihr", sagte Eduard, "und ersuche sie, auf mich zu warten.

Sage ihr, ich wuensche die neue Schoepfung zu sehen und mich daran zu erfreuen".

Der Gaertner entfernte sich eilig, und Eduard folgte bald.

Dieser stieg nun die Terrassen hinunter, musterte im Vorbeigehen Gewaechshaeuser und Treibebeete, bis er ans Wasser, dann ueber einen Steg an den Ort kam, wo sich der Pfad nach den neuen Anlagen in zwei Arme teilte.

Den einen, der ueber den Kirchhof ziemlich gerade nach der Felswand hinging, liess er liegen, um den andern einzuschlagen, der sich links etwas weiter durch anmutiges Gebuesch sachte hinaufwand; da, wo beide zusammentrafen, setzte er sich fuer einen Augenblick auf einer wohlangebrachten Bank nieder, betrat sodann den eigentlichen Stieg und sah sich durch allerlei Treppen und Absaetze auf dem schmalen, bald mehr bald weniger steilen Wege endlich zur Mooshuette geleitet.

An der Tuere empfing Charlotte ihren Gemahl und liess ihn dergestalt niedersitzen, dass er durch Tuer und Fenster die verschiedenen Bilder, welche die Landschaft gleichsam im Rahmen zeigten, auf einen Blick uebersehen konnte.

Er freute sich daran in Hoffnung, dass der Fruehling bald alles noch reichlicher beleben wuerde.

"Nur eines habe ich zu erinnern", setzte er hinzu, "die Huette scheint mir etwas zu eng".

"Fuer uns beide doch geraeumig genug", versetzte Charlotte.

"Nun freilich", sagte Eduard, "fuer einen Dritten ist auch wohl noch Platz".

"Warum nicht?" versetzte Charlotte, "und auch fuer ein Viertes.

Fuer groessere Gesellschaft wollen wir schon andere Stellen bereiten".

"Da wir denn ungestoert hier allein sind", sagte Eduard, "und ganz ruhigen, heiteren Sinnes, so muss ich dir gestehen, dass ich schon einige Zeit etwas auf dem Herzen habe, was ich dir vertrauen muss und moechte, und nicht dazu kommen kann".

"Ich habe dir so etwas angemerkt", versetzte Charlotte.

"Und ich will nur gestehen", fuhr Eduard fort, "wenn mich der Postbote morgen frueh nicht draengte, wenn wir uns nicht heut entschliessen muessten, ich haette vielleicht noch laenger geschwiegen".

"Was ist es denn?" fragte Charlotte freundlich entgegenkommend.

"Es betrifft unsern Freund, den Hauptmann", antwortete Eduard.

"Du kennst die traurige Lage, in die er, wie so mancher andere, ohne sein Verschulden gesetzt ist.

Wie schmerzlich muss es einem Manne von seinen Kenntnissen, seinen Talenten und Fertigkeiten sein, sich ausser Taetigkeit zu sehen und—ich will nicht lange zurueckhalten mit dem, was ich fuer ihn wuensche: ich moechte, dass wir ihn auf einige Zeit zu uns naehmen".

"Das ist wohl zu ueberlegen und von mehr als einer Seite zu betrachten", versetzte Charlotte.

"Meine Ansichten bin ich bereit dir mitzuteilen", entgegnete ihr Eduard.

"In seinem letzten Briefe herrscht ein stiller Ausdruck des tiefsten Missmutes; nicht dass es ihm an irgendeinem Beduerfnis fehle, denn er weiss sich durchaus zu beschraenken, und fuer das Notwendige habe ich gesorgt; auch drueckt es ihm nicht, etwas von mir anzunehmen, denn wir sind unsre Lebzeit ueber einander wechselseitig uns so viel schuldig geworden, dass wir nicht berechnen koennen, wie unser Kredit und Debet sich gegeneinander verhalte—dass er geschaeftlos ist, das ist eigentlich seine Qual.

Das Vielfache, was er an sich ausgebildet hat, zu andrer Nutzen taeglich und stuendlich zu gebrauchen, ist ganz allein sein Vergnuegen, ja seine Leidenschaft.

Und nun die Haende in den Schoss zu legen oder noch weiter zu studieren, sich weitere Geschicklichkeit zu verschaffen, da er das nicht brauchen kann, was er in vollem Masse besitzt—genug, liebes Kind, es ist eine peinliche Lage, deren Qual er doppelt und dreifach in seiner Einsamkeit empfindet".

"Ich dachte doch", sagte Charlotte, "ihm waeren von verschiedenen Orten Anerbietungen geschehen.

Ich hatte selbst um seinetwillen an manche taetige Freunde und Freundinnen geschrieben, und soviel ich weiss, blieb dies auch nicht ohne Wirkung".

"Ganz recht",versetzte Eduard; "aber selbst diese verschiedenen Gelegenheiten, diese Anerbietungen machen ihm neue Qual, neue Unruhe.

Keines von den Verhaeltnissen ist ihm gemaess.

Er soll nicht wirken; er soll sich aufopfern, seine Zeit seine Gesinnungen, seine Art zu sein, und das ist ihm unmoeglich.

Je mehr ich das alles betrachte, je mehr ich es fuehle, desto lebhafter wird der Wunsch, ihn bei uns zu sehen".

"Es ist recht schoen und liebenswuerdig von dir" versetzte Charlotte, "dass du des Freundes Zustand mit soviel Teilnahme bedenkst; allein erlaube mir, dich aufzufordern, auch deiner, auch unser zu gedenken".

"Das habe ich getan", entgegnete ihr Eduard.

"Wir koennen von seiner Naehe uns nur Vorteil und Annehmlichkeit versprechen.

Von dem Aufwande will ich nicht reden, der auf alle Faelle gering fuer mich wird, wenn er zu uns zieht, besonders wenn ich zugleich bedenke, dass uns seine Gegenwart nicht die mindeste Unbequemlichkeit verursacht.

Auf dem rechten Fluegel des Schlosses kann er wohnen, und alles andere findet sich.

Wieviel wird ihm dadurch geleistet, und wie manches Angenehme wird uns durch seinen Umgang, ja wie mancher Vorteil!

Ich haette laengst eine Ausmessung des Gutes und der Gegend gewuenscht; er wird sie besorgen und leiten.

Deine Absicht ist, selbst die Gueter kuenftig zu verwalten, sobald die Jahre der gegenwaertigen Paechter verflossen sind.

Wie bedenklich ist ein solches Unternehmen!

Zu wie manchen Vorkenntnissen kann er uns nicht verhelfen!

Ich fuehle nur zu sehr, dass mir ein Mann dieser Art abgeht.

Die Landleute haben die rechten Kenntnisse; ihre Mitteilungen aber sind konfus und nicht ehrlich.

Die Studierten aus der Stadt und von den Akademien sind wohl klar und ordentlich, aber es fehlt an der unmittelbaren Einsicht in die Sache.

Vom Freunde kann ich mir beides versprechen; und dann entspringen noch hundert andere Verhaeltnisse daraus, die ich mir alle gern vorstellen mag, die auch auf dich Bezug haben und wovon ich viel Gutes voraussehe.

Nun danke ich dir, dass du mich freundlich angehoert hast; jetzt sprich aber auch recht frei und umstaendlich und sage mir alles, was du zu sagen hast; ich will dich nicht unterbrechen".

"Recht gut", versetzte Charlotte; "so will ich gleich mit einer allgemeinen Bemerkung anfangen.

Die Maenner denken mehr auf das Einzelne, auf das Gegenwaertige, und das mit Recht, weil sie zu tun, zu wirken berufen sind, die Weiber hingegen mehr auf das, was im Leben zusammenhaengt, und das mit gleichem Rechte, weil ihr Schicksal, das Schicksal ihrer Familien an diesen Zusammenhang geknuepft ist und auch gerade dieses Zusammenhaengende von ihnen gefordert wird.

Lass uns deswegen einen Blick auf unser gegenwaertiges, auf unser vergangenes Leben werfen, und du wirst mir eingestehen, dass die Berufung des Hauptmannes nicht so ganz mit unsern Vorsaetzen, unsern Planen, unsern Einrichtungen zusammentrifft.

Mag ich doch so gern unserer fruehsten Verhaeltnisse gedenken! Wir liebten einander als junge Leute recht herzlich; wir wurden getrennt; du von mir, weil dein Vater, aus nie zu saettigender Begierde des Besitzes, dich mit einer ziemlich aelteren, reichen Frau verband; ich von dir, weil ich, ohne sonderliche Aussichten, einem wohlhabenden, nicht geliebten, aber geehrten Manne meine Hand reichen musste.

Wir wurden wieder frei; du frueher, indem dich dein Muetterchen im Besitz eines grossen Vermoegens liess; ich spaeter, eben zu der Zeit, da du von Reisen zurueckkamst.

So fanden wir uns wieder.

Wir freuten uns der Erinnerung, wir liebten die Erinnerung, wir konnten ungestoert zusammenleben.

Du drangst auf eine Verbindung; ich willigte nicht gleich ein, denn da wir ungefaehr von denselben Jahren sind, so bin ich als Frau wohl aelter geworden, du nicht als Mann.

Zuletzt wollte ich dir nicht versagen, was du fuer dein einziges Glueck zu halten schienst.

Du wolltest von allen Unruhen, die du bei Hof, im Militaer, auf Reisen erlebt hattest, dich an meiner Seite erholen, zur Besinnung kommen, des Lebens geniessen; aber auch nur mit mir allein.

Meine einzige Tochter tat ich in Pension, wo sie sich freilich mannigfaltiger ausbildet, als bei einem laendlichen Aufenthalte geschehen koennte; und nicht sie allein, auch Ottilien, meine liebe Nichte, tat ich dorthin, die vielleicht zur haeuslichen Gehuelfin unter meiner Anleitung am besten herangewachsen waere.

Das alles geschah mit deiner Einstimmung, bloss damit wir uns selbst leben, bloss damit wir das frueh so sehnlich gewuenschte, endlich spaet erlangte Glueck ungestoert geniessen moechten.

So haben wir unsern laendlichen Aufenthalt angetreten.

Ich uebernahm das Innere, du das aeussere und was ins Ganze geht.

Meine Einrichtung ist gemacht, dir in allem entgegenzukommen, nur fuer dich allein zu leben; lass uns wenigstens eine Zeitlang versuchen, inwiefern wir auf diese Weise miteinander ausreichen".

"Da das Zusammenhaengende, wie du sagst, eigentlich euer Element ist", versetzte Eduard, "so muss man euch freilich nicht in einer Folge reden hoeren oder sich entschliessen, euch recht zu geben; und du sollst auch recht haben bis auf den heutigen Tag.

Die Anlage, die wir bis jetzt zu unserm Dasein gemacht haben, ist von guter Art; sollen wir aber nichts weiter darauf bauen, und soll sich nichts weiter daraus entwickeln?

Was sich im Garten leiste, du im Park, soll das nur fuer Einsiedler getan sein?"

"Recht gut!" versetzte Charlotte, "recht wohl!

Nur dass wir nichts Hinderndes, Fremdes hereinbringen!

Bedenke, dass unsre Vorsaetze, auch was die Unterhaltung betrifft, sich gewissermassen nur auf unser beiderseitiges Zusammensein bezogen.

Du wolltest zuerst die Tagebuecher deiner Reise mir in ordentlicher Folge mitteilen, bei dieser Gelegenheit so manches dahin Gehoerige von Papieren in Ordnung bringen und unter meiner Teilnahme, mit meiner Beihuelfe aus diesen unschaetzbaren, aber verworrenen Heften und Blaettern ein fuer uns und andere erfreuliches Ganze zusammenstellen.

Ich versprach, dir an der Abschrift zu helfen, und wir dachten es uns so bequem, so artig, so gemuetlich und heimlich, die Welt, die wir zusammen nicht sehen sollten, in der Erinnerung zu durchreisen. Ja, der Anfang ist schon gemacht.

Dann hast du die Abende deine Floete wieder vorgenommen, begleitest mich am Klavier; und an Besuchen aus der Nachbarschaft und in die Nachbarschaft fehlt es uns nicht.

Ich wenigstens habe mir aus allem diesem den ersten wahrhaft froehlichen Sommer zusammengebaut, den ich in meinem Leben zu geniessen dachte".

"Wenn mir nur nicht", versetzte Eduard, indem er sich die Stirne rieb, "bei alle dem, was du mir so liebevoll und verstaendig wiederholst, immer der Gedanke beiginge, durch die Gegenwart des Hauptmanns wuerde nichts gestoert, ja vielmehr alles beschleunigt und neu belebt.

Auch er hat einen Teil meiner Wanderungen mitgemacht; auch er hat manches, und in verschiedenem Sinne, sich angemerkt: wir benutzten das zusammen, und alsdann wuerde es erst ein huebsches Ganze werden".

"So lass mich denn dir aufrichtig gestehen", entgegnete Charlotte mit einiger Ungeduld, "dass diesem Vorhaben mein Gefuehl widerspricht, dass eine Ahnung mir nichts Gutes weissagt".

"Auf diese Weise waeret ihr Frauen wohl unueberwindlich", versetzte Eduard, "erst verstaendig, dass man nicht widersprechen kann, liebevoll, dass man sich gern hingibt, gefuehlvoll, dass man euch nicht weh tun mag, ahnungsvoll, dass man erschrickt".

"Ich bin nicht aberglaeubisch", versetzte Charlotte, "und gebe nichts auf diese dunklen Anregungen, insofern sie nur solche waeren; aber es sind meistenteils unbewusste Erinnerungen gluecklicher und ungluecklicher Folgen, die wir an eigenen oder fremden Handlungen erlebt haben.

Nichts ist bedeutender in jedem Zustande als die Dazwischenkunft eines Dritten.

Ich habe Freunde gesehen, Geschwister, Liebende, Gatten, deren Verhaeltnis durch den zufaelligen oder gewaehlten Hinzutritt einer neuen Person ganz und gar veraendert, deren Lage voellig umgekehrt wurde".

"Das kann wohl geschehen", versetzte Eduard, "bei Menschen, die nur dunkel vor sich hinleben, nicht bei solchen, die, schon durch Erfahrung aufgeklaert, sich mehr bewusst sind".

"Das Bewusstsein, mein Liebster", entgegnete Charlotte, "ist keine hinlaengliche Waffe, ja manchmal eine gefaehrliche fuer den, der sie fuehrt; und aus diesem allen tritt wenigstens soviel hervor, dass wir uns ja nicht uebereilen sollen.

Goenne mir noch einige Tage, entscheide nicht!"

"Wie die Sache steht", erwiderte Eduard, "werden wir uns auch nach mehreren Tagen immer uebereilen.

Die Gruende fuer und dagegen haben wir wechselsweise vorgebracht; es kommt auf den Entschluss an, und da waer es wirklich das Beste, wir gaeben ihn dem Los anheim".

"Ich weiss", versetzte Charlotte, "dass du in zweifelhaften Faellen gerne wettest oder wuerfelst; bei einer so ernsthaften Sache hingegen wuerde ich dies fuer einen Frevel halten".

"Was soll ich aber dem Hauptmann schreiben?" rief Eduard aus; "denn ich muss mich gleich hinsetzen".

"Einen ruhigen, vernuenftigen, troestlichen Brief", sagte Charlotte.

"Das heisst soviel wie keinen", versetzte Eduard.

"Und doch ist es in manchen Faellen", versetzte Charlotte, "notwendig und freundlich, lieber nichts zu schreiben, als nicht zu schreiben".

Eduard fand sich allein auf seinem Zimmer, und wirklich hatte die Wiederholung seiner Lebensschicksale aus dem Munde Charlottens, die Vergegenwaertigung ihres beiderseitigen Zustandes, ihrer Vorsaetze sein lebhaftes Gemuet angenehm aufgeregt.

Er hatte sich in ihrer Naehe, in ihrer Gesellschaft so gluecklich gefuehlt, dass er sich einen freundlichen, teilnehmenden, aber ruhigen und auf nichts hindeutenden Brief an den Hauptmann ausdachte.

Als er aber zum Schreibtisch ging und den Brief des Freundes aufnahm, um ihn nochmals durchzulesen, trat ihm sogleich wieder der traurige Zustand des trefflichen Mannes entgegen; alle Empfindungen, die ihn diese Tage gepeinigt hatten, wachten wieder auf, und es schien ihm unmoeglich, seinen Freund einer so aengstlichen Lage zu ueberlassen.

Sich etwas zu versagen, war Eduard nicht gewohnt.

Von Jugend auf das einzige, verzogene Kind reicher Eltern, die ihn zu einer seltsamen, aber hoechst vorteilhaften Heirat mit einer viel aelteren Frau zu bereden wussten, von dieser auch auf alle Weise verzaertelt, indem sie sein gutes Betragen gegen sie durch die groesste Freigebigkeit zu erwidern suchte, nach ihrem baldigen Tode sein eigner Herr, auf Reisen unabhaengig, jeder Abwechslung, jeder Veraenderung maechtig, nichts uebertriebenes wollend, aber viel und vielerlei wollend, freimuetig, wohltaetig, brav, ja tapfer im Fall—was konnte in der Welt seinen Wuenschen entgegenstehen!

Bisher war alles nach seinem Sinne gegangen, auch zum Besitz Charlottens war er gelangt, den er sich durch eine hartnaeckige, ja romanenhafte Treue doch zuletzt erworben hatte; und nun fuehlte er sich zum erstenmal widersprochen, zum erstenmal gehindert, eben da er seinen Jugendfreund an sich heranziehen, da er sein ganzes Dasein gleichsam abschliessen wollte.

Er war verdriesslich, ungeduldig, nahm einigemal die Feder und legte sie nieder, weil er nicht einig mit sich werden konnte, was er schreiben sollte.

Gegen die Wuensche seiner Frau wollte er nicht, nach ihrem Verlangen konnte er nicht; unruhig wie er war, sollte er einen ruhigen Brief schreiben; es waere ihm ganz unmoeglich gewesen.

Das Natuerlichste war, dass er Aufschub suchte.

Mit wenig Worten bat er seinen Freund um Verzeihung, dass er diese Tage nicht geschrieben, dass er heut nicht umstaendlich schreibe, und versprach fuer naechstens ein bedeutenderes, ein beruhigendes Blatt.

Charlotte benutzte des andern Tags auf einem Spaziergang nach derselben Stelle die Gelegenheit, das Gespraech wieder anzuknuepfen, vielleicht in der ueberzeugung, dass man einen Vorsatz nicht sicherer abstumpfen kann, als wenn man ihn oefters durchspricht.

Eduarden war diese Wiederholung erwuenscht.

Er aeusserte sich nach seiner Weise freundlich und angenehm; denn wenn er, empfaenglich wie er war, leicht aufloderte, wenn sein lebhaftes Begehren zudringlich ward, wenn seine Hartnaeckigkeit ungeduldig machen konnte, so waren doch alle seine aeusserungen durch eine vollkommene Schonung des andern dergestalt gemildert, dass man ihn immer noch liebenswuerdig finden musste, wenn man ihn auch beschwerlich fand.

Auf eine solche Weise brachte er Charlotten diesen Morgen erst in die heiterste Laune, dann durch anmutige Gespraechswendungen ganz aus der Fassung, sodass sie zuletzt ausrief: "du willst gewiss, dass ich das, was ich dem Ehemann versagte, dem Liebhaber zugestehen soll.

Wenigstens, mein Lieber", fuhr sie fort, "sollst du gewahr werden, dass deine Wuensche, die freundliche Lebhaftigkeit, womit du sie ausdrueckst, mich nicht ungeruehrt, mich nicht unbewegt lassen.

Sie noetigen mich zu einem Gestaendnis.

Ich habe dir bisher auch etwas verborgen.

Ich befinde mich in einer aehnlichen Lage wie du und habe mir schon eben die Gewalt angetan, die ich dir nun ueber dich selbst zumute".

"Das hoer ich gern", sagte Eduard; "ich merke wohl, im Ehestand muss man sich manchmal streiten, denn dadurch erfaehrt man was voneinander".

"Nun sollst du also erfahren", sagte Charlotte, "dass es mir mit Ottilien geht, wie dir mit dem Hauptmann.

Hoechst ungern weiss ich das liebe Kind in der Pension, wo sie sich in sehr drueckenden Verhaeltnissen befindet.

Wenn Luciane, meine Tochter, die fuer die Welt geboren ist, sich dort fuer die Welt bildet, wenn sie Sprachen, Geschichtliches und was sonst von Kennntnissen ihr mitgeteilt wird, so wie ihre Noten und Variationen vom Blatte wegspielt; wenn bei einer lebhaften Natur und bei einem gluecklichen Gedaechtnis sie, man moechte wohl sagen, alles vergisst und im Augenblicke sich an alles erinnert; wenn sie durch Freiheit des Betragens, Anmut im Tanze, schickliche Bequemlichkeit des Gespraechs sich vor allen auszeichnet und durch ein angebornes herrschendes Wesen Wesen sich zur Koenigin des kleinen Kreises macht, wenn die Vorsteherin dieser Anstalt sie als kleine Gottheit ansieht, die nun erst unter ihren Haenden recht gedeiht, die ihr Ehre machen, Zutrauen erwerben und einen Zufluss von andern jungen Personen verschaffen wird, wenn die ersten Seiten ihrer Briefe und Monatsberichte immer nur Hymnen sind ueber die Vortrefflichkeit eines solchen Kindes, die ich denn recht gut in meine Prose zu uebersetzen weiss: so ist dagegen, was sie schliesslich von Ottilien erwaehnt, nur immer Entschuldigung auf Entschuldigung, dass ein uebrigens so schoen heranwachsendes Maedchen sich nicht entwickeln, keine Faehigkeiten und keine Fertigkeiten zeigen wolle.

Das wenige, was sie sonst noch hinzufuegt, ist gleichfalls fuer mich kein Raetsel, weil ich in diesem lieben Kinde den ganzen Charakter ihrer Mutter, meiner wertesten Freundin, gewahr werde, die sich neben mir entwickelt hat und deren Tochter ich gewiss, wenn ich Erzieherin oder Aufseherin sein koennte, zu einem herrlichen Geschoepf heraufbilden wollte.

Da es aber einmal nicht in unsern Plan geht und man an seinen Lebensverhaeltnissen nicht soviel zupfen und zerren, nicht immer was Neues an sie heranziehen soll, so trag ich das lieber, ja ich ueberwinde die unangenehme Empfindung, wenn meine Tochter, welche recht gut weiss, dass die arme Ottilie ganz von uns abhaengt, sich ihrer Vorteile uebermuetig gegen sie bedient und unsre Wohltat dadurch gewissermassen vernichtet.

Doch wer ist so gebildet, dass er nicht seine Vorzuege gegen andre manchmal auf eine grausame Weise geltend machte!

Wer steht so hoch, dass er unter einem solchen Druck nicht manchmal leiden muesste!

Durch diese Pruefungen waechst Ottiliens Wert; aber seitdem ich den peinlichen Zustand recht deutlich einsehe, habe ich mir Muehe gegeben, sie anderwaerts unterzubringen.

Stuendlich soll mir eine Antwort kommen, und alsdann will ich nicht zaudern.

So steht es mit mir, mein Bester.

Du siehst, wir tragen beiderseits dieselben Sorgen in einem treuen, freundschaftlichen Herzen.

Lass sie uns gemeinsam tragen, da sie sich nicht gegeneinander aufheben!" "Wir sind wunderliche Menschen", sagte Eduard laechelnd.

"Wenn wir nur etwas, das uns Sorge macht, aus unserer Gegenwart verbannen koennen, da glauben wir schon, nun sei es abgetan.

Im ganzen koennen wir vieles aufopfern, aber uns im einzelnen herzugeben, ist eine Forderung, der wir selten gewachsen sind.

So war meine Mutter.

Solange ich als Knabe oder Juengling bei ihr lebte, konnte sie der augenblicklichen Besorgnisse nicht los werden.

Verspaetete ich mich bei einem Ausritt, so musste mir ein Unglueck begegnet sein; durchnetzte mich ein Regenschauer, so war das Fieber mir gewiss.

Ich verreiste, ich entfernte mich von ihr, und nun schien ich ihr kaum anzugehoeren.

Betrachten wir es genauer", fuhr er fort, "so handeln wir beide toericht und unverantwortlich, zwei der edelsten Naturen, die unser Herz so nahe angehen, im Kummer und im Druck zu lassen, nur um uns keiner Gefahr auszusetzen.

Wenn dies nicht selbstsuechtig genannt werden soll, was will man so nennen!

Nimm Ottilien, lass mir den Hauptmann, und in Gottes Namen sei der Versuch gemacht!" "Es moechte noch zu wagen sein", sagte Charlotte bedenklich, "wenn die Gefahr fuer uns allein waere.

Glaubst du denn aber, dass es raetlich sei, den Hauptmann mit Ottilien als Hausgenossen zu sehen, einen Mann ohngefaehr in deinen Jahren, in den Jahren—dass ich dir dieses Schmeichelhafte nur gerade unter die Augen sage -, wo der Mann erst liebefaehig und erst der Liebe wert wird, und ein Maedchen von Ottiliens Vorzuegen?" "Ich weiss doch auch nicht", versetzte Eduard, "wie du Ottilien so hoch stellen kannst!

Nur dadurch erklaere ich mir’s, dass sie deine Neigung zu ihrer Mutter geerbt hat.

Huebsch ist sie, das ist wahr, und ich erinnere mich, dass der Hauptmann mich auf sie aufmerksam machte, als wir vor einem Jahre zurueckkamen und sie mit dir bei einer Tante trafen.

Huebsch ist sie, besonders hat sie schoene Augen; aber ich wuesste doch nicht, dass sie den mindesten Eindruck auf mich gemacht haette". "Das ist loeblich an dir", sagte Charlotte, "denn ich war ja gegenwaertig; und ob sie gleich viel juenger ist als ich, so hatte doch die Gegenwart der aeltern Freundin so viele Reize fuer dich, dass du ueber die aufbluehende, versprechende Schoenheit hinaussahest.

Es gehoert auch dies zu deiner Art zu sein, deshalb ich so gern das Leben mit dir teile".

Charlotte, so aufrichtig sie zu sprechen schien, verhehlte doch etwas.

Sie hatte naemlich damals dem von Reisen zurueckkehrenden Eduard Ottilien absichtlich vorgefuehrt, um dieser geliebten Pflegetochter eine so grosse Partie zuzuwenden; denn an sich selbst in bezug auf Eduard dachte sie nicht mehr.

Der Hauptmann war auch angestiftet, Eduarden aufmerksam zu machen; aber dieser, der seine fruehe Liebe zu Charlotten hartnaeckig im Sinne behielt, sah weder rechts noch links und war nur gluecklich in dem Gefuehl, dass es moeglich sei, eines so lebhaft gewuenschten und durch eine Reihe von Ereignissen scheinbar auf immer versagten Gutes endlich doch teilhaft zu werden.

Eben stand das Ehepaar im Begriff, die neuen Anlagen herunter nach dem Schlosse zu gehen, als ein Bedienter ihnen hastig entgegenstieg und mit lachendem Munde sich schon von unten herauf vernehmen liess:" kommen Euer Gnaden doch ja schnell herueber!

Herr Mittler ist in den Schlosshof gesprengt.

Er hat uns alle zusammengeschrieen, wir sollen sie aufsuchen, wir sollen Sie fragen, ob es not tue.

’Ob es not tut’, rief er uns nach, ’hoert ihr?

Aber geschwind, geschwind!’.

"Der drollige Mann!" rief Eduard aus; "kommt er nicht gerade zur rechten Zeit, Charlotte?"—"Geschwind zurueck!" befahl er dem Bedienten; "sage ihm, es tue not, sehr not!

Er soll nur absteigen.

Versorgt sein Pferd; fuehrt ihn in den Saal, setzt ihm ein Fruehstueck vor!

Wir kommen gleich".

"Lass uns den naechsten Weg nehmen!" sagte er zu seiner Frau und schlug den Pfad ueber den Kirchhof ein, den er sonst zu vermeiden pflegte.

Aber wie verwundert war er, als er fand, dass Charlotte auch hier fuer das Gefuehl gesorgt habe.

Mit moeglichster Schonung der alten Denkmaeler hatte sie alles so zu vergleichen und zu ordnen gewusst, dass es ein angenehmer Raum erschien, auf dem das Auge und die Einbildungskraft gerne verweilten.

Auch dem aeltesten Stein hatte sie seine Ehre gegoennt.

Den Jahren nach waren sie an der Mauer aufgerichtet, eingefuegt oder sonst angebracht; der hohe Sockel der Kirche selbst war damit vermannigfaltigt und geziert.

Eduard fuehlte sich sonderbar ueberrascht, wie er durch die kleine Pforte hereintrat: er drueckte Charlotten die Hand, und im Auge stand ihm eine Traene.

Aber der naerrische Gast verscheuchte sie gleich.

Denn dieser hatte keine Ruh im Schloss gehabt, war spornstreichs durchs Dorf bis an das Kirchhoftor geritten, wo er still hielt und seinen Freunden entgegenrief: "Ihr habt mich doch nicht zum besten?

Tuts wirklich not, so bleibe ich zu Mittage hier.

Haltet mich nicht auf!

Ich habe heute noch viel zu tun".

"Da Ihr Euch so weit bemueht habt", rief ihm Eduard entgegen, "so reitet noch vollends herein; wir kommen an einem ernsthaften Orte zusammen; und seht, wie schoen Charlotte diese Trauer ausgeschmueckt hat!" "Hier herein", rief der Reiter, "komm ich weder zu Pferde, noch zu Wagen, noch zu Fusse.

Diese da ruhen in Frieden, mit ihnen habe ich nichts zu schaffen.

Gefallen muss ich mirs lassen, wenn man mich einmal, die Fuesse voran, hereinschleppt.

Also ists Ernst?" "Ja", rief Charlotte, "recht Ernst! Es ist das erstemal, dass wir neuen Gatten in Not und Verwirrung sind, woraus wir uns nicht zu helfen wissen".

"Ihr seht nicht darnach aus", versetzte er, "doch will ichs glauben.

Fuehrt ihr mich an, so lass ich euch kuenftig stecken.

Folgt geschwinde nach!

Meinem Pferde mag die Erholung zugut kommen".

Bald fanden sich die dreie im Saale zusammen; das Essen ward aufgetragen, und Mittler erzaehlte von seinen heutigen Taten und Vorhaben. Dieser seltsame Mann war frueherhin Geistlicher gewesen und hatte sich bei einer rastlosen Taetigkeit in seinem Amte dadurch ausgezeichnet, dass er alle Streitigkeiten, sowohl die haeuslichen als die nachbarlichen, erst der einzelnen Bewohner, sodann ganzer Gemeinden und mehrerer Gutsbesitzer zu stillen und zu schlichten wusste.

Solange er im Dienste war, hatte sich kein Ehepaar scheiden lassen, und die Landeskollegien wurden mit keinen Haendeln und Prozessen von dorther behelliget.

Wie noetig ihm die Rechtskunde sei, ward er zeitig gewahr.

Er warf sein ganzes Studium darauf und fuehlte sich bald den geschicktesten Advokaten gewachsen.

Sein Wirkungskreis dehnte sich wunderbar aus; und man war im Begriff, ihn nach der Residenz zu ziehen, um das von oben herein zu vollenden, was er von unten herauf begonnen hatte, als er einen ansehnlichen Lotteriegewinst tat, sich ein maessiges Gut kaufte, es verpachtete und zum Mittelpunkt seiner Wirksamkeit machte, mit dem festen Vorsatz oder vielmehr nach alter Gewohnheit und Neigung, in keinem Hause zu verweilen, wo nichts zu schlichten und nichts zu helfen waere.

Diejenigen, die auf die Namensbedeutungen aberglaeubisch sind, behaupten, der Name Mittler habe ihn genoetigt, diese seltsamste aller Bestimmungen zu ergreifen.

Der Nachtisch war aufgetragen, als der Gast seine Wirte ernstlich vermahnte, nicht weiter mit ihren Entdeckungen zurueckzuhalten, weil er gleich nach dem Kaffee fort muesse.

Die beiden Eheleute machten umstaendlich ihre Bekenntnisse; aber kaum hatte er den Sinn der Sache vernommen, als er verdriesslich vom Tische auffuhr, ans Fenster sprang und sein Pferd zu satteln befahl.

"Entweder ihr kennt mich nicht", rief er aus, "ihr steht mich nicht, oder ihr seid sehr boshaft.

Ist denn hier ein Streit?

Ist denn hier eine Huelfe noetig?

Glaubt ihr, dass ich in der Welt bin, um Rat zu geben?

Das ist das duemmste Handwerk, das einer treiben kann.

Rate sich jeder selbst und tue, was er nicht lassen kann.

Geraet es gut, so freue er sich seiner Weisheit und seines Gluecks; laeufts uebel ab, dann bin ich bei der Hand.

Wer ein uebel los sein will, der weiss immer, was er will; wer was Bessers will, als er hat, der ist ganz starblind—ja ja!

Lacht nur—er spielt Blindekuh, er ertappts vielleicht; aber was?

Tut, was ihr wollt: es ist ganz einerlei!

Nehmt die Freunde zu euch, lasst sie weg: alles einerlei!

Das Vernuenftigste habe ich misslingen sehen, das Abgeschmackteste gelingen.

Zerbrecht euch die Koepfe nicht, und wenns auf eine oder die andre Weise uebel ablaeuft, zerbrecht sie euch auch nicht!

Schickt nur nach mir, und euch soll geholfen werden.

Bis dahin euer Diener!" und so schwang er sich aufs Pferd, ohne den Kaffee abzuwarten.

"Hier siehst du", sagte Charlotte, "wie wenig eigentlich ein Dritter fruchtet, wenn es zwischen zwei nah verbundenen Personen nicht ganz im Gleichgewicht steht.

Gegenwaertig sind wir doch wohl noch verworrner und ungewisser, wenns moeglich ist, als vorher".

Beide Gatten wuerden auch wohl noch eine Zeitlang geschwankt haben, waere nicht ein Brief des Hauptmanns im Wechsel gegen Eduards letzten angekommen.

Er hatte sich entschlossen, eine der ihm angebotenen Stellen anzunehmen, ob sie ihm gleich keineswegs gemaess war.

Er sollte mit vornehmen und reichen Leuten die Langeweile teilen, indem man auf ihn das Zutrauen setzte, dass er sie vertreiben wuerde.

Eduard uebersah das ganze Verhaeltnis recht deutlich und malte es noch recht scharf aus".

"Wollen wir unsern Freund in einem solchen Zustande wissen?" rief er.

"Du kannst nicht so grausam sein, Charlotte!" "der wunderliche Mann, unser Mittler", versetzte Charlotte, "hat am Ende doch recht.

Alle solche Unternehmungen sind Wagestuecke.

Was daraus werden kann, sieht kein Mensch voraus.

Solche neue Verhaeltnisse koennen fruchtbar sein an Glueck und an Unglueck, ohne dass wir uns dabei Verdienst oder Schuld sonderlich zurechnen duerfen.

Ich fuehle mich nicht stark genug, dir laenger zu widerstehen. Lass uns den Versuch machen!

Das einzige, was ich dich bitte: es sei nur auf kurze Zeit angesehen.

Erlaube mir, dass ich mich taetiger als bisher fuer ihn verwende und meinen Einfluss, meine Verbindungen eifrig benutze und aufrege, ihm eine Stelle zu verschaffen, die ihm nach seiner Weise einige Zufriedenheit gewaehren kann".

Eduard versicherte seine Gattin auf die anmutigste Weise der lebhaftesten Dankbarkeit.

Er eilte mit freiem, frohem Gemuet, seinem Freunde Vorschlaege schriftlich zu tun.

Charlotte musste in einer Nachschrift ihren Beifall eigenhaendig hinzufuegen, ihre freundschaftlichen Bitten mit den seinen vereinigen.

Sie schrieb mit gewandter Feder gefaellig und verbindlich, aber doch mit einer Art von Hast, die ihr sonst nicht gewoehnlich war; und was ihr nicht leicht begegnete, sie verunstaltete das Papier zuletzt mit einem Tintenfleck, der sie aergerlich machte und nur groesser wurde, indem sie ihn wegwischen wollte.

Eduard scherzte darueber, und weil noch Platz war, fuegte er eine zweite Nachschrift hinzu: der Freund solle aus diesen Zeichen die Ungeduld sehen, womit er erwartet werde, und nach der Eile, womit der Brief geschrieben, die Eilfertigkeit seiner Reise einrichten.

Der Bote war fort, und Eduard glaubte seine Dankbarkeit nicht ueberzeugender ausdruecken zu koennen, als indem er aber—und abermals darauf bestand, Charlotte solle zugleich Ottilien aus der Pension holen lassen.

Sie bat um Aufschub und wusste diesen Abend bei Eduard die Lust zu einer musikalischen Unterhaltung aufzuregen.

Charlotte spielte sehr gut Klavier, Eduard nicht ebenso bequem die Floete; denn ob er sich gleich zuzeiten viel Muehe gegeben hatte, so war ihm doch nicht die Geduld, die Ausdauer verliehen, die zur Ausbildung eines solchen Talentes gehoert.

Er fuehrte deshalb seine Partie sehr ungleich aus, einige Stellen gut, nur vielleicht zu geschwind; bei andern wieder hielt er an, weil sie ihm nicht gelaeufig waren, und so waer es fuer jeden andern schwer gewesen, ein Duett mit ihm durchzubringen.

Aber Charlotte wusste sich darein zu finden; sie hielt an und liess sich wieder von ihm fortreissen und versah also die doppelte Pflicht eines guten Kapellmeisters und einer klugen Hausfrau, die im ganzen immer das Mass zu erhalten wissen, wenn auch die einzelnen Passagen nicht immer im Takt bleiben sollten.

Der Hauptmann kam.

Er hatte einen sehr verstaendigen Brief vorausgeschickt, der Charlotten voellig beruhigte.

Soviel Deutlichkeit ueber sich selbst, soviel Klarheit ueber seinen eigenen Zustand, ueber den Zustand seiner Freunde gab eine heitere und froehliche Aussicht.

Die Unterhaltungen der ersten Stunden waren, wie unter Freunden zu geschehen pflegt, die sich eine Zeitlang nicht gesehen haben, lebhaft, ja fast erschoepfend.

Gegen Abend veranlasste Charlotte einen Spaziergang auf die neuen Anlagen.

Der Hauptmann gefiel sich sehr in der Gegend und bemerkte jede Schoenheit, welche durch die neuen Wege erst sichtbar und geniessbar geworden.

Er hatte ein geuebtes Auge und dabei ein genuegsames; und ob er gleich das Wuenschenswerte sehr wohl kannte, machte er doch nicht, wie es oefters zu geschehen pflegt, Personen, die ihn in dem Ihrigen herumfuehrten, dadurch einen ueblen Humor, dass er mehr verlangte, als die Umstaende zuliessen, oder auch wohl gar an etwas Vollkommneres erinnerte, das er anderswo gesehen.

Als sie die Mooshuette erreichten, fanden sie solche auf das lustige ausgeschmueckt, zwar nur mit kuenstlichen Blumen und Wintergruen, doch darunter so schoene Bueschel natuerlichen Weizens und anderer Feld—und Baumfruechte angebracht, dass sie dem Kunstsinn der Anordnenden zur Ehre gereichten.

"Obschon mein Mann nicht liebt, dass man seinen Geburts—oder Namenstag feire, so wird er mir doch heute nicht verargen, einem dreifachen Feste diese wenigen Kraenze zu widmen".

"Ein dreifaches?" rief Eduard.

-"Ganz gewiss!" versetzte Charlotte; "unseres Freundes Ankunft behandeln wir billig als ein Fest; und dann habt ihr beide wohl nicht daran gedacht, dass heute euer Namenstag ist.

Heisst nicht einer Otto so gut als der andere?" Beide Freunde reichten sich die Haende ueber den kleinen Tisch.

"Du erinnerst mich", sagte Eduard, "an dieses jugendliche Freundschaftsstueck.—Als Kinder hiessen wir beide so; doch als wir in der Pension zusammenlebten und manche Irrung daraus entstand, so trat ich ihm freiwillig diesen huebschen, lakonischen Namen ab".

"Wobei du denn doch nicht gar zu grossmuetig warst", sagte der Hauptmann.

"Denn ich erinnere mich recht wohl, dass dir der Name Eduard besser gefiel, wie er denn auch, von angenehmen Lippen ausgesprochen, einen besonders guten Klang hat".

Nun sassen sie also zu dreien um dasselbe Tischchen, wo Charlotte so eifrig gegen die Ankunft des Gastes gesprochen hatte.

Eduard in seiner Zufriedenheit wollte die Gattin nicht an jene Stunden erinnern, doch enthielt er sich nicht zu sagen: "fuer ein Viertes waere auch noch recht gut Platz".

Waldhoerner liessen sich in diesem Augenblick vom Schloss herueber vernehmen, bejahten gleichsam und bekraeftigten die guten Gesinnungen und Wuensche der beisammen verweilenden Freunde.

Stillschweigend hoerten sie zu, indem jedes in sich selbst zurueckkehrte und sein eigenes Glueck in so schoener Verbindung doppelt empfand.

Eduard unterbrach die Pause zuerst, indem er aufstand und vor die Mooshuette hinaustrat.

"Lass uns", sagte er zu Charlotten, "den Freund gleich voellig auf die Hoehe fuehren, damit er nicht glaube, dieses beschraenkte Tal nur sei unser Erbgut und Aufenthalt; der Blick wird oben freier und die Brust erweitert sich".

"So muessen wir diesmal noch", versetzte Charlotte, "den alten, etwas beschwerlichen Fusspfad erklimmen; doch, hoffe ich, sollen meine Stufen und Steige naechstens bequemer bis ganz hinauf leiten".

Und so gelangte man denn ueber Felsen, durch Busch und Gestraeuch zur letzten Hoehe, die zwar keine Flaeche, doch fortlaufende, fruchtbare Ruecken bildete.

Dorf und Schloss hinterwaerts waren nicht mehr zu sehen.

In der Tiefe erblickte man ausgebreitete Teiche, drueben bewachsene Huegel, an denen sie sich hinzogen, endlich steile Felsen, welche senkrecht den letzten Wasserspiegel entschieden begrenzten und ihre bedeutenden Formen auf der Oberflaeche desselben abbildeten.

Dort in der Schlucht, wo ein starker Bach den Teichen zufiel, lag eine Muehle halb versteckt, die mit ihren Umgebungen als ein freundliches Ruheplaetzchen erschien.

Mannigfaltig wechselten im ganzen Halbkreise, den man uebersah, Tiefen und Hoehen, Buesche und Waelder, deren erstes Gruen fuer die Folge den fuellereichsten Anblick versprach.

Auch einzelne Baumgruppen hielten an mancher Stelle das Auge fest.

Besonders zeichnete zu den Fuessen der schauenden Freunde sich eine Masse Pappeln und Platanen zunaechst an dem Rande des mittleren Teiches vorteilhaft aus.

Sie stand in ihrem besten Wachstum, frisch, gesund, empor und in die Breite strebend.

Eduard lenkte besonders auf diese die Aufmerksamkeit seines Freundes.

"Diese habe ich", rief er aus, "in meiner Jugend selbst gepflanzt.

Es waren junge Staemmchen, die ich rettete, als mein Vater, bei der Anlage zu einem neuen Teil des grossen Schlossgartnens, sie mitten im Sommer ausroden liess.

Ohne Zweifel werden sie auch dieses Jahr sich durch neue Triebe wieder dankbar hervortun".

Man kehrte zufrieden und heiter zurueck.

Dem Gaste ward auf dem rechten Fluegel des Schlosses ein freundliches, geraeumiges Quartier angewiesen, wo er sehr bald Buecher, Papiere und Instrumente aufgestellt und geordnet hatte, um in seiner gewohnten Taetigkeit fortzufahren.

Aber Eduard liess ihm in den ersten Tagen keine Ruhe; er fuehrte ihn ueberall herum, bald zu Pferde, bald zu Fusse, und machte ihn mit der Gegend, mit dem Gute bekannt; wobei er ihm zugleich die Wuensche mitteilte, die er zu besserer Kenntnis und vorteilhafterer Benutzung desselben seit langer Zeit bei sich hegte.

"Das erste, was wir tun sollten", sagte der Hauptmann, "waere, dass ich die Gegend mit der Magnetnadel aufnaehme.

Es ist das ein leichtes, heiteres Geschaeft, und wenn es auch nicht die groesste Genauigkeit gewaehrt, so bleibt es doch immer nuetzlich und fuer den Anfang erfreulich; auch kann man es ohne grosse Beihuelfe leisten und weiss gewiss, dass man fertig wird.

Denkst du einmal an eine genauere Ausmessung, so laesst sich dazu wohl auch noch Rat finden".

Der Hauptmann war in dieser Art des Aufnehmens sehr geuebt.

Er hatte die noetige Geraetschaft mitgebracht und fing sogleich an.

Er unterrichtete Eduarden, einige Jaeger und Bauern, die ihm bei dem Geschaeft behuelflich sein sollten.

Die Tage waren guenstig; die Abende und die fruehsten Morgen brachte er mit Aufzeichnen und Schraffieren zu.

Schnell war auch alles laviert und illuminiert, und Eduard sah seine Besitzungen auf das deutlichste aus dem Papier wie eine neue Schoepfung hervorwachsen.

Er glaubte sie jetzt erst kennenzulernen, sie schienen ihm jetzt erst recht zu gehoeren.

Es gab Gelegenheit, ueber die Gegend, ueber Anlagen zu sprechen, die man nach einer solchen uebersicht viel besser zustande bringe, als wenn man nur einzeln, nach zufaelligen Eindruecken, an der Natur herumversuche.

"Das muessen wir meiner Frau deutlich machen", sagte Eduard. "Tue das nicht!" versetzte der Hauptmann, der die ueberzeugungen anderer nicht gern mit den seinigen durchkreuzte, den die Erfahrung gelehrt hatte, dass die Ansichten der Menschen viel zu mannigfaltig sind, als dass sie, selbst durch die vernuenftigsten Vorstellungen, auf Einen Punkt versammelt werden koennten.

"Tue es nicht!" rief er, "sie duerfte leicht irre werden.

Es ist ihr wie allen denen, die sich nur aus Liebhaberei mit solchen Dingen beschaeftigen, mehr daran gelegen, dass sie etwas tue, als dass etwas getan werde.

Man tastet an der Natur, man hat Vorliebe fuer dieses oder jenes Plaetzchen; man wagt nicht, dieses oder jenes Hindernis wegzuraeumen, man ist nicht kuehn genug, etwas aufzuopfern; man kann sich voraus nicht vorstellen, was entstehen soll, man probiert, es geraet, es missraet, man veraendert, veraendert vielleicht, was man lassen sollte, laesst, was man veraendern sollte, und so bleibt es zuletzt immer ein Stueckwerk, das gefaellt und anregt, aber nicht befriedigt".

"Gesteh mir aufrichtig", sagte Eduard, "du bist mit ihren Anlagen nicht zufrieden".

"Wenn die Ausfuehrung den Gedanken erschoepfte, der sehr gut ist, so waere nichts zu erinnern.

Sie hat sich muehsam durch das Gestein hinaufgequaelt und quaelt nun jeden, wenn du willst, den sie hinauffuehrt.

Weder nebeneinander noch hintereinander schreitet man mit einer gewissen Freiheit.

Der Takt des Schrittes wird jeden Augenblick unterbrochen; und was liesse sich nicht noch alles einwenden!" "Waere es denn leicht anders zu machen gewesen?" fragte Eduard.

"Gar leicht", versetzte der Hauptmann; "sie durfte nur die eine Felsenecke, die noch dazu unscheinbar ist, weil sie aus kleinen Teilen besteht, wegbrechen, so erlangte sie eine schoen geschwungene Wendung zum Aufstieg und zugleich ueberfluessige Steine, um die Stellen heraufzumauern, wo der Weg schmal und verkrueppelt geworden waere.

Doch sei dies im engsten Vertrauen unter uns gesagt; sie wird sonst irre und verdriesslich.

Auch muss man, was gemacht ist, bestehen lassen.

Will man weiter Geld und Muehe aufwenden, so waere von der Mooshuette hinaufwaerts und ueber die Anhoehe noch mancherlei zu tun und viel Angenehmes zu leisten".

Hatten auf diese Weise die beiden Freunde am Gegenwaertigen manche Beschaeftigung, so fehlte es nicht an lebhafter und vergnueglicher Erinnerung vergangener Tage, woran Charlotte wohl teilzunehmen pflegte.

Auch setzte man sich vor, wenn nur die naechsten Arbeiten erst getan waeren, an die Reisejournale zu gehen und auch auf diese Weise die Vergangenheit hervorzurufen.

uebrigens hatte Eduard mit Charlotten allein weniger Stoff zur Unterhaltung, besonders seitdem er den Tadel ihrer Parkanlagen, der ihm so gerecht schien, auf dem Herzen fuehlte.

Lange verschwieg er, was ihm der Hauptmann vertraut hatte; aber als er seine Gattin zuletzt beschaeftigt sah, von der Mooshuette hinauf zur Anhoehe wieder mit Stuefchen und Pfaedchen sich emporzuarbeiten, so hielt er nicht laenger zurueck, sondern machte sie nach einigen Umschweifen mit seinen neuen Einsichten bekannt.

Charlotte stand betroffen.

Sie war geistreich genug, um schnell einzusehen, dass jene recht hatten; aber das Getane widersprach, es war nun einmal so gemacht; sie hatte es recht, sie hatte es wuenschenswert gefunden, selbst das Getadelte war ihr in jedem einzelnen Teile lieb; sie widerstrebte der ueberzeugung, sie verteidigte ihre kleine Schoepfung, sie schalt auf die Maenner, die gleich ins Weite und Grosse gingen, aus einem Scherz, aus einer Unterhaltung gleich ein Werk machen wollten, nicht an die Kosten denken, die ein erweiterter Plan durchaus nach sich zieht.

Sie war bewegt, verletzt, verdriesslich; sie konnte das Alte nicht fahren lassen, das Neue nicht ganz abweisen; aber entschlossen wie sie war, stellte sie sogleich die Arbeit ein und nahm sich Zeit, die Sache zu bedenken und bei sich reif werden zu lassen.

Indem sie nun auch diese taetige Unterhaltung vermisste, da indes die Maenner ihr Geschaeft immer geselliger betrieben und besonders die Kunstgaerten und Glashaeuser mit Eifer besorgten, auch dazwischen die gewoehnlichen ritterlichen uebungen fortsetzten, als Jagen, Pferdekaufen, -tauschen, -bereiten und -einfahren, so fuehlte sich Charlotte taeglich einsamer.

Sie fuehrte ihren Briefwechsel auch um des Hauptmanns willen lebhafter, und doch gab es manche einsame Stunde.

Desto angenehmer und unterhaltender waren ihr die Berichte, die sie aus der Pensionsanstalt erhielt.

Einem weitlaeufigen Briefe der Vorsteherin, welcher sich wie gewoehnlich ueber der Tochter Fortschritte mit Behagen verbreitete, war eine kurze Nachschrift hinzugefuegt nebst einer Beilage von der Hand eines maennlichen Gehuelfen am Institut, die wir beide mitteilen.

"Von Ottilien, meine Gnaedige, haette ich eigentlich nur zu wiederholen, was in meinen vorigen Berichten enthalten ist.

Ich wuesste sie nicht zu schelten, und doch kann ich nicht zufrieden mit ihr sein.

Sie ist nach wie vor bescheiden und gefaellig gegen andere; aber dieses Zuruecktreten, diese Dienstbarkeit will mir nicht gefallen.

Euer Gnaden haben ihr neulich Geld und verschiedene Zeuge geschickt.

Das erste hat sie nicht angegriffen, die andern liegen auch noch da, unberuehrt.

Sie haelt freilich ihre Sachen sehr reinlich und gut und scheint nur in diesem Sinn die Kleider zu wechseln.

Auch kann ich ihre grosse Maessigkeit im Essen und Trinken nicht loben.

An unserm Tisch ist kein ueberfluss; doch sehe ich nichts lieber, als wenn die Kinder sich an schmackhaften und gesunden Speisen satt essen.

Was mit Bedacht und ueberzeugung aufgetragen und vorgelegt ist, soll auch aufgegessen werden.

Dazu kann ich Ottilien niemals bringen.

Ja, sie macht sich irgendein Geschaeft, um eine Luecke auszufuellen, wo die Dienerinnen etwas versaeumen, nur um eine Speise oder den Nachtisch zu uebergehen.

Bei diesem allen kommt jedoch in Betrachtung, dass sie manchmal, wie ich erst spaet erfahren habe, Kopfweh auf der linken Seite hat, das zwar voruebergeht, aber schmerzlich und bedeutend sein mag.

Soviel von diesem uebrigens so schoenen und lieben Kinde".

"Unsere vortreffliche Vorsteherin laesst mich gewoehnlich die Briefe lesen, in welchen sie Beobachtungen ueber ihre Zoeglinge den Eltern und Vorgesetzten mitteilt.

Diejenigen, die an Euer Gnaden gerichtet sind, lese ich immer mit doppelter Aufmerksamkeit, mit doppeltem Vergnuegen; denn indem wir Ihnen zu einer Tochter Glueck zu wuenschen haben, die alle jene glaenzenden Eigenschaften vereinigt, wodurch man in der Welt emporsteigt, so muss ich wenigstens Sie nicht minder gluecklich preisen, dass Ihnen in Ihrer Pflegetochter ein Kind beschert ist, das zum Wohl, zur Zufriedenheit anderer und gewiss auch zu seinem eigenen Glueck geboren ward. Ottilie ist fast unser einziger Zoegling, ueber den ich mit unserer so verehrten Vorsteherin nicht einig werden kann.

Ich verarge dieser taetigen Frau keinesweges, dass sie verlangt, man soll die Fruechte ihrer Sorgfalt aeusserlich und deutlich sehen; aber es gibt auch verschlossene Fruechte, die erst die rechten, kernhaften sind und die sich frueher oder spaeter zu einem schoenen Leben entwickeln.

Dergleichen ist gewiss Ihre Pflegetochter.

Solange ich sie unterrichte, sehe ich sie immer gleichen Schrittes gehen, langsam, langsam vorwaerts, nie zurueck.

Wenn es bei einem Kinde noetig ist, vom Anfange anzufangen, so ist es gewiss bei ihr.

Was nicht aus dem Vorhergehenden folgt, begreift sie nicht.

Sie steht unfaehig, ja stoeckisch vor einer leicht fasslichen Sache, die fuer sie mit nichts zusammenhaengt.

Kann man aber die Mittelglieder finden und ihr deutlich machen, so ist ihr das Schwerste begreiflich.

Bei diesem langsamen Vorschreiten bleibt sie gegen ihre Mitschuelerinnen zurueck, die mit ganz andern Faehigkeiten immer vorwaertseilen, alles, auch das Unzusammenhaengende, leicht fassen, leicht behalten und bequem wieder anwenden.

So lernt sie, so vermag sie bei einem beschleunigten Lehrvortrage gar nichts; wie es der Fall in einigen Stunden ist, welche von trefflichen, aber raschen und ungeduldigen Lehrern gegeben werden.

Man hat ueber ihre Handschrift geklagt, ueber ihre Unfaehigkeit, die Regeln der Grammatik zu fassen.

Ich habe diese Beschwerde naeher untersucht: es ist wahr, sie schreibt langsam und steif, wenn man so will, doch nicht zaghaft und ungestalt.

Was ich ihr von der franzoesischen Sprache, die zwar mein Fach nicht ist, schrittweise mitteilte, begriff sie leicht.

Freilich ist es wunderbar: sie weiss vieles und recht gut; nur wenn man sie fragt, scheint sie nichts zu wissen.

Soll ich mit einer allgemeinen Bemerkung schliessen, so moechte ich sagen: sie lernt nicht als eine, die erzogen werden soll, sondern als eine, die erziehen will; nicht als Schuelerin, sondern als kuenftige Lehrerin.

Vielleicht kommt es Euer Gnaden sonderbar vor, dass ich selbst als Erzieher und Lehrer jemanden nicht mehr zu loben glaube, als wenn ich ihn fuer meinesgleichen erklaere.

Euer Gnaden bessere Einsicht, tiefere Menschen—und Weltkenntnis wird aus meinen beschraenkten, wohlgemeinten Worten das Beste nehmen.

Sie werden sich ueberzeugen, dass auch an diesem Kinde viel Freude zu hoffen ist.

Ich empfehle mich zu Gnaden und bitte um die Erlaubnis, wieder zu schreiben, sobald ich glaube, dass mein Brief etwas Bedeutendes und Angenehmes enthalten werde".

Charlotte freute sich ueber dieses Blatt.

Sein Inhalt traf ganz nahe mit den Vorstellungen zusammen, welche sie von Ottilien hegte; dabei konnte sie sich eines Laechelns nicht enthalten, indem der Anteil des Lehrers herzlicher zu sein schien, als ihn die Einsicht in die Tugenden eines Zoeglings hervorzubringen pflegt.

Bei ihrer ruhigen, vorurteilsfreien Denkweise liess sie auch ein solches Verhaeltnis, wie so viele andre, vor sich liegen; die Teilnahme des verstaendigen Mannes an Ottilien hielt sie wert; denn sie hatte in ihrem Leben genugsam einsehen gelernt, wie hoch jede wahre Neigung zu schaetzen sei in einer Welt, wo Gleichgueltigkeit und Abneigung eigentlich recht zu Hause sind.

Die topographische Karte, auf welcher das Gut mit seinen Umgebungen nach einem ziemlich grossen Massstabe charakteristisch und fasslich durch Federstriche und Farben dargestellt war und welche der Hauptmann durch einige trigonometrische Messungen sicher zu gruenden wusste, war bald fertig; denn weniger Schlaf als dieser taetige Mann bedurfte kaum jemand, so wie sein Tag stets dem augenblicklichen Zwecke gewidmet und deswegen jederzeit am Abende etwas getan war.

"Lass uns nun", sagte er zu seinem Freunde, "an das uebrige gehen, an die Gutsbeschreibung, wozu schon genugsame Vorarbeit da sein muss, aus der sich nachher Pachtanschlaege und anderes schon entwickeln werden.

Nur Eines lass uns festsetzen und einrichten: trenne alles, was eigentlich Geschaeft ist, vom Leben!

Das Geschaeft verlangt Ernst und Strenge, das Leben Willkuer; das Geschaeft die reinste Folge, dem Leben tut eine Inkonsequenz oft not, ja sie ist liebenswuerdig und erheiternd.

Bist du bei dem einen sicher, so kannst du in dem andern desto freier sein, anstatt dass bei einer Vermischung das Sichre durch das Freie weggerissen und aufgehoben wird".

Eduard fuehlte in diesen Vorschlaegen einen leisen Vorwurf.

Zwar von Natur nicht unordentlich, konnte er doch niemals dazu kommen, seine Papiere nach Faechern abzuteilen.

Das, was er mit andern abzutun hatte, was bloss von ihm selbst abhing, es war nicht geschieden, so wie er auch Geschaefte und Beschaeftigung, Untrhaltung und Zerstreuung nicht genugsam voneinander absonderte.

Jetzt wurde es ihm leicht, da ein Freund diese Bemuehung uebernahm, ein zweites Ich die Sonderung bewirkte, in die das eine Ich nicht immer sich spalten mag.

Sie errichteten auf dem Fluegel des Hauptmanns eine Repositur fuer das Gegenwaertige, ein Archiv fuer das Vergangene, schafften alle Dokumente, Papiere, Nachrichten aus verschiedene Behaeltnissen, Kammern, Schraenken und Kisten herbei, und auf das geschwindeste war der Wust in eine erfreuliche Ordnung gebracht, lag rubriziert in bezeichneten Faechern. Was man wuenschte, ward vollstaendiger gefunden, als man gehofft hatte.

Hierbei ging ihnen ein alter Schreiber sehr an die Hand, der den Tag ueber, ja einen Teil der nicht vom Pulte kam und mit dem Eduard bisher immer unzufrieden gewesen war.

"Ich kenne ihn nicht mehr", sagte Eduard zu seinem Freund, "wie taetig und brauchbar der Mensch ist".

-"Das macht", versetzte der Hauptmann, "wir tragen ihm nichts Neues auf, als bis er das Alte nach seiner Bequemlichkeit vollendet hat; und so leistet er, wie du siehst, sehr viel; sobald man ihn stoert, vermag er gar nichts".

Brachten die Freunde auf diese Weise ihre Tage zusammen zu, so versaeumten sie abends nicht, Charlotten regelmaessig zu besuchen.

Fand sich keine Gesellschaft von benachbarten Orten und Guetern, welches oefters geschah, so war das Gespraech wie das Lesen meist solchen Gegenstaenden gewidmet, welche den Wohlstand, die Vorteile und das Behagen der buergerlichen Gesellschaft vermehren.

Charlotte, ohnehin gewohnt, die Gegenwart zu nutzen, fuehlte sich, indem sie ihren Mann zufrieden sah, auch persoenlich gefoerdert.

Verschiedene haeusliche Anstalten, die sie laengst gewuenscht, aber nicht recht einleiten koennen, wurden durch die Taetigkeit des Hauptmanns bewirkt.

Die Hausapotheke, die bisher nur aus wenigen Mitteln bestanden, ward bereichert und Charlotte so wohl durch fassliche Buecher als durch Unterredung in den Stand gesetzt, ihr taetiges und huelfreiches Wesen oefter und wirksamer als bisher in uebung zu bringen.

Da man auch die gewoehnlichen und dessen ungeachtet nur zu oft ueberraschenden Notfaelle durchdachte, so wurde alles, was zur Rettung der Ertrunkenen noetig sein moechte, um so mehr angeschafft, als bei der Naehe so mancher Teiche, Gewaesser und Wasserwerke oefters ein und der andere Unfall dieser Art vorkam.

Diese Rubrik besorgte der Hauptmann sehr ausfuehrlich, und Eduarden entschluepfte die Bemerkung, dass ein solcher Fall in dem Leben seines Freundes auf die seltsamste Weise Epoche gemacht.

Doch als dieser schwieg und einer traurigen Erinnerung auszuweichen schien, hielt Eduard gleichfalls an, so wie auch Charlotte, die nicht weniger im allgemeinen davon unterrichtet war, ueber jene aeusserungen hinausging.

"Wie wollen alle diese vorsorglichen Anstalten loben", sagte eines Abends der Hauptmann; "nun geht uns aber das Notwendigste noch ab, ein tuechtiger Mann, der das alles zu handhaben weiss.

Ich kann hiezu einen mir bekannten Feldchirurgus vorschlagen, der jetzt um leidliche Bedingung zu haben ist, ein vorzueglicher Mann in seinem Fache, und der mir auch in Behandlung heftiger innerer uebel oefters mehr Genuege getan hat als ein beruehmter Arzt; und augenblickliche Huelfe ist doch immer das, was auf dem Lande am meisten vermisst wird".

Auch dieser wurde sogleich verschrieben, und beide Gatten freuten sich, dass sie so manche Summe, die ihnen zu willkuerlichen Ausgaben uebrigblieb, auf die noetigsten zu verwenden Anlass gefunden.

So benutzte Charlotte die Kenntnisse, die Taetigkeit des Hauptmanns auch nach ihrem Sinne und fing an, mit seiner Gegenwart voellig zufrieden und ueber alle Folgen beruhigt zu werden.

Sie bereitete sich gewoehnlich vor, manches zu fragen, und da sie gern leben mochte, so suchte sie alles Schaedliche, alles Toedliche zu entfernen.

Die Bleiglasur der Toepferwaren, der Gruenspan kupferner Gefaesse hatte ihr schon manche Sorge gemacht.

Sie liess sich hierueber belehren, und natuerlicherweise musste man auf die Grundbegriffe der Physik und Chemie zurueckgehen.

Zufaelligen, aber immer willkommenen Anlass zu solchen Unterhaltungen gab Eduards Neigung, der Gesellschaft vorzulesen.

Er hatte eine sehr wohlklingende, tiefe Stimme und war frueher wegen lebhafter, gefuehlter Rezitation dichterischer und rednerischer Arbeiten angenehm und beruehmt gewesen.

Nun waren es andre Gegenstaende, die ihn beschaeftigten, andre Schriften, woraus er vorlas, und eben seit einiger Zeit vorzueglich Werke physischen, chemischen und technischen Inhalts.

Eine seiner besondern Eigenheiten, die er jedoch vielleicht mit mehrern Menschen teilt, war die, dass es ihm unertraeglich fiel, wenn jemand ihm beim Lesen in das Buch sah.

In frueherer Zeit, beim Vorlesen von Gedichten, Schauspielen, Erzaehlungen, war es die natuerliche Folge der lebhaften Absicht, die der Vorlesende so gut als der Dichter, der Schauspieler, der Erzaehlende hat, zu ueberraschen, Pausen zu machen, Erwartungen zu erregen; da es denn freilich dieser beabsichtigten Wirkung sehr zuwider ist, wenn ihm ein Dritter wissentlich mit den Augen vorspringt.

Er pflegte sich auch deswegen in solchem Falle immer so zu setzen, dass er niemand im Ruecken hatte.

Jetzt zu dreien war diese Vorsicht unnoetig; und da es diesmal nicht auf Erregung des Gefuehls, auf ueberraschung der Einbildungskraft angesehen war, so dachte er selbst nicht daran, sich sonderlich in acht zu nehmen.

Nur eines Abends fiel es ihm auf, als er sich nachlaessig gesetzt hatte, dass Charlotte ihm in das Buch sah.

Seine alte Ungeduld erwachte, und er verwies es ihr, gewissermassen unfreundlich: "wollte man sich doch solche Unarten, wie so manches andre, was der Gesellschaft laestig ist, ein fuer allemal abgewoehnen!

Wenn ich jemand vorlese, ist es denn nicht, als wenn ich ihm muendlich etwas vortruege?

Das Geschriebene, das Gedruckte tritt an die Stelle meines eigenen Sinnes, meines eigenen Herzens; und wuerde ich mich wohl zu reden bemuehen, wenn ein Fensterchen vor meiner Stirn, vor meiner Brust angebracht waere, so dass der, dem ich meine Gedanken einzeln zuzaehlen, meine Empfindungen einzeln zureichen will, immer schon lange vorher wissen koennte, wo es mit mir hinaus wollte?

Wenn mir jemand ins Buch sieht, so ist mir immer, als wenn ich in zwei Stuecke gerissen wuerde".

Charlotte, deren Gewandtheit sich in groesseren und kleineren Zirkeln besonders dadurch bewies, dass sie jede unangenehme, jede heftige, ja selbst nur lebhafte aeusserung zu beseitigen, ein sich verlaengerndes Gespraech zu unterbrechen, ein stockendes anzuregen wusste, war auch diesmal von ihrer guten Gabe nicht verlassen:" du wirst mir meinen Fehler gewiss verzeihen, wenn ich bekenne, was mir diesen Augenblick begegnet ist.

Ich hoerte von Verwandtschaften lesen, und da dacht ich eben gleich an meine Verwandten, an ein paar Vettern, die mir gerade in diesem Augenblick zu schaffen machen.

Meine Aufmerksamkeit kehrt zu deiner Vorlesung zurueck; ich hoere, dass von ganz leblosen Dingen die Rede ist, und blicke dir ins Buch, um mich wieder zurechtzufinden".

"Es ist eine Gleichnisrede, die dich verfuehrt und verwirrt hat", sagte Eduard.

"Hier wird freilich nur von Erden und Mineralien gehandelt, aber der Mensch ist ein wahrer Narziss; er bespiegelt sich ueberall gern selbst, er legt sich als Folie der ganzen Welt unter".

"Jawohl!" fuhr der Hauptmann fort; "so behandelt er alles, was er ausser sich findet; seine Weisheit wie seine Torheit, seinen Willen wie seine Willkuer leiht er den Tieren, den Pflanzen, den Elementen und den Goettern".

"Moechtet ihr mich", versetzte Charlotte, "da ich euch nicht zu weit von dem augenblicklichen Interesse wegfuehren will, nur kuerzlich belehren, wie es eigentlich hier mit den Verwandtschaften gemeint sei?" "Das will ich wohl gerne tun", erwiderte der Hauptmann, gegen den sich Charlotte gewendet hatte, "freilich nur so gut, als ich es vermag, wie ich es etwa vor zehn Jahren gelernt, wie ich es gelesen habe.

Ob man in der wissenschaftlichen Welt noch so darueber denkt, ob es zu den neuern Lehren passt, wuesste ich nicht zu sagen".

"Es ist schlimm genug", rief Eduard, "dass man jetzt nichts mehr fuer sein ganzes Leben lernen kann.

Unsre Vorfahren hielten sich an den Unterricht, den sie in ihrer Jugend empfangen; wir aber muessen jetzt alle fuenf Jahre umlernen, wenn wir nicht ganz aus der Mode kommen wollen".

"Wir Frauen", sagte Charlotte, "nehmen es nicht so genau; und wenn ich aufrichtig sein soll, so ist es mir eigentlich nur um den Wortverstand zu tun; denn es macht in der Gesellschaft nichts laecherlicher, als wenn man ein fremdes, ein Kunstwort falsch anwendet.

Deshalb moechte ich nur wissen, in welchem Sinne dieser Ausdruck eben bei diesen Gegenstaenden gebraucht wird.

Wie es wissenschaftlich damit zusammenhaenge, wollen wir den Gelehrten ueberlassen, die uebrigens, wie ich habe bemerken koennen, sich wohl schwerlich jemals vereinigen werden".

"Wo fangen wir aber nun an, um am schnellsten in die Sache zu kommen?" fragte Eduard nach einer Pause den Hauptmann, der, sich ein wenig bedenkend, bald darauf erwiderte: "wenn es mir erlaubt ist, dem Scheine nach weit auszuholen, so sind wir bald am Platze".

"Sein Sie meiner ganzen Aufmerksamkeit versichert", sagte Charlotte, indem sie ihre Arbeit beseitelegte.

Und so begann der Hauptmann: "an allen Naturwesen, die wir gewahr werden, bemerken wir zuerst, dass sie einen Bezug auf sich selbst haben.

Es klingt freilich wunderlich, wenn man etwas ausspricht, was sich ohnehin versteht; doch nur indem man sich ueber das Bekannte voellig verstaendig hat, kann man miteinander zum Unbekannten fortschreiten ".

"Ich daechte", fiel ihm Eduard ein, "wir machten ihr und uns die Sache durch Beispiele bequem.

Stelle dir nur das Wasser, das oel, das Quicksilber vor, so wirst du eine Einigkeit, einen Zusammenhang ihrer Teile finden.

Diese Einung verlassen sie nicht, ausser durch Gewalt oder sonstige Bestimmung.

Ist diese beseitigt, so treten sie gleich wieder zusammen". "Ohne Frage", sagte Charlotte beistimmend.

"Regentropfen vereinigen sich gern zu Stroemen.

Und schon als Kinder spielen wir erstaunt mit dem Quecksilber, indem wir es in Kuegelchen trennen und es wieder zusammenlaufen lassen". "Und so darf ich wohl", fuegte der Hauptmann hinzu, "eines bedeutenden Punktes im fluechtigen Vorbeigehen erwaehnen, dass naemlich dieser voellig reine, durch Fluessigkeit moegliche Bezug sich entschieden und immer durch die Kugelgestalt auszeichnet.

Der fallende Wassertropfen ist rund; von den Quecksilberkuegelchen haben Sie selbst gesprochen; ja ein fallendes geschmolzenes Blei, wenn es Zeit hat, voellig zu erstarren, kommt unten in Gestalt einer Kugel an".

"Lassen Sie mich voreilen", sagte Charlotte, "ob ich treffe, wo Sie hinwollen.

Wie jedes gegen sich selbst einen Bezug hat, so muss es auch gegen andere ein Verhaeltnis haben".

"Und das wird nach Verschiedenheit der Wesen verschieden sein", fuhr Eduard eilig fort.

"Bald werden sie sich als Freunde und alte Bekannte begegnen, die schnell zusammentreten, sich vereinigen, ohne aneinander etwas zu veraendern, wie sich Wein mit Wasser vermischt.

Dagegen werden andre fremd nebeneinander verharren und selbst durch mechanisches Mischen und Reiben sich keinesweges verbinden; wie oel und Wasser, zusammengeruettelt, sich den Augenblick wieder auseinander sondert".

"Es fehlt nicht viel", sagte Charlotte, "so sieht man in diesen einfachen Formen die Menschen, die man gekannt hat; besonders aber erinnert man sich dabei der Sozietaeten, in denen man lebte.

Die meiste aehnlichkeit jedoch mit diesen seelenlosen Wesen haben die Massen, die in der Welt sich einander gegenueberstellen, die Staende, die Berufsbestimmungen, der Adel und der dritte Stand, der Soldat und der Zivilist".

"Und doch!" versetzte Eduard; "wie diese durch Sitten und Gesetze vereinbar sind, so gibt es auch in unserer chemischen Welt Mittelglieder, dasjenige zu verbinden, was sich einander abweist".

"So verbinden wir", fiel der Hauptmann ein, "das oel durch Laugensalz mit dem Wasser".

"Nur nicht zu geschwind mit Ihrem Vortrag!" sagte Charlotte, "damit ich zeigen kann, dass ich Schritt halte.

Sind wir nicht hier schon zu den Verwandtschaften gelangt?" "ganz richtig", erwiderte der Hauptmann; "und wir werden sie gleich in ihrer vollen Kraft und Bestimmtheit kennenlernen.

Die jenigen Naturen, die sich beim Zusammentreffen einander schnell ergreifen und wechselseitig bestimmen, nennen wir verwandt.

An den Alkalien und Saeuren, die, obgleich einander entgegengesetzt und vielleicht eben deswegen, weil sie einander entgegengesetzt sind, sich am entschiedensten suchen und fassen, sich modifizieren und zusammen einen neuen Koerper bilden, ist diese Verwandtschaft auffallend genug.

Gedenken wir nur des Kalks, der zu allen Saeuren eine grosse Neigung, eine entschiedene Vereinigungslust aeussert!

Sobald unser chemisches Kabinett ankommt, wollen wir Sie verschiedene Versuche sehen lassen, die sehr unterhaltend sind und einen bessern Begriff geben als Worte, Namen und Kunstausdruecke".

"Lassen Sie mich gestehen", sagte Charlotte, "wenn Sie diese Ihre wunderlichen Wesen verwandt nennen, so kommen sie mir nicht sowohl als Blutsverwandte, vielmehr als Geistes—und Seelenverwandte vor. Auf eben diese Weise koennen unter Menschen wahrhaft bedeutende Freundschaften entstehen; denn entgegengesetzte Eigenschaften machen eine innigere Vereinigung moeglich.

Und so will ich denn abwarten, was Sie mir von diesen geheimnisvollen Wirkungen vor die Augen bringen werden.

"Ich will dich", sagte sie, zu Eduard gewendet, "jetzt im Vorlesen nicht weiter stoeren und, um so viel besser unterrichtet, deinen Vortrag mit Aufmerksamkeit vernehmen".

"Da du uns einmal aufgerufen hast", versetzte Eduard, "so kommst du so leicht nicht los; denn eigentlich sind die verwickelten Faelle die interessantesten.

Erst bei diesen lernt man die Grade der Verwandtschaften, die naehern, staerkern, entferntern, geringern Beziehungen kennen; die Verwandtschaften werden erst interessant, wenn sie Scheidungen bewirken". "Kommt das traurige Wort", rief Charlotte, "das man leider in der Welt jetzt so oft hoert, auch in der Naturlehre vor?" "Allerdings!" erwiderte Eduard.

"Es war sogar ein bezeichnender Ehrentitel der Chemiker, dass man sie Scheidekuenstler nannte".

"Das tut man also nicht mehr", versetzte Charlotte, "und tut sehr wohl daran.

Das Vereinigen ist eine groessere Kunst, ein groesseres Verdienst.

Ein Einungskuenstler waere in jedem Fache der ganzen Welt willkommen.

"Nun so lasst mich denn, weil ihr doch einmal im Zug seid, ein paar solche Faelle wissen!" "So schliessen wir uns denn gleich", sagte der Hauptmann, "an dasjenige wieder an, was wir oben schon benannt und besprochen haben.

Zum Beispiel was wir Kalkstein nennen, ist eine mehr oder weniger reine Kalkerde, innig mit einer zarten Saeure verbunden, die uns in Luftform bekannt geworden ist.

Bringt man ein Stueck solchen Steines in verduennte Schwefelsaeure, so ergreift diese den Kalk und erscheint mit ihm als Gips; jene zarte, luftige Saeure hingegen entflieht.

Hier ist eine Trennung, eine neue Zusammensetzung entstanden, und man glaubt sich nunmehr berechtigt, sogar das Wort Wahlverwandtschaft anzuwenden, weil es wirklich aussieht, als wenn ein Verhaeltnis dem andern vorgezogen, eins vor dem andern erwaehlt wuerde".

"Verzeihen Sie mir", sagte Charlotte, "wie ich dem Naturforscher verzeihe; aber ich wuerde hier niemals eine Wahl, eher eine Naturnotwendigkeit erblicken, und diese kaum; denn es ist am Ende vielleicht gar nur die Sache der Gelegenheit.

Gelegenheit macht Verhaeltnisse, wie sie Diebe macht; und wenn von Ihren Naturkoerpern die Rede ist, so scheint mir die Wahl bloss in den Haenden des Chemikers zu liegen, der diese Wesen zusammenbringt.

Sind sie aber einmal beisammen, dann gnade ihnen Gott!

In dem gegenwaertigen Falle dauert mich nur die arme Luftsaeure, die sich wieder im Unendlichen herumtreiben muss".

"Es kommt nur auf sie an", versetzte der Hauptmann, "sich mit dem Wasser zu verbinden und als Mineralquelle Gesunden und Kranken zur Erquickung zu dienen".

"Der Gips hat gut reden", sagte Charlotte; "der ist nun fertig, ist ein Koerper, ist versorgt, anstatt dass jenes ausgetriebene Wesen noch manche Not haben kann, bis es wieder unterkommt".

"Ich muesste sehr irren", sagte Eduard laechelnd, "oder es steckt eine kleine Tuecke hinter deinen Reden.

Gesteh nur deine Schalkheit!

Am Ende bin ich in deinen Augen der Kalk, der vom Hauptmann, als einer Schwefelsaeure, ergriffen, deiner anmutigen Gesellschaft entzogen und in einen refraktaeren Gips verwandelt wird".

"Wenn das Gewissen", versetzte Charlotte, "dich solche Betrachtungen machen heisst, so kann ich ohne Sorge sein.

Diese Gleichnisreden sind artig und unterhaltend, und wer spielt nicht gern mit aehnlichkeiten!

Aber der Mensch ist doch um so manche Stufe ueber jene Elemente erhoeht, und wenn er hier mit den schoenen Worten Wahl und Wahlverwandtschaft etwas freigebig gewesen, so tut er wohl, wieder in sich selbst zurueckzukehren und den Wert solcher Ausdruecke bei diesem Anlass recht zu bedenken.

Mir sind leider Faelle genug bekannt, wo eine innige, unaufloeslich scheinende Verbindung zweier Wesen durch gelegentlich Zugesellung eines dritten aufgehoben und eins der erst so schoen verbundenen ins lose Weite hinausgetrieben ward".

"Da sind die Chemiker viel galanter", sagte Eduard; "sie gesellen ein viertes dazu, damit keines leer ausgehe".

"Jawohl!" versetzte der Hauptmann; "diese Faelle sind allerdings die bedeutendsten und merkwuerdigsten, wo man das Anziehen, das Verwandtsein, dieses Verlassen, dieses Vereinigen gleichsam uebers Kreuz wirklich darstellen kann, wo vier bisher je zwei zu zwei verbundene Wesen, in Beruehrung gebracht, ihre bisherige Vereinigung verlassen und sich aufs neue verbinden.

In diesem Fahrenlassen und Ergreifen, in diesem Fliehen und Suchen glaubt man wirklich eine hoehere Bestimmung zu sehen; man traut solchen Wesen eine Art von Wollen und Waehlen zu und haelt das Kunstwort ’Wahlverwandtschaften’ fuer vollkommen gerechtfertigt".

"Beschreiben Sie mir einen solchen Fall!" sagte Charlotte. "Man sollte dergleichen", versetzte der Hauptmann, "nicht mit Worten abtun.

Wie schon gesagt: sobald ich Ihnen die Versuche selbst zeigen kann, wird alles anschaulicher und angenehmer werden.

Jetzt muesste ich Sie mit schrecklichen Kunstworten hinhalten, die Ihnen doch keine Vorstellung gaeben.

Man muss diese tot scheinenden und doch zur Taetigkeit innerlich immer bereiten Wesen wirkend vor seinen Augen sehen, mit Teilnahme schauen, wie sie einander suchen, sich anziehen, ergreifen, zerstoeren, verschlingen, aufzehren und sodann aus der innigsten Verbindung wieder in erneuter, neuer, unerwarteter Gestalt hervortreten : dann traut man ihnen erst ein ewiges Leben, ja wohl gar Sinn und Verstand zu, weil wir unsere Sinne kaum genuegend fuehlen, sie recht zu beobachten, und unsre Vernunft kaum hinlaenglich, sie zu fassen".

"Ich leugne nicht", sagte Eduard, "dass die seltsamen Kunstwoerter demjenigen, der nicht durch sinnliches Anschauen, durch Begriffe mit ihnen versoehnt ist, beschwerlich, ja laecherlich werden muessen.

Doch koennten wir leicht mit Buchstaben einstweilen das Verhaeltnis ausdruecken, wovon hier die Rede war".

"Wenn Sie glauben, dass es nicht pedantisch aussieht", versetzte der Hauptmann, "so kann ich wohl in der Zeichensprache mich kuerzlich zusammenfassen.

Denken Sie sich ein A, das mit einem B innig verbunden ist, durch viele Mittel und durch manche Gewalt nicht von ihm zu trennen; denken Sie sich ein C, das sich ebenso zu einem D verhaelt; bringen Sie nun die beiden Paare in Beruehrung: A wird sich zu C, C zu B werfen, ohne dass man sagen kann, wer das andere zuerst verlassen, wer sich mit dem andern zuerst wieder verbunden habe".

"Nun denn!" fiel Eduard ein; "bis wir alles dieses mit Augen sehen, wollen wir diese Formel als Gleichnisrede betrachten, woraus wir uns eine Lehre zum unmittelbaren Gebrauch ziehen.

Du stellst das A vor, Charlotte, und ich dein B; denn eigentlich haenge ich doch nur von dir ab und folge dir wie dem A das B.

Das C ist ganz deutlich der Kapitaen, der mich fuer diesmal dir einigermassen entzieht.

Nun ist es billig, dass, wenn du nicht ins Unbestimmte entweichen sollst, dir fuer ein D gesorgt werde, und das ist ganz ohne Frage das liebenswuerdige Daemchen Ottilie, gegen deren Annaeherung du dich nicht laenger verteidigen darfst".

"Gut!" versetzte Charlotte.

"Wenn auch das Beispiel, wie mir scheint, nicht ganz auf unsern Fall passt, so halte ich es doch fuer ein Glueck, dass wir heute einmal voellig zusammentreffen und dass diese Natur—und Wahlverwandtschaften unter uns eine vertrauliche Mitteilung beschleunigen. Ich will es also nur gestehen, dass ich seit diesem Nachmittage entschlossen bin, Ottilien zu berufen; denn meine bisherige treue Beschliesserin und Haushaelterin wird abziehen, weil sie heiratet.

Dies waere von meiner Seite und um meinetwillen; was mich um Ottiliens willen bestimmt, das wirst du uns vorlesen.

Ich will dir nicht ins Blatt sehen, aber freilich ist mir der Inhalt schon bekannt.

Doch liess nur, lies!" Mit diesen Worten zog sie einen Brief hervor und reichte ihn Eduarden.

"Euer Gnaden werden verzeihen, wenn ich mich heute ganz kurz fassen; denn ich habe nach vollendeter oeffentlicher Pruefung dessen, was wir im vergangenen Jahr an unsern Zoeglingen geleistet haben, an die saemtlichen Eltern und Vorgesetzten den Verlauf zu melden; auch darf ich wohl kurz sein, weil ich mit wenigem viel sagen kann.

Ihre Fraeulein Tochter hat sich in jedem Sinne als die Erste bewiesen.

Die beiliegenden Zeugnisse, ihr eigner Brief, der die Beschreibung der Preise enthaelt, die ihr geworden sind, und zugleich das Vergnuegen ausdrueckt, das sie ueber ein so glueckliches Gelingen empfindet, wird Ihnen zur Beruhigung, ja zur Freude gereichen.

Die meinige wird dadurch einigermassen gemindert, dass ich voraussehe, wir werden nicht lange mehr Ursache haben, ein so weit vorgeschrittenes Frauenzimmer bei uns zurueckzuhalten.

Ich empfehle mich zu Gnaden und nehme mir die Freiheit, naechstens meine Gedanken ueber das, was ich am vorteilhaftesten fuer sie halte, zu eroeffnen.

Von Ottilien schreibt mein freundlicher Gehuelfe".

"Von Ottilien laesst mich unsre ehrwuerdige Vorsteherin schreiben, teils weil es ihr, nach ihrer Art zu denken, peinlich waere, dasjenige, was zu melden ist, zu melden, teils auch, weil sie selbst einer Entschuldigung bedarf, die sie lieber mir in den Mund legen mag.

Da ich nur allzuwohl weiss, wie wenig die gute Ottilie das zu aeussern imstande ist, was in ihr liegt und was sie vermag, so war mir vor der oeffentlichen Pruefung einigermassen bange, um so mehr, als ueberhaupt dabei keine Vorbereitung moeglich ist, und auch, wenn es nach der gewoehnlichen Weise sein koennte, Ottilie auf den Schein nicht vorzubereiten waere.

Der Ausgang hat meine Sorge nur zu sehr gerechtfertigt; sie hat keinen Preis erhalten und ist auch unter denen, die kein Zeugnis empfangen haben.

Was soll ich viel sagen?

Im Schreiben hatten andere kaum so wohlgeformte Buchstaben, doch viel freiere Zuege; im Rechnen waren alle schneller, und an schwierige Aufgaben, welche sie besser loest, kam es bei der Untersuchung nicht.

Im Franzoesischen ueberparlierten und ueberexponierten sie manche; in der Geschichte waren ihr Namen und Jahrzahlen nicht gleich bei der Hand; bei der Geographie vermisste man Aufmerksamkeit auf die politische Einleitung.

Zum musikalischen Vortrag ihrer wenigen bescheidenen Melodien fand sich weder Zeit noch Ruhe.

Im Zeichnen haette sie gewiss den Preis davongetragen; ihre Umrisse waren rein und die Ausfuehrung bei vieler Sorgfalt geistreich.

Leider hatte sie etwas zu Grosses unternommen und war nicht fertig geworden.

Als die Schuelerinnen abgetreten waren, die Pruefenden zusammen Rat hielten und uns Lehrern wenigstens einiges Wort dabei goennten, merkte ich wohl bald, dass von Ottilien gar nicht und, wenn es geschah, wo nicht mit Missbilligung, doch mit Gleichgueltigkeit gesprochen wurde.

Ich hoffte, durch eine offne Darstellung ihrer Art zu sein einige Gunst zu erregen, und wagte mich daran mit doppeltem Eifer, einmal, weil ich nach meiner ueberzeugung sprechen konnte, und sodann, weil ich mich in juengeren Jahren in eben demselben traurigen Fall befunden hatte.

Man hoerte mich mit Aufmerksamkeit an; doch als ich geendigt hatte, sagte mir der vorsitzende Pruefende zwar freundlich, aber lakonisch: ’Faehigkeiten werden vorausgesetzt, sie sollen zu Fertigkeiten werden.

Dies ist der Zweck aller Erziehung, dies ist die laute, deutliche Absicht der Eltern und Vorgesetzten, die stille, nur halb bewusste der Kinder selbst.

Dies ist auch der Gegenstand der Pruefung, wobei zugleich Lehrer und Schueler beurteilt werden.

Aus dem, was wir von Ihnen vernehmen, schoepfen wir gute Hoffnung von dem Kinde, und Sie sind allerdings lobenswuerdig, indem Sie auf die Faehigkeiten der Schuelerinnen genau achtgeben.

Verwandeln Sie solche uebers Jahr in Fertigkeiten, so wird es Ihnen und Ihrer beguenstigten Schuelerin nicht an Beifall mangeln.

’ In das, was hierauf folgte, hatte ich mich schon ergeben, aber ein noch uebleres nicht befuerchtet, das sich bald darauf zutrug.

Unsere gute Vorsteherin, die wie ein guter Hirte auch nicht eins von ihren Schaefchen verloren oder, wie es hier der Fall war, ungeschmueckt sehen moechte, konnte, nachdem die Herren sich entfernt hatten, ihren Unwillen nicht bergen und sagte zu Ottilien, die ganz ruhig, indem die andern sich ueber ihre Preise freuten, am Fenster stand: ’aber sagen Sie mir, um ’s Himmels willen!

Wie kann man so dumm aussehen, wenn man es nicht ist?’

Ottilie versetzte ganz gelassen: ’verzeihen Sie, liebe Mutter, ich habe gerade heute wieder mein Kopfweh, und ziemlich stark’.—’Das kann niemand wissen!’ Versetzte die sonst so teilnehmende Frau und kehrte sich verdriesslich um.

Nun es ist wahr: niemand kann es wissen; denn Ottilie veraendert das Gesicht nicht, und ich habe auch nicht gesehen, dass sie einmal die Hand nach dem Schlafe zu bewegt haette.

Das war noch nicht alles.

Ihre Fraeulein Tochter, gnaedige Frau, sonst lebhaft und freimuetig, war im Gefuehl ihres heutigen Triumphs ausgelassen und uebermuetig.

Sie sprang mit ihren Preisen und Zeugnissen in den Zimmern herum und schuettelte sie auch Ottilien vor dem Gesicht.

"Du bist heute schlecht gefahren!" rief sie aus.

Ganz gelassen antwortete Ottilie: "es ist noch nicht der letzte Pruefungstag".—"Und doch wirst du immer die Letzte bleiben!" rief das Fraeulein und sprang hinweg.

Ottilie schien gelassen fuer jeden andern, nur nicht fuer mich. Eine innere, unangenehme, lebhafte Bewegung, der sie widersteht, zeigt sich durch eine ungleiche Farbe des Gesichts.

Die linke Wange wird auf einen Augenblick rot, indem die rechte bleich wird.

Ich sah dies Zeichen, und meine Teilnehmung konnte sich nicht zurueckhalten.

Ich fuehrte unsre Vorsteherin beiseite, sprach ernsthaft mit ihr ueber die Sache.

Die treffliche Frau erkannte ihren Fehler.

Wir berieten, wir besprachen uns lange, und ohne deshalb weitlaeufiger zu sein, will ich Euer Gnaden unsern Beschluss und unsre Bitte vortragen: Ottilien auf einige Zeit zu sich zu nehmen.

Die Gruende werden Sie sich selbst am besten entfalten.

Bestimmen Sie sich hiezu, so sage ich mehr ueber die Behandlung des guten Kindes.

Verlaesst uns dann Ihre Fraeulein Tochter, wie zu vermuten steht, so sehen wir Ottilien mit Freuden zurueckkehren.

Noch eins, das ich vielleicht in der Folge vergessen koennte: ich habe nie gesehen, dass Ottilie etwas verlangt oder gar um etwas dringend gebeten haette.

Dagegen kommen Faelle, wiewohl selten, dass sie etwas abzulehnen sucht, was man von ihr fordert.

Sie tut das mit einer Gebaerde, die fuer den, der den Sinn davon gefasst hat, unwiderstehlich ist.

Sie drueckt die flachen Haende, die sie in die Hoehe hebt, zusammen und fuehrt sie gegen die Brust, indem sie sich nur wenig vorwaerts neigt und den dringend Fordernden mit einem solchen Blick ansieht, dass er gern von allem absteht, was er verlangen oder wuenschen moechte.

Sehen Sie jemals diese Gebaerde, gnaedige Frau, wie es bei Ihrer Behandlung nicht wahrscheinlich ist, so gedenken Sie meiner und schonen Ottilien".

Eduard hatte diese Briefe vorgelesen, nicht ohne Laecheln und Kopfschuetteln.

Auch konnte es an Bemerkungen ueber die Personen und ueber die Lage der Sache nicht fehlen.

"Genug!" rief Eduard endlich aus; "es ist entschieden, sie kommt!

Fuer dich waere gesorgt, meine Liebe, und wir duerfen nun auch mit unserm Vorschlag hervorruecken.

Es wird hoechst noetig, dass ich zu dem Hauptmann auf den rechten Fluegel hinueberziehe.

Sowohl abends als morgens ist erst die rechte Zeit, zusammen zu arbeiten.

Du erhaeltst dagegen fuer dich und Ottilien auf deiner Seite den schoensten Raum".

Charlotte liess sichs gefallen, und Eduard schilderte ihre kuenftige Lebensart.

Unter andern rief er aus: "es ist doch recht zuvorkommend von der Nichte, ein wenig Kopfweh auf der linken Seite zu haben; ich habe es manchmal auf der rechten.

Trifft es zusammen und wir sitzen gegeneinander, ich auf den rechten Ellbogen, sie auf den linken gestuetzt und die Koepfe nach verschiedenen Seiten in die Hand gelegt, so muss das ein Paar artige Gegenbilder geben".

Der Hauptmann wollte das gefaehrlich finden.

Eduard hingegen rief aus: "nehmen Sie sich nur, lieber Freund, vor dem D in acht!

Was sollte B denn anfangen, wenn ihm C entrissen wuerde?" "Nun, ich daechte doch", versetzte Charlotte, "das verstuende sich von selbst".

"Freilich", rief Eduard; "es kehrte zu seinem A zurueck, zu seinem A und O!" rief er, indem er aufsprang und Charlotten fest an seine Brust drueckte.

Ein Wagen, der Ottilien brachte, war angefahren.

Charlotte ging ihr entgegen; das liebe Kind eilte, sich ihr zu naehern, warf sich ihr zu Fuessen und umfasste ihre Kniee.

"Wozu die Demuetigung!" sagte Charlotte, die einigermassen verlegen war und sie aufheben wollte.

"Es ist so demuetig nicht gemeint", versetzte Ottilie, die in ihrer vorigen Stellung blieb.

"Ich mag mich nur so gern jener Zeit erinnern, da ich noch nicht hoeher reichte als bis an Ihre Kniee und Ihrer Liebe schon so gewiss war".

Sie stand auf, und Charlotte umarmte sie herzlich.

Sie ward den Maennern vorgestellt und gleich mit besonderer Achtung als Gast behandelt.

Schoenheit ist ueberall ein gar willkommener Gast.

Sie schien aufmerksam auf das Gespraech, ohne dass sie daran teilgenommen haette.

Den andern Morgen sagte Eduard zu Charlotten: "es ist ein angenehmes, unterhaltendes Maedchen".

"Unterhaltend?" versetzte Charlotte mit Laecheln;" sie hat ja den Mund noch nicht aufgetan".

"So?" erwiderte Eduard, indem er sich zu besinnen schien, "das waere doch wunderbar!" Charlotte gab dem neuen Ankoemmling nur wenig Winke, wie es mit dem Hausgeschaefte zu halten sei.

Ottilie hatte schnell die ganze Ordnung eingesehen, ja, was noch mehr ist, empfunden.

Was sie fuer alle, fuer einen jeden insbesondre zu besorgen hatte, begriff sie leicht.

Alles geschah puenktlich.

Sie wusste anzuordnen, ohne dass sie zu befehlen schien, und wo jemand saeumte, verrichtete sie das Geschaeft gleich selbst.

Sobald sie gewahr wurde, wieviel Zeit ihr uebrigblieb, bat sie Charlotten, ihre Stunden einteilen zu duerfen, die nun genau beobachtet wurden.

Sie arbeitete das Vorgesetzte auf eine Art, von der Charlotte durch den Gehuelfen unterrichtet war.

Man liess sie gewaehren.

Nur zuweilen suchte Charlotte sie anzuregen.

So schob sie ihr manchmal abgeschriebene Federn unter, um sie auf einen freieren Zug der Handschrift zu leiten; aber auch diese waren bald wieder scharf geschnitten.

Die Frauenzimmer hatten untereinander festgesetzt, franzoesisch zu reden, wenn sie allein waeren, und Charlotte beharrte um so mehr dabei, als Ottilie gespraechiger in der fremden Sprache war, indem man ihr die uebung derselben zur Pflicht gemacht hatte.

Hier sagte sie oft mehr, als sie zu wollen schien.

Besonders ergetzte sich Charlotte an einer zufaelligen, zwar genauen, aber doch liebevollen Schilderung der ganzen Pensionsanstalt.

Ottilie ward ihr eine liebe Gesellschafterin, und sie hoffte, dereinst an ihr eine zuverlaessige Freundin zu finden.

Charlotte nahm indes die aelteren Papiere wieder vor, die sich auf Ottilien bezogen, um sich in Erinnerung zu bringen, was die Vorsteherin, was der Gehuelfe ueber das gute Kind geurteilt, um es mit ihrer Persoenlichkeit selbst zu vergleichen.

Denn Charlotte war der Meinung, man koenne nicht geschwind genug mit dem Charakter der Menschen bekannt werden, mit denen man zu leben hat, um zu wissen, was sich von ihnen erwarten, was sich an ihnen bilden laesst, oder was man ihnen ein fuer allemal zugestehen und verzeihen muss.

Sie fand zwar bei dieser Untersuchung nichts Neues, aber manches Bekannte ward ihr bedeutender und auffallender.

So konnte ihr zum Beispiel Ottiliens Maessigkeit im Essen und Trinken wirklich Sorge machen.

Das Naechste, was die Frauen beschaeftigte, war der Anzug.

Charlotte verlangte von Ottilien, sie solle in Kleidern reicher und mehr ausgesucht erscheinen.

Sogleich schnitt das gute, taetige Kind die ihr frueher geschenkten Stoffe selbst zu und wusste sie sich mit geringer Beihuelfe anderer schnell und hoechst zierlich anzupassen.

Die neuen, modischen Gewaender erhoehten ihre Gestalt; denn indem das Angenehme einer Person sich auch ueber ihre Huelle verbreitet, so glaubt man sie immer wieder von neuem und anmutiger zu sehen, wenn sie ihre Eigenschaften einer neuen Umgebung mitteilt.

Dadurch ward sie den Maennern, wie von Anfang so immer mehr, dass wir es nur mit dem rechten Namen nennen, ein wahrer Augentrost.

Denn wenn der Smaragd durch seine herrliche Farbe dem Gesicht wohltut, ja sogar einige Heilkraft an diesem edlen Sinn ausuebt, so wirkt die menschliche Schoenheit noch mit weit groesserer Gewalt auf den aeussern und innern Sinn.

Wer sie erblickt, den kann nichts uebles anwehen; er fuehlt sich mit sich selbst und mit der Welt in uebereinstimmung.

Auf manche Weise hatte daher die Gesellschaft durch Ottiliens Ankunft gewonnen.

Die beiden Freunde hielten regelmaessiger die Stunden, ja die Minuten der Zusammenkuenfte.

Sie liessen weder zum Essen, noch zum Tee, noch zum Spaziergang laenger als billig auf sich warten.

Sie eilten, besonders abends, nicht so bald von Tische weg. Charlotte bemerkte das wohl und liess beide nicht unbeobachtet. Sie suchte zu erforschen, ob einer vor dem andern hiezu den Anlass gaebe; aber sie konnte keinen Unterschied bemerken.

Beide zeigten sich ueberhaupt geselliger.

Bei ihren Unterhaltungen schienen sie zu bedenken, was Ottiliens Teilnahme zu erregen geeignet sein moechte, was ihren Einsichten, ihren uebrigen Kenntnissen gemaess waere.

Beim Lesen und Erzaehlen hielten sie inne, bis sie wiederkam. Sie wurden milder und im ganzen mitteilender.

In Erwiderung dagegen wuchs die Dienstbeflissenheit Ottiliens mit jedem Tage.

Je mehr sie das Haus, die Menschen, die Verhaeltnisse kennenlernte, desto lebhafter griff sie ein, desto schneller verstand sie jeden Blicke, jede Bewegung, ein halbes Wort, einen Laut.

Ihre ruhige Aufmerksamkeit blieb sich immer gleich, so wie ihre gelassene Regsamkeit.

Und so war ihr Sitzen, Aufstehen, Gehen, Kommen, Holen, Bringen, Wiederniedersitzen ohne einen Schein von Unruhe, ein ewiger Wechsel, eine ewige angenehme Bewegung.

Dazu kam, dass man sie nicht gehen hoerte; so leise trat sie auf.

Diese anstaendige Dienstfertigkeit Ottiliens machte Charlotten viele Freude.

Ein einziges, was ihr nicht ganz angemessen vorkam, verbarg sie Ottilien nicht.

"Es gehoert", sagte sie eines Tages zu ihr, "unter die lobenswuerdigen Aufmerksamkeiten, dass wir uns schnell buecken, wenn jemand etwas aus der Hand fallen laesst, und es eilig aufzuheben suchen.

Wir bekennen uns dadurch ihm gleichsam dienstpflichtig; nur ist in der groessern Welt dabei zu bedenken, wenn man eine solche Ergebenheit bezeigt.

Gegen Frauen will ich dir darueber keine Gesetze vorschreiben. Du bist jung.

Gegen Hoehere und aeltere ist es Schuldigkeit, gegen deinesgleichen Artigkeit, gegen Juengere und Niedere zeigt man sich dadurch menschlich und gut; nur will es einem Frauenzimmer nicht wohl geziemen, sich Maennern auf diese Weise ergeben und dienstbar zu bezeigen".

"Ich will es mir abzugewoehnen suchen", versetzte Ottilie.

"Indessen werden Sie mir diese Unschicklichkeit vergeben, wenn ich Ihnen sage, wie ich dazu gekommen bin.

Man hat uns die Geschichte gelehrt; ich habe nicht soviel daraus behalten, als ich wohl gesollt haette; denn ich wusste nicht, wozu ichs brauchen wuerde.

Nur einzelne Begebenheiten sind mir sehr eindruecklich gewesen, so folgende: als Karl der Erste von England von seinen sogenannten Richtern stand, fiel der goldne Knopf des Stoeckchens, das er trug, herunter.

Gewohnt, dass bei solchen Gelegenheiten sich alles fuer ihn bemuehte, schien er sich umzusehen und zu erwarten, dass ihm jemand auch diesmal den kleinen Dienst erzeigen sollte.

Es regte sich niemand; er bueckte sich selbst, um den Kopf aufzuheben.

Mir kam das so schmerzlich vor, ich weiss nicht, ob mit Recht, dass ich von jenem Augenblick an niemanden kann etwas aus den Haenden fallen sehn, ohne mich darnach zu buecken.

Da es aber freilich nicht immer schicklich sein mag und ich", fuhr sie laechelnd fort, "nicht jederzeit meine Geschichte erzaehlen kann, so will ich mich kuenftig mehr zurueckhalten".

Indessen hatten die guten Anstalten, zu denen sich die beiden Freunde berufen fuehlten, ununterbrochenen Fortgang.

Ja taeglich fanden sie neuen Anlass, etwas zu bedenken und zu unternehmen.

Als sie eines Tages zusammen durch das Dorf gingen, bemerkten sie missfaellig, wie weit es an Ordnung und Reinlichkeit hinter jenen Doerfern zurueckstehe, wo die Bewohner durch die Kostbarkeit des Raums auf beides hingewiesen werden.

"Du erinnerst dich", sagte der Hauptmann, "wie wir auf unserer Reise durch die Schweiz den Wunsch aeusserten, eine laendliche sogenannte Parkanlage recht eigentlich zu verschoenern, indem wir ein so gelegnes Dorf nicht zur Schweizer Bauart, sondern zur Schweizer Ordnung und Sauberkeit, welche die Benutzung so sehr befoerdern, einrichteten".

"Hier zum Beispiel", versetzte Eduard, "ginge das wohl an.

Der Schlossberg verlaeuft sich in einen vorspringenden Winkel herunter; das Dorf ist ziemlich regelmaessig im Halbzirkel gegenueber gebaut; dazwischen fliesst der Bach, gegen dessen Anschwellen sich der eine mit Steinen, der andere mit Pfaehlen, wieder einer mit Balken und der Nachbar sodann mit Planken verwahren will, keiner aber den andern foerdert, vielmehr sich und den uebrigen Schaden und Nachteil bringt.

So geht der Weg auch in ungeschickter Bewegung bald herauf, bald herab, bald durchs Wasser, bald ueber Steine.

Wollten die Leute mit Hand anlegen, so wuerde kein grosser Zuschuss noetig sein, um hier eine Mauer im Halbkreis aufzufuehren, den Weg dahinter bis an die Haeuser zu erhoehen, den schoensten Raum herzustellen, der Reinlichkeit Platz zu geben und durch eine ins Grosse gehende Anstalt alle kleine, unzulaengliche Sorge auf einmal zu verbannen".

"Lass es uns versuchen!" sagte der Hauptmann, indem er die Lage mit den Augen ueberlief und schnell beurteilte.

"Ich mag mit Buergern und Bauern nichts zu tun haben, wenn ich ihnen nicht geradezu befehlen kann", versetzte Eduard.

"Du hast so unrecht nicht", erwiderte der Hauptmann; "denn auch mir machten dergleichen Geschaefte im Leben schon viel Verdruss.

Wie schwer ist es, dass der Mensch recht abwaege, was man aufopfern muss gegen das, was zu gewinnen ist, wie schwer, den Zweck zu wollen und die Mittel nicht zu verschmaehen!

Viele verwechseln gar die Mittel und den Zweck, erfreuen sich an jenen, ohne diesen im Auge zu behalten.

Jedes uebel soll an der Stelle geheilt werden, wo es zum Vorschein kommt, und man bekuemmert sich nicht um jenen Punkt, wo es eigentlich seinen Ursprung nimmt, woher es wirkt.

Deswegen ist es so schwer, Rat zu pflegen, besonders mit der Menge, die im Taeglichen ganz verstaendig ist, aber selten weiter sieht als auf morgen.

Kommt nun gar dazu, dass der eine bei einer gemeinsamen Anstalt gewinnen, der andre verlieren soll, da ist mit Vergleich nun gar nichts auszurichten.

Alles eigentlich gemeinsame Gute muss durch das unumschraenkte Mejestaetsrecht gefoerdert werden".

Indem sie standen und sprachen, bettelte sie ein Mensch an, der mehr frech als beduerftig aussah.

Eduard, ungern unterbrochen und beunruhigt, schalt ihn, nachdem er ihn einigemal vergebens gelassener abgewiesen hatte.

Als aber der Kerl sich murrend, ja gegenscheltend mit kleinen Schritten entfernte, auf die Rechte des Bettlers trotzte, dem man wohl ein Almosen versagen, ihn aber nicht beleidigen duerfe, weil er so gut wie jeder andere unter dem Schutze Gottes und der Obrigkeit stehe, kam Eduard ganz aus der Fassung.

Der Hauptmann, ihn zu beguetigen, sagte darauf: "lass uns diesen Vorfall als eine Aufforderung annehmen, unsere laendliche Polizei auch hierueber zu erstrecken!

Almosen muss man einmal geben; man tut aber besser, wenn man sie nicht selbst gibt, besonders zu Hause.

Da sollte man maessig und gleichfoermig in allem sein, auch im Wohltun.

Eine allzu reichliche Gabe lockt Bettler herbei, anstatt sie abzufertigen, dagegen man wohl auf der Reise, im Vorbeifliegen, einem Armen an der Strasse in der Gestalt des zufaelligen Gluecks erscheinen und ihm eine ueberraschende Gabe zuwerfen mag.

Uns macht die Lage des Dorfes, des Schlosses eine solche Anstalt sehr leicht; ich habe schon frueher darueber nachgedacht.

An dem einen Ende des Dorfes liegt das Wirtshaus, an dem andern wohnen ein Paar alte, gute Leute; an beiden Orten musst du eine kleine Geldsumme niederlegen.

Nicht der ins Dorf Hereingehende, sondern der Hinausgehende erhaelt etwas; und da die beiden Haeuser zugleich an den Wegen stehen, die auf das Schloss fuehren, so wird auch alles, was sich hinaufwenden wollte, an die beiden Stellen gewiesen".

"Komm", sagte Eduard, "wir wollen das gleich abmachen; das Genauere koennen wir immer noch nachholen".

Sie gingen zum Wirt und zu dem alten Paare, und die Sache war abgetan.

"Ich weiss recht gut", sagte Eduard, indem sie zusammen den Schlossberg wieder hinaufstiegen, "dass alles in der Welt ankommt auf einen gescheiten Einfall und auf einen festen Entschluss.

So hast du die Parkanlagen meiner Frau sehr richtig beurteilt und mir auch schon einen Wink zum Bessern gegeben, den ich ihr, wie ich gar nicht leugnen will, sogleich mitgeteilt habe".

"Ich konnte es vermuten", versetzte der Hauptmann, "aber nicht billigen.

Du hast sie irregemacht; sie laesst alles liegen und trutzt in dieser einzigen Sache mit uns; denn sie vermeidet davon zu reden und hat uns nicht wieder zur Mooshuette eingeladen, ob sie gleich mit Ottilien in den Zwischenstunden hinaufgeht".

"Dadurch muessen wir uns", versetzte Eduard, "nicht abschrecken lassen.

Wenn ich von etwas Gutem ueberzeugt bin, was geschehen koennte und sollte, so habe ich keine Ruhe, bis ich es getan sehe.

Sind wir doch sonst klug, etwas einzuleiten!

Lass uns die englischen Parkbeschreibungen mit Kupfern zur Abendunterhaltung vornehmen, nachher deine Gutskarte!

Man muss es erst problematisch und nur wie zum Scherz behandeln; der Ernst wird sich schon finden".

Nach dieser Verabredung wurden die Buecher aufgeschlagen, worin man jedesmal den Grundriss der Gegend und ihre landschaftliche Ansicht in ihrem ersten, rohen Naturzustande gezeichnet sah, sodann auf andern Blaettern die Veraenderung vorgestellt fand, welche die Kunst daran vorgenommen, um alles das bestehende Gute zu nutzen und zu steigern.

Hievon war der uebergang zur eigenen Besitzung, zur eignen Umgebung und zu dem, was man daran ausbilden koennte, sehr leicht.

Die von dem Hauptmann entworfene Karte zum Grunde zu legen, war nunmehr eine angenehme Beschaeftigung; nur konnte man sich von jener ersten Vorstellung, nach der Charlotte die Sache einmal angefangen hatte, nicht ganz losreissen.

Doch erfand man einen leichtern Aufgang auf die Hoehe; man wollte oberwaerts am Abhange vor einem angenehmen Hoelzchen ein Lustgebaeude auffuehren; dieses sollte einen Bezug aufs Schloss haben; aus den Schlossfenstern sollte man es uebersehen, von dorther Schloss und Gaerten wieder bestreichen koennen.

Der Hauptmann hatte alles wohl ueberlegt und gemessen und brachte jenen Dorfweg, jene Mauer am Bache her, jene Ausfuellung wieder zur Sprache.

"Ich gewinne", sagte er, "indem ich einen bequemen Weg zur Anhoehe hinauffuehre, gerade soviel Steine, als ich zu jener Mauer bedarf. Sobald eins ins andre greift, wird beides wohlfeiler und geschwinder bewerkstelligt".

"Nun aber", sagte Charlotte, "kommt meine Sorge.

Notwendig muss etwas Bestimmtes ausgesetzt werden; und wenn man weiss, wieviel zu einer solchen Anlage erforderlich ist, dann teilt man es ein, wo nicht auf Wochen, doch wenigstens auf Monate.

Die Kasse ist unter meinem Beschluss; ich zahle die Zettel, und die Rechnung fuehre ich selbst".

"Du scheinst uns nicht sonderlich viel zu vertrauen", sagte Eduard.

"Nicht viel in willkuerlichen Dingen", versetzte Charlotte. "Die Willkuer wissen wir besser zu beherrschen als ihr".

Die Einrichtung war gemacht, die Arbeit rasch angefangen, der Hauptmann immer gegenwaertig und Charlotte nunmehr fast taeglich Zeuge seines ernsten und bestimmten Sinnes.

Auch er lernte sie naeher kennen, und beiden wurde es leicht, zusammenzuwirken und etwas zustande zu bringen.

Es ist mit den Geschaeften wie mit dem Tanze: Personen, die gleichen Schritt halten, muessen sich unentbehrlich werden, ein wechselseitiges Wohlwollen muss notwendig daraus entspringen, und dass Charlotte dem Hauptmann, seitdem sie ihn naeher kennengelernt, wirklich wohlwollte, davon war ein sicherer Beweis, dass sie ihn einen schoenen Ruheplatz, den sie bei ihren ersten Anlagen besonders ausgesucht und verziert hatte, der aber seinem Plane entgegenstand, ganz gelassen zerstoeren liess, ohne auch nur die mindeste unangenehme Empfindung dabei zu haben.

Indem nun Charlotte mit dem Hauptmann eine gemeinsame Beschaeftigung fand, so war die Folge, dass sich Eduard mehr zu Ottilien gesellte.

Fuer sie sprach ohnehin seit einiger Zeit eine stille, freundliche Neigung in seinem Herzen.

Gegen jedermann war sie dienstfertig und zuvorkommend; dass sie es gegen ihn am meisten sei, das wollte seiner Selbstliebe scheinen.

Nun war keine Frage: was fuer Speisen und wie er sie liebte, hatte sie schon genau bemerkt; wieviel er Zucker zum Tee zu nehmen pflegte und was dergleichen mehr ist, entging ihr nicht.

Besonders war sie sorgfaeltig, alle Zugluft abzuwehren, gegen die er eine uebertriebene Empfindlichkeit zeigte und deshalb mit seiner Frau, der es nicht luftig genug sein konnte, manchmal in Widerspruch geriet.

Ebenso wusste sie im Baum—und Blumengarten Bescheid.

Was er wuenschte, suchte sie zu befoerdern, was ihn ungeduldig machen konnte, zu verhueten, dergestalt dass sie in kurzem wie ein freundlicher Schutzgeist ihm unentbehrlich ward und er anfing, ihre Abwesenheit schon peinlich zu empfinden.

Hiezu kam noch, dass sie gespraechtiger und offener schien, sobald sie sich allein trafen.

Eduard hatte bei zunehmenden Jahren immer etwas Kindliches behalten, das der Jugend Ottiliens besonders zusagte.

Sie erinnerten sich gern frueherer Zeiten, wo sie einander gesehen; es stiegen diese Erinnerungen bis in die ersten Epochen der Neigung Eduards zu Charlotten.

Ottilie wollte sich der beiden noch als des schoensten Hofpaares erinnern; und wenn Eduard ihr ein solches Gedaechtnis aus ganz frueher Jugend absprach, so behauptete sie doch, besonders einen Fall noch vollkommen gegenwaertig zu haben, wie sie sich einmal bei seinem Hereintreten in Charlottens Schoss versteckt, nicht aus Furcht, sondern aus kindischer ueberraschung.

Sie haette dazusetzen koennen: weil er so lebhaften Eindruck auf sie gemacht, weil er ihr gar so wohl gefallen.

Bei solchen Verhaeltnissen waren manche Geschaefte, welche die beiden Freunde zusammen frueher vorgenommen, gewissermassen in Stocken geraten, sodass sie fuer noetig fanden, sich wieder eine uebersicht zu verschaffen, einige Aufsaetze zu entwerfen, Briefe zu schreiben.

Sie bestellten sich deshalb auf ihre Kanzlei, wo sie den alten Kopisten muessig fanden.

Sie gingen an die Arbeit und gaben ihm bald zu tun, ohne zu bemerken, dass sie ihm manches aufbuerdeten, was sie sonst selbst zu verrichten gewohnt waren.

Gleich der erste Aufsatz wollte dem Hauptmann, gleich der erste Brief Eduarden nicht gelingen.

Sie quaelten sich eine Zeitlang mit Konzipieren und Umschreiben, bis endlich Eduard, dem es am wenigsten vonstatten ging, nach der Zeit fragte.

Da zeigte sich denn, dass der Hauptmann vergessen hatte, seine chronometrische Sekundenuhr aufzuziehen, das erstemal seit vielen Jahren; und sie schienen, wo nicht zu empfinden, doch zu ahnen, dass die Zeit anfange, ihnen gleichgueltig zu werden.

Indem so die Maenner einigermassen in ihrer Geschaeftigkeit nachliessen, wuchs vielmehr die Taetigkeit der Frauen.

ueberhaupt nimmt die gewoehnliche Lebensweise einer Familie, die aus den gegebenen Personen und aus notwendigen Umstaenden entspringt, auch wohl eine ausserordentliche Neigung, eine werdende Leidenschaft in sich wie ein Gefaess auf, und es kann eine ziemliche Zeit vergehen, ehe dieses neue Ingrediens eine merkliche Gaerung verursacht und schaeumend ueber den Rand schwillt.

Bei unsern Freunden waren die entstehenden wechselseitigen Neigungen von der angenehmsten Wirkung.

Die Gemueter oeffneten sich, und ein allgemeines Wohlwollen entsprang aus dem besonderen.

Jeder Teil fuehlte sich gluecklich und goennte dem andern sein Glueck.

Ein solcher Zustand erhebt den Geist, indem er das Herz erweitert, und alles, was man tut und vornimmt, hat eine Richtung gegen das Unermessliche.

So waren auch die Freunde nicht mehr in ihrer Wohnung befangen.

Ihre Spaziergaenge dehnten sich weiter aus, und wenn dabei Eduard mit Ottilien, die Pfade zu waehlen, die Wege zu bahnen, vorauseilte, so folgte der Hauptmann mit Charlotten in bedeutender Unterhaltung, Teilnehmend an manchem neuentdeckten Plaetzchen, an mancher unerwarteten Aussicht, geruhig der Spur jener rascheren Vorgaenger.

Eines Tages leitete sie ihr Spaziergang durch die Schlosspforte des rechten Fluegels hinunter nach dem Gasthofe, ueber die Bruecke gegen die Teiche zu, an denen sie hingingen, soweit man gewoehnlich das Wasser verfolgte, dessen Ufer sodann, von einem buschigen Huegel und witerhin von Felsen eingeschlossen, aufhoerte, gangbar zu sein. Aber Eduard, dem von seinen Jagdwanderungen her die Gegend bekannt war, drang mit Ottilien auf einem bewachsenen Pfade weiter vor, wohl wissend, dass die alte, zwischen Felsen versteckte Muehle nicht weit abliegen konnte.

Allein der wenig betretene Pfad verlor sich bald, und sie fanden sich im dichten Gebuesch zwischen moosigen Gestein verirrt, doch nicht lange; denn das Rauschen der Raeder verkuendigte ihnen sogleich die Naehe des gesuchten Ortes.

Auf eine Klippe vorwaerts tretend, sahen sie das alte, schwarze, wunderliche Holzgebaeude im Grunde vor sich, von steilen Felsen sowie von hohen Baeumen umschattet.

Sie entschlossen sich kurz und gut, ueber Moos und Felstruemmer hinabzusteigen, Eduard voran; und wenn er nun in die Hoehe sah und Ottilie leicht schreitend, ohne Furcht und aengstlichkeit, im schoensten Gleichgewicht von Stein zu Stein ihm folgte, glaubte er ein himmlisches Wesen zu sehen, das ueber ihm schwebte.

Und wenn sie nun manchmal an unsicherer Stelle seine ausgestreckte Hand ergriff, ja sich auf seine Schulter stuetzte, dann konnte er sich nicht verleugnen, dass es das zarteste weibliche Wesen sei, das ihn beruehrte.

Fast haette er gewuenscht, sie moechte straucheln, gleiten, dass er sie in seine Arme auffangen, sie an sein Herz druecken koennte.

Doch dies haette er unter keiner Bedingung getan, aus mehr als einer Ursache: er fuerchtete sie zu beleidigen, sie zu beschaedigen.

Wie dies gemeint sei, erfahren wir sogleich.

Denn als er nun herabgelangt, ihr unter den hohen Baeumen am laendlichen Tische gegenuebersass, die freundliche Muellerin nach Milch, der bewillkommende Mueller Charlotten und dem Hauptmann entgegen gesandt war, fing Eduard mit einigem Zaudern zu sprechen an: "ich habe eine Bitte, liebe Ottilie; verzeihen Sie mir die, wenn Sie mir sie auch versagen!

Sie machen kein Geheimnis daraus, und es braucht es auch nicht, dass Sie unter Ihrem Gewand, auf Ihrer Brust ein Miniaturbild tragen.

Es ist das Bild Ihres Vaters, des braven Mannes, den Sie kaum gekannt und der in jedem Sinne eine Stelle an Ihrem Herzen verdient.

Aber vergeben Sie mir: das Bild ist ungeschickt gross, und dieses Metall, dieses Glas macht mir tausend aengste, wenn Sie ein Kind in die Hoehe heben, etwas vor sich hintragen, wenn die Kutsche schwankt, wenn wir durchs Gebuesch dringen, eben jetzt, wie wir vom Felsen herabstiegen.

Mir ist die Moeglichkeit schrecklich, dass irgendein unvorgesehener Stoss, ein Fall, eine Beruehrung Ihnen schaedlich und verderblich sein koennte.

Tun Sie es mir zuliebe, entfernen Sie das Bild, nicht aus Ihrem Andenken, nicht aus Ihrem Zimmer; ja geben Sie ihm den schoensten, den heiligsten Ort Ihrer Wohnung; nur von Ihrer Brust entfernen Sie etwas, dessen Naehe mir, vielleicht aus uebertriebener aengstlichkeit, so gefaehrlich scheint!" Ottilie schwieg und hatte, waehrend er sprach, vor sich hingesehen; dann, ohne uebereilung und ohne Zaudern, mit einem Blick mehr gen Himmel als auf Eduard gewendet, loeste sie die Kette, zog das Bild hervor, drueckte es gegen ihre Stirn und reichte es dem Freunde hin mit den Worten: "heben Sie mir es auf, bis wir nach Hause kommen! Ich vermag Ihnen nicht besser zu bezeugen, wie sehr ich Ihre freundliche Sorgfalt zu schaetzen weiss".

Der Freund wagte nicht, das Bild an seine Lippen zu druecken, aber er fasste ihre Hand und drueckte sie an seine Augen.

Es waren vielleicht die zwei schoensten Haende, die sich jemals zusammenschlossen.

Ihm war, als wenn ihm ein Stein vom Herzen gefallen waere, als wenn sich eine Scheidewand zwischen ihm und Ottilien niedergelegt haette.

Vom Mueller gefuehrt, langten Charlotte und der Hauptmann auf einem bequemeren Pfade herunter.

Man begruesste sich, man erfreute und erquickte sich.

Zurueck wollte man denselben Weg nicht kehren, und Eduard schlug einen Felspfad auf der andern Seite des Baches vor, auf welchem die Teiche wieder zu Gesicht kamen, indem man ihn mit einiger Anstrengung zuruecklegte.

Nun durchstrich man abwechselndes Gehoelz und erblickte nach dem Lande zu mancherlei Doerfer, Flecken, Meiereien mit ihren gruenen und fruchtbaren Umgebungen; zunaechst ein Vorwerk, das an der Hoehe mitten im Holze gar vertraulich lag.

Am schoensten zeigte sich der groesste Reichtum der Gegend, vor—und rueckwaerts, auf der sanfterstiegenen Hoehe, von da man zu einem lustigen Waeldchen gelangte und beim Heraustreten aus demselben sich auf dem Felsen dem Schlosse gegenueber befand.

Wie froh waren sie, als sie daselbst gewissermassen unvermutet ankamen!

Sie hatten eine kleine Welt umgangen; sie standen auf dem Platze, wo das neue Gebaeude hinkommen sollte, und sahen wieder in die Fenster ihrer Wohnung.

Man stieg zur Mooshuette hinunter und sass zum erstenmal darin zu vieren.

Nichts war natuerlicher, als dass einstimmig der Wunsch ausgesprochen wurde, dieser heutige Weg, den sie langsam und nicht ohne Beschwerlichkeit gemacht, moechte dergestalt gefuehrt und eingerichtet werden, dass man ihn gesellig, schlendernd und mit Behaglichkeit zuruecklegen koennte.

Jedes tat Vorschlaege, und man berechnete, dass der Weg, zu welchem sie mehrere Stunden gebraucht hatten, wohlgebahnt in einer Stunde zum Schloss zurueckfuehren muesste.

Schon legte man in Gedanken unterhalb der Muehle, wo der Bach in die Teiche fliesst, eine wegverkuerzende und die Landschaft zierende Bruecke an, als Charlotte der erfindenden Einbildungskraft einigen Stillstand gebot, indem sie an die Kosten erinnerte, welche zu einem solchen Unternehmen erforderlich sein wuerden.

"Hier ist auch zu helfen", versetzte Eduard.

"Jenes Vorwerk im Walde, das so schoen zu liegen scheint und so wenig eintraegt, duerfen wir nur veraeussern und das daraus Geloeste zu diesen Anlagen verwenden, so geniessen wir vergnueglich auf einem unschaetzbaren Spaziergange die Interessen eines wohlangelegten Kapitals, da wir jetzt mit Missmut, bei letzter Berechnung am Schlusse des Jahrs, eine kuemmerliche Einnahme davon ziehen".

Charlotte selbst konnte als gute Haushaelterin nicht viel dagegen erinnern.

Die Sache war schon frueher zur Sprache gekommen.

Nun wollte der Hauptmann einen Plan zu Zerschlagung der Grundstuecke unter die Waldbauern machen; Eduard aber wollte kuerzer und bequemer verfahren wissen.

Der gegenwaertige Pachter, der schon Vorschlaege getan hatte, sollte es erhalten, terminweise zahlen, und so terminweise wollte man die planmaessigen Anlagen von Strecke zu Strecke vornehmen.

So eine vernuenftige, gemaessigte Einrichtung musste durchaus Beifall finden, und schon sah die ganze Gesellschaft im Geiste die neuen Wege sich schlaengeln, auf denen und in deren Naehe man noch die angenehmsten Ruhe—und Aussichtsplaetze zu entdecken hoffte.

Um sich alles mehr im einzelnen zu vergegenwaertigen, nahm man abends zu Hause sogleich die neue Karte vor.

Man uebersah den zurueckgelegten Weg und wie er vielleicht an einigen Stellen noch vorteilhafter zu fuehren waere.

Alle frueheren Vorsaetze wurden nochmals durchgesprochen und mit den neuesten Gedanken verbunden, der Platz des neuen Hauses gegen dem Schloss ueber nochmals gebilligt und der Kreislauf der Wege bis dahin abgeschlossen.

Ottilie hatte zu dem allen geschwiegen, als Eduard zuletzt den Plan, der bisher vor Charlotten gelegen, vor sie hinwandte und sie zugleich einlud, ihre Meinung zu sagen, und, als sie einen Augenblick anhielt, sie liebevoll ermunterte, doch ja nicht zu schweigen; alles sei ja noch gleichgueltig, alles noch im Werden.

"Ich wuerde", sagte Ottilie, indem sie den Finger auf die hoechste Flaeche der Anhoehe setzte, "das Haus hieher bauen.

Man saehe zwar das Schloss nicht, denn es wird von dem Waeldchen bedeckt; aber man befaende sich auch dafuer wie in einer andern und neuen Welt, indem zugleich das Dorf und alle Wohnungen verborgen waeren.

Die Aussicht auf die Teiche, nach der Muehle, auf die Hoehen, in die Gebirge, nach dem Lande zu ist ausserordentlich schoen; ich habe es im Vorbeigehen bemerkt".

"Sie hat recht!" rief Eduard.

"Wie konnte uns das nicht einfallen!

Nicht wahr, so ist es gemeint, Ottilie?"—er nahm einen Bleistift und strich ein laengliches Viereck recht stark und derb auf die Anhoehe.

Dem Hauptmann fuhr das durch die Seele, denn er sah einen sorgfaeltigen, reinlich gezeichneten Plan ungern auf diese Weise verunstaltet; doch fasste er sich nach einer leisen Missbilligung und ging auf den Gedanken ein.

"Ottilie hat recht", sagte er; "macht man nicht gern eine entfernte Spazierfahrt, um einen Kaffee zu trinken, einen Fisch zu geniessen, der uns zu Hause nicht so gut geschmeckt haette?

Wir verlangen Abwechselung und fremde Gegenstaende.

Das Schloss haben die Alten mit Vernunft hieher gebaut, denn es liegt geschuetzt vor den Winden und nah an allen taeglichen Beduerfnissen; ein Gebaeude hingegen, mehr zum geselligen Aufenthalt als zur Wohnung, wird sich dorthin recht wohl schicken und in der guten Jahrszeit die angenehmsten Stunden gewaehren".

Je mehr man die Sache durchsprach, desto guenstiger erschien sie, und Eduard konnte seinen Triumph nicht bergen, dass Ottilie den Gedanken gehabt.

Er war so stolz darauf, als ob die Erfindung sein gewesen waere.

Der Hauptmann untersuchte gleich am fruehsten Morgen den Platz, entwarf erst einen fluechtigen und, als die Gesellschaft an Ort und Stelle sich nochmals entschieden hatte, einen genauen Riss nebst Anschlag und allem Erforderlichen.

Es fehlte nicht an der noetigen Vorbereitung.

Jenes Geschaeft wegen Verkauf des Vorwerks ward auch sogleich wieder angegriffen.

Die Maenner fanden zusammen neuen Anlass zur Taetigkeit.

Der Hauptmann machte Eduarden bemerklich, dass es eine Artigkeit, ja wohl gar eine Schuldigkeit sei, Charlottens Geburtstag durch Legung des Grundsteins zu feiern.

Es bedurfte nicht viel, die alte Abneigung Eduards gegen solche Feste zu ueberwinden; denn es kam ihm schnell in den Sinn, Ottiliens Geburtstag, der spaeter fiel, gleichfalls recht feierlich zu begehen.

Charlotte, der die neuen Anlagen, und was deshalb geschehen sollte, bedeutend, ernstlich, ja fast bedenklich vorkamen, beschaeftigte sich damit, die Anschlaege, Zeit—und Geldeinteilungen nochmals fuer sich durchzugehen.

Man sah sich des Tages weniger, und mit desto mehr Verlangen suchte man sich des Abends auf.

Ottilie war indessen schon voellig Herrin des Haushaltes, und wie konnte es anders sein bei ihrem stillen und sichern Betragen.

Auch war ihre ganze Sinnesweise dem Hause und dem Haeuslichen mehr als der Welt, mehr als dem Leben im Freien zugewendet.

Eduard bemerkte bald, dass sie eigentlich nur aus Gefaelligkeit in die Gegend mitging, dass sie nur aus geselliger Pflicht abends laenger draussen verweilte, auch wohl manchmal einen Vorwand haeuslicher Taetigkeit suchte, um wieder hineinzugehen.

Sehr bald wusste er daher die gemeinschaftlichen Wanderungen so einzurichten, dass man vor Sonnenuntergang wieder zu Hause war, und fing an, was er lange unterlassen hatte, Gedichte vorzulesen, solche besonders, in deren Vortrag der Ausdruck einer reinen, doch leidenschaftlichen Liebe zu legen war.

Gewoehnlich sassen sie abends um einen kleinen Tisch auf hergebrachten Plaetzen: Charlotte auf dem Sofa, Ottilie auf einem Sessel gegen ihr ueber, und die Maenner nahmen die beiden andern Seiten ein.

Ottilie sass zu Eduarden zur Rechten, wohin er auch das Licht schob, wenn er las.

Alsdann auch sie traute ihren eigenen Augen mehr als fremden Lippen; und Eduard gleichfalls rueckte zu, um es ihr auf alle Weise bequem zu machen, ja er hielt oft laengere Pausen als noetig, damit er nur nicht eher umwendete, bis auch sie zu Ende der Seite gekommen.

Charlotte und der Hauptmann bemerkten es wohl und sahen manchmal einander laechelnd an; doch wurden beide von einem andern Zeichen ueberrascht, in welchem sich Ottiliens stille Neigung gelegentlich offenbarte.

An einem Abende, welcher der kleinen Gesellschaft durch einen laestigen Besuch zum Teil verloren gegangen, tat Eduard den Vorschlag, noch beisammen zu bleiben.

Er fuehlte sich aufgelegt, seine Floete vorzunehmen, welche lange nicht an die Tagesordnung gekommen war.

Charlotte suchte nach den Sonaten, die sie zusammen gewoehnlich auszufuehren pflegten, und da sie nicht zu finden waren, gestand Ottilie nach einigem Zaudern, dass sie solche mit auf ihr Zimmer genommen.

"Und Sie koennen, Sie wollen mich auf dem Fluegel begleiten?" rief Eduard, dem die Augen vor Freude glaenzten.

"Ich glaube wohl", versetzte Ottilie, "dass es gehen wird".

Sie brachte die Noten herbei und setzte sich ans Klavier.

Die Zuhoerenden waren aufmerksam und ueberrascht, wie vollkommen Ottilie das Musikstueck fuer sich selbst eingelernt hatte, aber noch mehr ueberrascht, wie sie es der Spielart Eduards anzupassen wusste.

’Anzupassen wusste’ ist nicht der rechte Ausdruck; denn wenn es von Charlottens Geschicklichkeit und freiem Willen abhing, ihrem bald zoegernden, bald voreilenden Gatten zuliebe hier anzuhalten, dort mitzugehen, so schien Ottilie, welche die Sonate von jenen enigemal spielen sie gehoert, nur in dem Sinne eingelernt zu haben, wie jener sie begleitete.

Sie hatte seine Maengel so zu den ihrigen gemacht, dass daraus wieder eine Art von lebendigem Ganzen entsprang, das sich zwar nicht taktgemaess bewegte, aber doch hoechst angenehm und gefaellig lautete.

Der Komponist selbst haette seine Freude daran gehabt, sein Werk auf eine so liebevolle Weise entstellt zu sehen.

Auch diesem wundersamen, unerwarteten Begegnis sahen der Hauptmann und Charlotte stillschweigend mit einer Empfindung zu, wie man oft kindische Handlungen betrachtet, die man wegen ihrer besorglichen Folgen gerade nicht billigt und doch nicht schelten kann, ja vielleicht beneiden muss.

Denn eigentlich war die Neigung dieser beiden ebensogut im Wachsen als jene, und vielleicht nur noch gefaehrlicher dadurch, dass beide ernster, sicherer von sich selbst, sich zu halten faehiger waren.

Schon fing der Hauptmann an zu fuehlen, dass eine unwiderstehliche Gewohnheit ihn an Charlotten zu fesseln drohte.

Er gewann es ueber sich, den Stunden auszuweichen, in denen Charlotte nach der Anlagen zu kommen pflegte, indem er schon am fruehsten Morgen aufstand, alles anordnete und sich dann zur Arbeit auf seinen Fluegel ins Schloss zurueckzog.

Die ersten Tage hielt es Charlotte fuer zufaellig; sie suchte ihn an allen wahrscheinlichen Stellen; dann glaubte sie ihn zu verstehen und achtete ihn nur um desto mehr.

Vermied nun der Hauptmann, mit Charlotten allein zu sein, so war er desto emsiger, zur glaenzenden Feier des herannahenden Geburtsfestes die Anlagen zu betreiben und zu beschleunigen; denn indem er von unten hinauf, hinter dem Dorfe her, den bequemen Weg fuehrte, so liess er, vorgeblich um Steine zu brechen, auch von oben herunter arbeiten und hatte alles so eingerichtet und berechnet, dass erst in der letzten Nacht die beiden Teile des Weges sich begegnen sollten.

Zum neuen Hause oben war auch schon der Keller mehr gebrochen als gegraben und ein schoener Grundstein mit Faechern und Deckplatten zugehauen.

Die aeussere Taetigkeit, diese kleinen, freundlichen, geheimnisvollen Absichten bei innern, mehr oder weniger zurueckgedraengten Empfindungen liessen die Unterhaltung der Gesellschaft, wenn sie beisammen war, nicht lebhaft werden, dergestalt dass Eduard, der etwas Lueckenhaftes empfand, den Hauptmann eines Abends aufrief, seine Violine hervorzunehmen und Charlotten bei dem Klavier zu begleiten.

Der Hauptmann konnte dem allgemeinen Verlangen nicht widerstehen, und so fuehrten beide mit Empfindung, Behagen und Freiheit eins der schwersten Musikstuecke zusammen auf, dass es ihnen und dem zuhoerenden Paar zum groessten Vergnuegen gereichte.

Man versprach sich oeftere Wiederholung und mehrere Zusammenuebung.

"Sie machen es besser als wir, Ottilie!" sagte Eduard.

"Wir wollen sie bewundern, aber uns doch zusammen freuen".

Der Geburtstag war herbeigekommen und alles fertig geworden: die ganze Mauer, die den Dorfweg gegen das Wasser zu einfasste und erhoehte, ebenso der Weg an der Kirche vorbei, wo er eine Zeitlang in dem von Charlotten angelegten Pfade fortlief, sich dann die Felsen hinaufwaerts schlang, die Mooshuette links ueber sich, dann nach einer voelligen Wendung links unter sich liess und so allmaehlich auf die Hoehe gelangte.

Es hatte sich diesen Tag viel Gesellschaft eingefunden.

Man ging zur Kirche, wo man die Gemeinde im festlichen Schmuck versammelt antraf.

Nach dem Gottesdienste zogen die Knaben, Juenglinge und Maenner, wie es angeordnet war, voraus; dann kam die Herrschaft mit ihrem Besuch und Gefolge; Maedchen, Jungfrauen und Frauen machten den Beschluss.

Bei der Wendung des Weges war ein erhoehter Felsenplatz eingerichtet; dort liess der Hauptmann Charlotten und die Gaeste ausruhen.

Hier uebersahen sie den ganzen Weg, die hinaufgeschrittene Maennrschar, die nachwandelnden Frauen, welche nun vorbeizogen.

Es war bei dem herrlichen Wetter ein wunderschoener Anblick.

Charlotte fuehlte sich ueberrascht, geruehrt und drueckte dem Hauptmann herzlich die Hand.

Man folgte der sachte fortschreitenden Menge, die nun schon einen Kreis um den kuenftigen Hausraum gebildet hatte.

Der Bauherr, die Seinigen und die vornehmsten Gaeste wurden eingeladen, in die Tiefe hinabzusteigen, wo der Grundstein, an einer Seite unterstuetzt, eben zum Niederlassen bereit lag.

Ein wohlgeputzter Maurer, die Kelle in der einen, den Hammer in der andern Hand, hielt in Reimen eine anmutige Rede, die wir in Prosa nur unvollkommen wiedergeben koennen.

"Drei Dinge", fing er an, "sind bei einem Gebaeude zu beachten: dass es am rechten Fleck stehe, dass es wohl gegruendet, dass es vollkommen ausgefuehrt sei.

Das erste ist eigentlich die Sache des Bauherrn; denn wie in der Stadt nur der Fuerst und die Gemeine bestimmen koennen, wohin gebaut werden soll, so ist es auf dem Lande das Vorrecht des Grundherrn, dass er sage: hier soll meine Wohnung stehen und nirgends anders".

Eduard und Ottilie wagten nicht, bei diesen Worten einander anzusehen, ob sie gleich nahe gegen einander ueber standen.

"Das dritte, die Vollendung, ist die Sorge gar vieler Gewerke; ja wenige sind, die nicht dabei beschaeftigt waeren.

Aber das zweite, die Gruendung, ist des Maurers Angelengenheit und, dass wir es nur heraussagen, die Hauptangelegenheit des ganzen Unternehmens.

Es ist ein ernstes Geschaeft, und unsre Einladung ist ernsthaft; denn diese Feierlichkeit wird in der Tiefe begangen.

Hier innerhalb dieses engen, ausgegrabenen Raums erweisen Sie uns die Ehre, als Zeugen unseres geheimnisvollen Geschaeftes zu erscheinen.

Gleich werden wir diesen wohlzugehauenen Stein niederlegen, und bald werden diese mit schoenen und wuerdigen Personen gezierten Erdwaende nicht mehr zugaenglich, sie werden ausgefuellt sein.

Diesen Grundstein, der mit seiner Ecke die rechte Ecke des Gebaeudes, mit seiner Rechtwinkligkeit die Regelmaessigkeit desselben, mit seiner wasser—und senkrechten Lage Lot und Waage aller Mauern und Waende bezeichnet, koennten wir ohne weiteres niederlegen; denn er ruhte wohl auf seiner eignen Schwere.

Aber auch hier soll es am Kalk, am Bindungsmittel nicht fehlen; denn so wie Menschen, die einander von Natur geneigt sind, noch besser zusammenhalten, wenn das Gesetz sie verkittet, so werden auch Steine, deren Form schon zusammenpasst, noch besser durch diese bindenden Kraefte vereinigt; und da es sich nicht ziemen will, unter den Taetigen muessig zu sein, so werden Sie nicht verschmaehen, auch hier Mitarbeiter zu werden".

Er ueberreichte hierauf seine Kelle Charlotten, welche damit Kalk unter den Stein warf.

Mehreren wurde ein Gleiches zu tun angesonnen und der Stein alsobald niedergesenkt, worauf denn Charlotten und den uebrigen sogleich der Hammer gereicht wurde, um durch ein dreimaliges Pochen die Verbindung des Steins mit dem Grunde ausdruecklich zu segnen.

"Des Maurers Arbeit", fuhr der Redner fort, "zwar jetzt unter freiem Himmel, geschieht, wo nicht immer im Verborgnen, doch zum Verborgnen.

Der regelmaessig aufgefuehrte Grund wird verschuettet, und sogar bei den Mauern, die wir am Tage auffuehren, ist man unser am Ende kaum eingedenk.

Die Arbeiten des Steinmetzen und Bildhauers fallen mehr in die Augen, und wir muessen es sogar noch gutheissen, wenn der Tuencher die Spur unserer Haende voellig ausloescht und sich unser Werk zueignet, indem er es ueberzieht, glaettet und faerbt.

Wem muss also mehr daran gelegen sein, das, was er tut, sich selbst recht zu machen, indem er es recht macht, als dem Maurer?

Wer hat mehr als er das Selbstbewusstsein zu naehren Ursach?

Wenn das Haus aufgefuehrt, der Boden geplattet und gepflastert, die Aussenseite mit Zieraten ueberdeckt ist, so sieht er durch alle Huellen immer noch hinein und erkennt noch jene regelmaessigen, sorgfaeltigen Fugen, denen das Ganze sein Dasein und seinen Halt zu danken hat.

Aber wie jeder, der eine uebeltat begangen, fuerchten muss, dass, ungeachtet alles Abwehrens, sie dennoch ans Licht kommen werde, so muss derjenige erwarten, der insgeheim das Gute getan, dass auch dieses wider seinen Willen an den Tag komme.

Deswegen machen wir diesen Grundstein zugleich zum Denkstein. Hier in diese unterschiedlichen gehauenen Vertiefungen soll verschiedenes eingesenkt werden zum Zeugnis fuer eine entfernte Nachwelt.

Diese metallnen zugeloeteten Koecher enthalten schriftliche Nachrichten; auf diese Metallplatten ist allerlei Merkwuerdiges eingegraben; in diesen schoenen glaesernen Flaschen versenken wir den besten Wein, mit Bezeichnung seines Geburtsjahrs; es fehlt nicht an Muenzen verschiedener Art, in diesem Jahre gepraegt: alles dieses erhielten wir durch die Freigebigkeit unseres Bauherrn.

Auch ist hier noch mancher Platz, wenn irgendein Gast und Zuschauer etwas der Nachwelt zu uebergeben Belieben truege".

Nach einer kleinen Pause sah der Geselle sich um; aber wie es in solchen Faellen zu gehen pflegt: niemand war vorbereitet, jedermann ueberrascht, bis endlich ein junger, munterer Offizier anfing und sagte: "wenn ich etwas beitragen soll, das in dieser Schatzkammer noch nicht niedergelegt ist, so muss ich ein paar Knoepfe von der Uniform schneiden, die doch wohl auch verdienen, auf die Nachwelt zu kommen".

Gesagt, getan!

Und nun hatte mancher einen aehnlichen Einfall.

Die Frauenzimmer saeumten nicht, von ihren kleinen Haarkaemmen hineinzulegen; Riechenflaeschchen und andre Zierden wurden nicht geschont; nur Ottilie zauderte, bis Eduard sie durch ein freundliches Wort aus der Betrachtung aller der beigesteuerten und eingelegten Dinge herausriss.

Sie loeste darauf die goldne Kette vom Halse, an der das Bild ihres Vaters gehangen hatte, und legte sie mit leiser Hand ueber die anderen Kleinode hin, worauf Eduard mit einiger Hast veranstaltete, dass der wohlgefugte Deckel sogleich aufgestuerzt und eingekittet wurde.

Der junge Gesell, der sich dabei am taetigsten erwiesen, nahm seine Rednermiene wieder an und fuhr fort: "wir gruenden diesen Stein fuer ewig, zur Sicherung des laengsten Genusses der gegenwaertigen und kuenftigen Besitzer dieses Hauses.

Allein indem wir hier gleichsam einen Schatz vergraben, so denken wir zugleich, bei dem gruendlichsten aller Geschaefte, an die Vergaenglichkeit der menschlichen Dinge; wir denken uns eine Moeglichkeit, dass dieser festversiegelte Deckel wieder aufgehoben werden koenne, welches nicht anders geschehen duerfte, als wenn das alles wieder zerstoert waere, was wir noch nicht einmal aufgefuehrt haben.

Aber eben, damit dieses aufgefuehrt werde: zurueck mit den Gedanken aus der Zukunft, zurueck ins Gegenwaertige!

Lasst und nach begangenem heutigem Feste unsre Arbeit sogleich foerdern, damit keiner von den Gewerken, die auf unserm Grunde fortarbeiten, zu feiern brauche, dass der Bau eilig in die Hoehe steige und vollendet werde und aus den Fenstern, die noch nicht sind, der Hausherr mit den Seinigen und seinen Gaesten sich froehlich in der Gegend umschaue, deren aller sowie saemtlicher Anwesenden Gesundheit hiermit getrunken sei!"

Und so leerte er ein wohlgeschliffenes Kelchglas auf einen Zug aus und warf es in die Luft; denn es bezeichnet das uebermass einer Freude, das Gefaess zu zerstoeren, dessen man sich in der Froehlichkeit bedient.

Aber diesmal ereignete es sich anders: das Glas kam nicht wieder auf den Boden, und zwar ohne Wunder.

Man hatte naemlich, um mit dem Bau vorwaertszukommen, bereits an der entgegengesetzten Ecke den Grund voellig herausgeschlagen, ja schon angefangen, die Mauern aufzufuehren, und zu dem Endzweck das Geruest erbaut, so hoch, als es ueberhaupt noetig war.

Dass man es besonders zu dieser Feierlichkeit mit Brettern belegt und eine Menge Zuschauer hinaufgelassen hatte, war zum Vorteil der Arbeitsleute geschehen.

Dort hinauf flog das Glas und wurde von einem aufgefangen, der diesen Zufall als ein glueckliches Zeichen fuer sich ansah.

Er wies es zuletzt herum, ohne es aus der Hand zu lassen, und man sah darauf die Buchstaben E und O in sehr zierlicher Verschlingung eingeschnitten: es war eins der Glaeser, die fuer Eduarden in seiner Jugend verfertigt worden.

Die Gerueste standen wieder leer, und die leichtesten unter den Gaesten stiegen hinauf, sich umzusehen, und konnten die schoene Aussicht nach allen Seiten nicht genugsam ruehmen; denn was entdeckt der nicht alles, der auf einem hohen Punkte nur um ein Geschoss hoeher steht! Nach dem Innern des Landes zu kamen mehrere neue Doerfer zum Vorschein, den silbernen Streifen des Flusses erblickte man deutlich, ja selbst die Tuerme der Hauptstadt wollte einer gewahr werden.

An der Rueckseite, hinter den waldigen Huegeln, erhoben sich die blauen Gipfel eines fernen Gebirges, und die naechste Gegend uebersah man im ganzen.

"Nun sollten nur noch", rief einer, "die drei Teiche zu einem See vereinigt werden; dann haette der Anblick alles, was gross und wuenschenswert ist".

"Das liesse sich wohl machen", sagte der Hauptmann; "denn sie bildeten schon vorzeiten einen Bergsee".

"Nur bitte ich, meine Platanen—und Pappelgruppe zu schonen", sagte Eduard, "die so schoen am mittelsten Teiche steht".

"Sehen Sie",—wandte er sich zu Ottilien, die er einige Schritte vorfuehrte, indem er hinabwies—"diese Baeume habe ich selbst gepflanzt".

"Wie lange stehen sie wohl schon?" fragte Ottilie.

"Etwa so lange", versetzte Eduard, "als Sie auf der Welt sind.

Ja, liebes Kind, ich pflanzte schon, da Sie noch in der Wiege lagen".

Die Gesellschaft begab sich wieder in das Schloss zurueck.

Nach aufgehobener Tafel wurde sie zu einem Spaziergang durch das Dorf eingeladen, um auch hier die neuen Anstalten in Augenschein zu nehmen.

Dort hatten sich auf des Hauptmanns Veranlassung die Bewohner vor ihren Haeusern versammelt; sie standen nicht in Reihen, sondern familienweise natuerlich gruppiert, teils, wie es der Abend forderte, beschaeftigt, teils auf neuen Baenken ausruhend.

Es ward ihnen angenehmen Pflicht gemacht, wenigstens jeden Sonntag und Festtag diese Reinlichkeit, diese Ordnung zu erneuern.

Eine innere Geselligkeit mit Neigung, wie sie sich unter unseren Freunden erzeugt hatte, wird durch eine groessere Gesellschaft immer nur unangenehm unterbrochen.

Alle vier waren zufrieden, sich wieder im grossen Saale allein zu finden; doch ward dieses haeusliche Gefuehl einigermassen gestoert, indem ein Brief, der Eduarden ueberreicht wurde, neue Gaeste auf morgen ankuendigte.

"Wie wir vermuteten", rief Eduard Charlotten zu; "der Graf wird nicht ausbleiben, er kommt morgen".

"Da ist also auch die Baronesse nicht weit", versetzte Charlotte.

"Gewiss nicht!" antwortete Eduard;" sie wird auch morgen von ihrer Seite anlangen.

Sie bitten um ein Nachtquartier und wollen uebermorgen zusammen wieder fortreisen".

"Da muessen wir unsere Anstalten beizeiten machen, Ottilie! " sagte Charlotte.

"Wie befehlen Sie die Einrichtung?" fragte Ottilie.

Charlotte gab es im allgemeinen an, und Ottilie entfernte sich.

Der Hauptmann erkundigte sich nach dem Verhaeltnis dieser beiden Personen, das er nur im allgemeinsten kannte.

Sie hatten frueher, beide schon anderwaerts verheiratet, sich leidenschaftlich liebgewonnen.

Eine doppelte Ehe war nicht ohne Aufsehn gestoert; man dachte an Scheidung.

Bei der Baronesse war sie moeglich geworden, bei dem Grafen nicht.

Sie mussten sich zum Scheine trennen, allein ihr Verhaeltnis blieb; und wenn sie Winters in der Residenz nicht zusammen sein konnten, so entschaedigten sie sich Sommers auf Lustreisen und in Baedern.

Sie waren beide um etwas aelter als Eduard und Charlotte und saemtlich genaue Freunde aus frueher Hofzeit her.

Man hatte immer ein gutes Verhaeltnis erhalten, ob man gleich nicht alles an seinen Freunden billigte.

Nur diesmal war Charlotten ihre Ankunft gewissermassen ganz ungelegen, und wenn sie die Ursache genau untersucht haette: es war eigentlich um Ottiliens willen.

Das gute, reine Kind sollte ein solches Beispiel so frueh nicht gewahr werden.

"Sie haetten wohl noch ein paar Tage wegbleiben koennen", sagte Eduard, als eben Ottilie wieder hereintrat, "bis wir den Vorwerksverkauf in Ordnung gebracht.

Der Aufsatz ist fertig, die eine Abschrift habe ich hier; nun fehlt es aber an der zweiten, und unser alter Kanzellist ist recht krank".

Der Hauptmann bot sich an, auch Charlotte; dagegen waren einige Einwendungen zu machen.

"Geben Sie mirs nur!" rief Ottilie mit einiger Hast.

"Du wirst nicht damit fertig", sagte Charlotte.

"Freilich muesste ich es uebermorgen frueh haben, und es ist viel", sagte Eduard.

"Es soll fertig sein", rief Ottilie und hatte das Blatt schon in den Haenden.

Des andern Morgens, als sie sich aus dem obern Stock nach den Gaesten umsahen, denen sie entgegenzugehen nicht verfehlen wollten, sagte Eduard: "wer reitet denn so langsam dort die Strasse her?" Der Hauptmann beschrieb die Figur des Reiters genauer.

"So ist ers doch", sagte Eduard; "denn das Einzelne, das du besser siehst als ich, passt sehr gut zu dem Ganzen, das ich recht wohl sehe.

Es ist Mittler.

Wie kommt er aber dazu, langsam und so langsam zu reiten?" Die Figur kam naeher, und Mittler war es wirklich.

Man empfing ihn freundlich, als er langsam die Treppe heraufstieg.

"Warum sind Sie nicht gestern gekommen?" rief ihm Eduard entgegen.

"Laute Feste lieb ich nicht", versetzte jener.

"Heute komm ich aber, den Geburtstag meiner Freundin mit euch im stillen nachzufeiern".

"Wie koennen Sie denn soviel Zeit gewinnen?" fragte Eduard scherzend.

"Meinen Besuch, wenn er euch etwas wert ist, seid ihr einer Betrachtung schuldig, die ich gestern gemacht habe.

Ich freute mich recht herzlich den halben Tag in einem Hause, wo ich Frieden gestiftet hatte, und dann hoerte ich, dass hier Geburtstag gefeiert werde.

’Das kann man doch am Ende selbstisch nennen,’ dachte ich bei mir, ’dass du dich nur mit denen freuen willst, die du zum Frieden bewogen hast.

Warum freust du dich nicht auch einmal mit Freunden, die Frieden halten und hegen?’

Gesagt, getan!

Hier bin ich, wie ich mir vorgenommen hatte".

"Gestern haetten Sie grosse Gesellschaft gefunden, heute finden Sie nur kleine", sagte Charlotte.

"Sie finden den Grafen und die Baronesse, die Ihnen auch schon zu schaffen gemacht haben".

Aus der Mitte der vier Hausgenossen, die den seltsamen, willkommenen Mann umgeben hatten, fuhr er mit verdriesslicher Lebhaftigkeit heraus, indem er sogleich nach Hut und Reitgerte suchte: "schwebt doch immer ein Unstern ueber mir, sobald ich einmal ruhen und mir wohltun will!

Aber warum gehe ich aus meinem Charakter heraus!

Ich haette nicht kommen sollen, und nun werd ich vertrieben.

Denn mit jenen will ich nicht unter einem Dache bleiben; und nehmt euch in acht: sie bringen nichts als Unheil!

Ihr Wesen ist wie ein Sauerteig, der seine Ansteckung fortpflanzt".

Man suchte ihn zu beguetigen, aber vergebens.

"Wer mir den Ehstand angreift", rief er aus, "wer mir durch Wort, ja durch Tat diesen Grund aller sittlichen Gesellschaft untergraebt, der hat es mit mir zu tun; oder wenn ich sein nicht Herr werden kann, habe ich nichts mit ihm zu tun.

Die Ehe ist der Anfang und der Gipfel aller Kultur.

Sie macht den Rohen mild, und der Gebildetste hat keine bessere Gelegenheit, seine Milde zu beweisen.

Unaufloeslich muss sie sein; denn sie bringt so vieles Glueck, dass alles einzelne Unglueck dagegen gar nicht zu rechnen ist.

Und was will man von Unglueck reden?

Ungeduld ist es, die den Menschen von Zeit zu Zeit anfaellt, und dann beliebt er sich ungluecklich zu finden.

Lasse man den Augenblick voruebergehen, und man wird sich gluecklich preisen, dass ein so lange Bestandenes noch besteht.

Sich zu trennen gibts gar keinen hinlaenglichen Grund.

Der menschliche Zustand ist so hoch in Leiden und Freuden gesetzt, dass gar nicht berechnet werden kann, was ein Paar Gatten einander schuldig werden.

Es ist eine unendliche Schuld, die nur durch die Ewigkeit abgetragen werden kann.

Unbequem mag es manchmal sein, das glaub ich wohl, und das ist eben recht.

Sind wir nicht auch mit dem Gewissen verheiratet, das wir oft gerne los sein moechten, weil es unbequemer ist, als uns je ein Mann oder eine Frau werden koennte?" so sprach er lebhaft und haette wohl noch lange fortgesprochen, wenn nicht blasende Postillons die Ankunft der Herrschaften verkuendig haetten, welche wie abgemessen von beiden Seiten zu gleicher Zeit in den Schlosshof hereinfuhren.

Als ihnen die Hausgenossen entgegeneilten, versteckte sich Mittler, liess sich das Pferd an den Gasthof bringen und ritt verdriesslich davon.

Die Gaeste waren bewillkommt und eingefuehrt; sie freuten sich, das Haus, die Zimmer wieder zu betreten, wo sie frueher so manchen guten Tag erlebt und die sie eine lange Zeit nicht gesehn hatten.

Hoechst angenehm war auch den Freunden ihre Gegenwart.

Den Grafen sowie die Baronesse konnte man unter jene hohen, schoenen Gestalten zaehlen, die man in einem mittlern Alter fast lieber als in der Jugend sieht; denn wenn ihnen auch etwas von der ersten Bluete abgehn moechte, so erregen sie doch nun mit der Neigung ein entschiedenes Zutrauen.

Auch dieses Paar zeigte sich hoechst bequem in der Gegenwart.

Ihre freie Weise, die Zustaende des Lebens zu nehmen und zu behandeln, ihre Heiterkeit und scheinbare Unbefangenheit teilte sich sogleich mit, und ein hoher Anstand begrenzte das Ganze, ohne dass man irgendeinen Zwang bemerkt haette.

Diese Wirkung liess sich augenblicks in der Gesellschaft empfinden.

Die Neueintretenden, welche unmittelbar aus der Welt kamen, wie man sogar an ihren Kleidern, Geraetschaften und allen Umgebungen sehen konnte, machten gewissermassen mit unsern Freunden, ihrem laendlichen und heimlich leidenschaftlichen Zustande eine Art von Gegensatz, der sich jedoch sehr bald verlor, indem alte Erinnerungen und gegenwaertige Teilnahme sich vermischten und ein schnelles, lebhaftes Gespraech alle geschwind zusammenverband.

Es waehrte indessen nicht lange, als schon eine Sonderung vorging.

Die Frauen zogen sich auf ihren Fluegel zurueck und fanden daselbst, indem sie sich mancherlei vertrauten und zugleich die neuesten Formen und Zuschnitte von Fruehkleidern, Hueten und derglichen zu mustern anfingen, genugsame Unterhaltung, waehrend die Maenner sich um die neuen Reisewagen, mit vorgefuehrten Pferden, beschaeftigten und gleich zu handeln und zu tauschen anfingen.

Erst zu Tische kam man wieder zusammen.

Die Umkleidung war geschehen, und auch hier zeigte sich das angekommene Paar zu seinem Vorteile.

Alles, was sie an sich trugen, war neu und gleichsam ungesehen und doch schon durch den Gebrauch zur Gewohnheit und Bequemlichkeit eingeweiht.

Das Gespraech war lebhaft und abwechselnd, wie denn in Gegenwart solcher Personen alles und nichts zu interessieren scheint.

Man bediente sich der franzoesischen Sprache, um die Aufwartenden von dem Mitverstaendnis auszuschliessen, und schweifte mit mutwilligem Behagen ueber hohe und mittlere Weltverhaeltnisse hin.

Auf einem einzigen Punkt blieb die Unterhaltung laenger als billig haften, indem Charlotte nach einer Jugendfreundin sich erkundigte und mit einiger Befremdung vernahm, dass sie ehstens geschieden werden sollte.

"Es ist unerfreulich", sagte Charlotte, "wenn man seine abwesenden Freunde irgend einmal geborgen, eine Freundin, die man liebt, versorgt glaubt; eh man sichs versieht, muss man wieder hoeren, dass ihr Schicksal im Schwanken ist, und dass sie erst wieder neue und vielleicht abermals unsichre Pfade des Lebens betreten soll".

"Eigentlich, meine Beste", versetzte der Graf, "sind wir selbst schuld, wenn wir auf solche Weise ueberrascht werden.

Wir moegen uns die irdischen Dinge und besonders auch die ehlichen Verbindungen gern so recht dauerhaft vorstellen, und was den letzten Punkt betrifft, so verfuehren uns die Lustspiele, die wir immer wiederholen sehen, zu solchen Einbildungen, die mit dem Gange der Welt nicht zusammentreffen.

In der Komoedie sehen wir eine Heirat als das letzte Ziel eines durch die Hindernisse mehrerer Akte verschobenen Wunsches, und im Augenblick, da er erreicht ist, faellt der Vorhang, und die momentane Befriedigung klingt bei uns nach.

In der Welt ist es anders; da wird hinten immer fortgespielt, und wenn der Vorhang wieder aufgeht, mag man gern nichts weiter davon sehen noch hoeren".

"Es muss doch so schlimm nicht sein", sagte Charlotte laechelnd, "da man sieht, dass auch Personen, die von diesem Theater abgetreten sind, wohl gern darauf wieder eine Rolle spielen moegen".

"Dagegen ist nichts einzuwenden", sagte der Graf.

"Eine neue Rolle mag man gern wieder uebernehmen, und wenn man die Welt kennt, so sieht man wohl: auch bei dem Ehestande ist es nur diese entschiedene, ewige Dauer zwischen soviel Beweglichem in der Welt, die etwas Ungeschicktes an sich traegt.

Einer von meinen Freunden, dessen gute Laune sich meist in Vorschlaegen zu neuen Gesetzen hervortat, behauptet: eine jede Ehe solle nur auf fuenf Jahre geschlossen werden.

Es sei, sagte er, dies eine schoene, ungrade, heilige Zahl und ein solcher Zeitraum eben hinreichend, um sich kennenzulernen, einige Kinder heranzubringen, sich zu entzweien und, was das Schoenste sei, sich wieder zu versoehnen.

Gewoehnlich rief er aus: ’ wie gluecklich wuerde die erste Zeit verstreichen!

Zwei, drei Jahre wenigstens gingen vergnueglich hin.

Dann wuerde doch wohl dem einen Teil daran gelegen sein, das Verhaeltnis laenger dauern zu sehen, die Gefaelligkeit wuerde wachsen, je mehr man sich dem Termin der Aufkuendigung naeherte.

Der gleichgueltige, ja selbst der unzufriedene Teil wuerde durch ein solches Betragen beguetigt und eingenommen.

Man vergaesse, wie man in guter Gesellschaft die Stunden vergisst, dass die Zeit verfliesse, und faende sich aufs angenehmste ueberrascht, wenn man nach verlaufenem Termin erst bemerkte, dass er schon stillschweigend verlaengert sei".

So artig und lustig dies klang und so gut man, wie Charlotte wohl empfand, diesem Scherz eine tiefe moralische Deutung geben konnte, so waren ihr dergleichen aeusserungen, besonders um Ottiliens willen, nicht angenehm.

Sie wusste recht gut, dass nichts gefaehrlicher sei als ein allzufreies Gespraech, das einen strafbaren oder halbstrafbaren Zustand als einen gewoehnlichen, gemeinen, ja loeblichen bahandelt; und dahin gehoert doch gewiss alles, was die eheliche Verbindung antastet.

Sie suchte daher nach ihrer gewandten Weise das Gespraech abzulenken; da sie es nicht vermochte, tat es ihr leid, dass Ottilie alles so gut eingerichtet hatte, um nicht aufstehen zu duerfen.

Das ruhig aufmerksame Kind verstand sich mit dem Haushofmeister durch Blick und Wink, dass alles auf das trefflichste geriet, obgleich ein paar neue, ungeschickte Bedienten in der livree staken.

Und so fuhr der Graf, Charlottens Ablenken nicht empfindend, ueber diesen Gegenstand sich zu aeussern fort.

Ihm, der sonst nicht gewohnt war, im Gespraech irgend laestig zu sein, lastete diese Sache zu sehr auf dem Herzen, und die Schwierigkeiten, sich von seiner Gemahlin getrennt zu sehen, machten ihn bitter gegen alles, was eheliche Verbindung betraf, die er doch selbst mit der Baronesse so eifrig wuenschte.

"Jener Freund", so fuhr er fort, "tat noch einen andern Gesetzvorschlag: eine Ehe sollte nur alsdann fuer unaufloeslich gehalten werden, wenn entweder beide Teile oder wenigstens der eine Teil zum drittenmal verheiratet waere.

Denn was eine solche Person betreffe, so bekenne sie unwidersprechlich, dass sie die Ehe fuer etwas Unentbehrliches halte.

Nun sei auch schon bekannt geworden, wie sie sich in ihren fruehern Verbindungen betragen, ob sie Eigenheiten habe, die oft mehr zur Trennung Anlass geben als ueble Eigenschaften.

Man habe sich also wechselseitig zu erkundigen; man habe ebensogut auf Verheiratete wie auf Unverheiratete achtzugeben, weil man nicht wisse, wie die Faelle kommen koennen".

"Das wuerde freilich das Interesse der Gesellschaft sehr vermehren", sagte Eduard; "denn in der Tat jetzt, wenn wir verheiratet sind, fragt niemand weiter mehr nach unsern Tugenden noch unsern Maengeln".

"Bei einer solchen Einrichtung", fiel die Baronesse laechelnd ein, "haetten unsere lieben Wirte schon zwei Stufen gluecklich ueberstiegen und koennten sich zu der dritten vorbereiten".

"Ihnen ists wohl geraten", sagte der Graf; "hier hat der Tod willig getan, was die Konsistorien sonst nur ungern zu tun pflegen". "Lassen wir die Toten ruhen", versetzte Charlotte mit einem halb ernsten Blicke.

"Warum?" versetzte der Graf, "da man ihrer in Ehren gedenken kann.

Sie waren bescheiden genug, sich mit einigen Jahren zu begnuegen fuer mannigfaltiges Gute, das sie zurueckliessen".

"Wenn nur nicht gerade", sagte die Baronesse mit einem verhaltenen Seufzer, "in solchen Faellen das Opfer der besten Jahre gebracht werden muesste!" "Jawohl", versetzte der Graf, "man muesste darueber verzweifeln, wenn nicht ueberhaupt in der Welt so weniges eine gehoffte Folge zeigte.

Kinder halten nicht, was sie versprechen, junge Leute sehr selten, und wenn sie Wort halten, haelt es ihnen die Welt nicht".

Charlotte, welche froh war, dass das Gespraech sich wendete, versetzte heiter:" nun!

Wir muessen uns ja ohnehin bald genug gewoehnen, das Gute stueck—und teilweise zu geniessen".

"Gewiss", versetzte der Graf, "Sie haben beide sehr schoener Zeiten genossen.

Wenn ich mir die Jahre zurueckerinnere, da Sie und Eduard das schoenste Paar bei Hof waren; weder von so glaenzenden Zeiten noch von so hervorleuchtenden Gestalten ist jetzt die Rede mehr.

Wenn Sie beide zusammen tanzten, aller Augen waren auf Sie gerichtet, und wie umworben beide, indem Sie sich nur ineinander bespiegelten!" "Da sich so manches veraendert hat", sagte Charlotte, "koennen wir wohl soviel Schoenes mit Bescheidenheit anhoeren".

"Eduarden habe ich doch oft im stillen getadelt", sagte der Graf, "dass er nicht beharrlicher war; denn am Ende haetten seine wunderlichen Eltern wohl nachgegeben; und zehn fruehe Jahre gewinnen ist keine Kleinigkeit".

"Ich muss mich seiner anehmen", fiel die Baronesse ein.

"Charlotte war nicht ganz ohne Schuld, nicht ganz rein von allem Umhersehen, und ob sie gleich Eduarden von Herzen liebte und sich ihn auch heimlich zum Gatten bestimmte, so war ich doch Zeuge, wie sehr sie ihn manchmal quaelte, sodass man ihn leicht zu dem ungluecklichen Entschluss draengen konnte, zu reisen, sich zu entfernen, sich von ihr zu entwoehnen".

Eduard nickte der Baronesse zu und schien dankbar fuer ihre Fuersprache.

"Und dann muss ich eins", fuhr sie fort, "zu Charlottens Entschuldigung beifuegen: der Mann, der zu jener Zeit um sie warb, hatte sich schon lange durch Neigung zu ihr ausgezeichnet und war, wenn man ihn naeher kannte, gewiss liebenswuerdiger, als ihr andern gern zugestehen moegt".

"Liebe Freundin", versetzte der Graf etwas lebhaft, "bekennen wir nur, dass er Ihnen nicht ganz gleichgueltig war, und dass Charlotte von Ihnen mehr zu befuerchten hatte als von einer andern.

Ich finde das einen sehr huebschen Zug an den Frauen, dass sie ihre Anhaenglichkeit an irgendeinen Mann solange noch fortsetzen, ja durch keine Art von Trennung stoeren oder aufheben lassen".

"Diese gute Eigenschaft besitzen vielleicht die Maenner noch mehr", versetzte die Baronesse; "wenigstens an Ihnen lieber Graf, habe ich bemerkt, dass niemand mehr Gewalt ueber Sie hat als ein Frauenzimmer, dem Sie frueher geneigt waren.

So habe ich gesehen, dass Sie auf die Fuersprache einer solchen sich mehr Muehe gaben, um etwas auszuwirken, als vielleicht die Freundin des Augenblicks von Ihnen erlangt haette".

"Einen solchen Vorwurf darf man sich wohl gefallen lassen", versetzte der Graf; "doch was Charlottens ersten Gemahl betrifft, so konnte ich ihn deshalb nicht leiden, weil er mir das schoene Paar auseinandersprengte, ein wahrhaft praedestiniertes Paar, das, einmal zusammengegeben, weder fuenf Jahre zu scheuen, noch auf eine zweite oder gar dritte Verbindung hinzusehen brauchte".

"Wir wollen versuchen", sagte Charlotte, "wieder einzubringen, was wir versaeumt haben".

"Da muessen Sie sich dazuhalten", sagte der Graf.

"Ihre ersten Heiraten", fuhr er mit einiger Heftigkeit fort, "waren doch so eigentlich rechte Heiraten von der verhassten Art, und leider haben ueberhaupt die Heiraten—verzeihen Sie mir einen lebhafteren Ausdruck—etwas Toelpelhaftes; sie verderben die zartesten Verhaeltnisse, und es liegt doch eigentlich nur an der plumpen Sicherheit, auf die sich wenigstens ein Teil etwas zugute tut.

Alles versteht sich von selbst, und man scheint sich nur verbunden zu haben, damit eins wie das andere nunmehr seiner Wege gehe". In diesem Augenblick machte Charlotte, die ein fuer allemal dies Gespraech abbrechen wollte, von einer kuehnen Wendung Gebrauch; es gelang ihr.

Die Unterhaltung ward allgemeiner, die beiden Gatten und der Hauptmann konnten daran teilnehmen; selbst Ottilie ward veranlasst sich zu aeussern, und der Nachtisch ward mit der besten Stimmung genossen, woran der in zierlichen Fruchtkoerben aufgestellte Obstreichtum, die bunteste, in Prachtgefaessen schoen verteilte Blumenfuelle den vorzueglichsten Anteil hatte.

Auch die neuen Parkanlagen kamen zur Sprache, die man sogleich nach Tische besuchte.

Ottilie zog sich unter dem Vorwande haeuslicher Beschaeftigung zurueck; eigentlich aber setzte sie sich nieder zur Abschrift.

Der Graf wurde von dem Hauptmann unterhalten; spaeter gesellte sich Charlotte zu ihm.

Als sie oben auf die Hoehe gelangt waren und der Hauptmann gefaellig hinuntereilte, um den Plan zu holen, sagte der Graf zu Charlotten: "dieser Mann gefaellt mir ausserordentlich.

Er ist sehr wohl und im Zusammenhang unterrichtet.

Ebenso scheint seine Taetigkeit sehr ernst und folgerecht.

Was er hier leistet, wuerde in einem hoehern Kreise von viel Bedeutung sein".

Charlotte vernahm des Hauptmanns Lob mit innigem Behagen.

Sie fasste sich jedoch und bekraeftigte das Gesagte mit Ruhe und Klarheit.

Wie ueberrascht war sie aber, als der Graf fortfuhr: "diese Bekanntschaft kommt mir sehr zu gelegener Zeit.

Ich weiss eine Stelle, an die der Mann vollkommen passt, und ich kann mir durch eine solche Empfehlung, indem ich ihn gluecklich mache, einen hohen Freund auf das allerbeste verbinden".

Es war wie ein Donnerschlag, der auf Charlotten herabfiel.

Der Graf bemerkte nichts; denn die Frauen, gewohnt, sich jederzeit zu baendigen, behalten in den ausserordentlichsten Faellen immer noch eine Art von scheinbarer Fassung.

Doch hoerte sie schon nicht mehr, was der Graf sagte, indem er fortfuhr: "wenn ich von etwas ueberzeugt bin, geht es bei mir geschwind her.

Ich habe schon meinen Brief im Kopfe zusammengestellt, und mich draengts, ihn zu schreiben.

Sie verschaffen mir einen reitenden Boten, den ich noch heute abend wegschicken kann".

Charlotte war innerlich zerrissen.

Von diesen Vorschlaegen sowie von sich selbst ueberrascht, konnte sie kein Wort hervorbringen.

Der Graf fuhr gluecklicherweise fort, von seinen Planen fuer den Hauptmann zu sprechen, deren Guenstiges Charlotten nur allzusehr in die Augen fiel.

Es war Zeit, dass der Hauptmann herauftrat und seine Rolle vor dem Grafen entfaltete.

Aber mit wie andern Augen sah sie den Freund an, den sie verlieren sollte!

Mit einer notduerftigen Verbeugung wandte sie sich weg und eilte hinunter nach der Mooshuette.

Schon auf halbem Wege stuerzten ihr die Traenen aus den Augen, und nun warf sie sich in den engen Raum der kleinen Einsiedelei und ueberliess sich ganz einem Schmerz, einer Leidenschaft, einer Verzweiflung, von deren Moeglichkeit sie wenig Augenblicke vorher auch nicht die leiseste Ahnung gehabt hatte.

Auf der andern Seite war Eduard mit der Baronesse an den Teichen hergegangen.

Die kluge Frau, die gern von allem unterrichtet sein mochte, bemerkte bald in einem tastenden Gespraech, dass Eduard sich zu Ottiliens Lobe weitlaeufig herausliess, und wusste ihn auf eine so natuerliche Weise nach und nach in den Gang zu bringen, dass ihr zuletzt kein Zweifel uebrigblieb, hier sei eine Leidenschaft nicht auf dem Wege, sondern wirklich angelangt.

Verheiratete Frauen, wenn sie sich auch untereinander nicht lieben, stehen doch stillschweigend miteinander, besonders gegen junge Maedchen, im Buendnis.

Die Folgen einer solchen Zuneigung stellten sich ihrem weltgewandten Geiste nur allzugeschwind dar.

Dazu kam noch, dass sie schon heute frueh mit Charlotten ueber Ottilien gesprochen und den Aufenthalt dieses Kindes auf dem Lande, besonders bei seiner stillen Gemuetsart, nicht gebilligt und den Vorschlag getan hatte, Ottilien in die Stadt zu einer Freundin zu bringen, die sehr viel an die Erziehung ihrer einzigen Tochter wende und sich nur nach einer gutartigen Gespielin umsehe, die an die zweite Kindesstatt eintreten und alle Vorteile mitgeniessen solle.

Charlotte hatte sichs zur ueberlegung genommen.

Nun aber brachte der Blick in Eduards Gemuet diesen Vorschlag bei der Baronesse ganz zur vorsaetzlichen Festigkeit, und um so schneller dieses in ihr vorging, um desto mehr schmeichelte sie aeusserlich Eduards Wuenschen.

Denn niemand besass sich mehr als diese Frau, und diese Selbstbeherrschung in ausserordentlichen Faellen gewoehnt uns, sogar einen gemeinen Fall mit Verstellung zu behandeln, macht uns geneigt, indem wir soviel Gewalt ueber uns selbst ueben, unsre Herrschaft auch ueber die andern zu verbreiten, um uns durch das, was wir aeusserlich gewinnen, fuer dasjenige, was wir innerlich entbehren, gewissermassen schadlos zu halten. An diese Gesinnung schliesst sich meist eine Art heimlicher Schadenfreude ueber die Dunkelheit der andern, ueber das Bewusstlose, womit sie in eine Falle gehen.

Wir freuen uns nicht allein ueber das gegenwaertige Gelingen, sondern zugleich auch auf die kuenftig ueberraschende Beschaemung.

Und so war die Baronesse boshaft genug, Eduarden zur Weinlese auf ihre Gueter mit Charlotten einzuladen und die Frage Eduards, ob sie Ottilien mitbringen duerften, auf eine Weise, die er beliebig zu seinen Gunsten auslegen konnte, zu beantworten.

Eduard sprach schon mit Entzuecken von der herrlichen Gegend, dem grossen Flusse, den Huegeln, Felsen und Weinbergen, von alen Schloessern, von Wasserfahrten, von dem Jubel der Weinlese, des Kelterns und so weiter, wobei er in der Unschuld seines Herzens sich schon zum voraus laut ueber den Eindruck freute, den dergleichen Szenen auf das frische Gemuet Ottiliens machen wuerden.

In diesem Augenblick sah man Ottilien herankommen, und die Baronesse sagte schnell zu Eduard, er moechte von dieser vorhabenden Herbstreise ja nichts reden; denn gewoehnlich geschaehe das nicht, worauf man sich so lange voraus freue.

Eduard versprach, noetigte sie aber, Ottilien entgegen geschwinder zu gehen, und eilte ihr endlich, dem lieben Kinde zu, mehrere Schritte voran.

Eine herzliche Freude drueckte sich in seinem ganzen Wesen aus. Er kuesste ihr die Hand, in die er einen Strauss Feldblumen drueckte, die er unterwegs zusammengepflueckt hatte.

Die Baronesse fuehlte sich bei diesem Anblick in ihrem Innern fast erbittert.

Denn wenn sie auch das, was an dieser Neigung strafbar sein mochte, nicht billigen durfte, so konnte sie das, was daran liebenswuerdig und angenehm war, jenem unbedeutenden Neuling von Maedchen keineswegs goennen.

Als man sich zum Abendessen zusammengesetzt hatte, war eine voellig andre Stimmung in der Gesellschaft verbreitet.

Der Graf, der schon vor Tische geschrieben und den Boten fortgeschickt hatte, unterhielt sich mit dem Hauptmann, den er auf eine verstaendige und bescheidene Weise immer mehr ausforschte, indem er ihn diesen Abend an seine Seite gebracht hatte.

Die zur Rechten des Grafen sitzende Baronesse fand von daher wenig Unterhaltung, ebensowenig an Eduard, der, erst durstig, dann aufgeregt, des Weines nicht schonte und sich sehr lebhaft mit Ottilien unterhielt, die er an sich gezogen hatte, wie von der andern Seite neben dem Hauptmann Charlotte sass, der es schwer, ja beinahe unmoeglich ward, die Bewegungen ihres Innern zu verbergen.

Die Baronesse hatte Zeit genug, Beobachtungen anzustellen.

Sie bemerkte Charlottens Unbehagen, und weil sie nur Eduards Verhaeltnis zu Ottilien im Sinn hatte, so ueberzeugte sie sich leicht, auch Charlotte sei bedenklich und verdriesslich ueber ihres Gemahls Benehmen, und ueberlegte, wie sie nunmehr am besten zu ihren Zwecken gelangen koenne.

Auch nach Tische fand sich ein Zwiespalt in der Gesellschaft. Der Graf, der den Hauptmann recht ergruenden wollte, brauchte bei einem so ruhigen, keineswegs eitlen und ueberhaupt lakonischen Manne verschiedene Wendungen, um zu erfahren, was er wuenschte.

Sie gingen miteinander an der einen Seite des Saals auf und ab, indes Eduard, aufgeregt von Wein und Hoffnung, mit Ottilien an einem Fenster scherzte, Charlotte und die Baronesse aber stillschweigend an der andern Seite des Saals nebeneinander hin und wider gingen.

Ihr Schweigen und muessiges Umherstehen brachte denn auch zuletzt eine Stockung in die uebrige Gesellschaft.

Die Frauen zogen sich zurueck auf ihren Fluegel, die Maenner auf den andern, und so schien dieser Tag abgeschlossen.

Eduard begleitete den Grafen auf sein Zimmer und liess sich recht gern durchs Gespraech verfuehren, noch eine Zeitlang bei ihm zu bleiben.

Der Graf verlor sich in vorige Zeiten, gedachte mit Lebhaftigkeit an die Schoenheit Charlottens, die er als ein Kenner mit vielem Feuer entwickelte:" ein schoener Fuss ist eine grosse Gabe der Natur. Diese Anmut ist unverwuenstlich.

Ich habe sie heute im Gehen Beobachtet; noch immer moechte man ihren Schuh kuessen und die zwar etwas barbarische, aber doch tief gefuehlte Ehrenbezeugung der Aarmaten wiederholen, die sich nichts Besseres kennen, als aus dem Schuh einer geliebten und verehrten Person ihre Gesundheit zu trinken".

Die Spitze des Fusses blieb nicht allein der Gegenstand des Lobes unter zwei vertrauten Maennern.

Sie gingen von der Person auf alte Geschichten und Abenteuer zurueck und kamen auf die Hindernisse, die man ehemals den Zusammenkuenften dieser beiden Liebenden entgegengesetzt, welche Muehe sie sich gegeben, welche Kunstgriffe sie erfunden, nur um sich sagen zu koennen, dass sie sich liebten.

"Erinnerst du dich", fuhr der Graf fort, "welch Abenteuer ich dir recht freundschaftlich und uneigennuetzig bestehen helfen, als unsre hoechsten Herrschaften ihren Oheim besuchten und auf dem weitlaeufigen Schlosse zusammenkamen?

Der Tag war in Feierlichkeiten und Feierkleidern hingegangen; ein Teil der Nacht sollte wenigstens unter freiem, liebevollem Gespraech verstreichen".

"Den Hinweg zu dem Quartier der Hofdamen hatten Sie sich wohl gemerkt", sagte Eduard.

"Wir gelangten gluecklich zu meiner Geliebten".

"Die", versetzte der Graf, "mehr an den Anstand als an meine Zufriedenheit gedacht und eine sehr haessliche Ehrenwaechterin bei sich behalten hatte; da mir denn, indessen ihr euch mit Blicken und Worten sehr gut unterhieltet, ein hoechst unerfreuliches Los zuteil ward".

"Ich habe mich noch gestern", versetzte Eduard, "als Sie sich anmelden liessen, mit meiner Frau an die Geschichte erinnert, besonders an unsern Rueckzug.

Wir verfehlten den Weg und kamen an den Vorsaal der Garden.

Weil wir uns nun von da recht gut zu finden wussten, so glaubten wir auch hier ganz ohne Bedenken hindurch und an dem Posten, wie an den uebrigen, vorbei gehen zu koennen.

Aber wie gross war beim Eroeffnen der Tuere unsere Verwunderung!

Der Weg war mit Matratzen verlegt, auf denen die Riesen in mehreren Reihen ausgestreckt lagen und schliefen.

Der einzige Wachende auf dem Posten sah uns verwundert an; wir aber, im jugendlichen Mut und Mutwillen, stiegen ganz gelassen ueber die ausgestreckten Stiefel weg, ohne dass auch nur einer von diesen schnarchenden Enakskindern erwacht waere".

"Ich hatte grosse Lust zu stolpern", sagte der Graf, "damit es Laerm gegeben haette; denn welch eine seltsame Auferstehung wuerden wir gesehen haben!" In diesem Augenblick schlug die Schlossglocke zwoelf.

"Es ist hoch Mitternacht", sagte der Graf laechelnd, "und eben gerechte Zeit.

Ich muss Sie, lieber Baron, um eine Gefaelligkeit bitten: fuehren Sie mich heute, wie ich Sie damals fuehrte; ich habe der Baronesse das Versprechen gegeben, sie noch zu besuchen.

Wir haben uns den ganzen Tag nicht allein gesprochen, wir haben uns solange nicht gesehen, und nichts ist natuerlicher, als dass man sich nach einer vertraulichen Stunde sehnt.

Zeigen Sie mir den Hinweg, den Rueckweg will ich schon finden, und auf alle Faelle werde ich ueber keine Stiefel wegzustolpern haben".

"Ich will Ihnen recht gern diese gastliche Gefaelligkeit erzeigen", versetzte Eduard; "nur sind die drei Frauenzimmer drueben zusammen auf dem Fluegel.

Wer weiss, ob wir sie nicht noch beieinander finden, oder was wir sonst fuer Haendel anrichten, die irgendein wunderliches Ansehn gewinnen".

"Nur ohne Sorge!" sagte der Graf; "die Baronesse erwartet mich.

Sie ist um diese Zeit gewiss auf ihrem Zimmer und allein".

"Die Sache ist uebringens leicht", versetzte Eduard und nahm ein Licht, dem Grafen vorleuchtend eine geheime Treppe hinunter, die zu einem langen Gang fuehrte.

Am Ende desselben oeffnete Eduard eine kleine Tuere.

Sie erstiegen eine Wendeltreppe; oben auf einem engen Ruheplatz deutete Eduard dem Grafen, dem er das Licht in die Hand gab, nach einer Tapetentuere rechts, die beim ersten Versuch sogleich sich oeffnete, den Grafen aufnahm und Eduarden in dem dunklen Raum zurueckliess.

Eine andre Tuere links ging in Charlottens Schlafzimmer.

Er hoerte reden und horchte.

Charlotte sprach zu ihrem Kammermaedchen: "ist Ottilie schon zu Bette?"—"Nein", versetzte jene, "sie sitzt noch unten und schreibt".

-"So zuende Sie das Nachtlicht an", sagte Charlotte, "und gehe Sie nur hin: es ist spaet.

Die Kerze will ich selbst ausloeschen und fuer mich zu Bette gehen".

Eduard hoerte mit Entzuecken, dass Ottilie noch schreibe.

’Sie beschaeftigt sich fuer mich!’ dachte er triumphierend.

Durch die Finsternis ganz in sich selbst geengt, sah er sie sitzen, schreiben; er glaubte zu ihr zu treten, sie zu sehen, wie sie sich nach ihm umkehrte; er fuehlte ein unueberwindliches Verlangen, ihr noch einmal nahe zu sein.

Von hier aber war kein Weg in das Halbgeschoss, wo sie wohnte. Nun fand er sich unmittelbar an seiner Frauen Tuere, eine sonderbare Verwechselung ging in seiner Seele vor; er suchte die Tuere aufzudrehen, er fand sie verschlossen, er pochte leise an, Charlotte hoerte nicht.

Sie ging in dem groesseren Nebenzimmer lebhaft auf und ab.

Sie wiederholte sich aber—und abermals, was sie seit jenem unerwarteten Vorschlag des Grafen oft genug bei sich um und um gewendet hatte.

Der Hauptmann schien vor ihr zu stehen.

Er fuellte noch das Haus, er belebte noch die Spaziergaenge, und er sollte fort, das alles sollte leer werden!

Sie sagte sich alles, was man sich sagen kann, ja sie antizipierte, wie man gewoehnlich pflegt, den leidigen Trost, dass auch solche Schmerzen durch die Zeit gelindert werden.

Sie verwuenschte die Zeit, die es braucht, um sie zu lindern; sie verwuenschte die totenhafte Zeit, wo sie wuerden gelindert sein.

Da war denn zuletzt die Zuflucht zu den Traenen um so willkommner, als sie bei ihr selten stattfand.

Sie warf sich auf den Sofa und ueberliess sich ganz ihrem Schmerz.

Eduard seinerseits konnte von der Tuere nicht weg; er pochte nochmals, und zum drittenmal etwas staerker, sodass Charlotte durch die Nachtstille es ganz deutlich vernahm und erschreckt auffuhr.

Der erste Gedanke war, es koenne, es muesse der Hauptmann sein; der zweite, das sei unmoeglich.

Sie hielt es fuer Taeuschung, aber sie hatte es gehoert, sie wuenschte, sie fuerchtete es gehoert zu haben.

Sie ging ins Schlafzimmer, trat leise zu der verriegelten Tapetentuer.

Sie schalt sich ueber ihre Furcht.

‘Wie leicht kann die Graefin etwas beduerfen!’ sagte sie zu sich selbst und rief gefasst und gesetzt: "ist jemand da?" Eine leise Stimme antwortete: "ich bins".

-"Wer?" entgegnete Charlotte, die den Ton nicht unterscheiden konnte.

Ihr stand des Hauptmanns Gestalt vor der Tuer.

Etwas lauter klang es ihr entgegen:" Eduard!" Sie oeffnete, und ihr Gemahl stand vor ihr.

Er begruesste sie mit einem Scherz.

Es ward ihr moeglich, in diesem Tone fortzufahren.

Er verwickelte den raetselhaften Besuch in raetselhafte Erklaerungen.

"Warum ich denn aber eigentlich komme", sagte er zuletzt, "muss ich dir nur gestehen.

Ich habe ein Geluebde getan, heute abend noch deinen Schuh zu kuessen".

"Das ist dir lange nicht eingefallen", sagte Charlotte.

"Desto schlimmer", versetzte Eduard," und desto besser!" Sie hatte sich in einen Sessel gesetzt, um ihre leichte Nachtkleidung seinen Blicken zu entziehen.

Er warf sich vor ihr nieder, und sie konnte sich nicht erwehren, dass er nicht ihren Schuh kuesste, und dass, als dieser ihm in der Hand blieb, er den Fuss ergriff und ihn zaertlich an seine Brust drueckte.

Charlotte war eine von den Frauen, die, von Natur maessig, im Ehestande ohne Vorsatz und Anstrengung die Art und Weise der Liebhaberinnen fortfuehren.

Niemals reizte sie den Mann, ja seinem Verlangen kam sie kaum entgegen; aber ohne Kaelte und abstossende Strenge glich sie immer einer liebevollen Braut, die selbst vor dem Erlaubten noch innige Scheu traegt.

Und so fand sie Eduard diesen Abend in doppeltem Sinne.

Wie sehnlich wuenschte sie den Gatten weg; denn die Luftgestalt des Freundes schien ihr Vorwuerfe zu machen.

Aber das, was Eduarden haette entfernen sollen, zog ihn nur mehr an.

Eine gewisse Bewegung war an ihr sichtbar.

Sie hatte geweint, und wenn weiche Personen dadurch meist an Anmut verlieren, so gewinnen diejenigen dadurch unendlich, die wir gewoehnlich als stark und gefasst kennen.

Eduard war so liebenswuerdig, so freundlich, so dringend; er bat sie, bei ihr bleiben zu duerfen, er forderte nicht, bald ernst bald scherzhaft suchte er sie zu bereden, er dachte nicht daran, dass er Rechte habe, und loeschte zuletzt mutwillig die Kerze aus.

In der Lampendaemmerung sogleich behauptete die innre Neigung, behauptete die Einbildungskraft ihre Rechte ueber das Wirkliche: Eduard hielt nur Ottilien in seinen Armen, Charlotten schwebte der Hauptmann naeher oder ferner vor der Seele, und so verwebten, wundersam genug, sich Abwesendes und Gegenwaertiges reizend und wonnevoll durcheinander.

Und doch laesst sich die Gegenwart ihr ungeheures Recht nicht rauben.

Sie brachten einen Teil der Nacht unter allerlei Gespraechen und Scherzen zu, die um desto freier waren, als das Herz leider keinen Teil daran nahm.

Aber als Eduard des andern Morgens an dem Busen seiner Frau erwachte, schien ihm der Tag ahnungsvoll hereinzublicken, die Sonne schien ihm ein Verbrechen zu beleuchten; er schlich sich leise von ihrer Seite, und sie fand sich, seltsam genug, allein, als sie erwachte.

Als die Gesellschaft zum Fruehstueck wieder zusammenkam, haette ein aufmerksamer Beobachter an dem Betragen der einzelnen die Verschiedenheit der innern Gesinnungen und Empfindungen abnehmen koennen.

Der Graf und die Baronesse begegneten sich mit dem heitern Behagen, das ein Paar Liebende empfinden, die sich nach erduldeter Trennung ihrer wechselseitigen Neigung abermals versichert halten, dagegen Charlotte und Eduard gleichsam beschaemt und ruhig dem Hauptmann und Ottilien entgegentraten.

Denn so ist die Liebe beschaffen, dass sie allein recht zu haben glaubt und alle anderen Rechte vor ihr verschwinden.

Ottilie war kindlich heiter, nach ihrer Weise konnte man sie offen nennen.

Ernst erschien der Hauptmann; ihm war bei der Unterredung mit dem Grafen, indem dieser alles in ihm aufregte, was einige Zeit geruht und geschlafen hatte, nur zu fuehlbar geworden, dass er eigentlich hier seine Bestimmung nicht erfuelle und im Grunde bloss in einem halbtaetigen Muessiggang hinschlendere.

Kaum hatten sich die beiden Gaeste entfernt, als schon wieder neuer Besuch eintraf, Charlotten willkommen, die aus sich selbst herauszugehen, sich zu zerstreuen wuenschte; Eduarden ungelegen, der eine doppelte Neigung fuehlte, sich mit Ottilien zu beschaeftigen; Ottilien gleichfalls unerwuenscht, die mit ihrer auf morgen frueh so noetigen Abschrift noch nicht fertig war.

Und so eilte sie auch, als die Fremden sich spaet entfernten, sogleich auf ihr Zimmer.

Es war Abend geworden.

Eduard, Charlotte und der Hauptmann, welche die Fremden, ehe sie sich in den Wagen setzten, eine Strecke zu Fuss begleitet hatten, wurden einig, noch einen Spaziergang nach den Teichen zu machen.

Ein Kahn war angekommen, den Eduard mit ansehnlichen Kosten aus der Ferne verschrieben hatte.

Man wollte versuchen, ob er sich leicht bewegen und lenken lasse.

Er war am Ufer des mittelsten Teiches nicht weit von einigen alten Eichbaeumen angebunden, auf die man schon bei kuenftigen Anlagen gerechnet hatte.

Hier sollte ein Landungsplatz angebracht, unter den Baeumen ein architektonischer Ruhesitz aufgefuehrt werden, wonach diejenigen, die ueber den See fahren, zu steuern haetten.

"Wo wird man denn nun drueben die Landung am besten anlegen?" fragte Eduard.

"Ich sollte denken, bei meinen Platanen".

"Sie stehen ein wenig zu weit rechts", sagte der Hauptmann. "Landet man weiter unten, so ist man dem Schlosse naeher; doch muss man es ueberlegen".

Der Hauptmann stand schon im Hinterteile des Kahns und hatte ein Ruder ergriffen.

Charlotte stieg ein, Eduard gleichfalls und fasste das andre Ruder; aber als er eben im Abstossen begriffen war, gedachte er Ottiliens, gedachte, dass ihn diese Wasserfahrt verspaeten, wer weiss erst wann zurueckfuehren wuerde.

Er entschloss sich kurz und gut, sprang wieder ans Land, reichte dem Hauptmann das andre Ruder und eilte, sich fluechtig entschuldigend, nach Hause.

Dort vernahm er, Ottilie habe sich eingeschlossen, sie schreibe.

Bei dem angenehmen Gefuehle, dass sie fuer ihn etwas tue, empfand er das lebhafteste Missbehagen, sie nicht gegenwaertig zu sehen.

Seine Ungeduld vermehrte sich mit jedem Augenblicke.

Er ging in dem grossen Saale auf und ab, versuchte allerlei, und nichts vermochte seine Aufmerksamkeit zu fesseln.

Sie wuenschte er zu sehen, allein zu sehen, ehe noch Charlotte mit dem Hauptmann zurueckkaeme.

Es ward Nacht, die Kerzen wurden angezuendet.

Endlich trat sie herein, glaenzend von Liebenswuerdigkeit.

Das Gefuehl, etwas fuer den Freund getan zu haben, hatte ihr ganzes Wesen ueber sich selbst gehoben.

Sie legte das Original und die Abschrift vor Eduard auf den Tisch.

"Wollen wir kollationieren?" sagte sie laechelnd.

Eduard wusste nicht, was er erwidern sollte.

Er sah sie an, er besah die Abschrift.

Die ersten Blaetter waren mit der groessten Sorgfalt, mit einer zarten weiblichen Hand geschrieben, dann schienen sich die Zuege zu veraendern, leichter und freier zu werden; aber wie erstaunt war er, als er die letzten Seiten mit den Augen ueberlief!

"Um Gottes willen!" rief er aus, "was ist das?

Das ist meine Hand!" Er sah Ottilien an und wieder auf die Blaetter, besonders der Schluss war ganz, als wenn er ihn selbst geschrieben haette.

Ottilie schwieg, aber sie blickte ihm mit der groessten Zufriedenheit in die Augen.

Eduard hob seine Arme empor: "du liebst mich!" rief er aus, "Ottilie, du liebst mich" und sie hielten einander umfasste.

Wer das andere zuerst ergriffen, waere nicht zu unterscheiden gewesen.

Von diesem Augenblick an war die Welt fuer Eduarden umgewendet, er nicht mehr, was er gewesen, die Welt nicht mehr, was sie gewesen.

Sie standen voreinander, er hielt ihre Haende, sie sahen einander in die Augen, im Begriff, sich wieder zu umarmen.

Charlotte mit dem Hauptmann trat herein.

Zu den Entschuldigungen eines laengeren Aussenbleibens laechelte Eduard heimlich.

’O wie viel zu frueh kommt ihr!’ sagte er zu sich selbst.

Sie setzten sich zum Abendessen.

Die Personen des heutigen Besuchs wurden beurteilt.

Eduard, liebevoll aufgeregt, sprach gut von einem jeden, immer schonend, oft billigend.

Charlotte, die nicht durchaus seiner Meinung war, bemerkte diese Stimmung und scherzte mit ihm, dass er, der sonst ueber die scheidende Gesellschaft immer das strengste Zungengericht ergehen lasse, heute so mild und nachsichtig sei.

Mit Feuer und herzlicher ueberzeugung rief Eduard: "man muss nur Ein Wesen recht von Grund aus lieben, da kommen einem die uebrigen alle liebenswuerdig vor!" Ottilie schlug die Augen nieder, und Charlotte sah vor sich hin.

Der Hauptmann nahm das Wort und sagte:" mit den Gefuehlen der Hochachtung, der Verehrung ist es doch auch etwas aehnliches.

Man erkennt nur erst das Schaetzenswerte in der Welt, wenn man solche Gesinnungen an Einem Gegenstande zu ueben Gelegenheit findet".

Charlotte suchte bald in ihr Schlafzimmer zu gelangen, um sich der Erinnerung dessen zu ueberlassen, was diesen Abend zwischen ihr und dem Hauptmann vorgegangen war.

Als Eduard ans Ufer springend den Kahn vom Lande stiess, Gattin und Freund dem schwankenden Element selbst ueberantwortete, sah nunmehr Charlotte den Mann, um den sie im stillen schon soviel gelitten hatte, in der Daemmerung vor sich sitzen und durch die Fuehrung zweier Ruder das Fahrzeug in beliebiger Richtung fortbewegen.

Sie empfand eine tiefe, selten gefuehlte Traurigkeit.

Das Kreisen des Kahns, das Plaetschern der Ruder, der ueber den Wasserspiegel hinschauernde Wildhauch, das Saeuseln der Rohre, das letzte Schweben der Voegel, das Blinken und Widerblinken der ersten Sterne: alles hatte etwas Geisterhaftes in dieser allgemeinen Stille.

Es schien ihr, der Freund fuehre sie weit weg, um sie auszusetzen, sie allein zu lassen.

Eine wunderbare Bewegung war in ihrem Innern, und sie konnte nicht weinen.

Der Hauptmann beschrieb ihr unterdessen, wie nach seiner Absicht die Anlagen werden sollten.

Er ruehmte die guten Eigenschaften des Kahns, dass er sich leicht mit zwei Rudern von einer Person bewegen und regieren lasse.

Sie werde das selbst lernen, es sei eine angenehme Empfindung, manchmal allein auf dem Wasser hinzuschwimmen und sein eigner Faehr—und Steuermann zu sein.

Bei diesen Worten fiel der Freundin die bevorstehende Trennung aufs Herz.

’Sagt er das mit Vorsatz?’ dachte sie bei sich selbst.

’Weiss er schon davon?

Vermutet ers?

Oder sagt er es zufaellig, so dass er mir bewusstlos mein Schicksal vorausverkuendigt?’ Es ergriff sie eine grosse Wehmut, eine Ungeduld; sie bat ihn, baldmoeglichst zu landen und mit ihr nach dem Schlosse zurueckzukehren. Es war das erstemal, dass der Hauptmann die Teiche befuhr, und ob er gleich im allgemeinen ihre Tiefe untersucht hatte, so waren ihm doch die einzelnen Stellen unbekannt.

Dunkel fing es an zu werden; er richtete seinen Lauf dahin, wo er einen bequemen Ort zum Aussteigen vermutete und den Fusspfad nicht entfernt wusste, der nach dem Schlosse fuehrte.

Aber auch von dieser Bahn wurde er einigermassen abgelenkt, als Scharlotte mit einer Art von Angstlichkeit den Wunsch wiederholte, bald am Lande zu sein.

Er naeherte sich mit erneuten Anstrengungen dem Ufer, aber leider fuehlte er sich in einiger Entfernung davon angehalten; er hatte sich festgefahren, und seine Bemuehungen, wieder loszukommen, waren vergebens.

Was war zu tun?

Ihm blieb nichts uebrig, als in das Wasser zu steigen, das seicht genug war, und die Freundin an das Land zu tragen.

Gluecklich brachte er die liebe Buerde hinueber, stark genug, um nicht zu schwanken oder ihr einige Sorgen zu geben; aber doch hatte sie aengstlich ihre Arme um seinen Hals geschlungen.

Er hielt sie fest und drueckte sie an sich.

Erst auf einem Rasenabhang liess er sie nieder, nicht ohne Bewegung und Verwirrung.

Sie lag noch an seinem Halse; er schloss sie aufs neue in seine Arme und drueckte einen lebhaften Kuss auf ihre Lippen; aber auch im Augenblick lag er zu ihrem Fuessen, drueckte seinen Mund auf ihre Hand und rief: "Charlotte, werden Sie mir vergeben?" Der Kuss, den der Freund gewagt, den sie ihm beinahe zurueckgegeben, brachte Charlotten wieder zu sich selbst.

Sie drueckte seine Hand, aber sie hob ihn nicht auf.

Doch indem sie sich zu ihm hinunterneigte und eine Hand auf seine Schultern legte, rief sie aus: "dass dieser Augenblick in unserm Leben Epoche mache, koennen wir nicht verhindern; aber dass sie unser wert sei, haengt von uns ab.

Sie muessen scheiden, lieber Freund, und Sie werden scheiden. Der Graf macht Anstalt, Ihr Schicksal zu verbessern; es freut und schmerzt mich.

Ich wollte es verschweigen, bis es gewiss waere; der Augenblick noetigt mich, dies Geheimnis zu entdecken.

Nur insofern kann ich Ihnen, kann ich mir verzeihen, wenn wir den Mut haben, unsre Lage zu aendern, da es von uns nicht abhaengt, unsre Gesinnung zu aendern".

Sie hub ihn auf und ergriff seinen Arm, um sich darauf zu stuetzen, und so kamen sie stillschweigend nach dem Schlosse.

Nun aber stand sie in ihrem Schlafzimmer, wo sie sich als Gattin Eduards empfinden und betrachten musste.

Ihr kam bei diesen Widerspruechen ihr tuechtiger und durchs Leben mannigfaltig geuebter Charakter zu Huelfe.

Immer gewohnt, sich ihrer selbst bewusst zu sein, sich selbst zu gebieten, ward es ihr auch jetzt nicht schwer, durch ernste Betrachtung sich dem erwuenschten Gleichgewichte zu naehern; ja sie musste ueber sich selbst laecheln, indem sie des wunderlichen Nachtbesuches gedachte.

Doch schnell ergriff sie eine seltsame Ahnung, ein freudig baengliches Erzittern, das in fromme Wuensche und Hoffnungen sich aufloeste. Geruehrt kniete sie nieder, sie wiederholte den Schwur, den sie Eduarden vor dem Altar getan.

Freundschaft, Neigung, Entsagen gingen vor ihr in heitern Bildern vorueber.

Sie fuehlte sich innerlich wiederhergestellt.

Bald ergreift sie eine suesse Muedigkeit und ruhig schlaeft sie ein.

Eduard von seiner Seite ist in einer ganz verschiedenen Stimmung.

Zu schlafen denkt er so wenig, dass es ihm nicht einmal einfaellt, sich auszuziehen.

Die Abschrift des Dokuments kuesste er tausendmal, den Anfang von Ottiliens kindlich schuechterner Hand; das Ende wagt er kaum zu kuessen, weil er seine eigene Hand zu sehen glaubt.

’O, dass es ein andres Dokument waere!’ sagt er sich im stillen; und doch ist es ihm auch schon die schoenste Versicherung, dass sein hoechster Wunsch erfuellt sei.

Bleibt es ja doch in seinen Haenden!

Und wird er es nicht immerfort an sein Herz druecken, obgleich entstellt durch die Unterschrift eines Dritten?

Der abnehmende Mond steigt ueber den Wald hervor.

Die warme Nacht lockt ins Freie; er schweift umher, er ist der unruhigste und der gluecklichste aller Sterblichen.

Er wandelt durch die Gaerten; sie sind ihm zu enge; er eilt auf das Feld, und es wird ihm zu weit.

Nach dem Schlosse zieht es ihn zurueck; er findet sich unter Ottiliens Fenstern.

Dort setzt er sich auf eine Terrassentreppe.

’Mauern und Riegel’, sagt er zu sich selbst, ’trennen uns jetzt, aber unsre Herzen sind nicht getrennt.

Stuende sie vor mir, in meine Arme wuerde sie fallen, ich in die ihrigen, und was bedarf es weiter als diese Gewissheit!’

Alles war still um ihn her, kein Lueftchen regte sich; so still wars, dass er das wuehlende Arbeiten emsiger Tiere unter der Erde vernehmen konnte, denen Tag und Nacht gleich sind.

Er hing ganz seinen gluecklichen Traeumen nach, schlief endlich ein und erwachte nicht eher wieder, als bis die Sonne mit herrlichem Blick heraufstieg und die fruehsten Nebel gewaeltigte.

Nun fand er sich den ersten Wachenden in seinen Besitzungen.

Die Arbeiter schienen ihm zu lange auszubleiben.

Sie kamen; es schienen ihm ihrer zu wenig und die vorgesetzte Tagesarbeit fuer seine Wuensche zu gering.

Er fragte nach mehreren Arbeitern; man versprach sie und stellte sie im Laufe des Tages.

Aber auch diese sind ihm nicht genug, um seine Vorsaetze schleunig ausgefuehrt zu sehen.

Das Schaffen macht ihm keine Freude mehr; es soll schon alles fertig sein, und fuer wen?

Die Wege sollen gebahnt sein, damit Ottilie bequem sie gehen, die Sitze schon an Ort und Stelle, damit Ottilie dort ruhen koenne.

Auch an dem neuen Hause treibt er, was er kann; es soll an Ottiliens Geburtstage gerichtet werden.

In Eduards Gesinnungen wie in seinen Handlungen ist kein Mass mehr.

Das Bewusstsein, zu lieben und geliebt zu werden, treibt ihn ins Unendliche.

Wie veraendert ist ihm die Ansicht von allen Zimmern, von allen Umgebungen!

Er findet sich in seinem eigenen Hause nicht mehr.

Ottiliens Gegenwart verschlingt ihm alles; er ist ganz in ihr versunken, keine andre Betrachtung steigt vor ihm auf, kein Gewissen spricht ihm zu; alles, was in seiner Natur gebaendigt war, bricht los, sein ganzes Wesen stroemt gegen Ottilien.

Der Hauptmann beobachtet dieses leidenschaftliche Treiben und wuenscht den traurigen Folgen zuvorzukommen.

Alle diese Anlagen, die jetzt mit einem einseitigen Triebe, uebermaessig gefoerdert werden, hatte er auf ein ruhig freundliches Zusammenleben berechnet.

Der Verkauf des Vorwerks war durch ihn zustande gebracht, die erste Zahlung geschehen, Charlotte hatte sie der Abrede nach in ihre Kasse genommen.

Aber sie muss gleich in der ersten Woche Ernst und Geduld und Ordnung mehr als sonst ueben und im Auge haben; denn nach der uebereilten Weise wird das Ausgesetzte nicht lange reichen.

Es war viel angefangen und viel zu tun.

Wie soll er Charlotten in dieser Lage lassen!

Sie beraten sich und kommen ueberein, man wolle die planmaessigen Arbeiten lieber selbst beschleunigen, zu dem Ende Gelder aufnehmen und zu deren Abtragung die Zahlungstermine anweisen, die vom Vorwerksverkauf zurueckgeblieben waren.

Es liess sich fast ohne Verlust durch Zession der Gerechtsame tun; man hatte freiere Hand; man leistete, da alles im Gange, Arbeiter genug vorhanden waren, mehr auf einmal und gelangte gewiss und bald zum Zweck.

Eduard stimmte gern bei, weil es mit seinen Absichten uebereintraf.

Im innern Herzen beharrt indessen Charlotte bei dem, was sie bedacht und sich vorgesetzt, und maennlich steht ihr der Freund mit gleichem Sinn zur Seite.

Aber eben dadurch wird ihre Vertraulichkeit nur vermehrt.

Sie erklaeren sich wechselseitig ueber Eduards Leidenschaft, sie beraten sich darueber.

Charotte schliesst Ottilien naeher an sich, beobachtet sie strenger, und je mehr sie ihr eigen Herz gewahr worden, desto tiefer blickt sie in das Herz des Maedchens.

Sie sieht keine Rettung, als sie muss das Kind entfernen.

Nun scheint es ihr eine glueckliche Fuegung, dass Luciane ein so ausgezeichnetes Lob in der Pension erhalten; denn die Grosstante, davon unterrichtet, will sie nun ein fuer allemal zu sich nehmen, sie um sich haben, sie in die Welt einfuehren.

Ottilie konnte in die Pension zurueckkehren, der Hauptmann entfernte sich wohlversorgt; und alles stand wie vor wenigen Monaten, ja um so viel besser.

Ihr eigenes Verhaeltnis hoffte Charlotte zu Eduard bald wiederherzustellen, und sie legte das alles so verstaendig bei sich zurecht, dass sie sich nur immer mehr in dem Wahn bestaerkte: in einen fruehern, beschraenktern Zustand koenne man zurueckkehren, ein gewaltsam Entbundenes lasse sich wieder ins Enge bringen.

Eduard empfand indessen die Hindernisse sehr hoch, die man ihm in den Weg legte.

Er bemerkte gar bald, dass man ihn und Ottilien auseinanderhielt, dass man ihm erschwerte, sie allein zu sprechen, ja sich ihr zu naehern, ausser in Gegenwart von mehreren; und indem er hierueber verdriesslich war, ward er es ueber manches andere.

Konnte er Ottilien fluechtig sprechen, so war es nicht nur, sie seiner Liebe zu versichern, sondern sich auch ueber seine Gattin, ueber den Hauptmann zu beschweren.

Er fuehlte nicht, dass er selbst durch sein heftiges Treiben die Kasse zu erschoepfen auf dem Wege war; er tadelte bitter Charlotten und den Hauptmann, dass sie bei dem Geschaeft gegen die erste Abrede handelten, und doch hatte er in die zweite Abrede gewilligt, ja er hatte sie selbst veranlasst und notwendig gemacht.

Der Hass ist parteiisch, aber die Liebe ist es noch mehr.

Auch Ottilie entfremdete sich einigermassen von Charlotten und dem Hauptmann.

Als Eduard sich einst gegen Ottilien ueber den letztern beklagte, dass er als Freund und in einem solchen Verhaeltnisse nicht ganz aufrichtig handle, versetzte Ottilie unbedachtsam: "es hat mir schon frueher missfallen, dass er nicht ganz redlich gegen Sie ist.

Ich hoerte ihn einmal zu Charlotten sagen: ’wenn uns nur Eduard mit seiner Floetendudelei verschonte!

Es kann daraus nichts werden und ist fuer die Zuhoerer so laestig.’

Sie koennen denken, wie mich das geschmerzt hat, da ich Sie so gern akkompagniere".

Kaum hatte sie es gesagt, als ihr schon der Geist zufluesterte, dass sie haette schweigen sollen; aber es war heraus.

Eduards Gesichtszuege verwandelten sich.

Nie hatte ihn etwas mehr verdrossen; er war in seinen liebsten Forderungen angegriffen, er war sich eines kindlichen Strebens ohne die mindeste Anmassung bewusst.

Was ihn unterhielt, was ihn erfreute, sollte doch mit Schonung von Freuden behandelt werden.

Er dachte nicht, wie schrecklich es fuer einen Dritten sei, sich die Ohren durch ein unzulaengliches Talent verletzen zu lassen.

Er war beleidigt, wuetend, um nicht wieder zu vergeben.

Er fuehlte sich von allen Pflichten losgesprochen.

Die Notwendigkeit, mit Ottilien zu sein, sie zu sehen, ihr etwas zuzufluestern, ihr zu vertrauen, wuchs mit jedem Tage.

Er entschloss sich, ihr zu schreiben, sie um einen geheimen Briefwechsel zu bitten.

Das Streifchen Papier, worauf er dies lakonisch genug getan hatte, lag auf dem Schreibtisch und ward vom Zugwind heruntergefuehrt, als der Kammerdiener hereintrat, ihm die Haare zu kraeuseln.

Gewoehnlich, um die Hitze des Eisens zu versuchen, bueckte sich dieser nach Papierschnitzeln auf der Erde; diesmal ergriff er das Billet, zwickte es eilig, und es war versengt.

Eduard, den Missgriff bemerkend, riss es ihm aus der Hand.

Bald darauf setzte er sich hin, es noch einmal zu schreiben; es wollte nicht ganz so zum zweitenmal aus der Feder.

Er fuehlte einiges Bedenken, einige Besorgnis, die er jedoch ueberwand.

Ottilien wurde das Blaettchen in die Hand gedrueckt, den ersten Augenblick, wo er sich ihr naehern konnte.

Ottilie versaeumte nicht, ihm zu antworten.

Ungelesen steckte er das Zettelchen in die Weste, die, modisch kurz, es nicht gut verwahrte.

Es schob sich heraus und fiel, ohne von ihm bemerkt zu werden, auf den Boden.

Charlotte sah es und hob es auf und reichte es ihm mit einem fluechtigen ueberblick.

"Hier ist etwas von deiner Hand", sagte sie, "das du vielleicht ungern verloerest".

Er war betroffen.

’Verstellt sie sich?’ dachte er.

’Ist sie den Inhalt des Blaettchens gewahr worden, oder irrt sie sich an der aehnlichkeit der Haende?’ Er hoffte, er dachte das letztre.

Er war gewarnt, doppelt gewarnt; aber diese sonderbaren, zufaelligen Zeichen, durch die ein hoeheres Wesen mit uns zu sprechen scheint, waren seiner Leidenschaft unverstaendlich; vielmehr, indem sie ihn immer weiter fuehrte, empfand er die Beschraenkung, in der man ihn zu halten schien, immer unangenehmer.

Die freundliche Geselligkeit verlor sich.

Sein Herz war verschlossen, und wenn er mit Eduard und Frau zusammenzusein genoetigt war, so gelang es ihm nicht, seine fruehere Neigung zu ihnen in seinem Busen wieder aufzufinden, zu beleben.

Der stille Vorwurf, den er sich selbst hierueber machen musste, war ihm unbequem, und er suchte sich durch eine Art von Humor zu helfen, der aber, weil er ohne Liebe war, auch der gewohnten Anmut ermangelte. ueber alle diese Pruefungen half Charlotten ihr inneres Gefuehl hinweg.

Sie war sich ihres ernsten Vorsatzes bewusst, auf eine so schoene, edle Neigung Verzicht zu tun.

Wie sehr wuenschte sie, jenen beiden auch zu Huelfe zu kommen!

Entfernung, fuehlte sie wohl, wird nicht allein hinreichend sein, ein solches uebel zu heilen.

Sie nimmt sich vor, die Sache gegen das gute Kind zur Sprache zu bringen; aber sie vermag es nicht; die Erinnerung ihres eignen Schwankens steht ihr im Wege.

Sie sucht sich darueber im allgemeinen auszudruecken; das Allgemeine passt auch auf ihren eignen Zustand, den sie auszusprechen scheut.

Ein jeder Wink, den sie Ottilien geben will, deutet zurueck in ihr eignes Herz.

Sie will warnen und fuehlt, dass sie wohl selbst noch einer Warnung beduerfen koennte.

Schweigend haelt sie daher die Liebenden noch immer auseinander, und die Sache wird dadurch nicht besser.

Leise Andeutungen, die ihr manchmal entschluepfen, wirken auf Ottilien nicht; denn Eduard hatte diese von Charlottens Neigung zum Hauptmann ueberzeugt, sie ueberzeugt, dass Charlotte selbst eine Scheidung wuensche, die er nun auf eine anstaendige Weise zu bewirken denke.

Ottilie, getragen durch das Gefuehl ihrer Unschuld, auf dem Wege zu dem erwuenschtesten Glueck, lebt nur fuer Eduard.

Durch die Liebe zu ihm in allem Guten gestaerkt, um seinetwillen freudiger in ihrem Tun, aufgeschlossener gegen andre, findet sie sich in einem Himmel auf Erden.

So setzen alle zusammen, jeder auf seine Weise, das taegliche Leben fort, mit und ohne Nachdenken; alles scheint seinen gewoehnlichen Gang zu gehen, wie man auch in ungeheuren Faellen, wo alles auf dem Spiele steht, noch immer so fortlebt, als wenn von nichts die Rede waere.

Von dem Grafen war indessen ein Brief an den Hauptmann angekommen, und zwar ein doppelter, einer zum Vorzeigen, der sehr schoene Aussichten in die Ferne darwies; der andre hingegen, der ein entschiedenes Anerbieten fuer die Gegenwart enthielt, eine bedeutende Hof—und Geschaeftsstelle, den Charakter als Major, ansehnlichen Gehalt und andre Vorteile, sollte wegen verschiedener Nebenumstaende noch geheimgehalten werden.

Auch unterrichtete der Hauptmann seine Freunde nur von jenen Hoffnungen und verbarg, was so nahe bevorstand.

Indessen setzte er die gegenwaertigen Geschaefte lebhaft fort und machte in der Stille Einrichtungen, wie alles in seiner Abwesenheit ungehinderten Fortgang haben koennte.

Es ist ihm nun selbst daran gelegen, dass fuer manches ein Termin bestimmt werde, dass Ottiliens Geburtstag manches beschleunige.

Nun wirken die beiden Freunde, obschon ohne ausdrueckliches Einverstaendnis, gern zusammen.

Eduard ist nun recht zufrieden, dass man durch das Vorauserheben der Gelder die Kasse verstaerkt hat; die ganze Anstalt rueckt auf das rascheste vorwaerts.

Die drei Teiche in einen See zu verwandeln, haette jetzt der Hauptmann am liebsten ganz widerraten.

Der untere Damm war zu verstaerken, die mittlern abzutragen und die ganze Sache in mehr als einem Sinne wichtig und bedenklich.

Beide Arbeiten aber, wie sie ineinanderwirken konnten, waren schon angefangen, und hier kam ein junger Architekt, ein ehemaliger Zoegling des Hauptmanns, sehr erwuenscht, der teils mit Anstellung tuechtiger Meister, teils mit Verdingen der Arbeit, wo sichs tun liess, die Sache foerderte und dem Werke Sicherheit und Dauer versprach; wobei sich der Hauptmann im stillen freute, dass man seine Entfernung nicht fuehlen wuerde.

Denn er hatte den Grundsatz, aus einem uebernommenen unvollendeten Geschaeft nicht zu scheiden, bis er seine Stelle genugsam ersetzt saehe.

Ja er verachtete diejenigen, die, um ihren Abgang fuehlbar zu machen, erst noch Verwirrung in ihrem Kreise anrichten, indem sie als ungebildete Selbstler das zu zerstoeren wuenschen, wobei sie nicht mehr fortwirken sollen.

So arbeitete man immer mit Anstrengung, um Ottiliens Geburtstag zu verherrlichen, ohne dass man es aussprach oder sichs recht aufrichtig bekannte.

Nach Charlottens obgleich neidlosen Gesinnungen konnte es doch kein entschiedenes Fest werden.

Die Jugend Ottiliens, ihre Gluecksumstaende, das Verhaeltnis zur Familie berechtigten sie nicht, als Koenigin eines Tages zu erscheinen. Und Eduard wollte nicht davon gesprochen haben, weil alles wie von selbst entspringen, ueberraschen und natuerlich erfreuen sollte.

Alle kamen daher stillschweigend in dem Vorwande ueberein, als wenn an diesem Tage, ohne weitere Beziehung, jenes Lusthaus gerichtet werden sollte, und bei diesem Anlass konnte man dem Volke sowie den Freunden ein Fest ankuendigen.

Eduards Neigung war aber grenzenlos.

Wie er sich Ottilien zuzueignen begehrte, so kannte er auch kein Mass des Hingebens, Schenkens, Versprechens.

Zu einigen Gaben, die er Ottilien an diesem Tage verehren wollte, hatte ihm Charlotte viel zu aermliche Vorschlaege getan.

Er sprach mit seinem Kammerdiener, der seine Garderobe besorgte und mit Handelsleuten und Modehaendlern in bestaendigem Verhaeltnis blieb; dieser, nicht unbekannt sowohl mit den angenehmsten Gaben selbst als mit der besten Art, sie zu ueberreichen, bestellte sogleich in der Stadt den niedlichsten Koffer, mit rotem Saffian ueberzogen, mit Stahlnaegeln beschlagen und angefuellt mit Geschenken, einer solchen Schale wuerdig.

Noch einen andern Vorschlag tat er Eduarden.

Es war ein kleines Feuerwerk vorhanden, das man immer abzubrennen versaeumt hatte.

Dies konnte man leicht verstaerken und erweitern.

Eduard ergriff den Gedanken, und jener versprach, fuer die Ausfuehrung zu sorgen.

Die Sache sollte ein Geheimnis bleiben.

Der Hauptmann hatte unterdessen, je naeher der Tag heranrueckte, seine polizeilichen Einrichtungen getroffen, die er fuer so noetig hielt, wenn eine Masse Menschen zusammenberufen oder -gelockt wird. Ja sogar hatte er wegen des Bettelns und andrer Unbequemlichkeiten, wodurch die Anmut eines Festes gestoert wird, durchaus Vorsorge genommen.

Eduard und sein Vertrauter dagegen beschaeftigten sich vorzueglich mit dem Feuerwerk.

Am mittelsten Teiche vor jenen grossen Eichbaeumen sollte es abgebrannt werden; gegenueber unter den Platanen sollte die Gesellschaft sich aufhalten, um die Wirkung aus gehoeriger Ferne, die Abspiegelung im Wasser, und was auf dem Wasser selbst brennend zu schwimmen bestimmt war, mit Sicherheit und Bequemlichkeit anzuschauen.

Unter einem andern Vorwand liess daher Eduard den Raum unter den Platanen von Gestraeuch, Gras und Moos saeubern, und nun erschien erst die Herrlichkeit des Baumwuchses sowohl an Hoehe als Breite auf dem gereinigten Boden.

Eduard empfand darueber die groesste Freude.

’Es war ungefaehr um diese Jahrszeit, als ich sie pflanzte. Wie lange mag es her sein?’ sagte er zu sich selbst.

Sobald er nach Hause kam, schlug er in alten Tagebuechern nach, die sein Vater, besonders auf dem Lande, sehr ordentlich gefuehrt hatte.

Zwar diese Pflanzung konnte nicht darin erwaehnt sein, aber eine andre haeuslich wichtige Begebenheit an demselben Tage, deren sich Eduard noch wohl erinnerte, musste notwendig darin angemerkt stehen.

Er durchblaettert einige Baende, der Umstand findet sich.

Aber wie erstaunt, wie erfreut ist Eduard, als er das wunderbarste Zusammentreffen bemerkt!

Der Tag, das Jahr jener Baumpflanzung ist zugleich der Tag, das Jahr von Ottiliens Geburt.

Endlich leuchtete Eduarden der sehnlich erwartete Morgen, und nach und nach stellten viele Gaeste sich ein; denn man hatte die Einladungen weit umhergeschickt, und manche, die das Legen des Grundsteins versaeumt hatten, wovon man soviel Artiges erzaehlte, wollten diese zweite Feierlichkeit um so weniger verfehlen.

Vor Tafel erschienen die Zimmerleute mit Musik im Schlosshofe, ihren reichen Kranz tragend, der aus vielen stufenweise uebereinander schwankenden Laub—und Blumenreifen zusammengesetzt war.

Sie sprachen ihren Gruss und erbaten sich zur gewoehnlichen Ausschmueckung seidene Tuecher und Baender von dem schoenen Geschlecht.

Indes die Herrschaft speiste, setzten sie ihren jauchzenden Zug weiter fort, und nachdem sie sich eine Zeitlang im Dorfe aufgehalten und daselbst Frauen und Maedchen gleichfalls um manches Band gebracht, so kamen sie endlich, begleitet und erwartet von einer grossen Menge, auf die Hoehe, wo das gerichtete Haus stand.

Charlotte hielt nach der Tafel die Gesellschaft einigermassen zurueck.

Sie wollte keinen feierlichen, foermlichen Zug, und man fand Sich daher in einzelnen Partieen, ohne Rang und Ordnung, auf dem Platz gemaechlich ein.

Charlotte zoegerte mit Ottilien und machte dadurch die Sache nicht besser; denn weil Ottilie wirklich die letzte war, die herantrat, so schien es, als wenn Trompeten und Pauken nur auf sie gewartet haetten, als wenn die Feierlichkeit bei ihrer Ankunft nun gleich beginnen muesste.

Dem Hause das rohe Ansehn zu nehmen, hatte man es mit gruenem Reisig und Blumen, nach Angabe des Hauptmanns, architektonisch ausgeschmueckt; allein ohne dessen Mitwissen hatte Eduard den Architekten veranlasst, in dem Gesims das Datum mit Blumen zu bezeichnen.

Das mochte noch hingehen; allein zeitig genug langte der Hauptmann an, um zu verhindern, dass nicht auch der Name Ottiliens im Giebelfelde glaenzte.

Er wusste dieses Beginnen auf eine geschickte Weise abzulehnen und die schon fertigen Blumenbuchstaben beiseitezubringen.

Der Kranz war aufgesteckt und weit umher in der Gegend sichtbar.

Bunt flatterten die Baender und Tuecher in der Luft, und eine kurze Rede verscholl zum groessten Teil im Winde.

Die Feierlichkeit war zu Ende, der Tanz auf dem geebneten und mit Lauben umkreiseten Platze vor dem Gebaeude sollte nun angehen.

Ein schmucker Zimmergeselle fuehrte Eduarden ein flinkes Bauermaedchen zu und forderte Ottilien auf, welche danebenstand.

Die beiden Paare fanden sogleich ihre Nachfolger, und bald genug wechselte Eduard, indem er Ottilien ergriff und mit ihr die Runde machte.

Die juengere Gesellschaft mischte sich froehlich in den Tanz des Volks, indes die aeltern beobachteten.

Sodann, ehe man sich auf den Spaziergaengen zerstreute, ward abgeredet, dass man sich mit Untergang der Sonne bei den Platanen wieder versammeln wollte.

Eduard fand sich zuerst ein, ordnete alles und nahm Abrede mit dem Kammerdiener, der auf der andern Seite in Gesellschaft des Feuerwerkers die Lusterscheinungen zu besorgen hatte.

Der Hauptmann bemerkte die dazu getroffenen Vorrichtungen nicht mit Vergnuegen; er wollte wegen des zu erwartenden Andrangs der Zuschauer mit Eduard sprechen, als ihn derselbe etwas hastig bat, er moege ihm diesen Teil der Feierlichkeit doch allein ueberlassen.

Schon hatte sich das Volk auf die oberwaerts abgestochenen und vom Rasen entbloessten Daemme gedraengt, wo das Erdreich uneben und unsicher war.

Die Sonne ging unter, die Daemmerung trat ein, und in Erwartung groesserer Dunkelheit wurde die Gesellschaft unter den Platanen mit Erfrischungen bedient.

Man fand den Ort unvergleichlich und freute sich in Gedanken, kuenftig von hier die Aussicht auf einen weiten und so mannigfaltig begrenzten See zu geniessen.

Ein ruhiger Abend, eine vollkommene Windstille versprachen das naechtliche Fest zu beguenstigen, als auf einmal ein entsetzliches Geschrei entstand.

Grosse Schollen hatten sich vom Damme losgetrennt, man sah mehrere Menschen ins Wasser stuerzen.

Das Erdreich hatte nachgegeben unter dem Draengen und Treten der immer zunehmenden Menge.

Jeder wollte den besten Platz haben, und nun konnte niemand vorwaerts noch zurueck.

Jedermann sprang auf und hinzu, mehr um zu schauen als zu tun; denn was war da zu tun, wo niemand hinreichen konnte.

Nebst einigen Entschlossenen eilte der Hauptmann herbei, trieb sogleich die Menge von dem Damm herunter nach den Ufern, um den Huelfreichen freie Hand zu geben, welche die Versinkenden herauszuziehen suchten.

Schon waren alle teils durch eignes, teils durch fremdes Bestreben wieder auf dem Trochnen, bis auf einen Knaben, der durch allzu aengstliches Bemuehen, statt sich dem Damm zu naehern, sich davon entfernt hatte.

Die Kraefte schienen ihn zu verlassen, nur einigemal kam noch eine Hand, ein Fuss in die Hoehe.

Ungluecklicherweise war der Kahn auf der andern Seite, mit Feuerwerk gefuellt, nur langsam konnte man ihn ausladen, und die Huelfe verzoegerte sich.

Des Hauptmanns Entschluss war gefasst, er warf die Oberkleider weg, aller Augen richteten sich auf ihn, und seine tuechtige, kraeftige Gestalt floesste jedermann Zutrauen ein; aber ein Schrei der ueberraschung drang aus der Menge hervor, als er sich ins Wasser stuerzte, jedes Auge begleitete ihn, der als geschickter Schwimmer den Knaben bald erreichte und ihn, jedoch fuer tot, an den Damm brachte.

Indessen ruderte der Kahn herbei, der Hauptmann bestieg ihn und forschte genau von den Anwesenden, ob denn auch wirklich alle gerettet seien.

Der Chirurgus kommt und uebernimmt den totgeglaubten Knaben; Charlotte tritt hinzu, sie bittet den Hauptmann, nur fuer sich zu sorgen, nach dem Schlosse zurueckzukehren und die Kleider zu wechseln.

Er zaudert, bis ihm gesetzte, verstaendige Leute, die ganz nahe gegenwaertig gewesen, die selbst zur Rettung der einzelnen beigetragen, auf das heiligste versichern, dass alle gerettet seien.

Charlotte sieht ihn nach Hause gehen, sie denkt, dass Wein und Tee und was sonst noetig waere, verschlossen ist, dass ein solchen Faellen die Menschen gewoehnlich verkehrt handeln; sie eilt durch die zerstreute Gesellschaft, die sich noch unter den Platanen befindet.

Eduard ist beschaeftigt, jedermann zuzureden: man soll bleiben; in kurzem gedenkt er das Zeichen zu geben, und das Feuerwerk soll beginnen.

Charlotte tritt hinzu und bittet ihn, ein Vergnuegen zu verschieben, das jetzt nicht am Platze sei, das in dem gegenwaertigen Augenblick nicht genossen werden koenne; sie erinnert ihn, was man dem Geretteten und dem Retter schuldig sei.

"Der Chirurgus wird schon seine Pflicht tun", versetzte Eduard.

"Er ist mit allem versehen, und unser Zudringen waere nur eine hinderliche Teilnahme".

Charlotte bestand auf ihrem Sinne und winkte Ottilien, die sich sogleich zum Weggehen anschickte.

Eduard ergriff ihre Hand und rief: "wir wollen diesen Tag nicht im Lazarett endigen!

Zur barmherzigen Schwester ist sie zu gut.

Auch ohne uns werden die Scheintoten erwachen und die Lebendigen sich abtrocknen".

Charlotte schwieg und ging.

Einige folgten ihr, andere diesen; endlich wollte niemand der Letzte sein, und so folgten alle.

Eduard und Ottilie fanden sich allein unter den Platanen.

Er bestand darauf, zu bleiben, so dringend, so aengstlich sie ihn auch bat, mit ihr nach dem Schlosse zurueckzukehren.

"Nein, Ottilie!" rief er, "das Ausserordentliche geschieht nicht auf glattem, gewoehnlichem Wege.

Dieser ueberraschende Vorfall von heute abend bringt uns schneller zusammen.

Du bist die Meine!

Ich habe dirs schon so oft gesagt und geschworen; wir wollen es nicht mehr sagen und schwoeren, nun soll es werden".

Der Kahn von der andern Seite schwamm herueber.

Es war der Kammerdiener, der verlegen anfragte, was nunmehr mit dem Feuerwerk werden sollte.

"Brennt es ab!" rief er ihm entgegen.

"Fuer dich allein war es bestellt, Ottilie, und nun sollst du es auch allein sehen!

Erlaube mir, an deiner Seite sitzend, es mitzugeniessen".

Zaertlich bescheiden setzte er sich neben sie, ohne sie zu beruehren.

Raketen rauschten auf, Kanonenschlaege donnerten, Leuchtkugeln stiegen, Schwaermer schlaengelten und platzten, Raeder gischten, jedes erst einzeln, dann gepaart, dann alle zusammen und immer gewaltsamer hintereinander und zusammen.

Eduard, dessen Busen brannte, verfolgte mit lebhaft zufriedenem Blick diese feurigen Erscheinungen.

Ottiliens zartem, aufgeregtem Gemuet war dieses rauschende, blitzende Entstehen und Verschwinden eher aengstlich als angenehm.

Sie lehnte sich schuechtern an Eduard, dem diese Annaeherung, dieses Zutrauen das volle Gefuehl gab, dass sie ihm ganz angehoere.

Die Nacht war kaum in ihre Rechte wieder eingetreten, als der Mond aufging und die Pfade der beiden Rueckkehrenden beleuchtete.

Eine Figur, den Hut in der Hand, vertrat ihnen den Weg und sprach sie um ein Almosen an, da er an diesem Festlichen Tage versaeumt worden sei.

Der Mond schien ihm ins Gesicht, und Eduard erkannte die Zuege jenes zudringlichen Bettlers.

Aber so gluecklich wie er war, konnte er nicht ungehalten sein, konnte es ihm nicht einfallen, dass besonders fuer heute das Betteln hoechlich verpoent worden.

Er forschte nicht lange in der Tasche und gab ein Goldstueck hin.

Er haette jeden gern gluecklich gemacht, da sein Glueck ohne Grenzen schien.

Zu Hause war indes alles erwuenscht gelungen.

Die Taetigkeit des Chirurgen, die Bereitschaft alles Noetigen, der Beistand Charlottens, alles wirkte zusammen, und der Knabe ward wieder zum Leben hergestellt.

Die Gaeste zerstreuten sich, sowohl um noch etwas vom Feuerwerk aus der Ferne zu sehen, als auch um nach solchen verworrnen Szenen ihre ruhige Heimat wieder zu betreten.

Auch hatte der Hauptmann, geschwind umgekleidet, an der noetigen Vorsorge taetigen Anteil genommen; alles war beruhigt, und er fand sich mit Charlotten allein.

Mit zutraulicher Freundlichkeit erklaerte er nun, dass seine Abreise nahe bevorstehe.

Sie hatte diesen Abend so viel erlebt, dass diese Entdeckung wenig Eindruck auf sie machte; sie hatte gesehen, wie der Freund sich aufopferte, wie er rettete und selbst gerettet war.

Diese wunderbaren Ereignisse schienen ihr eine bedeutende Zukunft, aber keine unglueckliche zu weissagen.

Eduarden, der mit Ottilien hereintrat, wurde die bevorstehende Abreise des Hauptmanns gleichfalls angekuendigt.

Er argwohnte, dass Charlotte frueher um das Naehere gewusst habe, war aber viel zu sehr mit sich und seinen Absichten beschaeftigt, als dass er es haette uebel empfinden sollen.

Im Gegenteil vernahm er aufmerksam und zufrieden die gute und ehrenvolle Lage, in die der Hauptmann versetzt werden sollte.

Unbaendig drangen seine geheimen Wuensche den Begebenheiten vor. Schon sah er jenen mit Charlotten verbunden, sich mit Ottilien.

Man haette ihm zu diesem Fest kein groesseres Geschenk machen koennen.

Aber wie erstaunt war Ottilie, als sie auf ihr Zimmer trat und den koestlichen kleinen Koffer auf ihrem Tische fand!

Sie saeumte nicht, ihn zu eroeffnen.

Da zeigte sich alles so schoen gepackt und geordnet, dass sie es nicht auseinanderzunehmen, ja kaum zu lueften wagte.

Musselin, Batist, Seide, Schals und Spitzen wetteiferten an Feinheit, Zierlichkeit und Kostbarkeit.

Auch war der Schmuck nicht vergessen.

Sie begriff wohl die Absicht, sie mehr als einmal vom Kopf bis auf den Fuss zu kleiden; es war aber alles so kostbar und fremd, dass sie sichs in Gedanken nicht zuzueignen getraute.

Des andern Morgens war der Hauptmann verschwunden und ein dankbar gefuehltes Blatt an die Freunde von ihm zurueckgeblieben.

Er und Charlotte hatten abends vorher schon halben und einsilbigen Abschied genommen.

Sie empfand eine ewige Trennung und ergab sich darein; denn in dem zweiten Briefe des Grafen, den ihr der Hauptmann zuletzt mitteilte, war auch von einer Aussicht auf eine vorteilhafte Heirat die Rede, und obgleich er diesem Punkt keine Aufmerksamkeit schenkte, so hielt sie doch die Sache schon fuer gewiss und entsagte ihm rein und voellig.

Dagegen glaubte sie nun auch die Gewalt, die sie ueber sich selbst ausgeuebt, von andern fordern zu koennen.

Ihr war es nicht unmoeglich gewesen, andern sollte das gleiche moeglich sein.

In diesem Sinne begann sie das Gespraech mit ihrem Gemahl, um so mehr offen und zuversichtlich, als sie empfand, dass die Sache ein fuer allemal abgetan werden muesse.

"Unser Freund hat uns verlassen", sagte sie; "wir sind nun wieder gegeneinander ueber wie vormals, und es kaeme nun wohl auf uns an, ob wir wieder voellig in den alten Zustand zurueckkehren wollten".

Eduard, der nichts vernahm, als was seiner Leidenschaft schmeichelte, glaubte, dass Charlotte durch diese Worte den frueheren Witwenstand bezeichnen und, obgleich auf unbestimmte Weise, zu einer Scheidung Hoffnung machen wolle.

Er antwortete deshalb mit Laecheln: "warum nicht?

Es kaeme nur darauf an, dass man sich verstaendigte".

Er fand sich daher gar sehr betrogen, als Charlotte versetzte: "auch Ottilien in eine andere Lage zu bringen, haben wir gegenwaertig nur zu waehlen; denn es findet sich eine doppelte Gelegenheit, ihr Verhaeltnisse zu geben, die fuer sie wuenschenswert sind.

Sie kann in die Pension zurueckkehren, da meine Tochter zur Grosstante gezogen ist; sie kann in ein angesehenes Haus aufgenommen werden, um mit einer einzigen Tochter alle Vorteile einer standesmaessigen Erziehung zu geniessen".

"Indessen", versetzte Eduard ziemlich gefasst, "hat Ottilie sich in unserer freundlichen Gesellschaft so verwoehnt, dass ihr eine andere wohl schwerlich willkommen sein moechte".

"Wir haben uns alle verwoehnt", sagte Charlotte, "und du nicht zum letzten.

Indessen ist es eine Epoche, die uns zur Besinnung auffordert, die uns ernstlich ermahnt, an das Beste saemtlicher Mitglieder unseres kleinen Zirkels zu denken und auch irgendeine Aufopferung nicht zu versagen".

"Wenigstens finde ich es nicht billig", versetzte Eduard, "dass Ottilie aufgeopfert werde, und das geschaehe doch, wenn man sie gegenwaertig unter fremde Menschen hinunterstiesse.

Den Hauptmann hat sein gutes Geschick hier aufgesucht; wir duerfen ihn mit Ruhe, ja mit Behagen von uns wegscheiden lassen.

Wer weiss, was Ottilien bevorsteht; warum sollten wir uns uebereilen?" "Was uns bevorsteht, ist ziemlich klar", versetzte Charlotte mit einiger Bewegung, und da sie die Absicht hatte, ein fuer allemal sich auszusprechen, fuhr sie fort: "du liebst Ottilien, du gewoehnst dich an sie.

Neigung und Leidenschaft entspringt und naehrt sich auch von ihrer Seite.

Warum sollen wir nicht mit Worten aussprechen, was uns jede Stunde gesteht und bekennt?

Sollen wir nicht soviel Vorsicht haben, uns zu fragen, was das werden wird?" "Wenn man auch sogleich nicht darauf antworten kann", versetzte Eduard, der sich zusammennahm, "so laesst sich doch soviel sagen, dass man eben alsdann sich am ersten entschliesst abzuwarten, was uns die Zukunft lehren wird, wenn man gerade nicht sagen kann, was aus einer Sache werden soll".

"Hier vorauszusehen", versetzte Charlotte, "bedarf es wohl keiner grossen Weisheit, und soviel laesst sich auf alle Faelle gleich sagen, dass wir beide nicht mehr jung genug sind, um blindlings dahin zu gehen, wohin man nicht moechte oder nicht sollte.

Niemand kann mehr fuer uns sorgen; wir muessen unsre eigenen Freunde sein, unsre eigenen Hofmeister.

Niemand erwartet von uns, dass wir uns in ein aeusserstes verlieren werden, niemand erwartet, uns tadelnswert oder gar laecherlich zu finden".

"Kannst du mirs verdenken", versetzte Eduard, der die offne, reine Sprache seiner Gattin nicht zu erwidern vermochte, "kannst du mich schelten, wenn mir Ottiliens Glueck am Herzen liegt?

Und nicht etwa ein kuenftiges, das immer nicht zu berechnen ist, sondern ein gegenwaertiges?

Denke dir aufrichtig und ohne Selbstbetrug Ottilien aus unserer Gesellschaft gerissen und fremden Menschen untergeben—ich wenigstens fuehle mich nicht grausam genug, ihr eine solche Veraenderung zuzumuten".

Charlotte ward gar wohl die Entschlossenheit ihres Gemahls hinter seiner Verstellung gewahr.

Erst jetzt fuehlte sie, wie weit er sich von ihr entfernt hatte.

Mit einiger Bewegung rief sie aus: "kann Ottilie gluecklich sein, wenn sie uns entzweit, wenn sie mir einen Gatten, seinen Kindern einen Vater entreisst?" "Fuer unsere Kinder, daechte ich, waere gesorgt", sagte Eduard laechelnd und kalt; etwas freundlicher aber fuegte er hinzu: "wer wird auch gleich das aeusserste denken!" "Das aeusserste liegt der Leidenschaft zu allernaechst", bemerkte Charlotte.

"Lehne, solange es noch Zeit ist, den guten Rat nicht ab, nicht die Huelfe, die ich uns biete.

In trueben Faellen muss derjenige wirken und helfen, der am klarsten sieht.

Diesmal bin ichs.

Lieber, liebster Eduard, lass mich gewaehren!

Kannst du mir zumuten, dass ich auf mein wohlerworbenes Glueck, auf die schoensten Rechte, auf dich so geradehin Verzicht leisten soll?" "Wer sagt das?" versetzte Eduard mit einiger Verlegenheit.

"Du selbst", versetzte Charlotte; "indem du Ottilien in der Naehe behalten willst, gestehst du nicht alles zu, was daraus entspringen muss?

Ich will nicht in dich dringen; aber wenn du dich nicht ueberwinden kannst, so wirst du wenigstens dich nicht lange mehr betriegen koennen".

Eduard fuehlte, wie recht sie hatte.

Ein ausgesprochenes Wort ist fuerchterlich, wenn es das auf einmal ausspricht, was das Herz lange sich erlaubt hat; und um nur fuer den Augenblick auszuweichen, erwiderte Eduard: "es ist mir ja noch nicht einmal klar, was du vorhast".

"Meine Absicht war", versetzte Charlotte, "mit dir die beiden Vorschlaege zu ueberlegen.

Beide haben viel Gutes.

Die Pension wuerde Ottilien am gemaessesten sein, wenn ich betrachte, wie das Kind jetzt ist.

Jene groessere und weitere Lage verspricht aber mehr, wenn ich bedenke, was sie werden soll".

Sie legte darauf umstaendlich ihrem Gemahl die beiden Verhaeltnisse dar und schloss mit den Worten: "was meine Meinung betrifft, so wuerde ich das Haus jener Dame der Pension vorziehen aus mehreren Ursachen, besonders aber auch, weil ich die Neigung, ja die Leidenschaft des jungen Mannes, den Ottilie dort fuer sich gewonnen, nicht vermehren will".

Eduard schien ihr Beifall zu geben, nur aber, um einigen Aufschub zu suchen.

Charlotte, die darauf ausging, etwas Entscheidendes zu tun, ergriff sogleich die Gelegenheit, als Eduard nicht unmittelbar widersprach, die Abreise Ottiliens, zu der sie schon alles im stillen vorbereitet hatte, auf die naechsten Tage festzusetzen.

Eduard schauderte, er hielt sich fuer verraten und die liebevolle Sprache seiner Frau fuer ausgedacht, kuenstlich und planmaessig, um ihn auf ewig von seinem Gluecke zu trennen.

Er schien ihr die Sache ganz zu ueberlassen; allein schon war innerlich sein Entschluss gefasst.

Um nur zu Atem zu kommen, um das bevorstehende unabsehliche Unheil der Entfernung Ottiliens abzuwenden, entschied er sich, sein Haus zu verlassen, und zwar nicht ganz ohne Vorbewusst Charlottens, die er jedoch durch die Einleitung zu taeuschen verstand, dass er bei Ottiliens Abreise nicht gegenwaertig sein, ja sie von diesem Augenblick an nicht mehr sehen wolle.

Charlotte, die gewonnen zu haben glaubte, tat ihm allen Vorschub.

Er befahl seine Pferde, gab dem Kammerdiener die noetige Anweisung, was er einpacken und wie er ihm folgen solle, und so, wie schon im Stegreife, setzte er sich hin und schrieb.

"Das uebel, meine Liebe, das uns befallen hat, mag heilbar sein oder nicht, dies nur fuehle ich: wenn ich im Augenblicke nicht verzweifeln soll, so muss ich Aufschub finden fuer mich, fuer uns alle.

Indem ich mich aufopfre, kann ich fordern.

Ich verlasse mein Haus und kehre nur unter guenstigern, ruhigern Aussichten zurueck.

Du sollst es indessen besitzen, aber mit Ottilien.

Bei dir will ich sie wissen, nicht unter fremden Menschen.

Sorge fuer sie, behandle sie wie sonst, wie bisher, ja nur immer liebevoller, freundlicher und zarter.

Ich verspreche, kein heimliches Verhaeltnis zu Ottilien zu suchen.

Lasst mich lieber eine Zeitlang ganz unwissend, wie ihr lebt; ich will mir das Beste denken.

Denkt auch so von mir.

Nur, was ich dich bitte, auf das innigste, auf das lebhafteste: mache keinen Versuch, Ottilien sonst irgendwo unterzugeben, in neue Verhaeltnisse zu bringen!

Ausser dem Bezirk deines Schlosses, deines Parks, fremden Menschen anvertraut, gehoert sie mir, und ich werde mich ihrer bemaechtigen.

Ehrst du aber meine Neigung, meine Wuensche, meine Schmerzen, schmeichelst du meinem Wahn, meinen Hoffnungen, so will ich auch der Genesung nicht widerstreben, wenn sie sich mir anbietet".

Diese letzte Wendung floss ihm aus der Feder, nicht aus dem Herzen.

Ja, wie er sie auf dem Papier sah, fing er bitterlich an zu weinen.

Er sollte auf irgendeine Weise dem Glueck, ja dem Unglueck, Ottilien zu lieben, entsagen!

Jetzt fuehlte er, was er tat.

Er entfernte sich, ohne zu wissen, was daraus entstehen konnte.

Er sollte sie wenigstens jetzt nicht wiedersehen; ob er sie je widersaehe, welche Sicherheit konnte er sich darueber versprechen?

Aber der Brief war geschrieben; die Pferde standen vor der Tuer; jeden Augenblick musste er fuerchten, Ottilien irgendwo zu erblicken und zugleich seinen Entschluss vereitelt zu sehen.

Er fasste sich; er dachte, dass es ihm doch moeglich sei, jeden Augenblick zurueckzukehren und durch die Entfernung gerade seinen Wuenschen naeher zu kommen.

Im Gegenteil stellte er sich Ottilien vor, aus dem Hause gedraengt, wenn er bliebe.

Er siegelte den Brief, eilte die Treppe hinab und schwang sich aufs Pferd.

Als er beim Wirtshause vorbeitritt, sah er den Bettler in der Laube sitzen, den er gestern nacht so reichlich beschenkt hatte.

Dieser sass behaglich an seinem Mittagsmahle, stand auf und neigte sich ehrerbietig, ja anbetend vor Eduarden.

Eben diese Gestalt war ihm gestern erschienen, als er Ottilien am Arm fuehrte; nun erinnerte sie ihn schmerzlich an die gluecklichste Stunde seines Lebens.

Seine Leiden vermehrten sich; das Gefuehl dessen, was er zurueckliess, war ihm unertraeglich; nochmals blickte er nach dem Bettler: "o du Beneidenswerter!" rief er aus; "du kannst noch am gestrigen Almosen zehren und ich nicht mehr am gestrigen Gluecke!" Ottilie trat ans Fenster, als sie jemanden wegreiten hoerte, und sah Eduarden noch im Ruecken.

Es kam ihr wunderbar vor, dass er das Haus verliess, ohne sie gesehen, ohne ihr einen Morgengruss geboten zu haben.

Sie ward unruhig und immer nachdenklicher, als Charlotte sie auf einen weiten Spaziergang mit sich zog und von mancherlei Gegenstaenden sprach, aber des Gemahls, und wie es schien vorsaetzlich, nicht erwaehnte. Doppelt betroffen war sie daher, bei ihrer Zurueckkunft den Tisch nur mit zwei Gedecken besetzt zu finden.

Wir vermissen ungern gering scheinende Gewohnheiten, aber schmerzlich empfinden wir erst ein solches Entbehren in bedeutenden Faellen. Eduard und der Hauptmann fehlten, Charlotte hatte seit langer Zeit zum erstenmal den Tisch selbst angeordnet, und es wollte Ottilien scheinen, als wenn sie abgesetzt waere.

Die beiden Frauen sassen gegeneinander ueber; Charlotte sprach ganz unbefangen von der Anstellung des Hauptmanns und von der wenigen Hoffnung, ihn bald wiederzusehen.

Das einzige troestete Ottilien in ihrer Lage, dass sie glauben konnte, Eduard sei, um den Freund noch eine Strecke zu begleiten, ihm nachgeritten.

Allein da sie von Tische aufstanden, sahen sie Eduards Reisewagen unter dem Fenster, und als Charlotte einigermassen unwillig fragte, wer ihn hieher bestellt habe, so antwortete man ihr, es sei der Kammerdiener, der hier noch einiges aufpacken wolle.

Ottilie brauchte ihre ganze Fassung, um ihre Verwunderung und ihren Schmerz zu verbergen.

Der Kammerdiener trat herein und verlangte noch einiges.

Es war eine Mundtasse des Herrn, ein paar silberne Loeffel und mancherlei, was Ottilien auf eine weitere Reise, auf ein laengeres Aussenbleiben zu deuten schien.

Charlotte verwies ihm sein Begehren ganz trocken: sie verstehe nicht, was er damit sagen wolle; denn er habe ja alles, was sich auf den Herrn beziehe, selbst im Beschluss.

Der gewandte Mann, dem es freilich nur darum zu tun war, Ottilien zu sprechen und sie deswegen unter irgendeinem Vorwande aus dem Zimmer zu locken, wusste sich zu entschuldigen und auf seinem Verlangen zu beharren, das ihm Ottilie auch zu gewaehren wuenschte; allein Charlotte lehnte es ab, der Kammerdiener musste sich entfernen, und der Wagen rollte fort.

Es war fuer Ottilien ein schrecklicher Augenblick.

Sie verstand es nicht, sie begriff es nicht; aber dass ihr Eduard auf geraume Zeit entrissen war, konnte sie fuehlen.

Charlotte fuehlte den Zustand mit und liess sie allein.

Wir wagen nicht, ihren Schmerz, ihre Traenen zu schildern.

Sie litt unendlich.

Sie bat nur Gott, dass er ihr nur ueber diesen Tag weghelfen moechte; sie ueberstand den Tag und die Nacht, und als sie sich wiedergefunden, glaubte sie, ein anderes Wesen anzutreffen.

Sie hatte sich nicht gefasst, sich nicht ergeben, aber sie war nach so grossem Verluste noch da und hatte noch mehr zu befuerchten.

Ihre naechste Sorge, nachdem das Bewusstsein wiedergekehrt, war sogleich, sie moechte nun, nach Entfernung der Maenner, gleichfalls entfernt werden.

Sie ahnte nichts von Eduards Drohungen, wodurch ihr der Aufenthalt neben Charlotten gesichert war; doch diente ihr das Betragen Charlottens zu einiger Beruhigung.

Diese suchte das gute Kind zu beschaeftigen und liess sie nur selten, nur ungern von sich; und ob sie gleich wohl wusste, dass man mit Worten nicht viel gegen eine entschiedene Leidenschaft zu wirken vermag, so kannte sie doch die Macht der Besonnenheit, des Bewusstseins, und brachte daher manches zwischen sich und Ottilien zur Sprache.

So war es fuer diese ein grosser Trost, als jene gelegentlich mit Bedacht und Vorsatz die weise Betrachtung anstellte: "wie lebhaft ist", sagte sie, "die Dankbarkeit derjenigen, denen wir mit Ruhe ueber leidenschaftliche Verlegenheiten hinaushelfen!

Lass uns freudig und munter in das eingreifen, was die Maenner unvollendet zurueckgelassen haben; so bereiten wir uns die schoenste Aussicht auf ihre Rueckkehr, indem wir das, was ihr stuermendes, ungeduldiges Wesen zerstoeren moechte, durch unsre Maessigung erhalten und foerdern".

"Da Sie von Maessigung sprechen, liebe Tante", versetzte Ottilie, "so kann ich nicht bergen, dass mir dabei die Unmaessigkeit der Maenner, besonders was den Wein betrifft, einfaellt.

Wie oft hat es mich betruebt und geaengstigt, wenn ich bemerken musste, dass reiner Verstand, Klugheit, Schonung anderer, Anmut und Liebenswuerdigkeit selbst fuer mehrere Stunden verlorengingen und oft statt alles des Guten, was ein trefflicher Mann hervorzubringen und zu gewaehren vermag, Unheil und Verwirrung hereinzubrechen drohte!

Wie oft moegen dadurch gewaltsame Entschliessungen veranlasst werden!" Charlotte gab ihr recht, doch setzte sie das Gespraech nicht fort; denn sie fuehlte nur zu wohl, dass auch hier Ottilie bloss Eduarden wieder im Sinne hatte, der zwar nicht gewoehnlich, aber doch oefter, als es wuenschenswert war, sein Vergnuegen, seine Gespraechigkeit, seine Taetigkeit durch einen gelegentlichen Weingenuss zu steigern pflegte.

Hatte bei jener aeusserung Charlottens sich Ottilie die Maenner, besonders Eduarden, wieder herandenken koennen, so war es ihr um desto auffallender, als Charlotte von einer bevorstehenden Heirat des Hauptmanns wie von einer ganz bekannten und gewissen Sache sprach, wodurch denn alles ein andres Ansehn gewann, als sie nach Eduards fruehern Versicherungen sich vorstellen mochte.

Durch alles dies vermehrte sich die Aufmerksamkeit Ottiliens auf jede aeusserung, jeden Wink, jede Handlung, jeden Schritt Charlottens. Ottilie war klug, scharfsinnig, argwoehnisch geworden, ohne es zu wissen.

Charlotte durchdrang indessen das einzelne ihrer ganzen Umgebung mit scharfem Blick und wirkte darin mit ihrer klaren Gewandtheit, wobei sie Ottilien bestaendig teilzunehmen noetigte.

Sie zog ihren Haushalt ohne Baenglichkeit ins Enge; ja, wenn sie alles genau betrachtete, so hielt sie den leidenschaftlichen Vorfall fuer eine Art von gluecklicher Schickung.

Denn auf den bisherigen Wege waere man leicht ins Grenzenlose geraten und haette den schoenen Zustand reichlicher Gluecksgueter, ohne sich zeitig genug zu besinnen, durch ein vordringliches Leben und Treiben, wo nicht zerstoert, doch erschuettert.

Was von Parkanlagen im Gange war, stoerte sie nicht.

Sie liess vielmehr dasjenige fortsetzen, was zum Grunde kuenftiger Ausbildung liegen musste; aber dabei hatte es auch sein Bewenden. Ihr zurueckkehrender Gemahl sollte noch genug erfreuliche Beschaeftigung finden.

Bei diesen Arbeiten und Vorsaetzen konnte sie nicht genug das Verfahren des Architekten loben.

Der See lag in kurzer Zeit ausgebreitet vor ihren Augen und die neuentstandenen Ufer zierlich und mannigfaltig bepflanzt und beraset.

An dem neuen Hause ward alle rauhe Arbeit vollbracht, was zur Erhaltung noetig war, besorgt, und dann machte sie einen Abschluss da, wo man mit Vergnuegen wieder von vorn anfangen konnte.

Dabei war sie ruhig und heiter; Ottilie schien es nur; denn in allem beobachtete sie nichts als Symptome, ob Eduard wohl bald erwartet werde oder nicht.

Nichts interessierte sie an allem als diese Betrachtung.

Willkommen war ihr daher eine Anstalt, zu der man die Bauerknaben versammelte und die darauf abzielte, den weitlaeufig gewordenen Park immer rein zu erhalten.

Eduard hatte schon den Gedanken gehegt.

Man liess den Knaben eine Art von heiterer Montierung machen, die sie in den Abendstunden anzogen, nachdem sie sich durchaus gereinigt und gesaeubert hatten.

Die Garderobe war im Schloss; dem verstaendigsten, genausten Knaben vertraute man die Aufsicht an; der Architekt leitete das Ganze, und ehe man sichs versah, so hatten die Knaben alle ein gewisses Geschick. Man fand an ihnen eine bequeme Dressur, und sie verrichteten ihr Geschaeft nicht ohne eine Art von Manoever.

Gewiss, wenn sie mit ihren Scharreisen, gestielten Messerklingen, Rechen, kleinen Spaten und Hacken und wedelartigen Besen einherzogen, wenn andre mit Koerben hinterdrein kamen, um Unkraut und Steine beiseitezuschaffen, andre das hohe, grosse, eiserne Walzenrad hinter sich herzogen, so gab es einen huebschen, erfreulichen Aufzug, in welchem der Architekt eine artige Folge von Stellungen und Taetigkeiten fuer den Fries eines Gartenhauses sich anmerkte; Ottilie hingegen sah darin nur eine Art von Parade, welche den rueckkehrenden Hausherrn bald begruessen sollte.

Dies gab ihr Mut und Lust, ihn mit etwas aehnlichem zu empfangen.

Man hatte zeither die Maedchen des Dorfes im Naehen, Stricken, Spinnen und andern weiblichen Arbeiten zu ermuntern gesucht.

Auch diese Tugenden hatten zugenommen seit jenen Anstalten zu Reinlichkeit und Schoenheit des Dorfes.

Ottilie wirkte stets mit ein, aber mehr zufaellig, nach Gelegenheit und Neigung.

Nun gedachte sie es vollstaendiger und folgerechter zu machen. Aber aus einer Anzahl Maedchen laesst sich kein Chor bilden wie aus einer Anzahl Knaben.

Sie folgte ihrem guten Sinne, und ohne sichs ganz deutlich zu machen, suchte sie nichts, als einem jeden Maedchen Anhaenglichkeit an sein Haus, seine Eltern und seine Geschwister einzufloessen.

Das gelang ihr mit vielen.

Nur ueber ein kleines, lebhaftes Maedchen wurde immer geklagt, dass sie ohne Geschick sei und im Hause nun ein fuer allemal nichts tun wolle.

Ottilie konnte dem Maedchen nicht feind sein, denn ihr war es besonders freundlich.

Zu ihr zog es sich, mit ihr ging und lief es, wenn sie es erlaubte.

Da war es taetig, munter und unermuedet.

Die Anhaenglichkeit an eine schoene Herrin schien dem Kinde Beduerfnis zu sein.

Anfaenglich duldete Ottilie die Begleitung des Kindes; dann fasste sie selbst Neigung zu ihm; endlich trennten sie sich nicht mehr, und Nanny begleitete ihre Herrin ueberallhin.

Diese nahm oefters den Weg nach dem Garten und freute sich ueber das schoene Gedeihen.

Die Beeren—und Kirschenzeit ging zu Ende, deren Spaetlinge jedoch Nanny sich besonders schmecken liess.

Bei dem uebrigen Obste, das fuer den Herbst eine so reichliche Ernte versprach, gedachte der Gaertner bestaendig des Herrn und niemals, ohne ihn herbeizuwuenschen.

Ottilie hoerte dem guten alten Manne so gern zu.

Er verstand sein Handwerk vollkommen und hoerte nicht auf, ihr von Eduard vorzusprechen.

Als Ottilie sich freute, dass die Pfropfreiser dieses Fruehjahrs alle so gar schoen gekommen, erwiderte der Gaertner bedenklich: "ich wuensche nur, dass der gute Herr viel Freude daran erleben moege.

Waere er diesen Herbst hier, so wuerde er sehen, was fuer koestliche Sorten noch von seinem Herrn Vater her im alten Schlossgarten stehen.

Die jetzigen Herren Obstgaertner sind nicht so zuverlaessig, als sonst die Kartaeuser waren.

In den Katalogen findet man wohl lauter honette Namen.

Man pfropft und erzieht und endlich, wenn sie Fuerchte tragen, so ist es nicht der Muehe wert, dass solche Baeume im Garten stehen".

Am wiederholtesten aber fragte der treue Diener, fast so oft er Ottilien sah, nach der Rueckkunft des Herrn und nach dem Termin derselben.

Und wenn Ottilie ihn nicht angeben konnte, so liess ihr der gute Mann nicht ohne stille Betruebnis merken, dass er glaube, sie vertraue ihm nicht, und peinlich war ihr das Gefuehl der Unwissenheit, das ihr auf diese Weise recht aufgedrungen ward.

Doch konnte sie sich von diesen Rabatten und Beeten nicht trennen.

Was sie zusammen zum Teil gesaeet, alles gepflanzt hatten, stand nur im voelligen Flor; kaum bedurfte es noch einer Pflege, ausser dass Nanny immer zum Giessen bereit war.

Mit welchen Empfindungen betrachtete Ottilie die spaeteren Blumen, die sich erst anzeigten, deren Glanz und Fuelle dereinst an Eduards Geburtstag, dessen Feier sie sich manchmal versprach, prangen, ihre Neigung und Dankbarkeit ausdruecken sollten!

Doch war die Hoffnung, dieses Fest zu sehen, nicht immer gleich lebendig.

Zweifel und Sorgen umfluesterten stets die Seele des guten Maedchens.

Zu einer eigentlichen, offnen uebereinstimmung mit Charlotten konnte es auch wohl nicht wieder gebracht werden.

Denn freilich war der Zustand beider Frauen sehr verschieden. Wenn alles beim alten blieb, wenn man in das Gleis des gesetzmaessigen Lebens zurueckkehrte, gewann Charlotte an gegenwaertigem Glueck, und eine frohe Aussicht in die Zukunft oeffnete sich ihr; Ottilie hingegen verlor alles, man kann wohl sagen alles; denn sie hatte zuerst Leben und Freude in Eduard gefunden, und in dem gegenwaertigen Zustande fuehlte sie eine unendliche Leere, wovon sie frueher kaum etwas geahnet hatte.

Denn ein Herz, das sucht, fuehlt wohl, dass ihm etwas mangle; ein Herz, das verloren hat, fuehlt, dass es entbehre.

Sehnsucht verwandelt sich in Unmut und Ungeduld, und ein weibliches Gemuet, zum Erwarten und Abwarten gewoehnt, moechte nun aus seinem Kreise herausschreiten, taetig werden, unternehmen und auch etwas fuer sein Glueck tun.

Ottilie hatte Eduarden nicht entsagt.

Wie konnte sie es auch, obgleich Charlotte klug genug, gegen ihre eigne ueberzeugung die Sache fuer bekannt annahm und als entschieden voraussetzte, dass ein freundschaftliches, ruhiges Verhaeltnis zwischen ihrem Gatten und Ottilien moeglich sei.

Wie oft aber lag diese nachts, wenn sie sich eingeschlossen, auf den Knieen vor dem eroeffneten Koffer und betrachtete die Geburtstagsgeschenke, von denen sie noch nichts gebraucht, nichts zerschnitten, nichts gefertigt.

Wie oft eilte das gute Maedchen mit Sonnenaufgang aus dem Hause, in dem sie sonst alle ihre Glueckseligkeit gefunden hatte, ins Freie hinaus, in die Gegend, die sie sonst nicht ansprach.

Auch auf dem Boden mochte sie nicht verweilen.

Sie sprang in den Kahn und ruderte sich bis mitten in den See; dann zog sie eine Reisebeschreibung hervor, liess sich von den bewegten Wellen schaukeln, las, traeumte sich in die Fremde, und immer fand sie dort ihren Freund; seinem Herzen war sie noch immer nahe geblieben, er dem ihrigen.

Dass jener wunderlich taetige Mann, den wir bereits kennengelernt, dass Mittler, nachdem er von dem Unheil, das unter diesen Freunden ausgebrochen, Nachricht erhalten, obgleich kein Teil noch seine Huelfe angerufen, in diesem Falle seine Freundschaft, seine Geschicklichkeit zu beweisen, zu ueben geneigt war, laesst sich denken.

Doch schien es ihm raetlich, erst eine Weile zu zaudern; denn er wusste nur zu wohl, dass es schwerer sei, gebildeten Menschen bei sittlichen Verworrenheiten zu Huelfe zu kommen als ungebildeten.

Er ueberliess sie deshalb eine Zeitlang sich selbst; allein zuletzt konnte er es nicht mehr aushalten und eilte, Eduarden aufzusuchen, dem er schon auf die Spur gekommen war.

Sein Weg fuehrte ihn zu einem angenehmen Tal, dessen anmutig gruenen, baumreichen Wiesengrund die Wasserfuelle eines immer lebendigen Baches bald durchschlaengelte, bald durchrauschte.

Auf den sanften Anhoehen zogen sich fruchtbare Felder und wohlbestandene Obstpflanzungen hin.

Die Doerfer lagen nicht zu nah aneinander, das Ganze hatte einen friedlichen Charakter, und die einzelnen Partieen, wenn auch nicht zum Malen, schienen doch zum Leben vorzueglich geeignet zu sein.

Ein wohlerhaltenes Vorwerk mit einem reinlichen, bescheidenen Wohnhause, von Gaerten umgeben, fiel ihm endlich in die Augen.

Er vermutete, hier sei Eduards gegenwaertiger Aufenthalt, und er irrte nicht.

Von diesem einsamen Freunde koennen wir soviel sagen, dass er sich im stillen dem Gefuehl seiner Leidenschaft ganz ueberliess und dabei mancherlei Plane sich ausdachte, mancherlei Hoffnungen naehrte.

Er konnte sich nicht leugnen, dass er Ottilien hier zu sehen wuensche, dass er wuensche, sie hieher zu fuehren, zu locken, und was er sich sonst noch Erlaubtes und Unerlaubtes zu denken nicht verwehrte.

Dann schwankte seine Einbildungskraft in allen Moeglichkeiten herum.

Sollte er sie hier nicht besitzen, nicht rechtmaessig besitzen koennen, so wollte er ihr den Besitz des Gutes zueignen.

Hier sollte sie still fuer sich, unabhaengig leben; sie sollte gluecklich sein und, wenn ihn eine selbstquaelerische Einbildungskraft noch weiter fuehrte, vielleicht mit einem andern gluecklich sein.

So verflossen ihm seine Tage in einem ewigen Schwanken zwischen Hoffnung und Schmerz, zwischen Traenen und Heiterkeit, zwischen Vorsaetzen, Vorbereitungen und Verzweiflung.

Der Anblick Mittlers ueberraschte ihn nicht.

Er hatte dessen Ankunft laengst erwartet, und so war er ihm auch halb willkommen.

Glaubte er ihn von Charlotten gesendet, so hatte er sich schon auf allerlei Entschuldigungen und Verzoegerungen und sodann auf entscheidendere Vorschlaege bereitet; hoffte er nun aber von Ottilien wieder etwas zu vernehmen, so war ihm Mittler so lieb als ein himmlischer Bote.

Verdriesslich daher und verstimmt war Eduard, als er vernahm, Mittler komme nicht von dorther, sondern aus eignem Antriebe.

Sein Herz verschloss sich, und das Gespraech wollte sich anfangs nicht einleiten.

Doch wusste Mittler nur zu gut, dass ein liebevoll beschaeftigtes Gemuet das dringende Beduerfnis hat, sich zu aeussern, das, was in ihm vorgeht, vor einem Freunde auszuschuetten, und liess sich daher gefallen, nach einigem Hin—und Widerreden diesmal aus seiner Rolle herauszugehen und statt des Vermittlers den Vertrauten zu spielen.

Als er hiernach auf eine freundliche Weise Eduarden wegen seines einsamen Lebens tadelte, erwiderte dieser: "o, ich wuesste nicht, wie ich meine Zeit angenehmer zubringen sollte!

Immer bin ich mit ihr beschaeftigt, immer in ihrer Naehe.

Ich habe den unschaetzbaren Vorteil, mir denken zu koennen, wo sich Ottilie befindet, wo sie geht, wo sie steht, wo sie ausruht.

Ich sehe sie vor mir tun und handeln wie gewoehnlich, schaffen und vornehmen, freilich immer das, was mir am meisten schmeichelt.

Dabei bleibt es aber nicht; denn wie kann ich fern von ihr gluecklich sein!

Nun arbeitet meine Phantasie durch, was Ottilie tun sollte, sich mir zu naehern.

Ich schreibe suesse, zutrauliche Briefe in ihrem Namen an mich, ich antworte ihr und verwahre die Blaetter zusammen.

Ich habe versprochen, keinen Schritt gegen sie zu tun, und das will ich halten.

Aber was bindet sie, dass sie sich nicht zu mir wendet?

Hat etwa Charlotte die Grausamkeit gehabt, Versprechen und Schwur von ihr zu fordern, dass sie mir nicht schreiben, keine Nachricht von sich geben wolle?

Es ist natuerlich, es ist wahrscheinlich, und doch finde ich es unerhoert, unertraeglich.

Wenn sie mich liebt, wie ich glaube, wie ich weiss, warum entschliesst sie sich nicht, warum wagt sie es nicht, zu fliehen und sich in meine Arme zu werfen?

Sie sollte das, denke ich manchmal, sie koennte das.

Wenn sich etwas auf dem Vorsaale regt, sehe ich gegen die Tuere.

Sie soll hereintreten!

Denk ich, hoff ich.

Ach!

Und da das Moegliche unmoeglich ist, bilde ich mir ein, das Unmoegliche muesse moeglich werden.

Nachts, wenn ich aufwache, die Lampe einen unsichern Schein durch das Schlafzimmer wirft, da sollte ihre Gestalt, ihr Geist, eine Ahnung von ihr vorueberschweben, herantreten, mich ergreifen, nur einen Augenblick, dass ich eine Art von Versicherung haette, sie denke mein, sie sei mein.

Eine einzige Freude bleibt mir noch.

Da ich ihr nahe war, traeumte ich nie von ihr; jetzt aber, in der Ferne, sind wir im Traume zusammen, und sonderbar genug: seit ich andre liebenswuerdige Personen hier in der Nachbarschaft kennengelernt, jetzt erst erscheint mir ihr Bild im Traum, als wenn sie mir sagen wollte: ’siehe nur hin und her! Du findest doch nichts Schoeneres und Lieberes als mich.’

Und so mischt sich ihr Bild in jeden meiner Traeume.

Alles, was mir mit ihr begegnet, schiebt sich durch—und uebereinander.

Bald unterschreiben wir einen Kontrakt; da ist ihre Hand und die meinige, ihr Name und der meinige; beide loeschen einander aus, beide verschlingen sich.

Auch nicht ohne Schmerz sind diese wonnevollen Gaukeleien der Phantasie.

Manchmal tut sie etwas, das die reine Idee beleidigt, die ich von ihr habe, dann fueh ich erst, wie sehr ich sie liebe, indem ich ueber alle Beschreibung geaengstet bin.

Manchmal neckt sie mich ganz gegen ihre Art und quaelt mich; aber sogleich veraendert sich ihr Bild, ihr schoenes, rundes, himmlisches Gesichtchen verlaengert sich: es ist eine andre.

Aber ich bin doch gequaelt, unbefriedigt und zerruettet.

Laecheln Sie nicht, lieber Mittler, oder laecheln Sie auch! O ich schaeme mich nicht dieser Anhaenglichkeit, dieser, wenn Sie wollen, toerigen, rasenden Neigung.

Nein, ich habe noch nie geliebt; jetzt erfahre ich erst, was das heisst.

Bisher war alles in meinem Leben nur ein Vorspiel, nur Hinhalten, nur Zeitvertreib, nur Zeitverderb, bis ich sie kennenlernte, bis ich sie liebte und ganz und eigentlich liebte.

Man hat mir mir nicht gerade ins Gesicht, aber doch wohl im Ruecken den Vorwurf gemacht: ich pfusche, ich stuempere nur in den meisten Dingen.

Es mag sein; aber ich hatte das noch nicht gefunden, worin ich mich als Meister zeigen kann.

Ich will den sehen, der mich im Talent des Liebens uebertrifft.

Zwar ist es ein jammervolles, ein schmerzen-, ein traenenreiches; aber ich finde es mir so natuerlich, so eigen, dass ich es wohl schwerlich je wieder aufgebe".

Durch diese lebhaften, herzlichen aeusserungen hatte sich Eduard wohl erleichtert; aber es war ihm auch auf einmal jeder einzelne Zug seines wunderlichen Zustandes deutlich vor die Augen getreten, dass er, vom schmerzlichen Widerstreit ueberwaeltigt, in Traenen ausbrach, die um so reichlicher flossen, als sein Herz durch Mitteilung weich geworden war. Mittler, der sein rasches Naturell, seinen unerbittlichen Verstand um so weniger verleugnen konnte, als er sich durch diesen schmerzlichen Ausbruch der Leidenschaft Eduards weit von dem Ziel seiner Reise verschlagen sah, aeusserte aufrichtig und derb seine Mibilligung.

Eduard—hiess es—solle sich ermannen, solle bedenken, was er seiner Manneswuerde schuldig sei, solle nicht vergessen, dass dem Menschen zur hoechsten Ehre gereiche, im Unglueck sich zu fassen, den Schmerz mit Gleichmut und Anstand zu ertragen, um hoechlich geschaetzt, verehrt und als Muster aufgestellt zu werden.

Aufgeregt, durchdrungen von den peinlichsten Gefuehlen, wie Eduard war, mussten ihm diese Worte hohl und nichtig vorkommen.

"Der Glueckliche, der Behagliche hat gut reden", fuhr Eduard auf; "aber schaemen wuerde er sich, wenn er einsaehe, wie unertraeglich er dem Leidenden wird.

Eine unendliche Geduld soll es geben, einen unendlichen Schmerz will der starre Behagliche nicht anerkennen.

Es gibt Faelle, ja, es gibt deren!

Wo jeder Trost niedertraechtig und Verzweiflung Pflicht ist.

Verschmaeht doch ein edler Grieche, der auch Helden zu schildern weiss, keineswegs, die seinigen bei schmerzlichem Drange weinen zu lassen.

Selbst im Spruechwort sagt er: ’traenenreiche Maenner sind gut.’ Verlasse mich jeder, der trocknen Herzens, trockner Augen ist!

Ich verwuensche die Gluecklichen, denen der Unglueckliche nur zum Spektakel dienen soll.

Er soll sich in der grausamsten Lage koerperlicher und geistiger Bedraengnis noch edel gebaerden, um ihren Beifall zu erhalten, und, damit sie ihm beim Verscheiden noch applaudieren, wie ein Gladiator mit Anstand vor ihren Augen umkommen.

Lieber Mittler, ich danke Ihnen fuer Ihren Besuch; aber Sie erzeigten mir eine grosse Liebe, wenn Sie sich im Garten, in der Gegend umsaehen.

Wir kommen wieder zusammen.

Ich suche gefasster und Ihnen aehnlicher zu werden".

Mittler mochte lieber einlenken als die Unterhaltung abbrechen, die er so leicht nicht wieder anknuepfen konnte.

Auch Eduarden war es ganz gemaess, das Gespraech weiter fortzusetzen, das ohnehin zu seinem Ziele abzulaufen strebte.

"Freilich", sagte Eduard, "hilft das Hin—und Widerdenken, das Hin—und Widerreden zu nichts; doch unter diesem Reden bin ich mich selbst erst gewahr worden, habe ich erst entschieden gefuehlt, wozu ich mich entschliessen sollte, wozu ich entschlossen bin.

Ich sehe mein gegenwaertiges, mein zukuenftiges Leben vor mir; nur zwischen Elend und Genuss habe ich zu waehlen.

Bewirken Sie, bester Mann, eine Scheidung, die so notwendig, die schon geschehen ist; schaffen Sie mir Charlottens Einwilligung!

Ich will nicht weiter ausfuehren, warum ich glaube, dass sie zu erlangen sein wird.

Gehen Sie hin, lieber Mann, beruhigen Sie uns alle, machen Sie uns gluecklich!" Mittler stockte.

Eduard fuhr fort: "mein Schicksal und Ottiliens ist nicht zu trennen, und wir werden nicht zugrunde gehen.

Sehen Sie dieses Glas!

Unsere Namenszuege sind dareingeschnitten.

Ein froehlich Jubelnder warf es in die Luft; niemand sollte mehr daraus trinken, auf dem felsigen Boden sollte es zerschellen; aber es ward aufgefangen.

Um hohen Preis habe ich es wieder eingehandelt, und ich trinke nun taeglich daraus, um mich taeglich zu ueberzeugen, dass alle Verhaeltnisse unzerstoerlich sind, die das Schicksal beschlossen hat".

"O wehe mir", rief Mittler, "was muss ich nicht mit meinen Freunden fuer Geduld haben!

Nun begegnet mir noch gar der Aberglaube, der mir als das Schaedlichste, was bei den Menschen einkehren kann, verhasst bleibt.

Wir spielen mit Voraussagungen und Traeumen und machen dadurch das alltaegliche Leben bedeutend.

Aber wenn das Leben nun selbst bedeutend wird, wenn alles um uns sich bewegt und braust, dann wird das Gewitter durch jene Gespenster nur noch fuerchterlicher".

"Lassen Sie in dieser Ungewissheit des Lebens", rief Eduard, "zwischen diesem Hoffen und Bangen dem beduerftigen Herzen doch nur eine Art von Leitstern, nach welchem es hinblicke, wenn es auch nicht darnach steuern kann".

"Ich liesse mirs wohl gefallen", versetzte Mittler, "wenn dabei nur einige Konsequenz zu hoffen waere, aber ich habe immer gefunden: auf die warnenden Symptome achtet kein Mensch, auf die schmeichelnden und versprechenden allein ist die Aufmerksamkeit gerichtet und der Glaube fuer sie ganz allein lebendig".

Da sich nun Mittler sogar in die dunklen Regionen gefuehrt sah, in denen er sich immer unbehaglicher fuehlte, je laenger er darin verweilte, so nahm er den dringenden Wunsch Eduards, der ihn zu Charlotten gehen hiess, etwas williger auf.

Denn was wollte er ueberhaupt Eduarden in diesem Augenblicke noch entgegensetzen?

Zeit zu gewinnen, zu erforschen, wie es um die Frauen stehe, das war es, was ihm selbst nach seinen eignen Gesinnungen zu tun uebrigblieb.

Er eilte zu Charlotten, die er wie sonst gefasst und heiter fand.

Sie unterrichtete ihn gern von allem, was vorgefallen war; denn aus Eduards Reden konnte er nur die Wirkung abnehmen.

Er trat von seiner Seite behutsam heran, konnte es aber nicht ueber sich gewinnen, das Wort Scheidung auch nur im Vorbeigehn auszusprechen.

Wie verwundert, erstaunt und, nach seiner Gesinnung, erheitert war er daher, als Charlotte ihm in Gefolg so manches Unerfreulichen endlich sagte: "ich muss glauben, ich muss hoffen, dass alles sich wieder geben, dass Eduard sich wieder naehern werde.

Wie kann es auch wohl anders sein, da Sie mich guter Hoffnung finden".

"Versteh ich Sie recht?" fiel Mittler ein.

"Vollkommen", versetzte Charlotte.

"Tausendmal gesegnet sei mir diese Nachricht!" rief er, die Haende zusammenschlagend.

"Ich kenne die Staerke dieses Arguments auf ein maennliches Gemuet.

Wie viele Heiraten sah ich dadurch beschleunigt, befestigt, wiederhergestellt!

Mehr als tausend Worte wirkt eine solche gute Hoffnung, die fuerwahr die beste Hoffnung ist, die wir haben koennen.

Doch", fuhr er fort, "was mich betrifft, so haette ich alle Ursache, verdriesslich zu sein.

In diesem Falle, sehe ich wohl, wird meiner Eigenliebe nicht geschmeichelt.

Bei euch kann meine Taetigkeit keinen Dank verdienen.

Ich komme mir vor wie jener Arzt, mein Freund, dem alle Kuren gelangen, die er um Gottes willen an Armen tat, der aber selten einen Reichen heilen konnte, der es gut bezahlen wollte.

Gluecklicherweise hilft sich hier die Sache von selbst, da meine Bemuehungen, mein Zureden fruchtlos geblieben waeren".

Charlotte verlangte nun von ihm, er solle die Nachricht Eduarden bringen, einen Brief von ihr mitnehmen und sehen, was zu tun, was herzustellen sei.

Er wollte das nicht eingehen.

"Alles ist schon getan", rief er aus.

"Schreiben Sie!

Ein jeder Bote ist so gut als ich.

Muss ich doch meine Schritte hinwenden, wo ich noetiger bin.

Ich komme nur wieder, um Glueck zu wuenschen; ich komme zur Taufe".

Charlotte war diesmal, wie schon oefters, ueber Mittlern unzufrieden.

Sein rasches Wesen brachte manches Gute hervor, aber seine uebereilung war schuld an manchem Misslingen.

Niemand war abhaengiger von augenblicklich vorgefassten Meinungen als er.

Charlottens Bote kam zu Eduarden, der ihn mit halbem Schrecken empfing.

Der Brief konnte ebensogut fuer Nein als fuer Ja entscheiden.

Er wagte lange nicht, ihn aufzubrechen, und wie stand er betroffen, als er das Blatt gelesen, versteinert bei folgender Stelle, womit es sich endigte: "gedenke jener naechtlichen Stunden, in denen du deine Gattin abenteuerlich als Liebender besuchtest, sie unwiderstehlich an dich zogst, sie als eine Geliebte, als eine Braut in die Arme schlossest.

Lass uns in dieser seltsamen Zufaelligkeit eine Fuegung des Himmels verehren, die fuer ein neues Band unserer Verhaeltnisse gesorgt hat in dem Augenblick, da das Glueck unseres Lebens auseinanderzufallen und zu verschwinden droht".

Was von dem Augenblick an in der Seele Eduards vorging, wuerde schwer zu schildern sein.

In einem solchen Gedraenge treten zuletzt alte Gewohnheiten, alte Neigungen wieder hervor, um die Zeit zu toeten und den Lebensraum auszufuellen.

Jagd und Krieg sind eine solche fuer den Edelmann immer bereite Aushuelfe.

Eduard sehnte sich nach aeusserer Gefahr, um der innerlichen das Gleichgewicht zu halten.

Er sehnte sich nach dem Untergang, weil ihm das Dasein unertraeglich zu werden drohte; ja es war ihm ein Trost zu denken, dass er nicht mehr sein werde und eben dadurch seine Geliebten, seine Freunde gluecklich machen koenne.

Niemand stellte seinem Willen ein Hindernis entgegen, da er seinen Entschluss verheimlichte.

Mit allen Foermlichkeiten setzte er sein Testament auf; es war ihm eine suesse Empfindung, Ottilien das Gut vermachen zu koennen.

Fuer Charlotten, fuer das Ungeborne, fuer den Hauptmann, fuer seine Dienerschaft war gesorgt.

Der wieder ausgebrochene Krieg beguenstigte sein Vorhaben.

Militaerische Halbheiten hatten ihm in seiner Jugend viel zu schaffen gemacht; er hatte deswegen den Dienst verlassen.

Nun war es ihm eine herrliche Empfindung, mit einem Feldherrn zu ziehen, von dem er sich sagen konnte: unter seiner Anfuehrung ist der Tod wahrscheinlich und der Sieg gewiss.

Ottilie, nachdem auch ihr Charlottens Geheimnis bekannt geworden, betroffen wie Eduard, und mehr, ging in sich zurueck.

Sie hatte nichts weiter zu sagen.

Hoffen konnte sie nicht, und wuenschen durfte sie nicht.

Einen Blick jedoch in ihr Inneres gewaehrt uns ihr Tagebuch, aus dem wir einiges mitzuteilen gedenken.

Im gemeinen Leben begegnet uns oft, was wir in der Epopoee als Kunstgriff des Dichters zu ruehmen pflegen, dass naemlich, wenn die Hauptfiguren sich entfernen, verbergen, sich der Untaetigkeit hingeben, gleich sodann schon ein Zweiter, Dritter, bisher kaum Bemerkter den Platz fuellt und, indem er seine ganze Taetigkeit aeussert, uns gleichfalls der Aufmerksamkeit, der Teilnahme, ja des Lobes und Preises wuerdig erscheint.

So zeigte sich gleich nach der Entfernung des Hauptmanns und Eduards jener Architekt taeglich bedeutender, von welchem die Anordnung und Ausfuehrung so manches Unternehmens allein abhing, wobei er sich genau, verstaendig und taetig erwies und zugleich den Damen auf mancherlei Art beistand und in stillen, langwierigen Stunden sie zu unterhalten wusste.

Schon sein aeusseres war von der Art, dass es Zutrauen einfloesste und Neigung erweckte.

Ein Juengling im vollen Sinne des Wortes, wohlgebaut, schlank, eher ein wenig zu gross, bescheiden ohne aengstlich, zutraulich ohne zudringend zu sein.

Freudig uebernahm er jede Sorge und Bemuehung, und weil er mit grosser Leichtigkeit rechnete, so war ihm bald das ganze Hauswesen kein Geheimnis, und ueberallhin verbreitete sich sein guenstiger Einfluss.

Die Fremden liess man ihn gewoehnlich empfangen, und er wusste einen unerwarteten Besuch entweder abzulehnen oder die Frauen wenigstens dergestalt darauf vorzubereiten, dass ihnen keine Unbequemlichkeit daraus entsprang.

Unter andern gab ihm eines Tages ein junger Rechtsgelehrter viel zu schaffen, der, von einem benachbarten Edelmann gesendet, eine Sache zur Sprache brachte, die, zwar von keiner sonderlichen Bedeutung, Charlotten dennoch innig beruehrte.

Wir muessen dieses Vorfalls gedenken, weil er verschiedenen Dingen einen Anstoss gab, die sonst vielleicht lange geruht haetten.

Wir erinnern uns jener Veraenderung, welche Charlotte mit dem Kirchhofe vorgenommen hatte.

Die saemtlichen Monumente waren von ihrer Stelle gerueckt und hatten an der Mauer, an dem Sockel der Kirche Platz gefunden.

Der uebrige Raum war geebnet.

Ausser einem breiten Wege, der zur Kirche und an derselben vorbei zu dem jenseitigen Pfoertchen fuehrte, war das uebrige alles mit verschiedenen Arten Klee besaeet, der auf das schoenste gruente und bluehte.

Nach einer gewissen Ordnung sollten vom Ende heran die neuen Graeber bestellt, doch der Platz jederzeit wieder verglichen und ebenfalls besaeet werden.

Niemand konnte leugnen, dass diese Anstalt beim sonn—und festtaetigen Kirchgang eine heitere und wuerdige Ansicht gewaehrte.

Sogar der betagte und an alten Gewohnheiten haftende Geistliche, der anfaenglich mit der Einrichtung nicht sonderlich zufrieden gewesen, hatte nunmehr seine Freude daran, wenn er unter den alten Linden, gleich Philomon, mit seiner Baucis vor der Hintertuere ruhend, statt der holprigen Grabstaetten einen schoenen, bunten Teppich vor sich sah, der noch ueberdies seinem Haushalt zugute kommen sollte, indem Charlotte die Nutzung dieses Fleckes der Pfarre zusichern lassen.

Allein desungeachtet hatten schon manche Gemeindeglieder frueher gemissbilligt, dass man die Bezeichnung der Stelle, wo ihre Vorfahren ruhten, aufgehoben und das Andenken dadurch gleichsam ausgeloescht; denn die wohlerhaltenden Monumente zeigen zwar an, wer begraben sei, aber nicht, wo er begraben sei, und auf das Wo komme es eigentlich an, wie viele behaupteten.

Von ebensolcher Gesinnung war eine benachbarte Familie, die sich und den Ihrigen einen Raum auf dieser allgemeinen Ruhestaette vor mehreren Jahren ausbedungen und dafuer der Kirche eine kleine Stiftung zugewendet hatte.

Nun war der junge Rechtsgelehrte abgesendet, um die Stiftung zu widerrufen und anzuzeigen, dass man nicht weiterzahlen werde, weil die Bedingung, unter welcher dieses bisher geschehen, einseitig aufgehoben und auf alle Vorstellungen und Widerreden nicht geachtet worden.

Charlotte, die Urheberin dieser Veraenderung, wollte den jungen Mann selbst sprechen, der zwar lebhaft, aber nicht allzu vorlaut seine und seines Prinzipals Gruende darlegte und der Gesellschaft manches zu denken gab.

"Sie sehen", sprach er nach einem kurzen Eingang, in welchem er seine Zudringlichkeit zu rechtfertigen wusste, "Sie sehen, dass dem Geringsten wie dem Hoechsten daran gelegen ist, den Ort zu bezeichnen, der die Seinigen aufbewahrt.

Dem aermsten Landmann, der ein Kind begraebt, ist es eine Art von Trost, ein schwaches hoelzernes Kreuz auf das Grab zu stellen, es mit einem Kranze zu zieren, um wenigstens das Andenken so lange zu erhalten, als der Schmerz waehrt, wenn auch ein solches Merkzeichen, wie die Trauer selbst, durch die Zeit aufgehoben wird.

Wohlhabende verwandeln diese Kreuze in eiserne, befestigen und schuetzen sie auf mancherlei Weise, und hier ist schon Dauer fuer mehrere Jahre.

Doch weil auch diese endlich sinken und unscheinbar werden, so haben Begueterte nichts Angelegeneres, als einen Stein aufzurichten, der fuer mehrere Generationen zu dauern verspricht und von den Nachkommen erneut und aufgefrischt werden kann.

Aber dieser Stein ist es nicht, der uns anzieht, sondern das darunter Enthaltene, das daneben der Erde Vertraute.

Es ist nicht sowohl vom Andenken die Rede als von der Person selbst, nicht von der Erinnerung, sondern von der Gegenwart.

Ein geliebtes Abgeschiedenes umarme ich weit eher und inniger im Grabhuegel als im Denkmal, denn dieses ist fuer sich eigentlich nur wenig; aber um dasselbe her sollen sich wie um einen Markstein Gatten, Verwandte, Freunde selbst nach ihrem Hinscheiden noch versammeln, und der Lebende soll das Recht behalten, Fremde und Misswollende auch von der Seite seiner geliebten Ruhenden abzuweisen und zu entfernen.

Ich halte deswegen dafuer, dass mein Prinzipal voellig recht habe, die Stiftung zurueckzunehmen; und dies ist noch billig genug, denn die Glieder der Familie sind auf eine Weise verletzt, wofuer gar kein Ersatz zu denken ist.

Sie sollen das schmerzlich suesse Gefuehl entbehren, ihren Geliebten ein Totenopfer zu bringen, die troestliche Hoffnung, dereinst unmittelbar neben ihnen zu ruhen".

"Die Dache ist nicht von der Bedeutung",versetzte Charlotte, "dass man sich deshalb durch einen Rechtshandel beunruhigen sollte.

Meine Anstalt reut mich so wenig, dass ich die Kirche gern wegen dessen, was ihr entgeht, entschaedigen will.

Nur muss ich Ihnen aufrichtig gestehen: Ihre Argumente haben mich nicht ueberzeugt.

Das reine Gefuehl einer endlichen allgemeinen Gleichheit, wenigstens nach dem Tode, scheint mir beruhigender als dieses eigensinnige, starre Fortsetzen unserer Persoenlichkeiten, Anhaenglichkeiten und Lebensverhaeltnisse.—Und was sagen Sie hierzu?" richtete sie ihre Frage an den Architekten.

"Ich moechte", versetzte dieser, "in einer solchen Sache weder streiten noch den Ausschlag geben.

Lassen Sie mich das, was meiner Kunst, meiner Denkweise am naechsten liegt, bescheidentlich aeussern.

Seitdem wir nicht mehr so gluecklich sind, die Reste eines geliebten Gegenstandes eingeurnt an unsere Brust zu druecken, da wir weder reich noch heiter genug sind, sie unversehrt in grossen, wohlausgezierten Sarkophagen zu verwahren, ja da wir nicht einmal in den Kirchen mehr Platz fuer uns und fuer die Unsrigen finden, sondern hinaus ins Freie gewiesen sind, so haben wir alle Ursache, die Art und Weise, die Sie, meine gnaedige Frau, eingeleitet haben, zu billigen.

Wenn die Glieder einer Gemeinde reihenweise nebeneinander liegen, so ruhen sie bei und unter den Ihrigen; und wenn die Erde uns einmal aufnehmen soll, so finde ich nichts natuerlicher und reinlicher, als dass man die zufaellig entstandenen, nach und nach zusammensinkenden Huegel ungesaeumt vergleiche und so die Decke, indem alle sie tragen, einem jeden leichter gemacht werde".

"Und ohne irgendein Zeichen des Andenkens, ohne irgend etwas, das der Erinnerung entgegenkaeme, sollte das alles so voruebergehen?" versetzte Ottilie.

"Keineswegs!" fuhr der Architekt fort; "nicht vom Andenken, nur vom Platze soll man sich lossagen.

Der Baukuenstler, der Bildhauer sind hoechlich interessiert, dass der Mensch von ihnen, von ihrer Kunst, von ihrer Hand eine Dauer seines Daseins erwarte; und deswegen wuenschte ich gut gedachte, gut ausgefuehrte Monumente, nicht einzeln und zufaellig ausgesaeet, sondern an einem Orte aufgestellt, wo sie sich Dauer versprechen koennen.

Da selbst die Frommen und Hohen auf das Vorrecht Verzicht tun, in den Kirchen persoenlich zu ruhen, so stelle man wenigstens dort oder in schoenen Hallen um die Begraebnisplaetze Denkzeichen, Denkschriften auf.

Es gibt tausenderlei Formen, die man ihnen vorschreiben, tausenderlei Zieraten, womit man sie ausschmuecken kann".

"Wenn die Kuenstler so reich sind", versetzte Charlotte, "so sagen Sie mir doch: wie kann man sich niemals aus der Form eines kleinlichen Obelisken, einer abgestutzten Saeule und eines Aschenkrugs herausfinden?

Anstatt der tausend Erfindungen, deren Sie sich ruehmen, habe ich immer nur tausend Wiederholungen gesehen".

"Das ist wohl bei uns so", entgegnete ihr der Architekt, "aber nich