Geschichte Des Agathon Teil 2

Contents:
Author: Christoph Martin Wieland

Erstes Kapitel

Apologie des griechischen Autors

Bis hieher scheint die Geschichte unsers Helden, wenigstens in den hauptsaechlichsten Stuecken, dem ordentlichen Lauf der Natur, und den strengesten Gesetzen der Wahrscheinlichkeit so gemaess zu sein, dass wir keinen Grund sehen, an der Wahrheit derselben zu zweifeln. Aber in diesem eilften Buch, wir muessen es gestehen, scheint der Autor aus dieser unsrer Welt, welche, unparteiisch von der Sache reden, zu allen Zeiten nichts bessers als eine Werkel-Tags-Welt (wie Shakespear sie irgendwo nennt) gewesen ist, ein wenig in das Land der Ideen, der Wunder, der Begebenheiten, welche gerade so ausfallen, wie man sie haette wuenschen koennen, und um alles auf einmal zu sagen, in das Land der schoenen Seelen, und der utopischen Republiken verirret zu sein. Es stehet bei den Lesern, ihm hierin soviel Glauben beizumessen, als sie gerne wollen; wir an unserm Teil nehmen uns der Sache weiter nichts an; unsere Absichten sind bereits erreicht, und die gluecklichen oder ungluecklichen Umstaende, welche dem Agathon noch bevorstehen moegen, haben nichts damit zu tun. Indessen glauben wir doch, dass der Autor allen den gutherzigen Leuten, welche sich fuer den Helden einer solchen Geschichte nach und nach interessieren, und gerne haben, wenn sich am Ende alles zu allerseitigem Vergnuegen, mit Entdeckungen, Erkennungen, gluecklichem Wiederfinden der verlornen Freunde, und etlichen Hochzeiten endet, einen Gefallen getan habe, seinen Helden, nachdem er eine hinlaengliche Anzahl guter und schlimmer Abenteuer bestanden hat, endlich fuer seine ganze uebrige Lebens-Zeit gluecklich zu machen. Es mag sein, dass der Verfasser der griechischen Handschrift hierin seinem guten Naturell den Lauf gelassen hat; denn in der Tat, scheint es ein Zeichen eines harten und grausamen Herzens zu sein, welches ein Vergnuegen an der Qual und den Traenen seiner unschuldigen Leser findet, wenn man alles anwendet, uns fuer den Helden und die Heldin einer wundervollen Geschichte einzunehmen, bloss um uns zuletzt durch einen so jaemmerlichen Ausgang, als eine schwermuetige, menschenfeindliche Imagination nur immer erdenken kann, in einen desto empfindlichern und unleidlichern Schmerz zu versenken, da es lediglich bei dem guten Willen des Autors stund, uns desselben zu ueberheben. Gleichwohl aber scheint uns unser edler gesinnte Verfasser noch eine andre Absicht dabei gehabt zu haben, welche er, ohne sich einer noch groessern Unwahrscheinlichkeit schuldig zu machen, nicht wohl anders als durch diese nicht allzuwahrscheinliche Verbindung gluecklicher Umstaende, worein er seinen Helden in diesem Buche setzt, erreichen konnte—Und was fuer eine Absicht mag das wohl sein?—Ich will es ihnen unverbluemt und ohne Umschweife sagen, meine Herren und Damen, ob ich gleich besorgen muss, dass die ungewoehnliche Offenherzigkeit, welche ich ihnen in dem ganzen Laufe dieses Werkes habe sehen lassen, mir von einem oder dem andern aus ihrem Mittel uebel aufgenommen werden moechte—Unser Verfasser wollte dem Vorwurf ausweichen, welchen Horaz gleichnisweise in dem bekannten Verse-... Amphora coepit Institui—currente rotâ cur urceus exit?- denjenigen Dichtern macht, in deren Werken das Ende sich nicht zu dem Anfang schickt. Er wollte in seinem Helden, dessen Jugend und erste Auftritte in der Welt so grosse Hoffnungen erweckt hatten, nachdem er ihn durch so viele verschiedene Umstaende gefuehrt, als er fuer noetig hielt seine Tugend zu pruefen, zu laeutern und zu der gehoerigen Konsistenz zu bringen, am Ende einen so weisen und tugendhaften Mann darstellen, als man nur immer unter der Sonne zu sehen wuenschen, oder nach Gestalt der Sachen, erwarten koennte. Der Enthusiasmus, der die eigentliche Anlage seines Helden zu einem mehr als gewoehnlichen Grade moralischer Vollkommenheit enthielt, verhinderte ihn zu eben der Zeit da er seine Tugend erhoehte, so weise zu sein, als man sein muss, um nicht mit den erhabensten Begriffen, und den edelsten Gesinnungen, von sich selbst und von andern betrogen zu werden. Eine Art zu denken, welche ihn zu einer hoehern Klasse von Wesen als die gewoehnlichen Menschen sind, zu erheben schien, setzte ihn dem Neid, der verkehrten Beurteilung, den Nachstellungen und Verfolgungen dieser Menschen aus; und machte ihn, welches fuer seine Tugend das Schlimmste war, unvermerkt vergessen, dass er im Grunde doch immer weder mehr noch weniger sei, als ein Mensch. Die Erfahrungen, die er endlich hierueber bekam, oeffneten ihm die Augen, und zerstreuten einen Teil der Bezauberung; er lernte sich selbst besser kennen; aber er kannte die Welt noch nicht genug. Ein neues und grosses Theater, auf welches er versetzt wurde, half diesem Mangel ab; eine immer weiter ausgebreitete und vervielfaeltigte Erfahrung stimmte seine allzuidealische Denk-Art herab, und ueberfuehrte ihn, dass er, wie der grossmuetige, tugendhafte und tapfre Ritter von Mancha (dieses lehrreiche Bild der Schwachheiten und Verirrungen des menschlichen Geistes!) Windmuehlen fuer Riesen, Wirtshaeuser fuer bezauberte Schloesser, und Dorf-Nymphen fuer goettliche Dulcineen angesehen hatte. Er wurde weiser, aber auf Unkosten seiner Tugend. So wie die Bezauberung seiner Einbildungs-Kraft vorging, hoerte auch die Begierde auf, grosse Taten zu tun, allem Unrecht in der Welt zu steuern, mit den Feinden der allgemeinen Glueckseligkeit sich herumzuschlagen, und die Menschen, wider ihren Dank und Willen, gluecklich machen zu wollen. Nun sage man mir, nachdem es mit unserm Helden dazu gekommen war, (und, alles wohl erwogen, musste es auf eine oder andere Art endlich dazu kommen; denn die edelste, die liebenswuerdigste Schwaermerei, wenn sie gar zu lange dauert, und sich so gar durch die Maul-Esel-Treiber von Jangois nicht austreiben lassen will, wird endlich zu Narrheit,) was sollte, was konnte unser Autor nun weiter mit ihm anfangen? Einen misanthropischen Einsiedler aus ihm machen?—Dazu war sein Kopf zu heiter und sein Herz zu schwach—oder zu zaertlich—oder zu gut; was ihr wollt; und zudem mochte unser Autor, der ein Grieche war, und wenigstens in die Zeiten des Alciphrons gesetzt werden muss, (wie die Gelehrten ohne unser Erinnern bemerkt haben) vermutlich von der Vortrefflichkeit einer einsiedlerischen Tugend die erhabenen Begriffe nicht haben, welche man sich in den wundervollen Zeiten des dreizehnten und vierzehnten Jahrhunderts bis zu unsern philosophischen Zeiten davon gemacht hat, und (allem Ansehen nach) in einigen Laendern noch lange machen wird. Ihn wieder in die weite Welt zurueckzufuehren, waere nichts anders gewesen, als ihn der augenscheinlichsten Gefahr aussetzen, in seiner antiplatonischen Denk-Art durch immer neue Erfahrungen bestaerkt, und durch die Gesellschaft witziger und liebenswuerdiger Leute, welche entweder gar keine Grundsaetze, oder nicht viel bessere als der weise Hippias, gehabt haetten, nach und nach auch um diesen kostbaren ueberrest seiner ehemaligen Tugend gebracht zu werden, den er gluecklicher Weise aus der verpesteten Luft der grossen Welt noch davon gebracht hat. Vielleicht haette er in solchen Umstaenden noch immer eine Art von Mittel zwischen Weisheit und Torheit, eine mehr laecherliche als hassenswuerdige Komposition von kuehnem Witz und unschluessiger Vernunft, von wahren und willkuerlichen Begriffen, von Aberglauben und Unglauben, von guten und boesen Leidenschaften, Gewohnheiten und Launen, von gleich betrueglichen Tugenden und Lastern; kurz, eine so vortreffliche Art von Geschoepfen werden koennen, wie ungefaehr die meisten von uns andern sind, wir moegen es nun einsehen—und wenn wir’s einsehen, eingestehen—oder nicht. Bei so bewandten Umstaenden, und da es (wie gesagt) nun einmal die Absicht des Autors war, aus seinem Helden einen tugendhaften Weisen zu machen, und zwar solchergestalt, dass man ganz deutlich moechte begreifen koennen, wie ein solcher Mann—so geboren—so erzogen—mit solchen Faehigkeiten und Dispositionen—mit einer solchen besondern Bestimmung derselben—nach einer solchen Reihe von Erfahrungen, Entwicklungen und Veraenderungen—in solchen Gluecks-Umstaenden—an einem solchen Ort und in einer solchen Zeit—in einer solchen Gesellschaft—unter einem solchen Himmels-Strich—bei solchen Nahrungs-Mitteln (denn auch diese haben einen staerkern Einfluss auf Weisheit und Tugend, als sich manche Moralisten einbilden)—bei einer solchen Diaet—kurz, unter solchen gegebenen Bedingungen, wie alle diejenigen Umstaende sind, in welche er den Agathon bisher gesetzt hat, und noch setzen wird—ein so weiser und tugendhafter Mann habe sein koennen, und (diejenigen, welche nicht gewohnt sind zu denken, moegen es nun glauben oder nicht,) unter den naemlichen, oder doch sehr aehnlichen Umstaenden, es auch noch heutzutage werden koennte: Da, sage ich, dieses seine Absicht war, so blieb ihm freilich kein andrer Weg uebrig, als seinen Helden in diesen Zusammenhang gluecklicher Umstaende zu setzen, in welchen er sich nun bald, zu seinem eigenen Erstaunen, befinden wird. Freilich ist ein solcher Zusammenfluss gluecklicher Umstaende allzuselten, um wahrscheinlich zu sein. Aber wie soll sich ein armer Autor helfen, der (alles wohl ueberlegt) nur ein einziges Mittel vor sich sieht, aus der Sache zu kommen, und dieses ein gewagtes? Man hilft sich wie man kann, und wenn es auch durch einen Sprung aus dem Fenster sein sollte. Der kleine Held der Koenigin von Golconde ist nicht der erste, der sich durch dieses Mittel helfen musste: Julius Caesar wuerde ohne einen solchen Sprung das Vergnuegen nicht gehabt haben, als Herr der Welt (wie man, zwar laecherlich genug, zu sprechen gewohnt ist,) durch die Strassen Roms ins Capitolium einzuziehen.

Und soviel mag dann zur Rechtfertigung unsers Autors gesagt sein; wenn es anders zu seiner Rechtfertigung dienen kann, welches wir den Kunstrichtern ueberlassen muessen. Das Urteil mag indessen ausfallen wie es will, so beladet sich der Herausgeber, wie er schon erklaert hat, dessen im geringsten nicht. Die Absichten, warum er die alte Urkunde, welche zufaelliger Weise in seine Haende gekommen ist, in einen Auszug von derjenigen Form und Beschaffenheit, wie die vorhergehenden zehen Buecher weisen, gebracht hat, sind bereits erreicht. Es ist verhoffentlich unnoetig, sich hierueber naeher zu erklaeren. Doch soviel koennen wir wohl sagen, dass er niemalen daran gedacht hat, einen Roman zu schreiben, wie sich vielleicht manche, ungeachtet des Titels und der Vorrede, zu glauben in den Kopf gesetzt haben moegen—und da dieses Buch, in so fern der Herausgeber Teil daran hat, kein Roman ist, noch einer sein soll; so hat er sich auch um die so genannte Schuerzung des Knotens, und ob der Verfasser der Urkunde seinen Knoten geschickt oder ungeschickt entwickelt oder zerschnitten hat, wenig zu bekuemmern.

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Harvard: Wieland, CM, 'Erstes Kapitel' in Geschichte Des Agathon Teil 2. cited in , Geschichte Des Agathon Teil 2. Original Sources, retrieved 20 September 2019, from http://www.originalsources.com/Document.aspx?DocID=P5QXFJZFVVCUBXB.